Oldenburger STACHEL

Alle 27 Jahre ein Tschernobyl

Alle 27 Jahre ein Tschernobyl

Nazi-Physik

Atomenergie wird seit den frühen 40er Jahren genutzt, nachdem Nazi- Wissenschaflter gezeigt hatten, daß Urankerne gespalten und in eine Kettenreaktion überführt werden können. Im vermeintlichen Wettlauf mit Hitlers Bombe entwickelten die USA im Laufe des Krieges ihre eigene Nuklearwaffe, die von Anfang an für Berlin bestimmt war.

Deutschland war besiegt, bevor die amerikanische und die deutsche Bom- be fertig waren. Das rettete Berlin (oder London), wurde aber den Ja- panern zum Verhängnis. Parallel hatten die NS- und die US-Physiker das Plutonium entdeckt, und daß man es nur in Atomkraftwerken herstellen kann. Der beginnende Kalte Krieg gestattete es, die Nachfrage nach Plutonium mit dem Mythos von der "Friedlichen Nutzung der Atomenergie" zu verklären. Elektrizität sollte so billig werden, daß Stromzähler sich erübrigten.

Atomzeitalter

Wie die Herstellung von Strom und Plutonium gingen in den folgenden Jahrzehnten die Produktion von Immunschwächen, Krebstoten und mißge- bildeten Kindern Hand in Hand. Und doch bedurfte es erst eines Kern- schmelzunfalls jener gigantischen Ausmaße von Tschernobyl, um den Kin- dern des Kalten Krieges vor Augen zu führen, auf was sie sich eingelassen hatten. Das Atomzeitalter hat irreversible Folgen hinter- lassen, deren radioaktive und genetische Erbschaft in die Generationen reicht.

Die nach oben offene Krebsskala

Allein durch Tschernobyl sind bisher wenigstens 8000 Menschen umge- kommen. Das Maß der Bodenverstrahlung läßt zusätzliche Opfer erwarten, deren Zahl kaum darunter liegen und nach oben hin offen sein dürfte. Neben 45000 Invaliden und Hunderttausenden Menschen mit Immunschwächen hat sich die Krebsrate in Weißrußland schon jetzt vervierfacht. Die Erbschäden sind nicht abzuschätzen. Auch das übrige Europa und die Welt sind betroffen. Allein in Polen werden zusätzlich 6600 Krebstote erwartet.

Normal

Auch in der BRD hat Tschernobyl seine Spuren eingegraben. So lücken- haft die entsprechenden Register geführt wurden, kann doch abgeleitet werden, daß z.B. in Berlin (West) der Mongolismus in den Monaten nach April 1986 um das Vierfache, die Fälle von Neuroblastomen, einer töd- lich verlaufenden Krankheit bei Säuglingen und Kleinkindern, in der gesamten Bundesrepublik in Abhängigkeit der Bodenstrahlung bis zum Doppelten der Normalrate angestiegen ist - wobei die Frage nach der "Normalrate" im Blick auf die weltweite Verstrahlung seit 1945 zu be- werten ist.

Waren die Opfer von Tschernobyl abzusehen? Die Antwort lautet Ja. Er- stens, bezogen auf die Möglichkeit eines Kernschmelzunfalls (Super- GAU), steht die weltweite Anti-Atom-Bewegung als Kronzeugin für die Voraussage dieses Ereignisses. Seit Tschernobyl gilt zwar offiziell die Sprachregelung, daß solche Katastrophen wohl in russischen und anderen, niemals aber in" deutschen Kernkraftwerken" möglich sind. Doch das war vor 1986 anders, als gerade die deutsche Atomindustrie den Reaktortyp von Tschernobyl ob seiner großen Sicherheit und anderer Vorzüge, etwa die Plutoniumentnahme bei laufendem Reaktor, hochgelobt hatte.

Entwarnung

Zweitens konnte angesichts des zerstörten Reaktors jeder Physikstudent ausrechnen, mit welcher Dosis die Strahlenwolken in Weißrußland und der Ukraine niedergehen mußten. Westliche Experten erhielten Tage nach der Explosion Zugang zum Unglücksort, darunter der Direktor der Inter- nationalen Atomenergie Organisation (IAEO), Hans Blix. Statt nun alle Hebel zu bewegen, um eine sofortige Evakuierung der Menschen zu veran- lassen und auch die anderen Länder vor den Gaswolken zu warnen, ver- harmloste Blix die Situation und lieferte so Tausende Menschen wis- sentlich dem Strahlentod aus. Darin offenbart sich eine Zusammenarbeit der Atomindustrie in Ost und West, die schon vor Tschernobyl bestand, und der es nach dem Unfall nur um die Rettung der Atomenergie, nicht aber der Menschen ging. Auch Gorbatschow war Teil dieses Kartells. Als Verwalter der unendlichen Katastrophe hat er den Sinngehalt von Pere- stroika und Glasnost umgekehrt und muß sich vor der Geschichte für Tod und Siechtum Tausender verantworten.

