Oldenburger STACHEL Nr. 7/94

Machtmißbrauch in Therapien

Machtmißbrauch in Therapien

Immer häufiger werden sexuelle Übergriffe und emotionaler Machtmißbrauch in Psychotherapie, Beratung und anderen psychosozialen Arbeitsfeldern bekannt. Über diese Zusammenhänge berichteten im Rahmen der Veranstaltungsreihe ,Gesundheitsförderung und Selbsthilfe" des Gesundheitsplenums Oldenburg die beiden Referentinnen U. Sonntag und J. Haering-Lehn von der Uni Oldenburg.

Eine beachtliche Zahl von Beratenden und Therapierenden sucht gegen alle Regeln ,direkte sexuelle Kontakte" mit den KlientInnen.

Die Erfahrung von emotionaler Ausbeutung kann bei den betroffenen KlientInnen zu massiven körperlichen und seelischen Symptomen führen, die bis zum Suizid reichen können.

Ausleben von Macht

Um Liebe oder Sexualität geht es dabei nur vordergründig. Mißbrauch in der Psychotherapie ist Ausbeutung. Es geht dabei in erster Linie um Abhängigkeit und Ausleben von Macht, betonten die beiden Referentinnen.

Sexuelle Übergriffe stellen dabei nur eine oberflächliche und krasse Form von narzißtischem Machtmißbrauch in helfenden Beziehungen dar. Die oftmals subtile emotionale Gewalt in Psychotherapie oder Beratung ist wesentlich schwerer zu durchschauen. Dazu gehören alle Formen der Interaktion und Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn, die in erster Linie dem Wunsch der TherapeutIn nach eigener Bestätigung dienen und der eigenständigen Entwicklung der KlientIn entgegenstehen oder diese behindern.

In der therapeutischen Beziehung sollen Defizite und Sorgen der KlientInnen bearbeitet werden. Die Rollenverteilung zwischen TherapeutIn und KlientIn konstituiert ein Machtgefälle, in der die TherapeutIn den mächtigeren Part einnimmt. Ihre/seine Macht ergibt sich durch Fachkompetenz und Status, aber auch durch ihre/seine größere Distanz gegenüber den Problemen der KlientIn.

Aus diesem Machtgefälle innerhalb der therapeutischen Beziehung erwächst den Therapierenden eine besondere Verantwortung. Sie müssen in jedem Fall darum bemüht sein, ihre Machtstellung nicht zur Befriedigung eigener Wünsche und Bedürfnisse auszunutzen.

Untersuchungen ergaben, daß therapeutische Grenzverletzungen in bis zu 90% der Fälle von männlichen Therapeuten gegen weibliche Klientinnen begangen werden.

Die in unserer Gesellschaft bestehende ungleiche Verteilung der Macht zwischen Männern und Frauen wirkt dabei auch in der Beziehung zwischen Beratenden und Therapierenden fort. Frauen, die Beratung oder Therapie in Anspruch nehmen, stehen nicht nur deshalb in einem ungleichen Verhältnis zu den Therapierenden, weil diese Experten sind, sondern auch, weil sich diese Machtverhältnisse in der therapeutischen Beziehung spiegeln. Der Abstand im sozialen Status zwischen hilfesuchenden Frauen einerseits und dem Berater und Therapeuten andererseits ergibt sich also einmal aus dem Abstand zwischen Laien und Experten sowie außerdem aus dem Machtgefälle zwischen Frauen und Männern.

Grenzverletzungen

Natürlich kommt es vor, daß KlientInnen auch von sich aus aktiv werden. Anhand von Videos wurden Situationen dargestellt, die zeigten, daß es gerade innerhalb der vertrauensvollen therapeutischen Beziehung dazu kommen kann, daß die Klientin den Therapeuten besonders schätzt und sich möglicherweise in ihn verliebt. Vielleicht erlebt sie in dieser Beziehung tatsächlich zum ersten Mal jemanden, der ihr zuhört und ihre Probleme ernst nimmt. Wie in einem von der AG ,Machtmißbrauch in Therapie und Beratung" herausgegebenen Faltblatt betont wird, hat darüberhinaus jede 2. - 4. Frau in ihrer Kindheit oder Jugend sexuelle Ausbeutung durch vertraute Männer erlitten. Viele Frauen, die aufgrund psychosozialer Schwierigkeiten in Psychotherapie sind oder Beratung suchen, haben sexuelle Gewalterfahrungen und sind auf Grund dessen nicht in der Lage, die Grenze zwischen nahem, väterlich-sorgendem gegenüber sexualisiertem Kontakt zu ziehen.

Auch wenn die Klientin es momentan vielleicht anders sieht und ihrer Verliebtheit und dem Wunsch nach einer sexuellen Beziehung eindringlich Ausdruck verleiht - ein Therapeut, der sich dem Wohl der Klientin verpflichtet fühlt, kann solche Angebote nur zurückweisen.

