Oldenburger STACHEL Nr. 7/94

Brief an einen Leser

Brief an einen Leser

(von Ingo Harms)

Lieber K.,

Du beschwertest Dich bei mir telefonisch, daß im Stachelartikel über Reaktorunfälle im Zusammenhang mit dem Ursprung der Atomenergienutzung von der "Nazi-Physik" die Rede war und davon, daß "Nazi- Wissenschaftler gezeigt hatten, daß Urankerne gespalten und in eine Kettenreaktion überführt werden können" (1). Du fragtest mich provo- zierend, ob ich denn Lise Meitner und Enrico Fermi als Nazi bezeichnen würde, und ob alle, die im NS-Regime ihren Job gemacht hätten, deshalb Nazi gewesen seien.

Die zweite Frage zuerst: Ich halte dafür, daß es einen Unterschied macht, ob jemand einen ganz normalen kleinen Arbeitsplatz behalten wollte oder ob er/sie sich für einen kriegswichtigen oder einen Job in der Vernichtungsmaschinerie einspannen ließ - oder gar, wie Meitner, Hahn und Straßmann, im Nazideutschland "einer Profession angehören, die über Wissen von bisher unbekannter Gefährlichkeit verfügt". In diesem Fall, so folgere ich mit Robert Jungk, "ist es notwendig, be- sondere Maßstäbe anzulegen..." (2).

Auf Lise Meitner fällt dabei natürlich der allergeringste Schatten. Sie hat sich bis 1938 am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin mit Fragen befaßt, die in dieser Form kaum kriegsrelevant waren, schlimmstenfalls in eine kriegsrelevante Phase überleiteten. Erst nach ihrer Emigration stießen ihre Kollegen Otto Hahn und Fritz Straßmann auf die Uranspal- tung. Tatsächlich zeigten sie der Welt, wie ich schrieb, daß die Atom- kernspaltung möglich war. Daß Enrico Fermi später dasselbe tat und es sogar großtechnisch umsetzte, ändert nichts am Wahrheitsgehalt dieses Satzes. Also erübrigt sich die Frage, ob Fermi zu den Nazis gehört.

In diesem historischen Moment wird das Wirken von Hahn und Straßmann zu einem möglichen Machtfaktor der Faschisten. Von nun an müssen es die beiden vor der Geschichte verantworten, falls ihre weitere For- schung den Nazis in die Hände arbeitet. Dann wird nämlich die Frage unbedeutend, ob sie Parteigänger oder sonst ideologisch auf Linie sind. Allein die Tatsache ihrer Mitarbeit macht sie nun, da sie mit der möglichen Konstruktion einer Nuklearwaffe einen entscheidenden Beitrag zur Unterstützung des totalitären Staates und zu seiner inter- nationalen Durchsetzungskraft leisten können, zu Kollaborateuren. Was könnte das Einverständnis mit Hitlers Staat und seinen Zielen besser dokumentieren als das Bemühen, ihm mit einer ultimativen Waffe eine strategische Überlegenheit zu sichern?

Die Antwort liegt doch wohl auf der Hand, und weil sich damit sogleich die Schuldfrage aufwirft, ist auch schon die historische Legende zur Stelle. Diese lautet im Kern, daß diejenigen deutschen Wissenschaft- ler, die sich an der Atomforschung beteiligten, es nur aus dem einen Grunde taten: um den Bau der Bombe zu verhindern. "Ich glaube, es ist uns nicht gelungen, weil alle Physiker aus Prinzip gar nicht wollten, daß es gelang", formulierte Weizsäcker gleich nach Bekanntwerden der nuklearen Vernichtung von Hiroshima (3). Erich Bagge, ein Mitarbeiter des Teams Weizsäcker/Heisenberg, kommentierte allerdings: "Ich meine, es ist absurd von Weizsäcker, so etwas zu sagen. Das mag für ihn zu- treffen, aber nicht für uns alle" (ebd. S. 34).

