Oldenburger STACHEL

Arme Auto-Innenstadt

Arme Auto-Innenstadt

Das Innenstadtverkehrsgutachten ist da - Na und?

Das Innenstadtverkehrsgutachten, genauer die Untersuchung "Erreichbarkeit der Oldenburger Innenstadt" ist da. Dieses Gutachten, das je zur Hälfte von der Stadt und der Industrie-und-Handelskammer (IHK) bezahlt wurde, sollte die Grundlage für ein Verkehrskonzept entwickeln, mit dem auch in Zukunft die Erreichbarkeit Oldenburgs aus der Region gesichert ist.

Nach Ansicht der Gutachter muß der Anteil des Pkw am zunehmenden Verkehr vermindert werden. Dazu will man vor allem den ÖPNV fördern. Die Gutachter schlagen folgende Maßnahmen vor: Für Oldenburg wird ein rechnergestütztes Betriebsleitsystem eingerichtet, mit dessen Hilfe der Bus Vorrang an Ampeln haben soll. Gleichzeitig würde damit die Menge der Autos auf den Busstrecken reguliert, damit der Bus nicht im Stau steckenbleibt. Die Busse sollen öfter fahren und mit zusätzlichen Linien den Bahnhof besser erschließen. Darüberhinaus müsse das Pÿ&ÿR-System in der Stadt und auch in den Nachbargemeinden weiter ausgebaut werden.

Das Radfahren müsse ebenfalls attraktiver werden: Vorgeschlagen wird ein Netz von Fahrradstraßen (stadtteilverbindende Straßen in Tempo-30-Zonen, auf denen Radfahrer Vorfahrt hätten; Autos würden lediglich geduldet).

Fußgänger sollten nicht länger in dunkle Tunnel (Pferdemarkt) gezwungen werden und günstigere Ampelschaltungen bekommen.

Den Autofahrern solle das Parken erleichtert werden. Bisherige Dauerparkplätze würden künftig für Kurzzeitparker zur Verfügung gestellt werden. Die Berufspendler stiegen dann notgedrungen auf andere Verkehrsmittel um. Mit den Kurzzeitparkplätzen (d.h., statt eines Dauerparkers fahren künftig fünf und mehr Autos diesen Parkplatz an, etwa im Dobben-oder Steinwegviertel) würde genügend Parkraum geschaffen, so daß ein Parkhaus in der Burgstraße überflüssig wäre. Im Bahnhofsviertel müßten Straßen ausgebaut und zwei neue Parkhäuser gebaut werden. Soweit die Vorschläge der Gutachter.

Da die IHK das Gutachten mitfinanziert, gab es natürlich keine Vorgaben, etwa den Autoverkehr deutlich zu verringern, sondern die Aufmerksamkeit galt zunächst der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, sprich dem Interesse des Innenstadthandels, möglichst viele Kunden in die Innenstadt zu zu bekommen. Fragen nach den mit dem Autoverkehr verbundenen Problemen, etwa die Wohnqualität in den innenstadtnahen Gebieten, werden nachrangig behandelt.

Dennoch sind die Gutachter der Auffassung, daß bei dem weiter steigenden Verkehr in Oldenburg der Autoanteil verringert werden müsse, wenn sowohl die Aufenthalts- und Lebensqualität als auch die Erreichbarkeit der Stadt gewährleistet sein soll (auf deutsch: die Autos stehen sich selbst im Weg und Lärm und Abgase mag auch niemand mehr hinnehmen). Diese Erkenntnis gehört zum kleinen Einmaleins der Verkehrsplanung . Neu ist diese Tatsache anscheinend der IHK, die dem Vernehmen nach nicht sehr glücklich mit dem Gutachten ist.

Nun sollte man meinen, daß die Menschen aufatmen können, denen der Autoverkehr schon immer zuviel war. Aber dazu ist es noch zu früh.

