Oldenburger STACHEL Nr. 9/94

"Fleisch - ein Stück Lebenskraft (vollständig)"

(Aus der Werbung)

Eine "Schweinepest" ist vorüber, und die schreckliche Mästerei geht weiter, als ob nichts geschehen wäre. Wie ein Schlaglicht haben die Bilder vom Keulen die Zustände in unserer heimatlichen Fleischproduktion der ganzen Welt erleuchtet, und kein Fleischfresser konnte übersehen, was er da ißt. Doch als hätte nur eine kleine Störung den normalen Betrieb beeinträchtigt, zählen die "Bauern" ihre Entschädigungen, verlangen empört endlich ein weitergehendes Impfrecht, verkaufen die Supermärkte und Schlachtereien ihre Koteletts, geht die Massentierhaltung uneingeschränkt weiter... Sprach da ein SPD- Regierungsmann von der Verkleinerung der "Höfe", von Bestand-Höchstgrenzen, vom Schutz kleiner Bauern ? Nichts, nichts geschieht, und die Grünen bleiben einsame Rufer in der Fleischwüste. Wie weit muß unsere Gesellschaft den kiloschweren Fleischkonsum und die industrielle Fleischfertigung als notwendigen Teil ihrer Existenz verinnerlicht haben! Wie es dazu kommen konnte, versucht Jeremy Rifkin in seinem Buch "Das Imperium der Rinder" darzustellen (Taschenbuch Campus Verlag, 277 Seiten, 36 DM, ISBN 3-593-35047- 5). Wir werden im folgenden versuchen, seine provokanten (und manchmal etwas zu schematischen) Thesen kurz zusammenfassen. Es lohnt sich außerordentlich, sich damit auseinanderzusetzen! Am besten ist es natürlich, gleich das Original zu lesen...

Achim

Statusfrage

"Fleisch essen, viel Fleisch essen, ist immer noch eine Statusfrage. Wer hat schon mal einen deutschen Facharbeiter fluchen gehört, wenn es (was selten vorkommt) in der Kantine einmal mittags kein Fleisch gab? Und was hat der gleiche Deutsche wohl abends und morgens zentimeterdick auf seinem Brot? Gesund ist das viele Fleischessen überhaupt nicht. Das wissen wir inzwischen. Trotzdem denken die meisten Fleischesser, sie wären fehlernährt ohne die gewohnten Fleischmassen... Eine Zeitlang glaubten wir in Deutschland, das Umweltproblem der Rinderhaltung sei bloß ein Gülleproblem (Und dabei sagten Experten, die "Schweinepest" habe der Nordsee mehr Schadstoffeintrag erspart als alle staatlichen Maßnahmen vorher! Achim). Weit gefehlt! Die Beiträge der Rinderhaltung zum Treibhauseffekt sind ähnlich groß wie die des gesamten Autoverkehrs, wenn wir die Waldrodung fürs Rind und für Futtermittel einbeziehen. Die Zerstörung der Artenvielfalt durch Waldrodung für die Rinder ist jedem bekannt, der sich einmal auf das Regenwälderproblem eingelassen hat. Und die Verwandlung von Savannen in Wüsten, die Erosion in Berggebieten, der übermäßige Wasserbedarf der Rinder, der gigantische Energiebedarf der Mastviehhaltung sind einige weitere Gründe dafür, daß wir mit jedem Pfund Rindfleisch der Umwelt schwer zusetzen." (Einleitung Ernst U.v.Weizsäcker, S.11f.)

Viehbestand und Treibhauseffekt

"1,28 Milliarden Rinder bevölkern heute die Erde... Sie grasen auf fast 24 Prozent der gesamten Landmasse des Planeten, und die Getreidemenge, die sie zusätzlich verschlingen, würde reichen, um einige hundert Millionen Menschen zu ernähren... Der Viehbestand trägt... wesentlich zum weltweiten Treibhauseffekt bei. Die Rinder scheiden Methan aus, ein Gas, das für die Erwärmung unseres Klimas sorgt und bewirkt, daß die Wärme nicht von der Erdatmosphäre abgegeben werden kann."(S.13)

"Wenn wir die Auswirkungen verstehen wollen, die Weidewirtschaft und Fleischkonsum auf unser eigenes Leben und das Leben unseres Planeten haben, kommen wir nicht umhin, die Geschichte der großen Rinderkulturen unserer westlichen Gesellschaft aufzuspüren und zu untersuchen, in welch mannigfaltiger Weise sie unsere Weltsicht und unsere Welt beeinflußt haben."(S.15)

"Von der Mast zur Schlachtung"

Bei der Mast werden die Tiere "mit Estradiol, Testoteron und Progesteron behandelt... Die Hormone regen die Zellen an, mehr Protein herzustellen und schneller Muskel- und Fettgewebe aufzubauen. Anabolika steigern die Gewichtszunahme um 15 bis 25 Prozent, die Futterverwertung um 5 bis 12 Prozent und die Zunahme an Muskelmasse um 15 bis 25 Prozent... Mehr als 95 Prozent aller Rinder, die in den Vereinigten Staaten in Mastbetrieben stehen, bekommen gegenwärtig Wachstumshormone verabreicht...

...die Milchkühe, die etwa 15 Prozent des in den USA konsumierten Rindfleisches liefern, erhalten nach wie vor Antibiotika... In dem für den menschlichen Verzehr bestimmten Fleisch finden sich häufig Rückstände dieser Medikamente, die bewirken, daß die Bevölkerung immer anfälliger wird für aggressivere bakterielle Krankheitserreger.

Kastriert und von Drogen benommen, stehen die Rinder stundenlang vor den Futtertrögen und fressen Mais, Zuckerhirse und andere Getreidesorten sowie ein Sammelsurium exotischer Futtermittel in sich hinein. Das Futter ist mit Pflanzenschutzmitteln durchsetzt. In den USA werden heuten 80 Prozent aller Pestizide für die Behandlung von Mais- und Sojapflanzen eingesetzt, die hauptsächlich als Futter für Rinder und anderes Nutzvieh dienen... Die Giftstoffe lagern sich im Organismus der Tiere ab und gelangen nach der Schlachtung mit dem Bratenstück zum Verbraucher. Dem National Research Council zufolge steht Rindfleisch an zweiter Stelle hinter den Tomaten auf der Liste derjenigen Lebensmittel, die aufgrund ihres Pestizidgehaltes als krebserregend eingestuft werden... Rindfleisch ist das Nahrungsmittel mit dem höchsten Herbizidanteil und steht, was die Verseuchung mit Insektiziden betrifft, an dritter Stelle. Rindfleisch ist für elf Prozent des Krebsrisikos verantwortlich, das den Verbrauchern heute durch Pestizide in allen auf dem Markt angebotenen Nahrungsmitteln droht..."(S.22f.)

