Oldenburger STACHEL Nr. 10/94

"Du Arsch, wieso frißt Du Fleisch ?"

"Über Toleranz, Mitmenschlichkeit und Umgang

Der Zustand unserer Erde ist erschreckend, wenn nicht katatrophal, auch wenn die Apokalpse noch in weiter Ferne scheint. Der Mensch als das alles beherrschende Wesen ist in der Pflicht, den weiteren Verfall zu verhindern. Die oder der Einzelne tut sich jedoch schwer damit. Wie kann ich als einfacher Mensch denn irgendetwas erreichen? Ach, das bringt doch sowieso nichts! So oder so ähnlich denken viele, die eigentlich etwas tun möchten, sich aber nicht so recht trauen oder nicht wissen, wie sie etwas bewirken können. Im kleinen beginnt aber jede Art von Verbesserung oder Reform. Ohne die Mitwirkung des Einzelnen kann kein Vorhaben verwirklicht werden, hat unsere Erde keine Chance.

Besonders auch die jüngeren Menschen fragen sich, was sie denn tun können. Die Schule als Forum für derlei Diskussionen hat natürlich eine besondere Funktion, auch wenn hier der ein oder andere Beitrag ,nach hinten losgeht". Es sicher richtig, daß die Zukunft in den Händen der Jugend liegt, folglich sollten gerade sie sich Gedanken über sich und ihre Umwelt machen, versuchen eigene Vorstellungen zu entwickeln und beginnen, Verbesserungen anzustreben.

Der vegetarische/vegane Gedanke oder die vegetarische/vegane Bewegung, wenn man sie so nennen kann, zeigt hier eine Möglichkeit auf. Auf den Genuß (?) von Fleisch oder insgesamt von tierischen Produkten zu verzichten ist eine Möglichkeit, selbst Zeichen zu setzen und selbst etwas zu bewegen. Legebatterien, Massentierhaltung, Billig-Importe aus der Dritten Welt - all dies unterstützt ein Vegetarier oder Veganer durch seine Eßgewohnheiten nicht mehr. Natürlich ist es schwer, dies konsequent und wirklich ehrlich durchzuhalten, aber selbst die Bemühung ist schon ein Fortschritt. Insbesondere die Bewußtseinsbildung, die für eine solche Entscheidung von Nöten ist, ist schon bemerkenswert. Wenn hierbei auch nur herumkommt, daß sich die Menschen wieder mehr Gedanken um sich und ihre Umwelt, von der auch sie selbst abhängen, machen, dann ist schon etwas gewonnen.

Rein biologisch betrachtet ist das Töten und Verzehren von Tieren durch den Menschen normal - eine Nahrungskette, die von fressen und gefressen werden gekennzeichnet ist. Der zivilisierte Mensch heutiger Prägung übertreibt jedoch maßlos. Aufgrund seiner Stärke und Intelligenz bestreitet er keinen ,Kampf" um seine Nahrung, sondern instrumentalisiert die sog. ,niederen Lebewesen", degradiert sie zu Objekten und Konsumgütern. Massentierhaltung oder Treibnetzfischerei sind keine Mittel innerhalb einer Nahrungskette, sondern unmenschlich, überflüssig und verwerflich.

Dies zu berücksichtigen, sich bewußt zu werden, was es heißt, auf diese Art und Weise gewonnene tierische Produkte zu konsumieren, dieses Unrecht nämlich stillschweigend zu billigen und durch sein Kaufverhalten zu fördern, ist heute wichtiger denn je. Menschen, die sich dazu entschließen, vegetarisch oder vegan zu leben, haben diesen Schritt getan.

Innerhalb einer Gesellschaft trifft man die unterschiedlichsten Ansichten oder Strömungen an, verbindet und unterscheidet Verhaltensweisen und Erlebnisse. Oft genug versuchen sich Menschen, auf politischer oder privater Ebene von ihrem Verhalten zu überzeugen, versuchen andere für eine Idee zu gewinnen oder ihnen nahe zu legen, sich ähnlich zu entscheiden. Hierbei bedarf es einer Diskussionskultur und der Respektierung des jeweiligen Gegenübers als eigenständiges, seine eigenen Entscheidungen fällendes Individuum. Ohne diese Grundlage kann es keine fruchtbaren Gespräche geben und nur dies kann ,Basis- (einer)demokratie" sein, die sowohl im öffentlichen als auch im privaten Leben Bestand haben soll.

Auch in der Bewertung des angesprochenen Problems sollte diese Respektierung Grundlage sein. Es erscheint mir als zu tiefst widersprüchlich und irrsinnig, wenn von der vegetarischen/veganen Idee überzeugte Menschen nicht in der Lage sind, anders Denkende zu akzeptieren. Zunächsteinmal muß jeder mit sich selbst klar kommen und sich selbst fragen, ob sich seine Eßgewohnheiten mit seinem Gewissen und seinen Ansichten verbinden lassen. Natürlich ist ehrenwert, wenn Vegetarier/Vegane versuchen, andere von ihrem Standpunkt zu überzeugen, ich selbst denke auch so, aber das zu respektierende Tier besser zu behandeln als einen ,fleischfressenden" Menschen, halte ich für verwerflich. Sich hinzustellen und den Schutz der Tiere zu predigen, den Genuß (?) tierischer Produkte zu verurteilen, eben weil sich der Mensch unmenschlich verhält, sich dann aber seinen Mitmenschen gegenüber, die anders denken und tierische Produkte konsumieren, genauso unmenschlich zu verhalten, indem sie persönlich verletzt, beleidigt oder mißachtet werden, kann doch nicht im Sinne der Sache sein. Durch solch ein Verhalten macht sich doch ein jeder unglaubwürdig und erreicht für diese, in meinen Augen, richtige Überzeugung gar nichts.

Es bedarf genauso eines vernünftigen Umgangs der Menschen miteinander wie des Schutzes der Tiere. Nur wenn dies in Einklang miteinander stattfinden kann, erreichen wir für die Zukunft etwas, sonst schneiden wir uns ins eigene ,Fleisch!"

Sebastian Weber


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