Oldenburger STACHEL

Wohnungen als Lebensort für Frauen

Wohnungen als Lebensort für Frauen

Die Themenstellung setzt voraus, daß Frauen eine Wohnung haben. Deshalb will ich einleitend kurz auf die Wohnraumversorgung eingehen, die vorrangig als Problem von Quantitäten verstanden wird. Wenn auch die allermeisten eine Wohnung haben, so stellt sich die Wohnraum-Versorgung für Frauen doch als ein akutes Problem dar, und zwar als ein bedeutend gravierenderes Problem als für Männer, weil der aktuelle (und auch mittelfristig sicher anhaltende) Wohnungsmangel Frauen stärker trifft als Männer.

Die Benachteiligung von Frauen auf dem Wohnungsmarkt hat zwei Gründe:

1. sind Frauen durch ihre Einkommenssituation überproportional auf den unteren Wohnungsteilmarkt verwiesen, das ist der Teilmarkt, auf dem die Wohnungsnot am größten ist;

2. leben Frauen in stärkerem Maße als Männer in Haushaltsformationen außerhalb der herkömmlichen Klein-Familie und haben damit Wohnbedürfnisse, die im Wohnungsbestand nach wie vor kaum realisiert werden können.

Den ersten Punkt - die Einkommenssituation von Frauen - brauche ich hier nicht weiter auszuführen. Es ist allgemein bekannt, daß Frauen über erheblich weniger Einkommen verfügen als Männer.

Zum zweiten Punkt, der Wohnform von Frauen:

mehr Frauen als Männer wohnen und wollen außerhalb von Familienzusammenhängen und Paarbeziehungen wohnen.

a) Der Wunsch, von zu Haus fortzuziehen, ist bei jungen Frauen größer

b) mit zunehmenden Alter wächst der Frauenanteil, dabei wollen und können alte Frauen im Gegensatz zu alten Männern eher allein, d.h. ohne Männer, wohnen;

c) der Anteil von Frauen, die sich aus Paarbeziehungen lösen, ist größer als der von Männern (Einreichen von Scheidungen);

d) mehr Frauen als Männer haben den Wunsch nach alternativen Wohnformen.

Für diese Nachfrage als Ergebnis demographischer und sozialer Veränderungen ist das bestehende Wohnungsangebot völlig unzureichend. Der bestehende Wohnraummangel trifft also Frauen stärker als Männer. Sie sind weniger zahlungsfähig und können häufig nicht mithalten auf dem Wohnungsmarkt. Eine maßgebliche Ursache für die bestehende sog. neue Wohnungsnot ist ja bekannlich die wohlstandsbedingte Steigerung der Wohnflächen. Das heißt, wer es sich leisten kann, lebt in immer größeren Wohnungen oder Häusern mit immer weniger Personen darin.

Ruth Rohr-Zänker, Vortrag 2. März 1994

Ich will hier nicht so tun, als seien Frauen an diesem wohlstandbedingten gestiegenem Wohnflächenverbrauch nicht beteiligt, und ich will ebensowenig unterschlagen, daß auch

Männer von der Wohnungsnot betroffen sind. Dennoch wirkt der Mangel an preiswertem Wohnraum inbesondere für Frauen als Hemmnis für eine ihren Vorstellungen entsprechende Lebensweise. Und vom Verdrängungswettbewerb auf dem Wohnungsmarkt sind Frauen besonders dann betroffen, wenn sie alleinerziehend sind, wenn sie schwanger sind, sich aus einer Paarbeziehung lösen oder vor einem gewalttätigem Mann fliehen müssen. Aber auch viele der gut versorgten Frauen können sich ihren Wohnluxus oft nur über ihre Männer oder -bei jungen Frauen- über ihre Eltern leisten. Wenn sie raus wollen aus Familie oder Paarbeziehnung, müssen sie das mit einer Verschlechterung ihres Lebens- und damit Wohnstandards und nicht selten sogar mit dem Absinken in die Armut bezahlen.

Diese Schilderung ist keine Übertreibung oder Verklärung der Realität. Schließlich ist eine Schiene, über die Frauen versuchen, aus Rollenzuständigkeiten und Rollenzwängen auszubrechen, über die sie sich emanzipieren wollen und können das Alleinwohnen oder das Wohnen in alternativen Wohnformen. Aufgrund ihrer Einkommenssituation und aufgrund der Art des Wohnungsangebotes aber sind dem Drang nach individueller Lebensführung und sind den Möglichkeiten, die Kleinfamilie oder gar einen gewalttätigen Partner zu verlassen, enge Grenzen gesetzt.