"Wenn sie ihr 'Idealgewicht' von 500 Kilogramm erreicht haben, werden die Bullen in große Viehtransporter gepfercht, in denen sie keinen Zentimeter Bewegungsfreiheit haben. Während der rücksichtslosen Fahrt zum Schlachthof stürzen immer wieder einzelne Tiere und erleiden unter den Tritten der anderen Bein- und Beckenbrüche. Diese Tiere, die nicht mehr in der Lage sind, sich aufzurichten, werden als `Fertige` (downer) bezeichnet.

Die Rinder werden viele Stunden oder ganze Tage lang ohne Ruhepause und Nahrung und sehr oft auch ohne Wasser über weite Strecken transportiert. Am Ende der Fahrt werden die unverletzten Tiere in einem Viehhof am riesigen Schlachthauskomplex abgeladen. Die 'Fertigen' jedoch müssen oft Stunden auf das Abladen warten. Obwohl diese Tiere gewöhnlich furchtbare Schmerzen leiden, werden sie selten eingeschläfert oder anästhesiert, weil die Konsequenz ein unverwertbarer Kadaver und zusätzliche Kosten wären. Auf dem Boden der Viehtransporter zusammengebrochen, außerstande, aus eigener Kraft auf die Beine zu kommen, werden die bedauernswerten Kreaturen an den gebrochenen Beinen angekettet und vom Lastwagen auf eine Laderampe geschleift, wo sie liegen bleiben, bis sie an der Reihe sind, geschlachtet zu werden. .."(S.24f.)

Stiergötter und Teufel

"...viele unserer Zeitgenossen werden sich wundern, wenn sie erfahren, daß die Religiösität des Westens seit vorgeschichtlic her Zeit bis weit in das christliche Zeitalter hinein zu einem großen Teil von Stier- und Kuhgottheiten, von der kultischen Verehrung des Rindes geprägt war (Tanz um das goldene Kalb! Achim)."(S.29f.) "Den Todesstoß versetzte das junge Christentum dem (im Römischen Reich weit verbreiteten-Achim) Mithrasglauben, indem seine Vertreter den Stiergott zum Symbol des Bösen erklärten. So wurde aus dem Gott des Gegners der leibhaftige Teufel gemacht. Auf dem Konzil von Toledo im Jahre 447 veröffentlichte die Kirche erstmalig eine offizielle Definition des Teufels. Er wurde beschrieben als `große, schwarze, monströse Erscheinung mit Hörnern auf dem Kopf und gespaltenen Hufen..., mit Eselsohren, Haaren, Klauen, glühenden Augen, furchtbaren Zähnen, einem riesigen Phallus und von schwefligem Gestank..." (S.34)

Cowboys erobern das Abendland

"Die Geschichte des Westens liest sich streckenweise wie der Bericht eines fortgesetzten Kampfes zwischen Hirtenkulturen und Ackerbaugesellschaften - die einen abhängig vom Gras, die anderen vom Getreide. Beide verehrten das Rind, schrieben ihm aber unterschiedliche Attribute zu. Häufig traten die beiden gegensätzlichen Kulturen in Beziehung miteinander und beeinflußten so die Weltsicht des jeweils anderen. Ihr Verhältnis zueinander war geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen, die vor über 6.000 Jahren begannen, als die Reiterstämme Eurasiens und die neolithischen Ackerbauvölker Europas erstmals aufeinanderprallten. ...

Das erste Reitervolk war eine furchterregende Macht, es verfügte mit seinen Pferden über eine ungeahnte Mobilität und war in der Lage, Rinderherden über weite Gebiete zu beaufsichtigen. Dank seiner militärischen Überlegenheit eroberte es die eurasischen Steppen und schuf das erste Rinderimperium in der Geschichte. ...(S.36f.)

Die Steppenvölker kannten keine Verbundenheit mit dem Ort. Das Land war für sie etwas, das es zu erobern, zu besitzen und auszubeuten galt. Es hatte einen strategischen und ökonomischen, nicht jedoch einen religiösen oder inneren Wert. Sie fühlten sich nur an ihre Waffen gebunden, an ihr Vieh und die Güter, die sie mitnehmen konnten. Die nomadisierenden Reitervölker hatten ein anderes Bewußtsein, das bestimmt war von unbdedingtem Freiheitsstreben, kriegerischem Denken und der Unabhängigkeit vom Land, von Besitznahme und zweckbestimmtem Handeln. Mit der Zeit verschmolz ihre aggressive Weltsicht mit der bäuerlichen Erdverbundenheit der Völker, die sie unterjocht hatten..."(S.38f.)

"Machos und Matadore"

"Wenn wir heute an einen Stier denken, fällt uns höchstwahrscheinlich auch Spanien ein - der Pomp und die Grausamkeit des Stierkampfes, das Machogehabe der Matadore. ... Die ... Götter verschmolzen im Volksglauben mit den Stier- und Kuhgottheiten der Mittelmeergebiete und des Nahen Ostens, und es entstand ein spezifischer iberischer Rinderkomplex. ... Im 16. Jahrhundert gelangte der ibrische Rinderkomplex an die Ufer Amerikas. ... (Das Rind spielte) vom Beginn des modernen Kolonialzeitalters an eine entscheidende Rolle bei der Landnahme und der Unterdrückung der eingeborenen Völker." (S.46ff.)

"Die spanische Viehwirtschaft steckte im 16. Jahrhundert in einer schweren Krise. Die Iberische Halbinsel war durch Überweidung heruntergewirtschaftet. Um mehr Weideland zu schaffen, hatte man die Wälder gerodet. Aufgrund der starken Nachfrage nach Rindfleisch, Talg und Häuten wurde das Land so ausgelaugt, daß sich Wüsten in zuvor fruchtbaren Regionen ausbreiteten... In dieser Situation erwies sich das unberührte Grasland Amerikas als rettender Ausweg."(S.51)

"Das `Europa der Fleischfresser` war seit langem auf einen ununterbrochenen Strom von Gewürzen aus dem Osten angewiesen. Gewürze wie Pfeffer, Ingwer, Nelken, Muskat und Koriander wurden den Speisen auch beigemischt, um den Geschmack von verdorbenem Fleisch zu überdecken. ...

