Oldenburger STACHEL Ausgabe 8/01     Seite 11
 
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Lenkt Dietmar Schütz die Alhambra-Szene?

Über eine lustige CDU-Veranstaltung mit einem hilflosen OB

Ein ungewöhnlicher Anblick bot sich Jörg Schönbohm (CDU), Innenminister von Brandenburg, in der Oldenburger Harmonie. Eigentlich wollte er vor einem Heimpublikum, der zusammengetrommelten Basis der Oldenburger CDU, eine zünftige Rede über sein Lieblingsthema "Innere Sicherheit" halten. Als er dann den Saal betrat, mußte er feststellen, das ein Drittel des Saals mit jungen Leuten gefüllt war, die nicht so ganz seinem konservativen Weltbild entsprachen: lange Haare, bunte Haare, zerissene Jeans. Offensichtlich handelte es sich um Mitglieder einer Szene, die um einiges links von der CDU angesiedelt ist. Der unbedarfte Oldenburger - auch der Autor dieses Artikels war an diesem Abend so einer - würde sagen: Die sitzen sonst im Alhambra. Und diese bunte Truppe vermasselte der CDU den Abend gehörig.

Obwohl: Eigentlich wurde Schönbohms Rede von ungewöhnlich viel Applaus begleitet - und zwar von den jungen Linken. Allerdings war er jeweils so platziert und inszeniert, daß Schönbohms Aussagen ad absurdum geführt wurden. Viele Aussagen hatte seine Rede allerdings ohnehin nicht. Sie läßt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: "Rüstet die Polizei auf!" und "Stellt möglichst überall Überwachungskameras auf!" Doch machte es ihm der erwähnte Teil des Publikums nicht leicht, seine Botschaft rüberzubringen: Jeder zweite Satz wurde mit einer kritischen Zwischenfrage unterbrochen - was noch mehr als ihn Jürgen Pöschel in Rage brachte:

Plötzlich stand der vorher versteinert neben Schönbohm sitzende OB auf und fauchte "Schluß jetzt!" Als das nichts half, guckte er hilfesuchend CDU-Chef Lutz Stratmann an und forderte ihn im Befehlston auf: "Herr Stratmann, Sie haben hier heute das Hausrecht! Schmeißen Sie die Leute doch bitte raus!" Stratmann aber, dessen Mundwinkel auf eine Art nach unten gezogen waren, daß man fast schon dachte, sein Kinn würde sich verbiegen, weigerte sich, Pöschel Folge zu leisten. Auch wütende Zurufe von Seiten des Publikums brachten ihn nicht dazu, Pöschels Anweisungen zu folgen. Die jungen Linken hatten einen offenen Streit zwischen dem OB und dem CDU-Chef provoziert. Die Gesichter der - an diesem Abend übrigens sehr alten - CDU-Basis verzogen sich immer weiter. Selten wohl war die Stimmung auf einer Wahlkampfveranstaltung bei den eigenen Parteifreunden so von Grießgram und schlechter Stimmung geprägt, wie an diesem Abend.

Als Schönbohm seine Rede beendet hatte, schien sich plötzlich eine Wende abzuzeichnen: Wie auf Komando standen die jungen Linken auf und verließen den Saal. Erleichterung machte sich im Raum breit. Der Verfasser dieses Artikels, der ob der Aktion der jungen Linken vorher von einer Begeisterung in die nächste gefallen war, dagegen dachte: "Scheiße, was soll das denn jetzt?" Jürgen Pöschel begann seine Rede mit einem breiten Grinsen. Aber dieser Gefühsumsturz währte keine zwei Minuten: Plötzlich ging die Saaltür wieder auf, und drei Mal so viele Linke, wie eben gegangen waren - und zwar alles neue Gesichter - kamen wieder herein und stellten nun die Mehrheit des Publikums. Das war zu viel für Pöschel. Er hielt eine unglaublich fahrige Rede, in der er vor allem erklärte, was für ihn Demokratie sei ("Diese jungen Leute hier jedenfalls nicht!") und setzte sich damit auseinander, daß sein SPD-Konkurent Dietmar Schütz zwar durchaus Verwaltungsjurist sei, aber eigentlich doch kein richtiger, weil er in den letzten zehn Jahren außer Verwaltung auch noch etwas anderes gemacht habe, und deswegen eigentlich gar nicht OB werden könne. Das Thema Kommunalpolitik ließ er aus. Den Brüller des Abends handelte Pöschel sich ein, als er sich zu der Aussage verstieg, die jungen Linken, die seine Rede so lautstark und kritisch begleiteten, seien wohl von Dietmar Schütz geschickt worden. Dietmar Schütz als Koordinator der autonomen Szene - das wäre dann doch zu viel des Guten.

Nach den beiden Reden kam es noch zu einer Diskussion - bzw. zu dem Versuch einer solchen. Aus dem jungen Teil des Publikums kamen kritische Fragen zu den Themen Gewalt und Drogenpolitik. Als die Diskutanten den CDU-Senioren dabei mit zu vielen Fakten kamen, wurden sie unterbrochen: "Das interessiert uns nicht! Das wollen wir gar nicht wissen!" Na gut, man will ja niemandem zwingen, sich mit Argumenten auseinanderzusetzten. Der Saal leerte sich, und die CDU-Basis war weitgehend unter sich. Endlich konnte man über Gullydeckel und Ampeln diskutieren.

Jonas Christopher Höpken

 

 
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