21 Nullen

Nicht mehr als 4 Prozent seiner Radioaktivität habe der Reaktor verlo- ren, lautete die offizielle Lesart. Heute weiß man, daß es 80 Prozent waren. Doch das ist relativ, denn bei einem Strahlengehalt von Beque- relzahlen mit 21 Nullen ist eine Null mehr oder weniger auch egal. Einen Unterschied macht natürlich immer die Form der Radioaktivität: ist sie frei oder weitgehend gebunden. Sollten jetzt, wie zu erwarten, aus dem brüchigen "Sarkophag" die restlichen zwanzig Prozent freiwer- den, dann ist diese Strahlung in Luft und Regen, auf Pflanzen und in der Milch wie im Fleisch "verfügbar" und könnte im Extremfall prak- tisch die Katastrophe wiederholen.

Besuchen Sie Europa...

Die Bodenstrahlung in Weißrußland ist großflächig so intensiv, daß eine Übertragung auf bundesdeutsche Verhältnisse die Evakuierung von 4,3 Millionen notwendig machen würde. Das ist aber nur eine theore- tisch Aussage, denn die angrenzenden Länder hätten die gleichen Pro- bleme und wären wenig interessiert, deutsche Atomflüchtlinge aufzuneh- men. Zumal, wenn diese zu großen Teilen aus Kranken und Siechen bestehen und zur zusätzlichen Belastung würden. Mit anderen Worten: ein Tschernobyl in Mitteleuropa wäre unvorstellbar katastrophal. Wer es nicht anhand der Opfer versteht, wird vielleicht das Kostenargument begreifen: 10,7 Billionen DM, also 1007 Milliarden. Wer soll das auf- bringen? Schon heute sind die reinen Kosten von Tschernobyl größer als alle (betriebswirtschaftlichen) Kostenvorteile, die die Atomindustrie weltweit je für sich reklamiert hat.

Deutschland über alles

Wie wahrscheinlich ist nun ein solcher Unfall in der Bundesrepublik? Immer wieder ist zu hören, daß der deutsche Sicherheitsstandard welt- weit der höchste sei. Reaktoringenieure anderer Länder würden sich natürlich diesen Vorwurf der Fahrlässigkeit verbitten. Die hiesige Atomindustrie stützt sich auf die Deutsche Risikostudie (DRS), die 1979 (Phase A) und 1989 (Phase B) vorgestellt wurden. Darin wird die Möglichkeit eines Kernschmelzunfalls mathematisch dargestellt. Ohne in Frage zu stellen, ob solche Zahlenwerke überhaupt die Wirklichkeit abbilden können, beziffern sie die Chance eines SuperGAU mit 1:10000, soll heißen: ein AKW erleidet in 10000 Jahren einmal einen SuperGAU. In der BRD sind 22 AKWs in Betrieb, wonach sich bei einer Betriebs- dauer von 25 Jahren bereits mit 1:27, also knapp 4 Prozent, ein Super- GAU ereignen kann. Wohlgemerkt: nicht nach Ablauf der genannten Frist, sondern während dieser Zeit!

Strahlen-Amnes(t)ie

Das Bundesverfassungsgericht hatte aber schon vor der Phase A (1979) einen SuperGAU für "praktisch ausgeschlossen" gehalten, wobei es sich auf damalige Angaben von 1:1 Milliarde stützte. Nach heutigen Zahlen müßte dies Urteil längst revidiert werden. Und nicht nur nach den Zah- len, denn inzwischen hat ja die Wirklichkeit gesprochen und die Mög- lichkeit des Kernschmelzunfalls aufs drastischste bestätigt. Und komme niemand, dies sei ja nur aufgrund "russischer Schlamperei" möglich gewesen: die Zahlen, auf denen die Urteile des Bundesverfassungsge- richts beruhen, erhoben den Anspruch, für "alle auf der ganzen Welt betriebenen bzw. im Bau befindlichen Kernkraftwerke" zu gelten, wie der TÜV Nord für die PreussenElektra getextet hatte. Der RBMK-Reaktor von Tschernobyl war damals im Bau...


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