Oldenburger STACHEL Nr. 10/94

Gegen die Logik der Gewalt

- eine Kampagne für die Gewaltfreiheit

Gewalt hat viele Gesichter

"Im Alltag wird immer öfter und selbstverständlicher direkte Gewalt als Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen eingesetzt. So gehören z. B. lebensbedrohliche rassistische Überfälle auf AusländerInnen fast schon zur Tagesordnung. Zwar rufen diese Überfälle Empörung bei einem Teil der Bevölkerung hervor, unbestritten bleibt allerdings auch, daß diese Form politischen Druck zu erzeugen Anerkennung gefunden hat, indem darauf mit einer Verschärfung der Asylgestze, bzw. des AusländerInnengesetzes reagiert wurde.

Auch in der Politik wird Gewalt immer offener als Mittel propagiert. Sei es bei Out-of-area Einsätzen der Bundeswehr, oder bei militärischen Interventionen in Ex-Jugoslawien. Das Beispiel der Diskussion um Bundeswehreinsätze im ehemaligen Jugoslawien und Somalia zeigt(e), daß selbst bei gewaltfreien AntimilitaristInnen das Wissen um Alternativen zur militärischen Gewalt wenig verbreitet ist.

Macht und Herrschaft als Formen der Gewalt

Doch läßt sich Gewalt nicht auf direkte Gewalt reduzieren. Unsere Gesellschaft heute ist geprägt durch Herrschafts- und Machtverhältnisse. Macht von Reich über Arm, von Männern über Frauen, von Weißen über Farbige, von ArbeitgeberInnen über ArbeitnehmerInnen, von Erwachsenen über Kinder _""Doch l, t sich Gewalt nicht auf direkte Gewalt reduzieren. Unsere Gesellschaft heute ist gepr,gt durch Herrschafts- und Machtverh,ltnisse. Macht von Reich über Arm, von M,nnern über Frauen, von Wei en über Farbige, von ArbeitgeberInnen über ArbeitnehmerInnen, von Erwachsenen über Kinder _

Wo Macht ausgeübt wird, bleibt kein Raum mehr für Selbstbestimmung. Macht oder Herrschaft ist somit auch ein Ausdruck von Gewalt.

Hinter dieser Form von Gewalt stehen Institutionen und gesellschaftliche und politische Strukturen. Sie erzeugen Armut, die Zerstörung der Umwelt, die Vorenthaltung von Rechten, Vorurteile gegen andere Menschen (Homosexuelle, Farbige, Alte, sogenannte Behinderte), schlechte Wohn- und Arbeitsbedingungen, wirtschaftliche Ausbeutung anderer Länder, (BürgerInnen-) Kriege , usw.

An jedem dieser Punkte gibt es Ansatzpunkte für Widerstand, Möglichkeiten für Alternativen. An diesen Punkten muß die Theorie und Praxis der Gewaltfreiheit ansetzen.

Gewaltfreiheit als Mittel der politischen Auseinandersetzung

Wir wollen der Logik der Gewalt, sei es nun bei Kriegen oder bei innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen (Widerstand gegen Rassismus, Umweltzerstörung, etc. _) gewaltfreie Ansätze entgegensetzen. Dabei ist Gewaltfreiheit nicht nur ein (taktisches) Mittel im Kampf, sondern auch mit einem anderen Politikverständnis und einer gesellschaftlichen Utopie verbunden. Die Utopie ist eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft.

Der Alltag heute ist durchdrungen von Formen der Gewalt, wie Rassismus, Sexismus und Konsumdenken. Soll eine politische Auseinandersetzung mit dem Fernziel gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft erfolgreich geführt werden, so darf diese Gewalt im Alltag und in der Auseinandersetzung nicht reproduziert werden. Ebensowenig darf auf dem Weg zur Gewaltfreiheit Gewalt als Mittel eingesetzt werden.

Gewaltfreiheit wird oft als passiv und schwach angesehen, und deshalb die Kraft von gewaltfreien Bewegungen unterschätzt.

Dem Ziel, gesellschaftliche Veränderungen durch gewaltfreie Bewegungen zu bewirken, liegt ein bestimmtes Modell über die Machtverteilung in der Gesellschaft zugrunde Das Modell der Macht von unten beruht auf der Ansicht, daß letztendlich die Macht bei der Bevölkerung liegt. Selbst in Gesellschaften mit starken Machteliten sind diese von der Kooperation, der Billigung und Unterstützung der Gesamtbevölkerung abhängig.

Strategie einer gewaltfreien Bewegung ist es deshalb nicht, gegen Staat/Militär _ anzurennen, sondern möglichst viele Menschen von den eigenen Idealen zu überzeugen.

Der Prozeß, soziale Veränderungen durch soziale Bewegungen herbeizuführen, ist der Kampf zwischen der Bewegung und den Herrschenden um die Herzen, die Köpfe und die Unterstützung (oder Duldung) der breiten Öffentlichkeit.

Dabei geht es jedoch nicht darum, zugunsten einer breiten Öffentlichkeit Kompromisse zu machen oder von den eigenen Idealen abzurücken.

Ziviler Ungehorsam ist ein wichtiges Element einer gewaltfreien Bewegung. Die Tatsache, daß Gesetze übertreten werden, wo dieses als notwendig und legitim erkannt wird, signalisiert die starke Überzeugung und die Kraft, die hinter einer Bewegung steht.

Gegen die Logik der Gewalt - Kampagne zur Gewaltfreiheit

Um die Idee der Gewaltfreiheit, bzw. die mögliche Kraft gewaltfreier Kampagnen in einer möglichst breiten Öffentlichkeit bekannter zu machen, plant die Graswurzelgruppr Oldenburg eine Kampagne für die Gewaltfreiheit.

