Oldenburger STACHEL Nr. 7/94

Expreßroute Ariweg?

Expreßroute Ariweg?

Die Zukunft des Artillerieweges ist ungewiß. Die Stadtverwaltung wünscht sich einen Ausbau, um AutofahrerInnen eine schnelle Verbindung nach Bloherfelde zu bieten, die Initiative "Verkehrsberuhigter Artillerieweg" setzt sich fuer eine Beruhigung ein.

Nach offiziellen Zahlen rollen täglich 6000 Kraftfahrzeuge durch den Ariweg. Besondere Stoßzeiten sind zu den Vorlesungspausen der Uni und zur Mensazeit, sowie während des Berufsverkehrs zu verzeichnen. Beim Artillerieweg handelt es sich um eine Tempo- 30-Straße mitten in einem Wohngebiet, durch die sehr viele Studis mit dem Fahrrad fahren. Die AnwohnerInnen müssen dort nicht nur Lärm und Abgase ertragen, sie müssen befürchten, von LKW-Spiegeln getroffen zu werden, wenn sie auf dem schmalen, einseitigen, behindertenfeindlichen Fußweg gehen. Die offizielle Unfallstatistik sagt aus, daß die Straße zu den unfallträchtigsten in Tempo- 30-Wohngebieten gehört.

Trotz der engen und holprigen Straße halten sich viele Autofahrende dort nicht an Tempo 30, was die Initiative dazu veranlaßte, Untersuchungen zum Geschwindigkeitsverhalten anzustellen. Die Initiative machte dabei die Erfahrung, daß sie im Ariweg sogar von Wagen der Polizei überholt wurde, als sie ihn mit 30km/h durchfuhren.

Tempokontrolle der Polizei

Um die eigenen Erhebungen zu überprüfen und offizielle Zahlen zu bekommen bat sie die Polizei, Messungen durchzuführen. Es bedurfte mehrmaligen telefonischen Nachhakens und persönlichen Vorsprechens, bis die Polizei im November und Dezember anrückte. Während der 90 Minuten (von 10- 11h30) am Do, 9. 12., ermittelte sie zwei PKW, die zwischen 40 und 45km/h fuhren und einen, der zwischen 45 und 50km/h fuhr.

Wie mißt die Polizei?

Die Betrachtung der Meßmethode gibt sehr schnell Aufschluß über den statistischen Wert dieser Aussage. Rainer Harms, Sprecher der Initiative, war bei einer der Messungen zugegen und berichtet: "Die Messungen liefen wie folgt ab: Die beiden Polizeibeamte wollten am 12.11. um 12Uhr mit der "Radarmeßpistole" den KFZ.- Verkehr überprüfen. Die ersten 10Min. verbrachten sie damit, den Fahrer eines Postzustelldienstes (UPS) gebührenpflichtig zu verwarnen. Er hatte, wie üblich, auf dem nur einseitig vorhandenen Bürgersteig geparkt. Fußgänger und Fahrradfahrer mußten auf die Fahrbahn ausweichen. Die dann folgenden Messungen mußten immer wieder unterbrochen werden, um die Fahrradfahrer, die, wie üblich am Artillerieweg, in beiden Richtungen auf dem Gehweg fuhren, auf die Straße zu verweisen. Von den ca. 150 Wagen, die in dieser 1/2 Stunde auf der Straße fuhren, wurden ca. 15-20 gemessen. Einer fuhr mit 58km/h von den Beamten weg, so daß er nicht angehalten werden konnte. Eine andere Autofahrerin wurde mit einem Bußgeld verwarnt."

Die Polizei hat bei der statistischen Erhebung ein weiteres Problem: Sie muß Verkehrsverstöße ahnden und den TemposünderInnen das Meßgerät vorstellen. Dieses nimmt jedoch bis zu 5 Min. in Anspruch, so daß in dieser Zeit keine Messungen vorgenommen werden können. In einer Stunde sind somit maximal 12 Verstöße zu messen.

Ist die Polizei autofreundlich?

Nach Aussagen eines Polizisten gegenüber der Initiative würden Geschwindigkeitsmeßtrupps häufig an Orten eingesetzt, wo man sicher sein kann, daß nicht so viele Verstöße stattfinden. Es gibt zwar keine Möglichkeit, dieses zu Überprüfen, doch die Tatsache, daß Geschwindigkeitskontrollen jetzt sogar öffentlich angekündigt werden, deutet darauf hin. Auch die Aussage des Polizeidirektors Eutin gegenüber NDR1-Radio Niedersachsen am 15.6.94 spricht für sich: "Das Hauptanliegen der Polizei richtet sich doch in erster Linie auf die Flüssigkeit und Leichtigkeit des Verkehrs." Nicht zu vergessen ist das Interesse der Polizei, die den Artillerieweg gerne als schnelle Verbindung von der Direktion im Friedhofsweg zur Bereitschaftspolizei in Bloherfelde nutzt.

Unabhängige Messung mußte her

Das Vertrauen in die Polizei ist am Ariweg verständlicherweise gestört. So wurde eine unabhängige Messung in Auftrag gegeben, die von der Gesellschaft für Umweltmeßtechnik ARGUS am Do., dem 19.5.94 von 10h05 bis 11h43 durchgeführt wurde. Sie ergab, daß sich nur 16,6% an die vorgeschriebene Geschwindigkeit hielten, währed 83,4% zu schnell waren (im Einzelnen: 30-35km/h ca. 29%, 35-40: ca. 22%, 40-45: ca. 21%, 45-50: ca. 6%, 50-55: ca. 3%, 55-60: ca. 2%). Nicht erfaßt wurden PKW, die sich aufgrund der Schranken aufgestaut hatten und dadurch einem Fahrradkonvoi folgten. Bei durchschnittlich gemessenen 380KFZ/h fuhren 117 über 40km/h, was sich um Größenordnungen von der Polizeistatistik unterscheidet. Für eine repräsentative Messung müßte der Verkehr allerdings über längere Zeit gemessen werden.

Wem glaubt die Stadt?

Ein Meßverfahren, daß unauffällig ist, und bei dem fast alle Autos erfaßt wurden, dürfte zuverlässiger sein. Dennoch befürchtet die Initiative, daß die Stadtverwaltung die Polizei "statistik" als Entscheidungshilfe heranzieht.

Sie vertritt schon jetzt die Ansicht, daß es unzumutbar sei, Autos über Pophankenweg und Ammerländer Hin- und Herstraße umzuleiten. Auf der Verkehrsausschußsitzung vom 18. Mai wurde ein Antrag, die durchfahrt der LKW zu verbieten, von der Stadtverwaltung mit der Begründung abgelehnt, man wolle einer Gesamtlösung nicht vorgreifen. Noch vor der Sommerpause solle ein Erschließungskonzept vorgestellt werden. Wie wird es aussehen? Verkehrsdezernent Otter hat klare (vorgreifende) Vorstellungen: Eine breite Straße mit beidseitigen Fuß- und Radwegen. Damit die 6000 KFZ pro Tag bequem durchkommen und gleich durch den Uhlhornsweg weiterdüsen können.

muh


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