Daß aus der Selbstlüge ein Mythos wurde, ist nicht zuletzt Robert Jungk mit seinem Buch über das Schicksal der Atomforscher zu verdanken (4). Darin wird Weizsäckers Deutung verbreitet, was auf äußerst fruchtbaren Boden fiel, denn Weizsäcker und Heisenberg waren für die Nachkriegsjugend ein "Symbol der Hoffnung... Die exakte Naturwissen- schaft (galt als) letzter Hort der Integrität und Heisenberg als der 'sichtbare und verläßliche Vertreter dieser unbestechlichen Welt der Wissenschaft'" (5). Robert Jungk sagt heute: "Daß ich mit meinem... Buch... dazu beigetragen habe, den Mythos vom passiven Widerstand der bedeutendsten deutschen Physiker zu verbreiten, ist vor allem auf mei- ne Hochschätzung dieser eindrucksvollen Persönlichkeiten zurückzufüh- ren, die ich seither als unangebracht erkennen muß" (6).

Die Tatsache, das historische Wettrennen um die Nuklearwaffe (von dem sie nicht einmal etwas geahnt hatten) verloren zu haben, gab den deut- schen Physikern die Gelegenheit zur Mythenbildung, und sie griffen mit beiden Händen zu. Dem Verdacht der Kollaboration konnte nur mit einer faustdicken Legende begegnet werden. Daß diese auf Gläubigkeit stieß, liegt nicht nur an den Produzenten, sondern auch an der Bereitschaft der Konsumenten. Kollaboration mit den Nazis aber, das unterstreicht z.B. die Diskussion in Frankreich, hat die Distanz zum Mordregime ver- loren, unterstützt dieses, weswegen ich solche Kollaborateure aufgrund ihres faktischen Wirkens als Nazis bezeichnen muß.

Das würde bereits genügen, um den Persilschein, den sich die deutschen Physiker nach dem Krieg ausgestellt hatten, wieder zu kassieren, wenn nicht im Zuge dieser zeitgeschichtlichen Forschung immer deutlicher geworden wäre, wie sehr einzelne dieser Gelehrten auch sonst Beflis- senheit gegenüber dem Regime übten. So erfährt man aus Dokumenten in amerikanischem Besitz, "daß sogar Otto Hahn, von dem man annahm, daß er sich jeder Zusammenarbeit mit den Behörden des Dritten Reiches ent- halten habe, regelmäßig an das Heereswaffenamt über die mögliche Ver- wendung der Arbeiten seines Instituts zu militärischen Zwecken berich- tet hat " (ebd. S. 8).

Heisenberg hatte nicht nur als Freikorps-Mitglied gegen die Münchener Räterepublik gekämpft und sich 1938, als ein Krieg gegen die Tschecho- slowakei bevorzustehen schien, freiwillig zum Militärdienst gemeldet, sondern sich auch als Antisemit hervorgetan. Als sein ehemaliger Leh- rer und Kollege, der 1933 ausgewiesene jüdische Physiker Max Born, ihn 1934 in Göttingen besuchte, wurde er "mit gegen Juden gerichtete Be- merkungen und Obszönitäten empfangen, und schließlich spuckte H. vor Max Borns Füßen auf den Boden " (7). Heisenberg führte auch "viele offizielle Aufträge für die Naziregierung" durch (ebd. S. 60). So nimmt es kaum wunder zu erfahren, daß Heisenbergs Familie ein herzliches Verhältnis mit Himmler verband (8).

Paul Harteck, Physiker aus Hamburg und späterer Mitgefangener in FArms Hall, lenkte schon wenige Monate nach der Entdeckung von Hahn/Straß- mann/Meitner und noch vor Kriegsbeginn die Aufmerksamkeit des Reichs- kriegsministeriums auf "die Möglichkeit...Sprengstoffe herzustellen, deren Wirkung um ein Vielfaches größer wäre als die der gegenwärtig gebräuchlichen". Er betont: "Wir halten es für unsere Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß das Land, das als erstes Gebrauch davon macht, gegenüber den anderen Nationen einen beinahe nicht auszu- gleichenden Vorteil (hat)" (9).

Und wie steht es mit Carl F.v.Weizsäcker? Er stammt wie sein Bruder Richard aus einer Dynastie, der Giordano Bruno "Demokratiefremdheit, ja -feindseligkeit, Befangenheit im obrigkeitsstaatlichen Denken mo- narchischer Prägung" bescheinigt. Der Vater Ernst wird unter Hitler "zweiter Mann im Außenministerium" und muß sich später vor den Nürn- berger Richtern verantworten, die ihn zu einer siebenjährigen Haft- strafe verurteilen (10).