Der Fleisch- und insbesondere der Rindfleischkonsum in Europa nahm zu Beginn des 15. Jahrhunderts sprunghaft zu. Die Bevölkerung war durch die Pest dezimiert, und für kurze Zeit verbesserten sich deshalb die Lebensbedingungen von Bauern und Handwerkern, denn die Lehnsherren waren gezwungen, höhere Löhne zu bezahlen, um den Bedarf an nunmehr rar gewordenen Arbeitskräften zu decken... Ein Teil des Mehrverdienstes wurde für den zunehmenden Fleischkonsum aufgewendet. ... In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam es wegen des schnellen Bevölkerungswachstums zu einer Verminderung des Weidelandes, was viele Bauern in Europa zu einer weitgehend fleischlosen Ernährung zwang. ... Bis ins 19. Jahrhundert hinein blieb Fleisch Mangelware. Dann sorgten die Verbesserung des Schiffsverkehrs über den Atlantik sowie moderne Konservierungsmethoden dafür, daß riesige Fleischmengen von Nord- und Südamerika nach Europa exportiert wurden, und zwar zu Preisen, die sich die Fabrikarbeiter und der bürgerliche Mittelstand leisten konnten. ...

Auf der Suche nach Gewürzen zur Verbesserung des Fleischgeschmacks hatte Kolumbus neues Weideland gefunden. Heute ein halbes Jahrtausend später, dienen weite Landstriche in Nord-, Mittel- und Südamerika der Aufzucht von insgesamt mehr als 400 Millionen Rindern, um die Nachfrage der wohlhabenden fleischessenden Gesellschaften in Europa, Japan und den Vereinigten Staaten zu befriedigen..."(S.48f.)

Die englischen Fleischesser kommen

"Drei Jahrhunderte, nachdem die Spanier die Neue Welt mit Rindern überschwemmt hatten, setzte in den Ebenen Nordamerikas die Viehinvasion der Engländer ein. Die Kontore der Fleet Street und Glasgows eigneten sich um 1880 herum weite Gebiete der nordamerikanischen Grasebenen an und verwandelten das meiste Land westlich des Mississippi in Weideflächen für britische Rinder. ... Bereits zu Beginn der industriellen Revolution waren die Engländer die größten Fleischkonsumenten der Welt. 1726 wurden allein im Londoner Schlachthof etliche hunderttausend Rinder geschlachtet. ... Der Rindfleischkonsum geriet zum Initiationsritus der aufstrebenden Briten. Der Geschmack am Fett war gleichbedeutend mit dem Geschmack an Überfluß, an Macht und Privilegien, an den Werten, die diese Inselbewohner zu den mit Furcht und Neid bestaunten Herren der Welt machten. Mit dem Genuß von fettem Rindfleisch signalisierten die Bourgeoisie und später auch die Arbeiterklasse ihre Bereitschaft, eine Funktion in der Kolonialherrschaft ihres Landes zu übernehmen. Diese moderne Form des Stieropfers vereinigte die Klassen in einem gemeinsamen Ziel. ... ...bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich ganz Westeuropa den neuen Zuchtstandards der Briten angepaßt." (S. 58ff.)

"Der Statuscharakter, der dem Rindfleisch im 19. und frühen 20. Jahrhundert in den USA anhaftete, war vergleichbar mit der Rolle, die heute ein Automobil für das Prestige seines Besitzers spielt." (S.212)

Die verhängnisvolle Symbiose beginnt

"Um 1885 war ein Großteil des amerikanischen Westens im Besitz von britischen und schottischen Bankiers und Geschäftsleuten sowie einer Vielzahl englischer Adliger. Die Briten brachten nicht nur ihr Kapital mit, sondern auch ihre Vorliebe für fettes Fleisch. Der britische Verbraucher bestand auf üppigen durchwachsenen Fleischstücken. Um diesem Bedürfnis nachzukommen, dachten sich die britischen Rinderbarone des amerikanischen Westens einen genialen Plan aus. Erstmals in der Geschichte der Agrarwirtschaft vereinigten sie Viehzucht und Getreideanbau zu einer Produktionsgemeinschaf t, einer Symbiose, die das landwirtschaftlich e System und die Basis der Nahrungsmittelvert eilung für zukünftige Generationen grundlegend verändern sollte.

Bereits in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts hatten amerikanische Bauern im Mittelwesten damit begonnen, überschüssiges Getreide an ihre Rinder zu verfüttern. Wegen seiner ungewöhnlichen topographischen Beschaffenheit war das Ohio-Tal zum Versuchslaboratorium für das neue unternehmerische Mastkonzept geworden. Der fruchtbare Boden und das Klima begünstigten den Anbau von Mais. Der benachbarte Norden Indianas dagegen eignete sich wenig für den Maisanbau, bot sich aber als ideales Weideland an. Im Ohio-Tal wurde um 1830 ein solcher Überschuß an Mais produziert, daß gewitzte Bauern und Geschäftsleute auf die Idee kamen, das Vieh von Indiana über die Staatsgrenze nach Ohio zu treiben, um es mit Mais zu mästen, bevor es zu den Schlachthöfen von Cincinnati gebracht wurde. Das Miami-Tal im Südwesten Iowas und das Zentralland von Kentucky bildeten die ersten großen Viehfutterregionen. Als die Bevölkerungsdicht e zunahm und immer mehr öffentliches Land unter den Ackerpflug kam, waren die Viehzüchter gezwungen, ihre Herden immer weiter westwärts in das offene Grasland von Illinois und Iowa zu treiben... Auch der Maisanbau dehnte sich ... nach Westen aus. Am Vorabend des Bürgerkrieges gelangte ein steter Strom von Rindern von Iowa nach Illinois, wo sie vor dem Transport zu den Schlachthöfen von St. Louis und Chicago mit Mais gemästet wurden. ... Das neue symbiotische Agrarkonzept sollte schon bald die landwirtschaftichen und ökonomischen Beziehungen der Nationen verändern und letztendlich katastrophale Folgen für die Ökologie des gesamten Planeten haben." (S.72f.)