Ich will die Fragen des Zugangs zum Wohnungsmarkt und die Bezahlbarkeit von Wohnungen nicht weiter thematisieren. Mein Thema heute abend ist vielmehr der andere Aspekt der Wohnungsversorgung: die Qualität von Wohnungen. Mir geht es hier aber darum, darauf hinzuweisen, daß das eine vom anderen abhängt. Personen, die nicht über die Mittel verfügen, sich ihre Wohnungen und Wohnhäuser nach eigenen Bedürfnissen zu bauen und formen, sind darauf angewiesen, was andere bauen und auf dem Markt anbieten. Frauen sind in doppeltem Maße betroffen. Es sind insbesondere sie, die an der neuen Wohnungsnot und an dem Mangel an preisgünstigen Wohnraum leiden und es sind insbesondere sie, die sich mit dem Standard-Angebot an Wohnungen arrangieren müssen.

Nun also zu der Frage: was sind gute was sind schlechte Wohnungen für Frauen? Uns ist allen klar, daß es nicht die eine gute Wohnung für die Frau gibt, dazu sind die Lebensweisen und Wohn-Präferenzen zu vielfältig. Wenn man sich allerdings die Mühe macht und sich alle nur zugänglichen Wohnungsgrundrisse der letzten 30 oder 40 Jahre ansieht und miteinander vergleicht, bekommt man schnell den Eindruck, daß die meisten derjenigen, die die Wohnhäuser entwerfen und bauen sehr wohl der Meinung sind, daß alle auf dieselbe Art wohnen wollen. D.h. in den Grundrissen gibt es ganz wenig Variabilität. Das gilt übrigens auch für den Eigenheimbau.

Da wir lange wissen, daß das was ist, nicht unbedingt gut ist, will ich die Frage nach der guten oder schlechten Wohnung für Frauen erstmal hinten anstellen und grundsätzlicher fragen: Was ist wohnen und was sollen Wohnungen leisten? Ist wohnen nichts weiter als sich in einer Wohnung aufhalten und dort bestimmten Tätigkeiten in dafür vorgesehenen Räumen nachgehen, wie Essen zubereiten, essen, schlafen, sich waschen, sich entleeren, sich vermehren? Ist wohnen nicht vielmehr ein Teil des Lebens, nicht ausschließlich das Leben aber auch nicht einfach nur hausen, d.h. Schutz finden vor Kälte und Wind und sich reproduzieren?

Wohnen hat neben diesen funktionalen auch psychologische und soziale Aspekte:

- wohnen heißt auch die engste Umgebung bewältigen und personalisieren;

- die persönliche Identität entwickeln;

- sich privates Territorium schaffen als kompensatorische Erholungssphäre und als Mußesphäre.

- Möglichkeiten haben zur Kreativität und Selbstverwirklichung.

Wohnen heißt auch Vermittlung von Geborgenheit, Raum bieten für ein befriedigendes Zusammenleben auf emotionaler Ebene von Menschen, die gleichberechtigt, ohne Konkurrenzgebaren und Dominanzverhalten zusammmenleben wollen, die untereinander und miteinander offen sein können, sagen können, was sie denken, zeigen können, wie sie sich fühlen und was sie fühlen, d.h. den Schutzmantel ablegen können, der außerhalb im Arbeitsleben oder im sonstigen öffentlichen Leben erforderlich ist.

Wenn Wohnen also nicht nur biologischen und funktionalen, sondern auch sozialen und psychologischen Grundbedürfnissen genügen soll, was braucht es dann für Wohnungen? Eine andere Frage, kann Wohnen das überhaupt leisten? Können wir die Wohnungstür zumachen, und den Schutzmantel ablegen, kreativ sein und uns unsere Umgebung aneignen? Einiges spricht dagegen.

Da ist zum einen die Tatsache, daß manche Wohnungen nicht einmal den biologischen und funktionalen Anforderungen genügen und die Situation auf dem Wohnungsmarkt dazu führt, daß Personen, die zusammen leben wollen, keine gemeinsame Wohnung finden, oder daß Menschen, die eigentlich nicht zusammenleben wollen, dennoch dazu gezwungen sind (Stichwort: junge Menschen, die eigentlich aus dem Elternhaus ausziehen wollen, Frauen, die eigentlich von ihren Männern wegwollen, Mitglieder von Wohngruppen, die eigentlich aus der Gruppe raus wollen).