Weizsäckers hauptsächlicher Beitrag zur Atomforschung bestand in der Idee, nicht das Uran zu spalten, sondern dessen Brutprodukt, das Plu- tonium. Daraus entwickelten die Deutschen einen Vorsprung im Wettlauf um die Bombe, einem Wettlauf, von dem sie allerdings nichts ahnten. Der Vorsprung bestand in der Technik, einen Reaktor mit schwerem Was- ser und Natururan zu moderieren und so die Urananreicherung, den auf- wendigsten Teil der Atombombenherstellung, zu umgehen. Allein die An- reicherung hat das Manhattan-Projekt zum größten technisch-wissen- schaftlichen Unternehmen aller Zeiten gemacht.

Daß dieser Vorteil auf deutscher Seite nur ein theoretischer blieb, wurde erst im nachhinein offenkundig. Im Herbst 1941 jedenfalls, als der deutsche "Blitzkrieg" weite Teile der Sowjetunion überrollt hatte, sahen Weizsäcker und Heisenberg "eine freie Straße zur Atombombe" (11).

Auf Weizsäcker geht wohl auch die Begründung des Mythos' vom passiven Widerstand der deutschen Atomforscher zurück, wie Max von Laue 1959 schrieb (12). Robert Jungk fühlt sich von dem so glaubwürdig auftre- tenden Opportunismus Weizsäckers "richtiggehend irregeführt" und sieht im "Bewußtseinswandel" jener "Wendehälse" heute eine "Charakterschwä- che", die er als "Weizsäcker-Symptom" bezeichnet (13).

Jungks Vorwurf des Opportunismus bestätigt sich auch in den politi- schen Aktivitäten dieser Forscher im Nachkriegsdeutschland. Heisenberg trat noch vor 1955, dem Jahr der Wiederbewaffnung und Einrichtung des Atomministeriums (heute Ministerium für Forschung und Technologie) "als treibende Kraft der bundesdeutschen Atompolitik" in Erscheinung" (14). Weizsäcker griff 1978 in den Streit um die Atomenergie, der in der BRD auf einem Höhepunkt angelangt war, zugunsten der Betreiber ein. Kein Zweifel, daß dies der Atomindustrie und der Bundesregierung als Vorwand diente, am Atomprogramm festzuhalten und es auszubauen. Kein Zufall, daß den damaligen Kanzler Schmidt mit C.F. von Weizsäcker eine persönliche Freundschaft verband.

Von den "Argumenten" Weizsäckers sei hier eine Auswahl aus seiner Rede präsentiert: Weizsäcker erkennt im Reaktorbetrieb "nicht eine Gefahr, die mir als eine das Maß anderer Techniken überschreitende Gefährdung der Menschheit erscheinen könnte". Darin sei er durch "weitere Exper- tenbefragungen nicht mehr grundlegend erschüttert worden", mit anderen Worten, er hat den kritischen Sachverstand ignoriert. Er versteigt sich, "einen Kernreaktor unbedenklich umweltfreundlicher...als ein fossil befeuertes Kraftwerk (zu nennen)" und die "Einzelkatastrophen" von AKWs "nicht größer als beim Bruch des Staudammes eines Wasser- kraftwerkes" einzuschätzen, wobei er die Atomkraft so allgemein faßt, daß er keine Unterschiede zwischen Typen oder Staaten erkennen läßt und damit auch Harrisburg und Tschernobyl einbezieht. Weizsäcker lobt das "deutsche Programm der Endlagerung eingeschmolzener Rückstände in geologisch seit vielen Jahrmillionen stabilen Salzstöcken als eines der besten, wenn nicht das beste heute in der Welt bekannte". Dieses Konzept hat sich inzwischen als undurchführbar erwiesen, genauso, wie es schon damals von kritischen Sachverständigen vertreten wurde.