"Der Weltstier"

"Staaten wie Mexiko, wo immer größere Flächen als Viehweiden für den nordamerikanischen Markt dienen, sind von dieser Form der neokolonialistischen Ausbeutung am härtesten betroffen. Von Mexiko aus gelangen Unmengen an lebendem Vieh nach Texas, wo es dann gemästet und für den heimischen Markt geschlachtet wird. ... Gleichzeitig wird in Brasilien in immer weiteren Landstrichen Futtergetreide für Rinder angebaut. Ein beträchtlicher Teil davon wird nach Europa, Rußland, Japan und in die Vereinigten Staaten exportiert. In Mittel- und Südamerika selbst ist das Gras die Hauptfutterpflanze der Rinder. In Brasilien werden gegenwärtig 23 Prozent der gesamten Anbaufläche für die Produktion von Sojabohnen genutzt, von denen nahezu die Hälfte für den Export bestimmt ist. Das hat weitreichende Folgen. Ein halber Hektar Ackerland bringt gewöhnlich einen Jahresertrag von etwa 1.500 Pfund Weizen, Gerste, Roggen oder Hafer. Durch die vermehrte Aussaat von Sojabohnen auf diesen Äckern steht für die Menschen wesentlich weniger Getreide zur Verfügung; folglich steigen die Getreidepreise. Die Preissteigerung wirkt sich einseitig zu Lasten der Armen aus. Beispielsweise werden schwarze Bohnen, schon immer ein Hauptnahrungsmittel der ländlichen Bevölkerung, ständig teurer, weil viele Bauern dazu übergegangen sind, Sojabohnen für den lukrativeren internationalen Futtelmittelmarkt anzubauen...

In Mexiko beansprucht der Anbau von Soghumhirse für Futterzwecke einen immer größeren Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Noch vor 25 Jahren wurden in Mexiko weniger als 6 Prozent des im Lande geernteten Getreides an Vieh verfüttert, heute ist es mindestens ein Drittel. Und das in einem Land, in dem Millionen von Menschen an chronischer Unterernährung leiden...

Nachdem Regenwälder zu Weideland geworden sind und auf den Äckern Futtergetreide statt Korn für die Menschen angebaut wird, sehen sich die Bauern von ihrem angestammten Land vertrieben und ohne jede Existenzsicherung. Die moderne Viehwirtschaft ist ein kapitalintensiver Industriezweig, der mit einem minimalen Einsatz an Arbeitskräften auskommt. Während in der traditionellen Landwirtschaft bis zu einhundert Menschen von zweieinhalb Quadratkilometern Land leben können, kommt in einem durchschnittlichen Viehbetrieb im Regenwaldgebiet ein Angestellter auf 2.000 Rinder, das macht im besten Fall ein Mann auf 30 Quadratkilometer. .." (S.108ff.)

Rinder und Schweine essen Menschen auf

"Es mutet verlogen an, wenn sich die intellektuelle Elite der Industrienationen lang und breit darüber ausläßt, daß in den armen Ländern der Welt zu viele Kinder geboren werden, während sie die Überweidung durch die viel zu zahlreichen Rinder und die Realitäten einer Nahrungskette, die die Armen ihrer Lebensgrundlage beraubt, um den konstanten Nachschub an Fleisch für die Reichen zu sichern, schlicht ignoriert. ...

In den USA werden heute mehr als 70 Prozent der Getreideernte als Viehfutter verwendet... Das Rind ist der schlechteste Futterverwerter unter den Nutztieren. ... Neun Pfund Futter sind notwendig, damit ein Mastrind ein Pfund zunimmt... ...im Jahre 1979 (wurden) 145 Millionen Tonnen Getreide an Nutzvieh - Rinder, Geflügel und Schweine - verfüttert ... Nur 21 Millionen Tonnen von diesem Futter standen den Menschen nach der Energieumwandlu ng in Form von Fleisch und Eiern für den Verzehr zur Verfügung. `Der Rest - etwa 124 Millionen Tonnen Getreide und Sojabohnen - war für die Ernährung der Menschen verloren`. Nach Lappes Rechnung hätten diese verschwendeten Nahrungsmittel, in Geld umgerechnet, einen Wert von etwa 20 Milliarden Dollar, und hätte man sie für die Ernährung der Menschen genutzt, `so hätte die Menge ausgereicht, jeden Menschen auf der Erde ein Jahr lang täglich mit einer Schale Getreide zu versorgen..." (S.123ff.)

"Alljährlich sterben auf der Erde etwa 20 Millionen Menschen an Unterernährung und dadurch mitverursachten Krankheiten. Die Kinder dieser Welt zahlen den höchsten Preis: Fast 40 Prozent aller Kinder in den Entwicklungsländern leiden an Unterernährung, und es wird geschätzt, daß die dortige Kindersterblichkeit in 60 Prozent aller Fälle unmittelbar damit zusammenhängt. Mehr als 15 Millionen Kinder werden jährlich von Krankheiten dahingerafft, die durch Mangelernährung verursacht oder dramatisch verschärft werden..." (S.142)

Der fette Tod

"Die Bewohner der Länder mit hohem Proteinverbrauch leben gefährlich, sie sterben zu Millionen durch übermäßigen Verzehr von Fleisch aus Getreidemastbetrieben . Die Zahl der Todesfälle, die ursächlich mit einer allzu fett- und cholesterinreichen Ernährung zusammenhängen, steigt jährlich. Einem Bericht des Gesundheitsministeriums der USA zufolge waren von den 2,1 Millionen Sterbefällen im Jahre 1987 etwa 1,5 Millionen auf solche ernährungsbedingten Faktoren zurückzuführen." (S.135) Und es werden immer mehr Gefahren bekannt, die durch den Verzehr von industriellem Mastfleisch ausgehen. Die neueste und bedrohlichste scheint die Übertragung von Rinderwahnsinn auf den Menschen zu sein, was einige Experten für möglich halten. Der Rinderwahnsinn hatte sich durch Verfütterung von Fleisch an Wiederkäuer, das von Scrapie-befallenen Schafen stammte, unter den Rindern verbreitet. "Die als 'Rinderwahnsinn' bekanntgewordene Krankheit BSE ... wurde im Jahre 1986 in Großbritannien entdeckt. 1990 waren davon etwa 16.000 Tiere aus 7.000 Herden befallen. Das Gehirn der infizierten Rinder zersetzt sich und nimmt eine schwammartige Konsistenz an." (S.103)