Zum anderen schalten aber auch optimale Wohnbedingungen die gesellschaftliche Realität nicht aus

- wenn die Wohnung für Frauen nicht der Ort der Erholung sondern der Ort der Arbeit ist, kann sie nur schwer eine kompensatorische Erholungssphäre bieten;

- und wo Selbstverwirklichung und Identität durch Anpassung an Konsumzwänge verdrängt werden, helfen auch gute Wohnbedingungen nicht weiter.

Nein, wir können nicht die Wohnungstür zumachen und die Welt draußen lassen. Aber, wenn wir keine Wohnungstür haben, haben wir auch überhaupt keine Stätte in der auch nur ansatzweise Prozesse wie Aneignung, Auseinandersetzung und Kreativität laufen. Die erste Voraussetzung wäre also: wir brauchen eine Wohnungstür mit der dahinterliegenden Wohnung; und die zweite wäre: die Wohnung sollte so beschaffen sein, daß sie uns ein emotional befreidigendes Leben oder Zusammenleben ermöglicht, daß sie unserer Kreativität und Selbstfindung Raum bietet, daß sie uns ermöglicht selbst zu bestimmen, wie wir leben und wohnen wollen. Daß sie uns also nicht von vornherein einschränkt, anweist und festlegt, wie wir zu leben und das Leben zu organisieren haben.

Wie müßten diese Wohnungen aussehen? Oder sind unsere Wohnungen von der Art, daß sie diesen Anforderungen genügen? Nach all den allgemeinen Ausführungen wird es Zeit, anhand von Beispielen konkret über Qualitäten, Möglichkeiten und Einschränkungen durch Wohnungen zu reden.

Eine Anmerkung: zum Wohnen gehört nicht nur die Wohnung, sondern auch das nähere und weitere Wohnumfeld. Da dieser Aspekt des Wohnens Thema des Vortrag von Maria Spitthöver in der nächsten Woche ist, beschränke ich mich hier auf die Wohnung.

Beispiel 1: ein typischer Wohnungsgrundriß einer Sozialwohnung der 60er Jahre, 3 Zimmer mit 65 qm. Ein klassischer Typ unseres Wohnungsbestands.

Es handelt sich um eine sog. Familienwohnung. Wie eine Familie darin wohnt, ist im Grunde eindeutig ablesbar. Die Wohnung ist so weit genormt, daß sie ein Wohnprogramm mitliefert.

Der Grundriß legt fest:

1. die Nutzung von Räumen

2. Stellflächen von Möbeln

3. Organisation des Haushalts Arbeitsteilung im Haushalt.

zur Nutzung der Wohnung:

Wenn eine Familie in diese Wohnung einzieht, wird ihr durch den Grundriß bereits mitgeteilt, welche Räume wie zu nutzen sind. Dabei schafft der Wohnungsgrundriß eine Hierarchie von Wohnraum, Elternschlafzimmer, Kinderzimmer, Küche ablesbar aus

- der Größe der Räume

- der Lage der Räume (Süden und Balkon: Wohnen und Eltern; Norden: Kinderzimmer und Küche)

Beim Einzug wird auch klar, wo welche Möbel stehen. Der Raumschnitt bietet wenig alternative Stellmöglichkeiten, und wer es nicht gleich sieht: spätestens bei z.B. Steckdosen für die Nachttischlampen wird klar, wo das Ehebett hingehört.

zur Haushaltsorganisation:

In dieser kleinen Funktionsküche (im Beispiel 8,5 qm) ist die Arbeit nur von einer Person zu erledigen: Damit wird die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im Haushalt unterstützt. Und sie wird geradezu an-trainiert, nämlich in Kindern die ganz praktisch erfahren, daß die Küchenarbeit Frauensache ist.

Dieses Beispiel steht für all die Wohnungen, deren Grundriß und Zuschnitt nicht an Raumqualitäten sondern an Normen ausgerichtet ist. In diesen Normen ist der Flächenverbrauch für bestimmte Funktionen und Tätigkeiten und für die Anordnung genormter Möbel bzw. Stellflächen festgelegt, so z.B. Spielfläche im Kinderzimmer, Eßplatz, Ehebett mit Nachttischen, Kinderbetten nicht, etc. Die Wohnung ist dann um die als notwendig gesetzten Möbel herumgebaut. Diese auf das Feinste festgelegte Normung und Festschreibung hat mit dem eigentlichem Leben in der Wohnung nicht viel zu tun. Sie weist einem angenommenen normierten Verhalten von normalen Bewohnern und Bewohnerinnen Funktionsflächen zu. Als normale Bewohner wird die Norm-Familie gesetzt.