Therapeuten und Therapeutinnen, die sexuelle Kontakte zu Klienten und Klientinnen aufnehmen, handeln unverantwortlich. Betroffene KlientInnen müssen dies keineswegs hilflos über sich ergehen lassen, sondern können z.B. gerichtlich gegen den Therapeuten vorgehen. Auf jeden Fall ist es möglich, sich Hilfe von geeigneter Stelle, wie z.B. einer anderen Therapeutin, zu holen.

In der anschließenden Diskussion wurde ausführlich die rechtliche Situation dargestellt. Das Straf- und Zivilrecht bietet einige Handhaben gegen Therapierende, die ihrer Klientel durch sexuelle Übergriffe schaden. Die Lage von Klientinnen vor Gericht ist derzeit jedoch sehr schwierig, da die Strafbestände der Vergewaltigung und der Nötigung voraussetzen , daß der Täter den Widerstand des Opfers mit Gewalt überwindet. Physische Gewalt spielt in Fällen von sexuellen Übergriffen in der Therapie gewöhnlich keine Rolle. Die Klientin ist in der Regel weder widerstandsunfähig noch Schutzbefohlene im Sinne des Gesetzes. Außerdem muß nachgewiesen werden, daß die sexuellen Kontakte die Ursache für die entstandenen Schäden waren. Das heißt z.B., daß bewiesen werden müßte, daß eine Klientin nicht depressiv oder alkoholabhängig geworden wäre, wenn ihr Therapeut nicht eine sexuelle Beziehung zu ihr aufgenommen hätte. Dies ist in der Regel unmöglich, so daß es in der Praxis oft schwierig ist , auf juristischem Wege gegen TherapeutInnen vorzugehen.

Präventive Maßnahmen

Jedoch gibt es inzwischen eine Reihe von Vorschlägen, wie sexuelle Übergriffe präventiv vermieden werden können. Eine wichtige Voraussetzung besteht darin, daß innerhalb der Aus- und Weiterbildung sexuelle Ausbeutung und Machtmißbrauch anders und stärker thematisiert werden müssen. Dabei sind auch Grenzverletzungen und Übergriffe der Ausbilder zu beachten, die dabei allem Anschein nach als Modell für manche zu Betreuende fungieren.

Die Referentinnen setzen außerdem besonders auf Maßnehmen zur Sensibilisierung für das gesamte Thema. Dazu ist ein Ausbildungshandbuch im dgvt Verlag erschienen. (Vogt & Arnold; Sexuelle Übergriffe in der Therapie, dgvt Verlag, Tübingen 1993) Sensibilisierungstraining ist in verschiedenen Kontexten möglich. Anwendungsgebiete sind neben der Ausbildung in psychosozialen Berufen auch die Bereiche der Gesundheits- und Erwachsenenbildung.

Großes Interesse bestand auch an der Frage, wie eine gute Beratung aussehen sollte. KlientInnen, die therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen möchten, sollten sich vorher möglichst genau über das Angebot informieren. Bei der Auswahl des/der Therapeuten/In sollte die Qualifikation, Ausbildung, Fortbildung und Berufserfahrung erfragt werden.

TherapeutInnen sollten unter Kontrolle (Supervision) von FachkollegInnen arbeiten. Durch Zusammenarbeit und Supervision können die Fehler und Schwächen von TherapeutInnen vermieden oder aufgefangen werden.

Jeder Klient/ jede Klientin hat ein Recht darauf, daß seine/ ihre Grenzen respektiert werden. Verantwortungsvolle TherapeutInnen akzeptieren, wenn er /sie bestimmte Übungen nicht mitmachen will, und nutzen ihre Macht und den Gruppendruck nicht aus.

Zu diesem Thema arbeitet seit mehreren Jahren die Arbeitsgemeinschaft ,Frauen gegen sexuelle Übergriffe und Machtmißbrauch in Therapie und Beratung" Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluß betroffener Frauen und Vertreterinnen der psychosozialen Arbeit verschiedener Oldenburger Institutionen. Aufgrund der spezifischen Betroffenheit von Frauen und dem darin begründeten persönlichen und beruflichen Interesse ist es das Ziel der AG, die Problematik des Machtmißbrauchs in psychosozialen Tätigkeitsfeldern und die daraus resultierenden Folgeschäden öffentlich zu machen sowie präventive Strategien zu erarbeiten und praktisch umzusetzen.

Informationen und Kontakte:

Frauen gegen sexuelle Übergriffe und Machtmißbrauch in Therapie und Beratung Oldenburg

c/o WILDWASSER Oldenburg e.V.

Kaiserstr. 19

2900 Oldenburg

Tel. 0441/16656


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