"Weiden statt Regenwald"

"Seit 1960 sind mehr als 25 Prozent der Wälder Südamerikas abgeholzt worden, um Weideflächen Platz zu machen.... Gegen Ende der 70er Jahre dienten zwei Drittel der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche in Mittelamerika als Weideland für Rinder und anderes Vieh, von denen der weitaus größte Teil für den Export nach Nordmarika bestimmt war... In Costa Rica haben die Großgrundbesit zer die tropischen Wälder in nur zwanzig Jahren zu 80 Prozent abgeholzt und die Hälfte der landwirtschaftlich nutzbaren Bodenfläche in Rinderweiden verwandelt. .... Der Prozeß der Waldrodung, Landkonzentration und Vertreibung der ländlichen Bevölkerung wiederholt sich nach gleichem Muster in ganz Lateinamerika mit der systematischen Zielsetzung, die Festlandmasse eines halben Kontinents zu Weidefläche zu machen, um die fleischreiche Kost der wohlhabenden Lateinamerikaner, Europäer, Nordamerikaner und Japaner zu sichern." (S.157f.)

"1966 verabschiedete die brasilianische Regierung ... ein Programm mit dem Ziel, das letzte große Tropenwaldgebiet in wirtschaftlich nutzbares Land umzuwandeln... Einheimische und ausländische Konzerne wurden durch Steuervergünstigungen angereizt, Amazonasgebiet zu investieren. Über Nacht drangen multinationale Unternehmen ins Innere Brasiliens vor und schlugen breite Breschen in ehemals dichte Regenwälder, nicht zuletzt, um Weideflächen zu gewinnen. Amerikanische Multis .... tätigten hohe Investitionen am Amazonas. Ihrem Beispiel folgten europäische und japanische Konzerne wie Volkswagen und Mitsui... Alle diese Unternehmen ... erhielten für dieses Unterfangen großzügige finanzielle Schützenhilfe von der Weltbank, der Inter-American Development Bank und vom USAID, dem Amt für Entwicklungshilfe der Vereinigten Staaten.... Von 1966 bis 1983 wurden fast 100.000 Quadratkilometer Regenwald am Amazonas abgeholzt... Von Seiten der brasilianischen Regierung wurde geschätzt, daß etwa 38 Prozent des in dieser Zeitspanne vernichteten Regenwaldes den Weideflächen für eine großangelegte Rinderwirtschaft weichen mußten..." (S.160)

"Heuschrecken mit Hufen"

"Die Ausdehnung der Wüste ... ist auf Überweidung, landwirtschaftlichen Raubbau, Waldzerstörung und falsche Bewässerungstechni ken zurückzuführen. Von den vier genannten Ursachen kommt der Viehwirtschaft die herausragende Rolle zu. Einer Schätzung der Vereinten Nationen zufolge sind gegenwärtig 29 Prozent der gesamten Landmasse unseres Planeten `geringfügig, mittelschwer oder ernsthaft' von der Desertifikation betroffen..."(S.167) "Mehr als 60 Prozent der Steppengebiete der Welt wurden im Laufe der letzten 50 Jahre durch Überweidung zerstört... Darüber hinaus werden Millionen von Hektar Ackerland durch Bodenerosionen vernichtet, weil die Bauern die Ertragskapazität ihrer Felder überstrapaziere n, um Futtergetreide für die Mast von Rindern und anderem Vieh für die immer zahlreicher werdende Erdbevölkerung zu produzieren." (S.169)

"In den USA geht fast die Hälfte des gesamten Wasserverbrauchs auf den Anbau von Futtergetreide zurück. (In Südeuropa ist das sicher ähnlich - Achim). Auf ein Pfund Rindfleisch aus einem Mastbetrieb kommen 1.000 Liter Wasser für die Bewässerung der nötigen Getreidemenge. ...Lappe rechnet vor, daß das Wasser, das für die Erzeugung von vier Kilogramm Rindfleisch benötigt wird, der Menge entspricht, die ihre Familie in einem ganzen Jahr verbraucht. ... Für die Gewinnung von Proteinen tierischer Herkunft wird bis zu fünfzehnmal mehr Wasser benötigt als für die Produktion derselben Menge pflanzlicher Eiweiße..." (S.185)

"Mehr als die Hälfte der heute in nordamerikanischen Gewässern gefundenen organischen Giftstoffe stammen aus Rindermastbetrieben... Ein Mastrind produziert im Durchschnitt 20 Kilo Dung in 24 Stunden. In einem Mastbetrieb mit 10.000 Tieren fallen demnach an einem einzigen Tag 100.000 Kilo Dung an... (Das) entspricht der Abfallmenge, die in einer Stadt mit 110.000 Einwohnern produziert wird." (S.187)

Treibhaus

"Fast vier Liter Treibstoff werden in den Mastbetrieben der USA verbraucht, bevor man ein einziges Pfund Fleisch erhält... Um den Rindfleischbedarf einer durchschnittlichen vierköpfigen Familie für ein Jahr zu decken, werden 1.000 Liter Treibstoff gebraucht, bei deren Verbrennung 2,5 Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre abgegeben werden - das entspricht dem Abgasausstoß eines Mittelklassewagens in sechs Monaten bei normaler Nutzung.... Nun erfordert die Produktion von Futtergetreide auch den Einsatz von chemischen Düngemitteln, die wiederum Stickstoffoxide freisetzen. In den 40 Jahren zwischen 1950 und 1990 ist der weltweite Verbrauch von chemischen Düngemitteln drastisch angestiegen, und zwar von 14 auf 143 Millionen im Jahr ... Die globale Erwärmung geht derzeit zu sechs Prozent auf das Konto der Stickstoffoxide, die durch chemischen Dünger und andere Verursacher freigesetzt werden.