Vergegenwärtigen wir uns, was diese Wohnung ausdrückt und wie Frauen darin leben:

Ganz oben in der Hierachie steht das Wohnzimmer. Es ist der größte Raum, zentral in der Wohnung gelegen, gut belichtet und besonnt, meist mit einem Balkon oder einer Terrasse versehen. Außerdem ist häufig der am besten und wertvollsten ausgestattete Raum.

Das Wohnzimmer wird als arbeitsfreier Raum gesehen. Es drückt die Vorstellung vom Wohnen als Stätte jenseits der Arbeit aus, es bilden die Gegenwelt zur belastenden beruflichen Arbeit. Es präsentiert den errreichten Lebensstandard, ist ordentlich und aufgeräumt und strahlt die Reinheit der Feierabend-Atmossphäre aus.

Obwohl er der größte, häufig auch der sonnigste Raum der Wohnung ist, wird er vorwiegend nur spätnachmittags und abends genutzt. Nachmittags zur Regeneration des Mannes, wenn er von der Arbeit kommt (Zeitung lesen, entspannen), abends zum Fernsehen. Eine weitere Nutzung ist der Empfang von Gästen. Untersuchungen belegen, daß das Wohnzimmern zunehmend zum Medien-Konsum (sprich Fernsehen) genutzt wird, daß seine Einrichtung der Repräsentation dient und daß er von Kindern bzw. Jugendlichen -außer zum Fernsehen- selten genutzt werden darf.

Die Sicht, daß die Wohnung allgemein, und das Wohnzimmer speziell der Platz sei, an dem man sich von der Arbeit erholt, führt dazu, Hausarbeit als Arbeit zu negieren. Die Wohnung zur Gegenwelt der Arbeits- oder Außenwelt zu machen, zum Ort des Erholens, des Konsums, der Freizeitaktivitäten, der Nichtarbeit ist ein Wunschtraum des berufstätigen Mannes. Dieser Wunschtraum geht zu Lasten der Hausarbeit und der Frau bzw. Hausfrau. Die Wohnung ist keine arbeitsfreie Welt und die notwendige Hausarbeit wird abgedrängt in spezialsiierte Räume, sprich, die Küche.

Als 'geräuschintensive Naßzelle' ist die Küche von den edleren Wohnräumen abgekoppelt. Die isolierte Küche ist ein Relikt aus der Zeit der Dienstboten, sie degradiert die Person, die innerhalb eines Haushalts die Küchenarbeit leistet genau zu dieser Dienstbotenrolle

Die Küche ist der wichtigste Arbeitsplatz der Hausfrau. Aber trotz technisch-funktionaler Einrichtung stellen die meisten Küchen besonders arbeitserschwerende Bedingungen. Sie sind fast immer zu den weniger günstigen Lagen orientiert, zum Norden, zum Lärm, sind oft unzureichend belichtet, d.h. verfügen nur über kleine Fenster. Und das bei durchschnittl. ca. 30 Std./Woche Küchenarbeit in einem Familienhaushalt.

Häufig sind sie so klein, daß sie nicht einmal über einen Sitzplatz verfügen, geschweige denn die Möglichkeit bieten, daß mehrere Personen darin gemeinsam arbeiten können oder daß die Küchenarbeit mit Kinderbeaufsichtigung kombiniert werden kann.

Ein weiteres Erschwernis in der Hausarbeit durch den Wohnungsgrundriß liegt in der Größe -oder Kleinheit- der Kinderzimmer. Im sozialen Wohnungbau ist pro Kinderzimmer eine Mindest-Spielfläche von 1,80 x 1,20 vorgeschrieben (DIN 18 011) und diese Norm wird anscheinend auch außerhalb des sozialen Wohnungsbaus als ausreichend empfunden. Soweit das Wohnzimmer nicht als Spielbereich vorgesehen ist, werden die Kinder ihre Spielsachen in Küche und Flur tragen, wo sie im Wege sind und wo ständig hinter ihnen hergeräumt werden muß. Da Frauen i.d.R. die zuständigen Betreuungspersonen von Kindern sind, wirkt also eine kinderfeindliche, wie eine kinderfreundliche Planung von Wohnungen (wie auch gerade von Wohnumgebung) unmittelbar auf die Arbeitsbedingungen von Frauen. In Untersuchungen zur Wohnqualität kommen auch immer wieder diese beiden Kritikpunkte: Küche und Kinderzimmer zu klein, beides erschwert die Arbeitsbedingungen und den Umgang miteinander.

Ein weiterer Raum neben dem Wohnzimmer, dessen Größe und Lage in der Wohnung nicht seiner Nutzungsintensität entspricht, ist das Schlafzimmer der Eltern, in der Hierarchie der zweitwichtigste Raum. Fast ausschließlich nachts genutzt, steht er für die individuelle Freizeitgestaltung nicht zur Verfügung.

