Oldenburger STACHEL Nr. 243 / Ausgabe 6/03     Seite 1
 
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Kaltes Berufsverbot an der Uni?

Umweltwissenschaftler darf nicht einmal umsonst arbeiten

Läßt der Universitätspräsident Siegfried Grubitzsch die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG-BCE) das Lehrangebot der Oldenburger Universität bestimmen? Dr. Bernd Heins wird die weitere Beschäftigung an der Carl-von-Ossietzky Universität verwehrt, die er seit 1994 an der Uni ausübte.

Dr. Bernd Heins war zudem seit ca. 10 Jahren als Umweltwissenschaftler und als Leiter der Abteilung Umweltschutz für die IG-BCE tätig. Offensichtlich hatte eine in diesem Rahmen erstellte Studie nicht das gewünschte Ergebnis gebracht. Nun wurde er bei der Gewerkschaft fristlos gekündigt - während eines Krankenhausaufenthaltes. Die Gründe der Kündigung haben direkt mit der Studie nichts zu tun. Von verschiedenen Seiten geäußerte Vermutungen deuten auf eine Einflußnahme der Industrie hin.

Nachdem die IG-BCE die fristlose Kündigung ausgesprochen hatte, erklärte die Uni nun gegenüber dem STACHEL, daß Herr Dr. Heins nicht tragbar sei, wenn er zugleich anderenortes arbeite. 100 Prozent (bei der IG-BCE) und 50 Prozent bei der Uni - das mache 150 Prozent. "Würden Sie so jemanden beschäftigen?" fragte rhetorisch Pressesprecher Gerhard Harms. Weitere Äußerungen wollte er nicht machen. Doch Nebentätigkeiten sind in diesen Bereichen durchaus üblich.

(Diese Position der Uni-Leitung ist scheinheilig. Denn in der Uni sind seit Jahren Pförtner aus dem Osten beschäftigt, die für viel zu wenig Lohn - gegen Gesetz und unter Tarif - bei monatlichen Arbeitszeiten von 300 Stunden und mehr für die Uni Engagement zeigen dürfen. Dieser Sachverhalt dürfte bereits deshalb Herrn Harms nicht entgangen sein, da der STACHEL derüber und die Hungerlöhne berichtete und in diesem Zusammenhang auch ein Gespräch mit der Uni-Pressestelle führte. vgl. bei http://www.stachel.de/01.06/6hunger.html)

Die besagte Studie ergründete den Emissionshandel, ein Thema, dem seit der Agenda 21 (Rio, 1992) und dem Abkommen von Kyoto besondere Bedeutung zukommt. Die Studie hatte intensive Kritik am Richtlinienvorschlag der EU-Kommission zum Emmissionshandel als Ergebnis. Diese Untersuchung wurde im Auftrag der IGBCE, der Unternehmen RWE, E.ON, Vattenfall Europe, Degussa und BASF, der Verbände der Zement-, Glas und Papierindustrie sowie des Gesamtverbandes Steinkohlenbergbau und der Wirtschaftsvereinigung Stahl erstellt.

"Aus der Sicht von Heins begann der Konflikt Ende 2002. Damals habe er eine Studie zum Emissionshandel vorgestellt und sich unter bestimmten Bedingungen für den Handel mit Treibhausgaslizenzen ausgesprochen. Wegen damit zusammenhängender Differenzen hätten seine Anwälte mit der Gewerkschaft über einen Auflösungsvertrag gesprochen. Im Januar erhielt er jedoch eine fristlose Kündigung.

Die Uni pflegt relativ enge Kontakte zur IG BCE. So gibt es eine "Kooperationsstelle Hochschule - Gewerkschaften", in dessen Ausschuß ein IG-BCE-Vorstandsmitglied sitzt. Die Hochschule lädt Gewerkschafter ein und hat laut Kooperationsstelle auch schon Aufträge von der IG BCE erhalten. Der Unipräsident, meint die Studenteninitiative, scheine eine "Ausdünnung des Lehrangebots hinzunehmen, um ihre guten Beziehungen zur IG BCE nicht zu gefährden". Nach den Worten von IG-BCE-Vorstandssekretär Vassiliadis befürwortet die Gewerkschaft ehrenamtliches Engagement an Hochschulen. In diesem Fall gehe es aber darum, daß das "private Interesse an der wissenschaftlichen Karriere Überhand genommen hat". Dagegen sieht Heins wegen des Streits seine berufliche Existenz in Gefahr. Sein Anwalt nennt den Fall einzigartig: Er erlebe zum ersten Mal, "daß jemand beruflich derart stark ausgegrenzt wird"." [3]