Abseits seiner Zuständigkeiten als Physiker stimmt Weizsäcker in den Chor derjenigen ein, die der "Menschheit" mit der Notwendigkeit des "Wirtschaftswachstums" die Atomenergie einbleuen wollen. Um keinen Zweifel an der zeitlosen Richtigkeit seiner Auffassungen aufkommen zu lassen, schließt Weizsäcker seine Rede mit der Bemerkung, daß "die Gemeinschaft der Wissenschaftler nicht eine Gemeinschaft der fraglos Wissenden, sondern eine Gemeinschaft der in der Wahrheitssuche einan- der kritisch Vertrauenden ist" (15).

Mit diesem Anspruch kann er nicht nur seine früheren Handlungen recht- fertigen, sondern sich zugleich einen Freifahrtschein für gegenwärtige und kommende Irrtümer und Fehlhandlungen ausstellen, geschehen sie doch um der "Wahrheitssuche" willen.

Die Rede Weizsäckers von 1978 wurde zum politischen Rechtfertigungsin- strument für die Atomindustrie und gab dem atomaren Zug erst richtig Dampf. Die heute erkennbaren Folgen der Atompolitik - Verschleuderung von Steuermilliarden, ein unentrinnbares Atommüllproblem, immer deut- lichere Zusammenhänge zu Kinderleukämie und Immunschwächen und eben auch: Tschernobyl - gehen also zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf das Konto Weizsäckers. Seine Autorität und die eines Heisenbergs und vieler ungenannter Wissenschaftler stellten sich in den Dienst der Atompolitik. Mit ihrer Scheinobjektivität und einer massiven Wissen- schaftsgläubigkeit im Rücken haben sie ihre politischen Interessen zum Schaden der Menschen durchgesetzt.

In größeren, geschichtlichen Zusammenhängen gesehen, haben sowohl im Faschismus wie auch in der Bundesrepublik dieselben Machtpolitiker mit dem Nimbus des unbestechlichen, nur der Wissenschaft verpflichteten Gelehrten durch die Atomenergie Bedrohungen geschaffen, die dem Zer- störungspotentil des deutschen Faschismus' - wenn auch auf anderer Ebene - in nichts nachstehen. Heisenberg hat zu einer Zeit, als die Industrie noch nicht einmal Berechnungen über etwaige Vorteile der Atomenergie vorlegen konnte, die politischen Weichen zu deren Nutzung gestellt. Im Zuge der Wiederbewaffnung konnte der Politiker Franz Jo- sef Strauß damit seine Pläne zur atomaren Aufrüstung verfolgen (siehe den Plutoniumreaktor von Niederaichbach). Der Freund und Weggefährte Heisenbergs, Weizsäcker, erhebt später seine Stimme zugunsten der Atomenergie, als sich gegen diese eine breite soziale Widerstandsbewe- gung formiert.

Dieselben Männer und ihre gelehrte Zunft hatten schon im Faschismus Positionen besetzt, die ihnen Ansehen und Reichtum garantierte, und nur die Umstände versagten es ihnen, "ihrem" Staat mit "ihrer" For- schung zum Endsieg zu verhelfen.

Lieber K., das sind meine Schlüsse aus der Vergangenheit. Du weißt, daß Geschichtschreibung immer auch Auslegungssache ist. Ich muß aus den mir zugänglichen Fakten schließen, daß die genannten Atomforscher sich den Nazis gegenüber mehr als willfährig verhalten haben, und neh- me in Anspruch, sie deswegen - unter der Persepektive ihres damaligen Wirkens - ebenfalls als Nazis zu bezeichnen.

1. Stachel, Mai 1994, "Alle 27 Jahre ein Tschernobyl"

2. R. Jungk in: M. Walker 1990, S. 10)

3. R. Radkau 1983, S. 34

4. R. Jungk: Heller als Tausend Sonnen, 1956

5. H.P. Dürr in: H. Höge 1988

6. R. Jungk in: M. Walker 1990, S. 7

7. A. Kramish 1987, S. 60

8. vgl. M. Walker 1990, S. 317

9. zit. in: A. Kramish, 1987, S. 72 - 73

10. vgl. G. Bruno, Spiegel 11/1989, S. 63

11. Weizsäcker in: Spiegel 17/91, S. 230

12. vgl. A. Kramish 1987, S. 321

14. R. Radkau 1983, S. 37

15. ZEIT vom 24.3.1978


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel.