Oldenburger STACHEL Ausgabe 4/02     Seite 4
 
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"Todschicke" Kleidung - zu welchem Preis?

Am 2. Mai wird Frau Sonia Lara Campos aus El Salvador über Menschenrechtsverletzungen in der Textilindustrie berichten.

Viele Kleidungsstücke des täglichen Gebrauchs gehen über deutsche Ladentische, nachdem sie eine lange Reise zurückgelegt haben. Etwa zwei Drittel unserer Kleidung wird in wirtschaftlich schwächer entwickelten Ländern gefertigt, im asiatischen, osteuropäischen und mittelamerikanischen Raum. Das System der Kleiderproduktion ist sehr ausgeklügelt. Bekleidungsunternehmen lagern arbeitsintensive Schritte in der Herstellung, wie z.B. das Zusammennähen von Hemden in eigens abgegrenzte Industriegebiete in die genannten Teile unserer Erde aus.

Rechtsfreie Zonen

Diese Freihandels-Enklaven nennen sich Freie Exportzonen. In ihnen finden sich Fabriken zusammen, die ausschließlich für den Weltmarkt produzieren, sogenannte Weltmarktfabriken. Die Freien Exportzonen zeichnen sich durch eine Infrastruktur aus, die einen hohen Grad an Mobilität gewährleistet. Zulieferfirmen, über die die arbeitsintensiven Produktionsschritte dann "sauber" abgewickelt werden, errichten dort ihre Weltmarktfabriken. Verändern sich die Produktionsbedingungen in den Freien Exportzonen durch wirtschaftspolitische Maßnahmen der jeweiligen Regierung oder durch die Organisierung der ArbeiterInnen, ist es möglich, den gesamten Produktionsprozeß in kürzester Zeit in einer anderen Zone eines anderen Landes wieder aufzunehmen. In den "Freien Produktionszonen" wird Unternehmen die Möglichkeit gegeben, importierte Materialien zu verarbeiten und anschließend zu exportieren, ohne dafür Zölle und Steuern zu bezahlen oder sich an die einfachsten Arbeitsvorschriften oder Tarifverträge halten zu müssen. In der Hoffnung auf neue Arbeitsplätze und schnelle Industriealisierung finanzieren viele Entwicklungsländer den Unternehmen die Infrastruktur in den "Freien Produktionszonen". Die besonders handwerklich orientierten Unternehmen werden auch bildlich als "Sweat Shops" bezeichnet.

Ausbeutung und
Menschenmißachtung

In den Weltmarktfabriken zahlen die ArbeiterInnen einen hohen Preis für die Kleidung, die bei uns zum Verkauf angeboten wird. Sie werden geschlagen, belästigt und zu Überstunden gezwungen - oft nur für einen Stundenlohn von etwa 70 Cent. In der Regel sind 70-90% der Beschäftigten junge Frauen im Alter von 16-25 Jahren. Der monatliche Verdienst liegt bei etwa 110 Euro. Es ist ein Lohn, der die Existenz nicht sichern kann. Die ArbeiterInnen werden zu unbezahlten Überstunden gezwungen. Ausreichender Gesundheitsschutz ist in den Fabriken nicht gegeben. Wenn die NäherInnen krank werden, müssen sie mit Lohnausfall rechnen. Bei Frauen werden regelmäßig Schwangerschaftstests durchgeführt. Ist eine Frau schwanger, so wird sie sofort entlassen. Aus dieser ungerechten Situation ergeben sich für die Unternehmen wirtschaftliche Vorteile. Die niedrigen Lohnkosten, das Ignorieren von Umweltvorschriften und die Missachtung von Arbeitsrechten verbilligen die Produktion. Damit steigern die Unternehmen ihre Gewinnspannen. Bei einem 50 Euro teuren Turnschuh beträgt der Lohnanteil etwa 20 Cent.