Schließlich und endlich produzieren Rinder das überaus wirkungsvolle Treibhausgas Methan. Methan wird auch in Mooren, Reisfeldern und Sickergruben freigesetzt, aber die riesigen Rinderbestände, die Vermehrung der Termitenvölker und das Abbrennen von Wäldern und Grasflächen haben in den vergangenen Jahrzehnten für die Entstehung von Methangasen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Methangas ist zu 18 Prozent an der fortschreitenden globalen Erwärmung beteiligt.... Schon heute wird von Fachleuten geschätzt, daß jährlich mehr als 500 Millionen Tonnen Methan in die Atmosphäre gelangen... Die 1,3 Milliarden Rinder der Welt haben daran mit 60.000 Tonnen, die sie im Jahr produzieren, immerhin einen Anteil von zwölf Prozent.... Allein durch das Abbrennen von Tropenwäldern, Grasflächen und Stoppelfeldern entstehen, neben dem CO2, 50 bis 100 Millionen Tonnen Methangas..." (S.190f.)

Psychologie des Fleischessens

"Es verwundert nicht, daß sich in den dominanten Rinderkulturen Europas, Amerikas und Australiens gebratenes Fleisch größerer Beliebtheit erfreute als gekochtes Fleisch. Die europäischen Kriegsführer des Mittelalters, ..., die Erforscher und Entdecker neuer Welten, die Siedler der großen Trecks ... und die Cowboys in den Prärien des Westens - sie alle drückten durch den Genuß von gebratenem Fleisch ihre Einstellung zu ihrer Beute aus. Niemand stellt sich einen Cowboy vor, der gekochtes Fleisch ißt. Selbst heute noch ... wird die Szenerie der Rinderkultur mit dem Klischee des Cowboys, der sein Fleisch über dem offenen Feuer brät, an lauen Sommerabenden in zahllosen Vorstadtgärten wiederholt, wenn der 'Herr' des Hauses die Holzkohle anzündet und die rohen Bouletten auf den glutheißen Grill klatscht.

Von allen Nahrungsmitteln besitzt das Rindfleisch den höchsten Status. In fast allen fleischessenden Gesellschaften steht das dunkle Fleisch an der Spitze der Nahrungsmittelpyramide, in absteigender Ordnung gefolgt von Hühnerfleisch und Fisch und tierischen Produkten wie Eiern und Käse. Dunkles Fleisch und Rindfleisch im besonderen wird wird wegen der ihm zugeschriebenen besonderen Qualitäten hoch geschätzt. Lange Zeit haftete dem Blut, das im dunklen Fleisch enthalten ist, der Mythos an, 'Kraft, Aggression, Leidenschaft und sexuelle Potenz' zu verleihen - Eigenschaften, die bei allen fleischessenden Völkern als erstrebenswert gelten... Das Blut ist die 'Lebenskraft' des Tieres. Es ist durchdrungen vom Geist und Stoff des Lebens...." (S.203f.)

"... Gesellschaften, die sich hauptsächlich von Fleisch ernährten, (waren) eher männlich dominiert ..., während sich Kulturen, die ihre wirtschaftliche Basis im Ackerbau hatten, eher an weiblichen Zielen orientierten. Die erstgenannten Gesellschaften sind gekennzeichnet durch männliche Götter, väterliche Abstammungslinie n und eine soziale Hierachie, an deren Spitze die Männer stehen. Frauen verrichten den Löwenanteil der Arbeit und ausnahmslos alle untergeordneten Tätigkeiten. In Ackerbaukulturen, die sich durch weibliche Gottheiten und Mutterrecht auszeichnen, herrscht gewöhnlich auch eine größere ökonomische Gleichheit. Da den Frauen die wichtige Rolle der Nahrungsversorgung zukommt, erreichen sie im sozialen Bezugssystem eine relative Gleichstellung mit den Männern. .... anders als in fleischessenden Kulturen, wo das Fleisch fast ausnahmslos auch Mittel der hierachischen Unterscheidung der Geschlechter war, (nahmen) 'die Frauen in Ackerbaukulturen keine Diskriminierungen aufgrund der Tatsache (vor) ..., daß sie die Nahrungsmittelversorgung leisteten'..." (S.206)

"Die Gleichsetzung von Fleisch mit Macht, männlicher Überlegenheit und Privilegien ist einer der ältesten und archaischsten Symbolismen, die in unserer heutigen Zivilisation noch Geltung haben." (S.210)

Eroberung und Entfremdung der Natur

"Europäische Theologen hatten mit ihrer Vorstellung vom Menschen als Mittelpunkt der Schöpfungsordnung den Boden für die Philosophie der Aufklärung bereitet. Nach der jüdisch-christlichen Glaubenslehre ist der Mensch nach dem Ebenbild Gottes erschaffen, und ihm ist die 'Herrschaft' verliehen über den Rest der göttlichen Schöpfung. Nach der Sintflut spricht der Gott zu Noah und seinen Söhnen:

'Furcht und Schrecken vor euch komme über alle Tiere der Erde, über alle Vögel des Himmels, über alles, was auf der Erde kriecht, und über alle Fische im Meer: in eure Hände sind sie gegeben.' (1.Mos.9,2)

Die Denker der Aufklärung waren überzeugt, daß Gott die Welt mit Vorbedacht so geschaffen habe, daß sie den utilitaristische n Zielen der Menschheit nutze. ... (Sie) richteten ihr ganzes Streben ... darauf, der Natur ihre vielen nützlichen Geheimnisse zu entreißen, in der Überzeugung, daß die Natur, wenn man sie erst einmal kannte, beherrscht, gelenkt und im Dienste der Menschen benutzt werden könnte.... Der utilitaristische Geist der Aufklärung führte zu einer tiefgreifenden Entfremdung der Natur. Der Philosoph und Mathematiker Descartes entwarf erstmals den radikalen Begriff von der Natur als Maschine. ... Descartes entblößte die Natur ihrer Lebendigkeit und reduzierte Schöpfung und Geschöpfe auf mathematische und mechanische Größen. Er ging so weit, Tiere zu 'seelenlosen Automaten' zu erklären. ... Die zeitgenössischen Intellektuellen begeisterten sich rasch für Descartes' Gedanken. ...

John Locke ... vertrat die Ansicht, daß den lebenden Geschöpfen und der unbelebten Materie der Erde kein Wert immanent sei, sondern daß sie erst wertvoll würden, wenn sie durch die Arbeit des Menschen und durch seine Maschinen in nützliche Stoffe, Produkte, Waren und Funktionen verwandelt worden seien. Wie viele seiner Zeitgenossen sah Locke die Natur als ein riesiges potentielles Vorratslager an produktiv nutzbaren Reichtümern. In der 'Negierung der Natur' lag für ihn 'der Weg zum Glück'..." (S.218ff.)

