Oldenburger STACHEL Nr. 10/94

CASTOR kommt nicht

Ist das Zensur?

"Möglicherweise fassen einige die folgenden Zeilen als Ankündigung eines Anschlages auf:Anschlages auf:

,Kein CASTOR nach Gorleben und auch nicht anderswo. Für Daheimbleibende: Wir besuchen Preußen-Elektra und besichtigen das AKW-Esenshamm. Tel. OL-384755 (Q)"

So sollte eine Kleinanzeige im Sommer in der Bild-West (BWZ) erscheinen. Vorangegangen war ein Telefonat mit der Preußen-Elektra (PE)- die in Oldenburg u. a. den Atomstrom aus Esenshamm verkauft, wenn sie auch nicht die Betreiberin des AKW ist. Dort wurde zugesichert, daß an Gesprächen großes Interesse bestünde, auch an Gesprächen mit ausgesprochenen AKW- und CASTOR-GegnerInnen. Wenn das Fachwissen in Oldenburg nicht reiche, könnten auch Fachleute aus Hannover hinzugeholt werden. Bei der Demonstration von vielen Menschen zur PE am 30.6.94, die von der Bild-West fälschlicherweise alleinig Greenpeace zugerechnet wurde (nix gegen Greenpeace, aber es waren ja wirklich noch viel mehr andere da), wurde dieses Angebot vom Geschäftführer gegenüberden DemonstrantInnen nocheinmal untermauert. Einfach einen Termin machen und schon gibt es Gespräche. Da diese Gespräche nicht als Geheimgespräche gesehen wurden, sollte der Aufruf im Kleinanzeiger der BWZ erscheinen.

Leider hatten die bisher Beteiligten die Rechnung ohne die BWZ gemacht. ,Diese Kleinanzeige darf nicht" erscheinen. Zunächst wurde angedeutet, daß dort doch wohl mehr geplant sei, als ,nur miteinander zu sprechen". Auf die Frage, ob die BWZ meine, daß Bombenattentate nunmehr per Kleinanzeige angekündigt würden, wurden weitere Gespräche möglich. Im wesentlichen verliefen diese so, daß mit Angestellten der Firma vereinbart wurde, daß der Anzeigenleiter, angeblich ein Herr Brannekämper, persönlich sich der Angelegenheit annehmen werde. Es gab u.a. eine Nachricht auf dem Telefonautomaten: ,Bitte rufen Sie bis nn.00 Uhr an". Beim Rückruf hieß es: ,Wir haben wegen Olympia vorgezogen, es geht sowieso nichts mehr". Mit ähnlichen Verzögerungstricks wurde über Wochen hinweg gearbeitet. Mister Brannekämper blieb für das Gemeine Volk unsichtbar. Ein reiner Sitzungsmensch. Oder der Hausgeist.

Dann hie  es, es handele sich um eine politische Meinungs,u erung. So etwas geht nicht. Bekanntermaßen gibt es immer wieder politische Meinungsäußerungen im Kleinanzeigenteil der BWZ. Um ein jüngeres Beispiel anzuführen: ,Aha: Atomkraft macht krank! Schritte zur Entwicklung von Alternativenergien unterst. Sonnen- und Windenergie wählen. L. Olsen, H.-Allmers-Weg 5, OL." (BWZ 4.10.94)

Die Gespräche wurden soweit entwickelt, daß nach Monaten immerhin ein Stand erreicht wurde, wie er auch im Zitat zu entdecken ist. Während bei der gewünschten Anzeige noch gefordert wurde, es müsse nicht nur der volle Name und die volle Adresse genannt werden, sondern auch ,Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes:" dabeistehen (die BWZ kassiert!), scheint mittlerweile bei anderen die Möglichkeit zu bestehen, daß lediglich der Namenszug genannt wird. Als Alleinstehender hätte die unterzeichnende Person das zwar als eigenartig empfunden, aber dennoch eingewilligt. Weil unter der geforderten Adresse aber noch andere Menschen leben, wurde die Veröffentlichung der vollen Adresse abgelehnt. Da auch LeserInnenbriefe mit persönlichen Meinungen veröffentlicht werden, unter Nennung des Wohnortes ohne Angabe der Straße, bleibt die Haltung der BWZ mehr als fragwürdig. Dies besonders deshalb, als ja bereits in der ursprünglichen Fassung eine Telefonnummer als Kontaktadresse angegeben war. Es wollte sich ja niemand verstecken - lediglich als Ziel und Opfer für alle möglichen Schandtaten sollten an dem Geschehen Unbeteiligte nicht preisgegeben werden. Außerdem ist der presserechtlich Verantwortliche des Druckwerkes sowieso verantwortlich, gleich, ob noch eine zweite Person zusätzlich unterzeichnet oder nicht.

Da nicht nur der CASTOR (hoffentlich) nicht kommt - nach der Wahl geht es möglicherweise doch heiß her -, sondern außerdem auch die BWZ - nicht vertreten durch ihren Herrn Brannekämper - sich nicht meldet, kommt als nächstes die Beschwerde an den Deutschen Presserat.

Bei der PE sind letztlich auch nicht alle so aufgeschlossen, wie das nun scheinen mag. Als kürzlich ein Bekannter mit einem AKW-Nein-Danke Aufkleber auf der Tasche in die heiligen Hallen am Rummelweg schreiten wollte, gab es Zoff mit dem Pförtner: ,Damit kommen Sie hier nicht rein!" Das Portal wirkte auf den Besucher wie die Schleuse in einen Hochsicherheitstrakt .....

Gerold Korbus


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