Die Uni streicht

Aufgrund der plötzlichen Nicht-Verlängerung des Vertrages mit Dr. Bernd Heins sind in diesem Semester zwei umweltpolitische Seminare ausgefallen, die voraussichtlich auch im kommenden Semester nicht stattfinden werden. Das bedeutet für die Studierenden große Beeinträchtigungen im Ablauf ihres Studiums. Die Universität plant einen Einstellungsstop für das kommende Semester. Der Präsident hatte angekündigt Bereiche einzufahren, um Finanzen zu sparen. Die Umstände könnten der Versuch sein den Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit auf ein Minimum zu reduzieren. Die Pressestelle von Herrn Grubitzsch spricht von "schmerzhaften Entscheidungen" und "tiefgreifenden Veränderungen des Universitätshaushalts". Es könnten sogar ganze Studiengänge geschlossen werden. [2]

30 Studenten haben sich in der "Studierendeninitiative für Dr. Heins" organisiert. "Wir sind fest entschlossen Dr. Bernd Heins zurück an unsere Uni zu holen", sagte Tobias Düring von der Initiative dem STACHEL.

Widersprüche

Der Dezernent für Personal und Organisation, Herr Manfred Weber, gab uns an, daß die Entlassung von Dr. Heins rein finanzielle Ursachen hätte. Das kann nicht sein, weil Herr Dr. Heins angeboten hat unentgeltlich für die Universität zu arbeiten. Doch auch dies wird von der Universitätsleitung abgelehnt.

Die Vertragsverlängerung soll außerdem deshalb nicht erfolgt sein, weil daß Arbeitsausmaß von Herrn Heins bei der IG BCE nicht bekannt gewesen sei. Wenn das stimmt, ist es merkwürdig, daß der Vertrag von Dr. Heins nicht verlängert wird, obwohl er von der IG BCE nun gekündigt worden ist. Doppelbeschäftigungen bei hohen Mitarbeitern von Gewerkschaften gehören zudem zur Normalität. Dr. Heins hat die Universität auch schriftlich darüber unterrichtet, in welchem Umfang er bei der Gewerkschaft tätig ist. Dr. Heins hat seit 1994 Lehraufträge an der Universität Oldenburg und erst jetzt soll dieser Sachverhalt erkannt worden sein.

Der Fakultätsrat bestätigt, daß die Entscheidung über Dr. Heins nichts damit zu tun hat, ob Dr. Heins seine Arbeit gut gemacht hat oder nicht. Ganz im Gegenteil, er wurde für den "Preis für gute Lehre" vorgeschlagen.

Die Studierenden: "Er kann nicht einfach durch einen anderen Dozenten ersetzt werden. Dr. Heins zeichnet sein Engagement gegenüber den Studierenden aus. Dr. Heins verknüpft Theorie und Praxis in der Lehre, wie kein anderer und gerade die Praxis sollte an einer Universität mehr Raum bekommen. Durch zahlreiche Exkursionsangebote und Gesprächsmöglichkeiten mit Experten hat er den Studierenden einen tiefgehenden Eindruck von umweltpolitischer Praxis ermöglicht."

"Wir wären sehr bestürzt darüber, wenn Dr. Heins nicht mehr zu uns zurückkehren könnte. Wir sind der Ansicht, daß interne Konflikte der Universität nicht zu Lasten der Studierenden gehen sollten", bekräftigt Anne-Kathrin Töhler, eine Vertreterin der Studierendeninitiative für Dr. Heins.

Gerold Korbus

Quellen und Informationen:

[1] http://www.westfalen.igbce.de/Upload/studie_emissionshandel_18757.pdf

[2] http://www.uni-oldenburg.de/presse/uni-info/ui-0304/hochpol.htm#1

[3] http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/deutschland/?cnt=2 23790 - Dem Gutachten zum Emissionshandel folgt die Demission Von Eva Roth (Frankfurt a. M.)

 

 
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