Zwar gibt es Bewohner und Bewohnerinnen, die versuchen, den Restriktionen vorgegebener Wohnungsgrundrisse zu entgehen, indem sie die Elternschlaf- und Kinderzimmern tauschen, im Wohnzimmer einen (Frauen-)Arbeitsplatz einrichten oder es auch fürs Kinderspielen mitnutzen, aber damit sind die Gestaltungsmöglichkeiten in dieser Art von Wohnung meist schon erschöpft. Die Zwänge, die die Standard-Wohnungen setzen, können nicht ganz überwunden werden.

Fazit ist, daß dieser Standard-Wohnungsgrundriß von überdimensioniertem Wohnzimmer, kleinen Kinderzimmern und isolierten Stehküchen Ergebnis der männlich rationalen Welt ist, in der die Frau als Dienende verstanden wird.

Hausfrauen und Mütter in diesen Wohnungen haben keinen Ort der Entspannung. Ihre Wohnung ist ihr Arbeitsplatz. Eine Hausfrau verfügt nicht über ein Zimmer, in dem sie machen kann was sie will, das sie nicht für andere sauberhalten muß und in dem sie nicht für andere arbeiten muß. Ein Zimmer, das sie sich aneignen kann, in das sie sich zurückziehen kann, ohne auf andere Rücksicht zu nehmen. Für Frauen gibt es in der Wohnung keine Freizeit, die Arbeit ist zu jeder Zeit und in allen Räumen gegenwärtig.

Diese Grundriß-Beispiele als Grundlage für all meine Ausführungen ist kein besonders schlechtes oder außergewöhnliches. Der Wohnungsbau der 80er Jahre ist beherrscht von demselben Grundrißprinzip wie der Wohnungsbau der 60er Jahre.

Beispiel 2: 3-Zimmer Wohnung mit 115 qm im Mehrfamilien-Wohnhaus. Freifinanzierter Woh-nungsbau in Oldenburg. Fertigstellung 1983.

Es zeigt dasselbe Prinzip an Raumaufteilung:

- kleine isolierte Küche von 9 qm (Eßtisch weit entfernt)

- kleines Kinderzimmer (Bad in etwa gleich groß)

- großes Wohnzimmer (hier besonders schlecht durch große Tiefe).

Der Flächenzuwachs gegenüber dem 1. Beispiel (65 - 115 qm) steckt ein wenig in Bad und Flur, vor allem aber im Wohnzimmer von 40qm. Abgesehen von diesem überproportional großem Wohnzimmer, haben wir hier einen typischen Grundriß für eine 3-Zimmer-Wohnung von 90-100 qm im freifinanzierten Wohnungsbau.

Und dieses Grundrißprinzip findet sich nicht nur in Mehrfamilien-Häusern. Es gilt ebenso für Reihenhäuser, und häufig auch für Eigenbau mit oder ohne Architekten.

Beispiel 3: 4 Zimmer-Reihenhaus in Ludwigshafen (1984), ca. 85 qm vorgesehen für eine Familie mit bis zu 3 Kindern Küche total isoliert und 8,5 qm groß Wohnzimmer weitaus größter Raum mit 21 qm

Beispiel 4: 4 Zimmer-Reihenhaus in Saarlouis (1987), ca. 110 qm kleine Küche, aber sie ist nicht so isoliert, sondern öffnet sich zu Diele und Eßplatz, damit gute Sichtbeziehungen von Küche zum Kinderspiel- und Wohnbereich.

Diese Grundrisse sind alle für Familien vorgesehen. Werden sie von anderen Haushaltstypen genutzt, schneiden sie qualitiativ auch nicht besser ab. Für kleine Haushalte sind die Wohnung weniger einschränkend, aber sie sind für keinen Haushaltstyp gut, denn auch bei geringerer Belegung bleiben die Nachteile der Raumaufteilung bestehen.

Wie könnten die 3 Zimmer Wohnungen genutzt werden? Nehmen wir eine alleinstehende Frau mit einem oder zwei Kindern: das große Wohnzimmer könnte Kinderzimmer werden, die beiden kleineren Räume könnte die erwachsene Person nehmen, die dann darin aber noch den Eßplatz unterbringen muß.

Nehmen wir ein kinderloses Paar: hier hat die Frau die Möglichkeit ein Zimmer für sich allein zu bekommen. In solchen Konstellationen wird es allerdings nicht selten zum Arbeitszimmer für den Mann.