Die Kampagne

Für die Beachtung von Menschenrechten im Bereich der Bekleidungsproduktion setzt sich die Kampagne für "saubere" Kleidung ein. Die Kampagne hat in fünf europäischen Ländern Pilotprojekten gestartet. Zusammen mit den Bekleidungsunternehmen versucht sie, den ausgearbeiteten Verhaltenskodex der Clean-Clothes-Campaign (CCC) bei ausgewählten Zulieferfirmen anzuwenden. Der Verhaltenskodex der CCC soll eine sozialgerechte Produktion gewährleisten. Er fordert von den Unternehmen die Einhaltung sozialer Mindeststandards und das gewerkschaftliche Vereinigungsrecht. In unabhängigen, externen Kontrollen, unter Beteiligung lokaler Akteure, zu denen die ArbeiterInnen Vertrauen haben und die immer erreichbar sind, sollen die Arbeitsbedingungen bewertet werden, um den Unternehmen eine "saubere" Produktion abzuverlangen. Die Kampagne setzt besonders bei den KonsumentInnen der Produkte an - bei uns. Durch die Öffnung unserer Sinne für die Problematik der ArbeiterInnen, durch unsere Information und gezielte Nachfrage können wir Veränderungen in der Kleiderproduktion provozieren. Tendenzen dieser Art bei KonsumentInnen nehmen die Unternehmen sehr genau wahr. Viele reagieren auf das neue Bewußtsein der VerbrauerInnen sehr sensibel, da sie andernfalls fürchten müssten, einem neuen Kaufverhalten nicht mehr entsprechen zu können. Auf dieser Grundlage konnten auch die Pilotprojekte erwachsen. Die kritischen KonsumentInnen können das Gewinnstreben der Unternehmen für ihre Zwecke nutzen. Eine andere Welt ist möglich!

Oldenburger Aktivitäten

Im Rahmen der Kampagne für "saubere" Kleidung dürfen die attac!-Regionalgruppe Oldenburg, die Katholische Hochschlegemeinde KHG, das Ökumenische Zentrum und der DGB Frau Sonia Lara Campos aus Mittelamerika empfangen, die über die Situation in den Weltmarktfabriken für Bekleidung referieren wird. Sie wird von den Arbeits- und Lebensbedingungen in zwei "Maquilas" (Weltmarktfabriken in Lateinamerika) berichten, in denen sie wie viele andere Menschen gearbeitet hat. Da sie sich mit anderen Frauen gewerkschaftlich organisierte, um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erwirken, wurde sie entlassen. Die Veranstaltung wird am 2. Mai um 20 Uhr im BIS-Saal der Universität stattfinden.

Ausstellung
in der Lambertikapelle

Mit der gleichen Thematik beschäftigt sich auch die Ausstellung "ScherenSchnitt und ZwangsJacke", die vom 2. bis zum 24. Mai in der Lamberti-Kapelle besucht werden kann. Du bist gefragt, wenn eine andere Welt möglich sein soll!

Jonas Hagedorn

attac!-AG Welthandel

Tel.: 04 41/5 53 15

Vergleiche auch Bericht im Oldenburger STACHEL zum Thema in Ausgabe 225 - 8/2001, Seite 3 - http://www.stachel.de/01.08/8kleid.html

Innenstadtaktion:

Die AG Welthandel von attac!-Oldenburg wird am 27. April 2002, um 10 h am Brunneneck (Lange Str./Achernstr.) mit einer Aktion in der Innenstadt auf die unmenschlichen Produktionsbedingungen in den Kleidungsfabriken der sog. "Freien Produktionszonen" in Staaten der "Dritten Welt" aufmerksam zu machen. Firmen wie Reebok, addidas, Levi's, Nike u.a. lassen dort zu Hungerlöhnen und unter schikanösen Verhältnissen produzieren. Für unsere Aktion suchen wir noch Leute, die Lust haben bei der Vorbereitung und Durchführung mitzuwirken, z.B. bei einer Modenschau oder einer behangenen Wäscheleine vor verschiedenen Geschäften, einem Infostand ... und vielleicht Deiner Idee? Treffpunkt der Gruppe ist in der Katholischen Hochschulgemeinde KHG, Unter den Linden 23 um 20 h, Mittwoch 24.4.2002. Kontakt: Hilke Schulz, Tel.: 04 41,1 36 83

 

 
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