Oldenburger STACHEL Nr. 10/94

Resümee einer Demo am Tag der Deutschen Einheit

Dieser Bericht von einer Demonstrationsteilnehmerin aus Bremen hat uns gerade noch rechtzeitig erreicht.

Da  diese Demo keine ruhige, friedliche werden würde, war wohl schon vor Monaten ersichtlich. Doch sp,testens seit dem Demonstrationsverbot, der Hausdurchsuchung im Sielwallhaus am Sonnabend mit etlichen Beschlagnahmungen und Festnahmen (ca. 60 Personen) sowie nach den darauffolgenden Krawallen im Steintor/Ostertor Sonntag nacht war mir klar, da  ich mich auf einiges gefa t machen mü te, wenn ich an dieser Demo teilnehmen wollte. Aber ich wollte trotzdem, oder besser jetzt erst recht." Da diese Demo keine ruhige, friedliche werden würde, war wohl schon vor Monaten ersichtlich. Doch sp,testens seit dem Demonstrationsverbot, der Hausdurchsuchung im Sielwallhaus am Sonnabend mit etlichen Beschlagnahmungen und Festnahmen (ca. 60 Personen) sowie nach den darauffolgenden Krawallen im Steintor/Ostertor Sonntag nacht war mir klar, da ich mich auf einiges gefa t machen mü te, wenn ich an dieser Demo teilnehmen wollte. Aber ich wollte trotzdem, oder besser jetzt erst recht.

Am Montag morgen gegen 8.30 Uhr formierten sich ca. 300 Menschen, darunter der Frauenblock, der sich aber schnell abspaltete, und ca. 200 vermummte - wie die Polizei zu sagen pflegt - gewaltbereite Autonome. Uns gegenüber standen etwa 150 gewaltbereite Polizisten, dahinter, am Sielwalleck, noch mehr. Dieser war bereits wieder hermetisch abgeriegelt. Da es wie mir schien, weder Demoroute noch Demoleitung gab, schlug mensch den erstbesten Ausweichharken ein nach rechts in die Wielandstraße, über Humboldstr., Besselstr. bis hin zur Parkallee, wo die erste Absperrung durchbrochen wurde. Die Polizei reagierte mit Schlägen und trieb die Menge durch eine nahegelegene Grünanlage, wo sich eine übriggebliebene Gruppe von ca. 200 Menschen wiederfand, die ihren Weg zur Bürgerweide fortsetzte. Da diese Gruppe es aber nicht schaffte, sich zu ordnen (Ketten bilden, ruhig bleiben) hatte die Polizei keine Schwierigkeiten, die Menschen zu umzingeln und einzukesseln, wobei es wieder zu hefigen Handgreiflichkeiten kam (dies geschah um ca. 10 Uhr).

Dort standen wir also nun: Dicht an dicht gedr,ngt und abwartend. Einige bekamen ziemlich schnell Panik und wollten raus, was natürlich nicht so einfach ging. Andere waren locker oder versuchten es zumindest zu sein. Nachdem als Einschüchterungstaktik ein Wasserwerfer aufgeboten wurde, mit dem sie bei etwaigen Einsatz ihre eigenen Leute auch umgeblasen h,tten, kam die erste Aufforderung der Polizei, da  die Demo hier nun zuende sei, weil sie verboten war und uns allen ein widerrechtliches Verhalten nachzuweisen sei, weil wir eben an dieser verbotenen Demonstration teilgenommen haben. Deshalb sollten jetzt erstmal unsere Personalien registriert werden. Einige der Demonstranten zeigten sich kooperativ, doch die Polizei lie  sie nicht aus dem Kessel heraus. Erst nach der dritten Aufforderung passierte etwas: Wir wurden herumgeschubst, und eine kleine, erste Gruppe wurde in den nahegelegenen Zugtunnel getrieben, der vorne und hinten hermetisch von Polizeikr,ften abgesperrt worden war. Zudem befand sich Tr,nengas in dem Tunnel. Dort standen wir ca. 45 Minuten herum. Danach wurden weitere 15 Leute in den Tunnel getrieben. So geschah es alle 10 bis 15 Minuten, bis fast alle wieder zusammen waren (ca. 100 Leute waren schon festgenommen worden). Jetzt geschah etwas für mich Unfaßbares: Die Polizei öffnete die Absperrung zum Hauptbahnhof und lies uns plötzlich frei. Später erfuhr ich, daß die Kapazitäten der Polizei, Leute unterzubringen, schon nach 270 Festnahmen so weit erschöpft gewesen waren, daß sie deshalb den Rest freilassen mußten. So waren wir also wieder ein Demozug, dem sich mehrere hundert Leute anschlossen, die teils außerhalb des Kessels auf uns gewartet hatten, oder sich aus den anderen Demozügen anschlossen (es gab an den Tag noch zwei weitere Demos).