Nehmen wir eine Wohngemeinschaft: für drei Frauen wird es eng und schwierig, weil die Küche nicht zum Gemeinschaftsraum oder auch nur Eßplatz taugt. Bleibt also eine WG aus zwei Personen.

Vorstellen kann man sich natürlich auch, daß eine Person diese Wohnung bezieht.

Das Problem ist, daß die Nutzungsmöglichkeiten eingeschränkt werden durch kleine Küchen und große Wohnzimmer mit Eßplatz. Dadurch können die Wohnzimmer kaum als Individualraum genutzt werden. Für eine oder zwei Personen sind -zumindest die großen Wohnungen- recht teuer und damit gerade wieder für Frauen schwerlich bezahlbar.

D.h. die Standardwohnung bindet den Haushalt, für den sie vorgesehen ist, in ein Korsett, daß tradierte Rollenverhalten festzuschreiben und zu reproduzieren versucht. Für die Nutzung anderer Haushaltstypen sind sie i.d.R. unattraktiv weil schwer nutzbar.

Ein gravierendes Problem auf dem Wohnungsmarkt ist die Tatsache, daß es für andere als Kleinfamilien-Haushalte, d.h. für andere Haushaltstypen kaum andere als sog. Familienwohnungen gibt. Und das, obwohl die heutige Gesellschaft durch große Vielfalt in der Haushalts-Struktur und durch ausgeprägte Individualität gekennzeichnet ist:

Die Standard-Kleinfamilie ist zu einer Minderheit unter den Haushaltstypen geworden, insbes. in den Großstädten. Dagegen steht der Zuwachs an sog. neuen Haushalts-Typen, wie:

- Kinderlose Paare,

- Alleinwohnende jeden Alters (Zuwachs nicht nur bei Alten) In Kernstädten sind 40-50% der Haushalte 1-Personen-Haushalte,

- Alleinerziehende, darunter fast 90% Frauen,

- Wohn- oder Haus-Gemeinschaften mit/ ohne Kinder aber nicht auf Kleinfamilienbasis und,

- quantitativ nachrangig aber in den Ballungsräumen mit entsprechendem Anteil an ethnischen Minderheiten keine Seltenheit: Mehrgenerationsfamilien (d.h. große Familien).

Hinzukommt, daß die Struktur der Familienhaushalte selbst sich ändert. Die Erwerbstätigenquote von Frauen wirkt sich aus auf die Rolle beider Geschlechter. Die traditionellen Arbeitsteilung, bei der nur der Mann voll erwerbstätig und die Frau, auch wenn dazuverdienend, dennoch allein zuständig ist für Haushalt und Familie, ist ein auslaufendes Konzept. Frauen erlangen Positionen außerhalb des häuslichen Bereichs, viele leben völlig selbständig, und sie werden sich zunehmend der eigenen Ansprüche bewußt, Ansprüche unabhängig von der Familie. Sie verlangen Änderungen für Männer und Frauen im häuslichen Zusammenleben und der Organisation des Haushalts.

Das heißt: es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Lebenskonzepte, die unterschiedliche Wohnformen verlangen. Aber:

- trotz zunehmender Vielfalt bei Haushaltstypen

- trotz Veränderungen bei den Haushaltsgrößen

- trotz Veränderungen im Wohnverhalten

- trotz Veränderungen im Geschlechterverhalten und

- trotz Flächenzuwachs bei einzelnen Wohnungen

ist nicht nur der Wohnungsbestand, sondern sind auch die meisten der neu erstellten Wohnungen weiterhin unflexibel genormt und vorgesehen für die Standard-Kleinfamilie.

Die Forderung, daß das neu zu Bauende deshalb in besonderem Maße unabgedeckte Wohnbedürfnissse berücksichtigen muß, wird deshalb immer lauter. Konkret heißt das:

1. Wohnungsbau darf sich nicht auf die Standardwohnung für die Standardfamilie beschränken, sondern muß unterschiedliche Wohnungstypen gleichberechtigt ins Programm aufnehmen.

2. Wohnungen müssen Freiraum geben für individuelle Entscheidungen über die Nutzbarkeit von Räumen: Die Funktionszuweisung und Monofunktionalität von Räumen muß aufgehoben werden, damit die Trennung von Frauen-Arbeitsbereichen- und Männer-Erholungsbereichen innerhalb der Wohnung.

3. Wohnungen müssen vielfältig nutzbar sein, d.h. ein und dieselbe Wohnung sollte sowohl für Familien als auch für anderer Haushaltstypen attraktiv sein.