Wir hoffen, daß die Kampagne dazu beiträgt, daß der Mut wächst, und Menschen sich eher dazu in der Lage sehen, sich in Konflikten gewaltfrei zu widersetzen oder einzugreifen.

Ein anderes Ziel der Kampagne ist, die in Oldenburg vielfältig vorhandenenAnsätze gewaltfreien Widerstandes, die oft punktuell vorkommen und nicht auf einer einheitlichen gewaltfreien Theorie beruhen, miteinander zu vernetzen und damit handlungsfähiger zu machen. Dabei geht es nicht um eine ideologische Vereinheitlichung, sondern um einen lebendigen Austausch. Ergebnis könnte/sollte ein langfristiger Austausch der ,gewaltfreien Bewegung" in Oldenburg sein, eine Art ,Gewaltfreies Aktionsbündnis Oldenburg".

Veranstaltungen der Kampagne

Die Kampagne setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen.

" Ein Teil ist eine Artikelserie im " Ein Teil ist eine Artikelserie im Stachel über 6 Monate. Ihr werdet also auch noch weiterhin das Vergnügen haben, über verschiedene Aspekte der Gewaltfreiheit oder über gewaltfreie Bewegungen lesen zu können.

Außerdem soll in diesem Rahmen das Programmheft zur geplanten Veranstaltungsreihe veröffentlicht werden, wo die einzelenen Veranstaltungen genauer vorgestellt werden.

Im Januar/Februar planen wir eine Veranstaltungsreihe mit ca. sieben Veranstaltungen. Sie ist in die Themenblöcke Theorie der Gewaltfreiheit, Geschichte gewaltfreier Aktionen und Gewaltfreie Ansätze heute eingeteilt.

Für den Block Theorie der Gewaltfreiheit ist geplant:

• Theorie der Gewaltfreiheit; Referent Christian Bartholz vom Gandhi-Informationszentrum, Berlin;

• Soziale Verteidigung. Für viele Menschen endet die eigene Gewaltfreiheit bei militärischen Konflikten zwischen Staaten oder wenn sie sich durch einen Krieg bedroht sehen. Soziale Verteidigung ist ein Konzept, wie Menschen sich bei einem Angriff eines anderen Staates oder auch gegen die eigene Regierung zur Wehr setzen können. Referentin: Christine Schweitzer, Bund für Soziale Verteidigung.

Geschichte gewaltfreier Aktionen

• Ein klassisches Beispiel für erfolgreichen gewaltfreien Widerstand ist die Geschichte des Larzac. Der Larzac ist eine Hochebene in Südfrankreich, wo ab 1971 ein schon vorhandener Truppenübungsplatz auf mehr als das fünffache seiner Fläche erweitert werden sollte. Dagegen setzten sich Bauern und Bäuerinnen gewaltfrei und phantasievoll zur Wehr, entfachten in Frankreich eine antimilitaristische Bewegung und konnten letztendlich die Erweiterung des Truppenübungsplatzes verhindern. Referent ist Wolfgang Hertle vom Archiv Aktiv. Zusätzlich wird ein Film gezeigt.

• Auch unter Hitler hat es gewaltfreien Widerstand gegeben. Nur ein Beispiel davon sind ,Die Frauen aus der Rosenstraße". Damals leisteten in der Berliner Rosenstraßedeutsche Frauen erfolgreich Widerstand gegen die Deportation ihrer jüdischen Männer. Als Referenten haben wir einen Zeitzeugen, Herrn Loewenstein de Witt aus Berlin eingeladen.

Gewaltfreie Ansätze heute

• Gewaltfrei gegen Rassismus. Diese Veranstaltung beinhaltet ein Kurztraining (ca. 3 h) zum gewaltfreien Eingreifen bei rassistischer Gewalt. TrainerInnen sind Robin Kendon (Graswurzelwerkstatt, FöGA) und Kerstin Hornig (Oldenburg)

• Gewaltfreie Bewegung in der ,3. Welt": Häufig ist die Meinung zu hören, daß Gewaltfreiheit nur für die ,demokratischen" Gesellschaften der 1. und 2. Welt taugt. Vor dem Hintergrund der existentiellen Bedrohung durch Armut und Militärdiktaturen in der ,3. Welt" gäbe es jedoch keine Alternative zum bewaffneten Widerstand. Die Veranstaltung soll über gewaltfreie Bewegungen in der ,3. Welt" informieren, die zahlreicher und erfolgreicher sind, als hier bekannt ist. ReferentIn N. N.

• Gewaltfreie Nachbarschaftshilfe: Die Veranstaltung gibt Antworten auf die Fragen warum und wie sich Menschen eines Straßenzuges oder eines Stadtteiles organisieren sollen/können um rassistischer, sexistischer und anderer Gewalt entgegenzutreten. Referent: Kurt Südmersen, Bund für Soziale Verteidigung

Weitere Bestandteile der Kampagne sind eine Zukunftswerkstatt zur gewaltfreien Vernetzung in Oldenburg und ein gewaltfreies Aktionstraining (auf Wunsch auch noch weitere _).

Veranstalterin der Kampagne ist die Graswurzelgruppe Oldenburg.

Wir treffen uns jeden Donnerstag um 20.00 Uhr (die Treffpunkte sind telefonisch zu erfragen); jeden 3. Donnerstag im Monat im Caf, am Damm.

Silke, für die Graswurzelgruppe Oldenburg, Groninger Straße 28, 26129 Oldenburg, Tel: 0441/ 777309, Fax: 0441/204126


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