Nun waren wir pl"tzlich 1000 Menschen, die nicht so recht wu ten, wohin. Es ert"nte eine Megaphondurchsage: man/frau sollte zum Arbeitsamt pilgern, weil dort angeblich noch eine Gruppe von Demonstanten eingekesselt worden sei. Dieses Vorhaben zerschlug sich aber relativ schnell, weil keiner an der Demospitze den genauen Weg zum Arbeitsamt wu te (alle selbstständig, der Tipper).

Also liefen wir die Hochstra e `rauf und wieder `runter, w,hrend einige Militante keine Wahltafel heil lie en und eine Deutschlandfahne anzündeten. Nach kurzem Halt auf der Kreuzung bogen wir in den Herdentorsteinweg ein. Aber auf dem Weg in die Innenstadt empfingen uns keine Polizeieskorten, die die City absperrten, sondern nur zivile Passanten, die ,ngstlich zur Seite traten als, sie uns sahen. Diese Handlungsfreiheit wurde von den Autonomen sofort wieder genutzt, und die Fensterscheiben einiger Geschäfte sowie der Deutschen Bank mußten 'dran glauben. Nach dieser Aktion hatten einige der friedlichen Teilnehmer der Demo gänzlich genug und flüchteten vor den anrückenden Polizeikräften. Ein Rest von ca. 20 Menschen wurde direkt vor Ort nochmal eingekesselt, eine Demonstrantin wurde dabei in eine kaputte Glassscheibe der Deutschen Bank gedrückt und schwer verletzt. Der Kessel wurde aber nach einer halben Stunde wieder geöffnet, weil sich in ihm offensichtlich keine Autonomen und sogar einige zivile Bürger befanden.

Alle 270 festgenommenen DemonstrantInnen wurden noch am selben Abend wieder freigelassen. Einige wurden erkennungsdienstlich behandelt, bei anderen wurden nur die Personalien aufgenommen. Teilweise wurde auf den Wachen geprügelt.

So be,ngstigend wie ich diesen Bürgerkriegs,hnlichen Zustand empfand, so nützlich und notwendig scheint er auch zu sein.

Denn sobald das Recht, seine Meinung zu ,u ern, untergraben wird und Ausnahmezust,nde, die von der Regierung ausgehen, zum Normalfall werden, sp,testens dann kann man verstehen, da  Menschen auf militante Weise reagieren und den Staat die volle H,rte des Gesetzes für das Volk spüren lassen.

Anke D.

,Sieht aus, als wenn Bremen mehr Besatzungstruppen pro Nase zum Gast haben werde als Haiti dieses Wochenende."

Wayne T.

,Der Weidedamm (mit 12 Hektar Deutschlands größte real existierende Anarchie) war das Wochenende eine Insel der Ruhe, in der mensch gut seine Grippe am Ofen auskurieren, und mit zugereisten Demotouristen Kaffee trinken konnte.

Selbst die Findorfer Dorfpolizei war wohl dieser Meinung. W,hrend auf der Hemmstra e und der Holler Allee alle 10 Minuten Mannschaftswagen mit Vollgas und Blaulicht ihrer Bestimmung zurasten, wurden bei uns nur normale 2 Mann Streifenwagen und sogar ein unerschrockener Fahrradbeamter gesehen."

Kraehe

,Hoffentlich haben sie A. nicht verhaftet."

B. am Sonntag abend

,Zum Glück waren die SEK's Auswärtige, wir haben im Steintor Katz und Maus gespielt. Klappte wie geübt. Von einer Seite ans ,Eck" Steine fliegen. Polizisten formieren sich, wir verpissen uns und kommen 10 Minuten später von der andere Seite wieder."

A. am Montag morgen.


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