Wohnungen bzw. Häuser, die als Vorbild dienen, sind solche mit gleich großen, nutzungsneutralen (sog. hierarchiefreien), abgeschlossenen Räumen, da sie eine Vielzahl von Verwendungen erlauben.

Gerade diese Eigenschaften macht Altbauwohnungen so attraktiv für Bewohner und Bewohnerinnen mit unterschiedlichsten Wohnvorstellungen und -präferenzen. Und nicht zuletzt auch wegen ihrer großen Küchen. Das Prinzip der Wohnküchen gilt unter den Kritikerinnen der Wohnkorsetts als vorbildlich: die Wohnküche kann als gemeinsamer Arbeitsraum, Spielzimmer, Eßzimmer und Kommunikationsraum das Zentrum der Wohnung sein. Wohnküche erleichtern die Haushaltsarbeit ebenso wie die Verteilung der Haushaltsarbeit. Und da in keinem anderen Raum ein Eßplatz vorgesehen werden muß, ist die weitere Nutzung in den anderen Räumen weniger festgelegt.

Beispiele in Neubau-Anlagen, in denen diese Vorstellungen von gleichwertigen, nutzungsneutralen Räumen und großen Küchen umgesetzt wurden, sind selten.

Eins ist das Projekt in Bergkamen (Beispiel 5). Diese Anlage ist das Ergebnis eines Wettbewerbs von 1990 im Rahmen der IBA Emscher Park, der nur an Architektinnen gerichteter war (Titel: Frauen planen Wohnungen) und dessen Jury ausschließlich mit Frauen besetzt war. Der Entwurf der Gewinnerinnen (Monika Melchior und Heike Töpper) definiert Hauswirtschaft und Kinderbetreuung als integrative häusliche Arbeit und legt keine Hierarchie von Räumen, damit Nutzungen fest. Und er geht nicht von bestimmten Hauhaltstypen als Bewohnerinnen aus.

Die Wohnungen

- varieren in ihrer Größe von 1 bis 5 Zimmer (50 - 114 qm) (Maisonettes erlauben Zusammenschließen von Wohnungen über 2 Geschosse, damit sehr große Wohnungen),

- haben in etwa gleich große Zimmer (15-17 qm) (variable bei angrenzenden Raumen),

- verfügen über Wohn- oder Eßküchen. Je nach Vorliebe kann die Wand zwischen Wohnraum und Küche so verlaufen, daß der eine Raum auf Kosten des anderen um einige qm größer wird.

Die Vielfalt im Angebot an Wohnungstypen und die vielfältige Nutzbarkeit der Räume, machen die Wohnungen interessant für unterschiedliche Haushaltstypen.

Die Resonanz in der Öffentlichkeit auf den Wettbewerb und auf das inzwischen fertiggestellte Projekt war / ist groß. Nicht nur wegen der Wohnungen, sondern auch wegen der städtebaulichen Lösung insgesamt, die auf Fraueninteressen eingeht und das Wohnumfeld, Gemeinschaftsräume in den Gebäuden und Mitsprache bei der Planung und späteren Nutzung einbezieht.

So macht es also Sinn, daß dieses Projekt viel Beachtung fand. Aber es ist auch bezeichnend für die Situation im Wohnungbau. Denn die Forderung, dem alles dominierenden Wohnungsbau-Konzepts für die Standard-Familie, Alternativen entgegenzustellen ist ja nicht neu. Nur hat sie bisher sehr wenig praktische Umsetzung erfahren, so daß Projekte dieser Art als Einzelfälle und Ausnahmen dastehen. Und, schlimmer, das Beharren auf überholte Konzepte ist damit nicht überwunden.

Abhilfe schaffen, d.h. andere als die herkömmlichen Wohnformen zuzulassen, läuft äußerst schleppend. Neuartige Wohnungsgrundrisse finden sich fast nur im privaten Eigenbau, in Experimentier-Projekten und in Demonstrativorhaben mit Extraförderung. So ist vor kurzem ein Programm vom BMBau aufgelegt worden zur Verbesserung der Wohnsituation von Alleinerziehenden (zu fast 90 % Frauen). Man muß sich vergegenwärtigen, was das heißt, nämlich daß für diese inzwischen recht große und weiterhin wachsende Bevölkerungsgruppe der Wohnungsbestand qualitiativ völlig unzureichend ist. Dasselbe gilt für andere Haushaltstypen. Sieht man Fachzeitschriften durch, erschreckt die geringe Variabilität, der geringe Ideen-Reichtum. Alternativer Wohnungsbau wird vor allem in Frauenliteratur publiziert. In Architektur-Zeitschriften sind die Grundrisse von Wohngebäude häufig gar nicht, und wenn, dann meist so klein abgedruckt, daß eh kaum etwas zu erkennen ist. Bei Wohnprojekten, die publiziert werden, liegt die Bedeutung auf Gestaltung, Fassaden, Erschließung (Wohnumfeld), räumliche Struktur, alles auch wichtig, aber für männliche Architekten, Journalisten und große Teile der Fachöffentlichkeit ist der Grundriß nachrangig. Zur Legitimation oder als Zugeständnis gibt es dann einige Frauenprojekte.