Einer der Gutachter, die sich um diesen Auftrag beworben haben sagte, ein solches Konzept wäre immer auch eine politische Entscheidung (z. B. über den noch erträglichen Umfang des Autoverkehrs). Diese Entscheidung steht weiterhin aus. Das vorliegende Gutachten versucht es allen recht zu machen, es will niemandem wehtun, es setzt keine Prioritäten für bestimmte Verkehrsmittel. Natürlich soll der Busverkehr attraktiver werden und das Fahrradfahren auch und die Bahn soll öfter fahren, aber selbstverständlich brauchen wir auch mehr Straßen und am Bahnhof einen Tunnel und noch zwei neue Parkhäuser. So ist jedem gedient und nichts ändert sich. Denn warum sollte jemand in den Bus steigen, wenn wie geplant, das Parken in der Innenstadt attraktiver werden soll? Entsprechend fällt die Prognose der Gutachter aus:"Das Pkw-Aufkommen in die Innenstadt bleibt etwa konstant". Wozu dann der Aufwand?

Dem Gutachten fehlt das Profil und es ist in vielen Detailfragen so widersprüchlich, daß es schwerfällt, überhaupt ein Fazit zu ziehen.

Es stellen sich mehr Fragen als beantwortet werden. Etwa die, ob angesichts der zunehmenden Verkehrsprobleme die Absicht Oldenburgs, Oberzentrum für die gesamte Weser-Ems-Region zu sein, aufrechterhalten werden kann? Und wie lange kann eine Stadt, die auf eine gute Erreichbarkeit angewiesen ist, auf ein Verkehrsmittel setzen, dessen Grenzen bereits abzusehen sind? Zunehmende Probleme und auch die abnehmende Akzeptanz bei den vom Verkehr betroffenen Menschen disqualifizieren das Auto als stadtverträgliches Verkehrsmittel. Und auch die Frage, ob die Menschen nach Oldenburg kommen, weil wir die größten Parkplätze haben oder eher, weil man hier so schön bummeln kann, ist bisher nicht geklärt.

Vielleicht ist dieses konturlose Gutachten, bei dessen Erstellung Verwaltung, Parteien und auch Verkehrsverbände wie ADFC und VCD interviewt wurden, auch nur ein Spiegelbild der Oldenburger Verkehrspolitik. Die Verkehrsprobleme sind jedem bekannt. Nur traut sich niemand, Verantwortung zu übernehmen und die Weichen anders zu stellen. Politiker setzten auf die teure und ineffektive Parallelförderung: Geld für den Umweltverbund uÿnÿd das Auto. Man tut zwar was, aber man ändert nichts. Andere Städte haben dank einer entschiedenen(!) und wegweisenden Verkehrspolitik einen ÖPNV-Anteil oder auch einen Fahrradanteil von 50% am Gesamtverkehr erreicht.

Bei uns hingegen hat fast jeder Zweite ein Auto. Wie viele davon vielleicht lieber darauf verzichten möchten und nur auf einen Bus warten, der alle 10 Minuten fährt, hat bisher noch niemand wissen wollen. Umfragen in der Bevölkerung wurden jedenfalls von dem Arbeitskreis Innenstadtgutachten abgelehnt. So gilt bis auf weiteres: nichts genaues weiß man nicht.

Allerdings melden sich regelmäßig Bürgerinitiativen zu Wort (derzeit Artillerieweg, Sodenstich, Wienstraße, Gneisenaustraße,...), denen der Verkehr immer unerträglicher wird. Das Zaudern der Politiker, eindeutig Stellung zu beziehen und in stadtverträgliche Verkehrsmittel wie Bus und Fahrrad zu investieren, ist vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehbar. Und das Arbeitsplatzargument sticht auch nicht: Die Grenzen des Autos sind abzusehen; jetzt ist noch Zeit, zu reagieren. Oder man wartet auf den großen Knall. Gespannt dürfen auch die OldenburgerInnen darauf warten, welche der vorgeschlagenen Maßnahmen als erstes verwirklicht werden, die Parkhäuser am Bahnhof oder ein verbessertes Busangebot. Vom Umbau des Bahnhofs ist schon die Rede; den Großteil der veranschlagten 55 Millionen Mark verschlingt ein Autotunnel(!) unter dem Bahnhof...

(Jürgen Rohde)


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