"Der Siegeszug des Hamburgers"

"Die Ausdehnung der Vorstädte in ländliche Gebiete wurde vor allem durch die Erfindung des Automobils möglich. Die neue, schnelle Variante des Individualverkehrs führte dazu, daß ein Großteil der städtischen Bevölkerung in die ländliche Umgebung abwanderte. Heute leben etwa 60 Prozent der Einwohner amerikanischer Großstädte in deren Vorortgebieten. ... Der Vorstadtbewohner war ständig unterwegs, er pendelte zwischen dem Arbeitsplatz in der Stadt und den Schulen, Einkaufszentren und anderen Einrichtungen seines Wohngebietes hin und her. 'Ständig auf dem Sprung zu sein' wurde zum unvermeidlichen Bestandteil des Vorstadtlebens. ... (Damit) änderten sich die Eßgewohnheiten der Nation ebenso grundlegend wie ihre Raum- und Zeitvorstellung. Für den Vorstadtbewohner mußten die Essensvorbereitung und das Essen selbst, seinem temporeichen, mobilen Lebensstil entsprechend, praktisch, zeitsparend und planbar sein. Die Fleischindustrie reagierte schnell und machte den Hamburger und die Fast-food-Ketten zum Symbol des neuen vorstädtischen Lebensgefühls. ... In jeder Sekunde kaufen 200 Amerikaner an einer Fast-food-Theke einen oder mehrere Hamburger und tragen so zu den Milliardeneinnahmen amerikanischer Restaurantketten bei. Jeder Amerikaner ißt durchschnittlich 12 bis 15 Kilogramm Hackfleisch im Jahr... Fast 40 Prozent der gesamten in den USA konsumierten Fleischmenge wird in Form von Hackfleisch, vor allem Hamburgern, verarbeitet. ...

Das Restaurantgewerbe war bereits auf dem besten Wege, den Vorgang des Essens in eine Beschäftigung zu verwandeln, die den Arbeitsprozessen am Fließband sehr ähnlich war. ... Der schnelle Service erforderte ein Gericht, das ebenso schnell zu essen war. Der Hamburger erfüllte auf ideale Weise die Bedingungen des Automobilzeitalters. Er war nicht nur billig und leicht zuzubereiten, sondern auch überaus praktisch. Man konnte ihn formen, normen und in Massenproduktion herstellen. ...

Mehr als die Hälfte aller Einwohner der USA lebt nicht weiter als drei Fahrminuten vom nächsten McDonald's-Restaurant entfernt." (S.224ff.)

Vom Fleisch zum Rohstoff

"Die Kinder der Industrienationen haben kaum eine Beziehung zu oder eine Vorstellung von den Tieren, die sie sich dreimal in der Woche oder häufiger einverleiben. Sie sind oft schockiert vom Anblick einer Rinderhälfte, die im Metzgerladen hängt. Sie sind es gewohnt, Fleisch als eine 'Sache' zu betrachten, ein materielles Ding, das durch den gleichen Prozeß entstanden ist wie ihre Spielsachen und Kleider beispielsweise. Das bedingungslose Zweckdenken unserer zeit hat sich mit den rationalisierten Produktionstech niken des Industriezeitalters verbunden und aus dem Rind einen Rohstoff gemacht, dessen Wert ausschließlich an seiner Vermarktbarkeit gemessen wird." (S.237)

"Sehr früh erkannten die Menschen, daß die anderen Geschöpfe sich nicht allzu grundlegend von ihnen unterschieden. Sie stellten fest, daß es übereinstimmende Körper- und Verhaltensmerkmale gab. Die Tiere konnten denken und handeln, Zuneigung und Liebe äußern, ihre Interessen durchsetzen ... Die Parallelen reichten aus, um den Menschen Kopfzerbrechen zu bereiten, wenn sie andere Tiere töteten und verzehrten. Um ihre zwiespältigen Gefühle zu beschwichtigen, entwickelten fleischessende Kulturen eine Vielzahl von Ritualen, mit denen sie Abbitte leisteten für die Tötung von Mitkreaturen. ...

(Ein) symbolisches Opfer gab den Beteiligten ein Mittel an die Hand, ihre Schuldgefühle, daß sie ein Tier getötet hatten, zu beschwichtigen. Indem sie sich des Einverständnisses des Tieres versicherten, konnten sie ihre Hände in Unschuld waschen und sich als Teilnehmer und Ausführende einer heiligen Handlung sehen, die von den Göttern gewollt war und der sich das Opfertier freiwillig unterworfen hatte.

Bei den Juden und Christen gab es solche Tieropfer nicht. Sie hatten es einerseits nicht nötig, für das Töten eines anderen Gewschöpfes Abbitte zu leisten oder den Göttern zu opfern, und andereseits gab ihnen der Glaube ganz neue Mittel in die Hand, das Essen von Tierfleisch zu rechtfertigen. Indem diese Religion den Menschen als nach Gottes Ebenbild geschaffen betrachtete und ihn zum Beherrscher der Schöpfung machte, gab sie ihren Anhängern eine vernünftige Begründung dafür, daß sie Tiere töteten und ihr Fleisch aßen. Später lieferten die Denker der Aufklärung eine biologisch-wissenschaftliche Rechtfertigung, da in ihren Augen die Natur nur dem einzigen Zweck dienen konnte, dem Menschen von Nutzen zu sein. ...

Um ihr Gewissen zu beruhigen, haben die Menschen unserer zeit eine Vielzahl von Barrieren zwischen sich und den Tieren, die sie essen, errichtet. Indem sie sich von einer engen Beziehung zu ihrer Beute entfernt haben, ist es ihnen gelungen, tiefverwurzelte emotionale Bindungen zu negieren und die Angst, die Scham, den Ekel und das Bedauern - all die Gefühle, die das Töten eines Geschöpfes oft begleiten - zu bekämpfen. .... Die fleischessenden Gesellschaften unserer Zeit haben sich noch weiter (als die Denker der Aufklärung) von der Natur entfernt, indem sie die Schuld am Tod der Tiere, die sie essen, delegieren, den Vorgang des Schlachtens unsichtbar machen, den Zerlegungsprozeß verschleiern und bei der Nahrungszubereitung die Identität des Tieres leugnen." (S.240ff.)

Das deutsche Schnitzel...