Alternative Projekte sind wichtig, weil sie die Öffentlichkeit informieren, weil sie aufzeigen, wie es auch anders geht. Aber sie sind unzureichend. Den Wohnbedürfnissen aller derer, die nicht in den tradierten Rollen leben wollen, muß überall Rechnung getragen werden, nicht nur vereinzelt in Alternativ-Projekten und sog. Sonder-Wohnformen.

Zurück zu dem was Wohnen ist, was die Wohnung leisten können sollte. Zu Anfang meines Vortrages habe ich argumentiert, daß die Wohnung (und das Wohnumfeld) in ihrer konkreten Ausformung/Gestaltung

- das Alltagsleben der Bewohnerinnen

- ihr soziales und privates Wohlbefinden beeinflußt.

Ich habe Begriffe gebraucht, wie

- persönliche Identität entwickeln

- sich privates Territorium schaffen

- Möglichkeit zur Aneigenung, Kreativität

- befriedigendes, gleichwertiges Zusammenleben

Um derartige Prozesse überhaupt zu ermöglichen,

- muß die Hauswirtschaft als notwendiger Bestandteil des Wohnens anerkannt werden, und der Wohnungsgrundriß darf die Hausarbeit nicht zusätzlich erschweren,

- muß durch integrative Hausarbeit die geschlechtstypische Sozialisation unterbrochen werden, bei der die Kinder lernen, daß Küchen Räume für Frauen sind,

- müssen Frauen aufhören, Dienende zu sein,

- müssen Frauen über einen (haus)arbeitsfreien Raum verfügen können,

- müssen Frauen - und das habe ich bislang nicht erwähnt - mehr Verfügungsgewalt über die Wohnung und das Wohnumfeld bekommen als ihnen im üblichen Mietwohnungsbestand zugebilligt wird. Die aktive Aneignung sollte nicht weiter nur den Eigentümerinnen von Wohnhäusern, sondern auch den Mieterinnen von Wohnungen zugestanden werden.

Zur Rechtfertigung des eigenen Raums wird Virginia Woolf gern zitiert, die schon 1928 mit der Metapher der Wohnung für die Aufhebung der Rollenfestschreibung, für die eigenständige Entwicklung und die Selbstbehauptung von Frauen argumentierte. Virginia Woolf erwähnte aber nicht nur das eigene Zimmer, sondern auch das Wohnzimmer:

,... wenn jede von uns ein Zimmer für sich allein (hat), ...wenn wir dem gemeinsamen Wohnzimmer ein bißchen entronnen sind..., dann wird diese Gelegenheit kommen".- die Gelegenheit der eigenständigen Entwicklung.

Durchzusetzen sind diese Forderung - denke ich - nur über eine stärkere Präsenz von Frauen in allen Bereichen und auf allen Entscheidungsebenen, wo es um Architektur und Planung geht. Das betrifft die berufliche Präsenz in Architektur, Verwaltung, Lehre, Wohnungswirtschaft und Wohnungspolitik, und es betrifft die stärkere Beteiligung und soziale Einbindung von Nutzerinnen, Bewohnerinnen.

Zurück zur Eingangsfrage, was sind gute Wohnungen für Frauen?

Wohnungen

- die Raum -inform von Möglichkeiten- bieten zur Selbstbestimmung,

- die ihnen kein Wohnkorsett aufzwingen und sie nicht in patriarchalisch bestimmte Wohnformen einzwängen.

Die Frage, was sind schlechte Wohnungen für Frauen? ist damit beantwortet.

aus: Grete Meyer-Ehlers: Wohnen und Familie. Stuttgart 1968

Siehe Kerstin Dorfhöfer und Ulla Teilinden (Hrsg.): Verbaute Räume. Köln 1987

aus: BMBau (Hrsg.): Dokumentation und Querschnittsuntersuchung der Modellvorhaben in den Forschungsschwerpunkten ,Kosten- und Flächensparendes Bauen" und ,Organisierte Selbsthilfe in Eigenheimbau". Bonn 1991

a.a.O.

Ruth Rohr-Zänker


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel.