Oldenburger STACHEL Ausgabe 5/00     Seite 6
 
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Inhalt dieser Ausgabe
 

Horst Lütten,

Wie wurde Wasser zu Wein? Geschichten aus dem Neuen Testament – neu gelesen aus ihrer Entstehungszeit. Radius-Verlag Stuttgart, März 2000, DM 29,80.

Die Geschichten, besonders die Wundergeschichten aus der Bibel locken keinen Menschen mehr hinter dem Ofen hervor, sollte man denken. Das stimmt sicher auch, wenn wir diese Erzählungen so glauben sollen, wie sie da stehen. Wer allerdings das Buch "Wie wurde Wasser zu Wein" von Horst Lütten in die Hand nimmt, wird schnell erfahren, daß diese Geschichten sehr reale Hintergründe hatten, deshalb auch heute noch für die Kirchen und für unsere Gesellschaft hoch aktuell sind. Ein Beispiel des Buches, sehr verkürzt dargestellt:

Hat Jesus Tote auferwecken können? Es gibt Geschichten im Neuen Testament, die das behaupten, so eine Erzählung aus der Stadt Nain, wo Jesus einen toten jungen Mann zum Leben zurückruft. Viele kennen diese Geschichte als die von dem Jüngling zu Nain. Da kommt Jesus in eine Stadt und begegnet einem Leichenzug. Eine arme Witwe trägt ihren einzigen Sohn zu Grabe, ihre ganze Hoffnung für das Alter. Anderen, die sie begleiten, geht es nicht besser. Jesus tröstet sie, weckt (unaufgefordert!) den jungen Menschen auf und gibt ihn seiner Mutter zurück. Das ist unmöglich, würden wir sagen. Wer das glaubt, muß ziemlich wirklichkeitsfremd sein. Wie die meisten Menschen, glaubt auch der Buchautor nicht daran, daß Jesus imstande war, Wasser in Wein zu verwandeln, auf dem Meer umherzugehen, Krankheiten zu verscheuchen und - wie hier - Tote aufzuerwecken.

Worum geht es dann aber in dieser Geschichte? Sie ist eine Gleichniserzählung, die man zurückübersetzen muß in die Wirklichkeiten der damaligen Zeit. Dann klingt sie ganz anders, gar nicht mehr wundersam:

Wo in diesem Text Jesus genannt wird, sind die Christen der frühesten Zeit gemeint, denn erst lange nach dem Tode Jesu sind die Evangelien entstanden. Christen, die selbst überwiegend zu den Armen gehörten, halfen den Armen, machten ihnen Mut, nicht zu resignieren. Sie hatten Erfolg. In der Bildersprache des Textes: Der Tote richtet sich auf und beginnt zu reden (erhebt sein Wort für Gerechtigkeit?). Der Tod dieses jungen Menschen war ein Symbol für die verzweifelte Hoffnungslosigkeit der Menschen damals. In dem Symbol seiner der Auferweckung kehrte Hoffnung und Leben zurück.

Diese Geschichte berichtete also ursprünglich von der Solidarität der Christen mit den Recht- und Besitzlosen. Sie ist immer noch aktuell, denn es gibt auch heute Arme, die ebenso auf der Schattenseite des Lebens stehen wie die Armen damals.

Wie in diesem Beispiel erklärt der Autor Geschichten des Neuen Testamentes (z.B. die Weihnachtsgeschichten), die uns alle vertraut, aber unglaubwürdig erscheinen. Da wird mancher alte Zopf abgeschnitten! Einige Leser werden irritiert sein, andere befreit. Kritik aus den Kreisen der Kirche wird nicht ausbleiben. Aber wer Lust hat, alte Denkmodelle zu verlassen, wird dieses Buch mit Gewinn lesen. Mancher wird möglicherweise sogar selbst an anderen Stellen der Bibel schauen wollen, ob die alten Texte nicht vielleicht doch einen nachvollziehbaren Sinn ergeben.

Eine ähnlich unkonventionelle Auslegung der Urgeschichten aus dem ersten Mosesbuch hat der Verfasser schon 1997 unter dem Titel "Mein Herz schlägt für Kain" herausgegeben, ein Buch, daß den Texten sorgfältig nachgeht und zu überraschenden Ergebnissen führt. Wer sich für eine Religion interessiert, mit der man auch heute noch etwas anfangen kann, sollte sich diese Bücher nicht entgehen lassen.

Günter Heuzerozh

 

 
  Differenzen zur gedruckten Fassung nicht auszuschließen. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Siehe auch Impressum dieser Ausgabe und Haupt-Impressum