"63 Kilogramm Fleisch verzehrte der statistische deutsche Durchschnittsbürger im Jahr 1993, fast zwei Drittel, 40 Kilogramm, vom Schwein (7,5 kg stammten vom Federvieh, nur 1,5 kg von Schaf, Ziegen, Kaninchen und Wild). Mit 13 Kilo pro Kopf waren Rind- oder Kalbfleisch weit weniger beliebt.

Der Weg vom Sonntagsbraten zum täglichen Schnitzel war während der Aufschwungjahre durch die Massentierhaltung und entsprechende Preissenkungen unterstützt worden. 1950 mußte ein durchschnittlicher Industriearbeiter noch dreieinhalb Stunden für ein Kilo Schweinernes arbeiten, heute genügt dazu der Lohn von 45 Minuten. Der Höhepunkt der Fleischeslust war 1988 erreicht: Damals aßen die Deutschen 69,7 Kilo im Jahr. Aber seither geht der Konsum deutlich zurück: Steigendes Gesundheitsbewußt sein und sinkende Reallöhne bescherten dem Metzgergewerbe ein nur 'durchwachsenes' Geschäft..." (Nachwort, S.257f.)

"Milch- und Butterberge - auch die europäische Landwirtschaft kämpft mit gigantischen Überschüssen, vor allem an Rindfleisch. 1993 lagerten eine Million Tonnen des roten Fleisches in den Kühlhäusern und kosteten die Steuerzahler rund sieben Milliarden Mark. Um diese enormen Überschüsse abzubauen, will die Europäische Union möglichst viele Rinder in Drittländer verkaufen. Weil europäisches Vieh nicht mit den Weltmarkt-Preisen konkurrieren kann, wird der Handel bezuschußt.

Die Folgen sind verheerend: Mit ihren Dumpingpreisen bedrohen die Europäer Viehzüchter und Farmer vor allem in Afrika. In Westafrika und der Sahelzone werden Tausende von Tonnen tiefgefrorenen Fleisches für weniger als die Hälfte des Preises angeboten, die das Rind auf dem heimischen Markt kosten würde. ....

Die Preise auf den heimischen (afrikanischen) Märkten sind auf ein Drittel des ursprünglichen Wertes gefallen..... Das reicht kaum aus, um einen Nomadenhirten und seine Familie zu ernähren. In der Dürrezone des Sahel müssen sich Millionen Menschen auf das Vieh als einzige Erwerbsquelle verlassen, weil sie bei den herrschenden klimatischen Bedingungen kein Getreide anbauen können. ...

Der ökonomische Wahnsinn ist immer auch ein ökologischer. Die Europäische Union holt rund eine halbe Million Tonnen Futtermitttel allein aus Westafrika, um ihre Überschußrinde r hochzupäppeln. Teure Energie wird verschwendet, um Soja, Nüsse und Palmkerne bis nach Europa zu bringen - 64 Prozent der Futtermittel-Importe der EG stammten 1991 aus Entwicklungsländern." (S.260ff.) Wieviel geht davon über den Oldenburger Hafen, dessen Umschlag zu 90 Prozent aus Futtermitteln besteht, mit Lastwagen in die Güllezone südlich von Oldenburg ?

"Wo immer es geht, bevorzugen die Europäer den Export von lebenden Tieren. Niedriger sind die Kosten dafür nicht, der kostspielige Transport gefrorenen Fleisches wird durch größere Umfänge aufgewogen. Aber die Tierhändler haben eine starke Lobby. Sie wollen ihren Anteil am Subventionskuchen nicht den Fleischgroßhändlern überlassen. 1993 gab es pro hundert Kilo lebendes Rind, das nach Nordafrika oder in die Nahost-Länder ausgeführt wurde, an die 240 Mark. Für dieselbe Menge exportierten Fleisches lag der Preis etwa 15 Mark niedriger. Also werden die Tiere und nicht die Schnitzel in die engen Verschläge der rollenden Transporter oder der Ladedecks der Schiffe gepfercht, in sengender Hitze, ohne Licht, Futter und Wasser. Drei Millionen Rinder und dreimal soviele Schweine wurden 1992 innerhalb des Binnenmarktes verfrachtet. Eine Million lebende Rinder gingen in den Nahen und Mittleren Osten oder nach Nordafrika. Allein für 6.000 Rinder nach Libyen gelieferte Tiere, die dort nach strengem religiösen Ritus geschlachtet wurden, erhielten deutsche Viehhändler über sechzig Millionen Mark zusätzlich aus der EG- Kasse...

Jährlich werden etwa 250 Millionen Schlachttiere auf mörderischen Viehtransporte n durch Europa gefahren. Ein bis zwei Prozent der Rinder verenden, von den besonders streßanfälligen Schweinen jedes zehnte." (262f.)

"80 Prozent der untersuchten Fleischproben, so fand 1993 die Hamburger Verbraucherzentral e heraus, hätten 'die Kasse nicht passieren dürfen'. Viele der 244 Fleischproben, die die Konsumentenschützer in acht Großstädten in Kaufhäusern und Supermärkten eingesammelt hatten, waren laut Untersuchungsbericht 'verdorben und ekelerregend', mit Fäkalbakterien und anderen Kleinstlebewesen verseucht. Und das, obwohl bei drei Vierteln der gesetzeswidrigen Fleischpackungen das Mindesthaltbarkeitsdatum noch längst nicht abgelaufen war.

Die Todesangst, die den Tieren während der Transporte in den Knochen sitzt, hinterläßt auch im Fleisch ihre Spuren. Durch die Ausschüttung von Streßhormonen übersäuert das Muskelgewebe. Das Fleisch kann nach der Schlachtung nicht ordentlich ausreifen und wird deshalb rascher schlecht. Wenn es aus dem Schlachthaus kommt, sollte es zudem erst dann verladen werden, wenn es auf sieben Grad abgekühlt wurde. In der Praxis jedoch wird dieser Wert nicht eingehalten. Kühlschleusen, die die richtige Temperatur zwischen Schlachthoftor und Lieferanten sicherstellen sollen, stehen bis heute lediglich auf der Wunschliste der Fleischhygieniker. Also landen oft noch warme Tierteile in den klimatisierten Fleischtransportern und verwandeln diese in rollende Brutkästen, in denen sich Bakterien explosionsartig vermehren."(S.265)

Mahlzeit!


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel.