Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Gegen die Logik der Gewalt" soll es auch um die Grenzen der Gewaltfreiheit bzw. um gewaltfreien Widerstand in extremen Situationen gehen. Zur Diskussion dieses Themas wollen wir mit der Veröffentlichung eines Interviews mit Jaques Sémelin anregen. Unzufrieden über seine eigenen Antworten auf die häufig gestellte Frage "Was hättet Ihr gegen Hitler unternommen?" hat er sich in eine Forschungsarbeit vertieft, deren Ergebnis die Veröffentlichung des Buches "Ohne Waffen gegen Hitler" (bisher nur auf französisch (1989) und englisch (1993) erschienen) ist. Jaques Sémelin beschreibt und analysiert in seinem Buch zahlreiche Beispiele des zivilen Widerstandes während der deutschen Besatzungszeit in Europa. Das folgende Interview wurde von der französischen Zeitung "Non-Violence Actualite" 1989 veröffentlicht.
Frage: Warum veröffentlichst Du heute eine Studie über den zivilen Widerstand im Nationalsozialismus?
Jaques Sémelin: Diese Arbeit symbolisiert meinen Lebensweg. Bis gegen Ende der 70er Jahre war ich eine Art professioneller Aktivist in der gewaltfreien Bewegung. Dann spürte ich das Verlangen, vom Stadium der Bejahung meiner Überzeugungen zur Nachforschung überzugehen. Für mich gibt es grundsätzliche Fragen, welchen die gewaltfreien AktivistInnen noch nicht wissenschaftlich nachgegangen sind. Als ich mit meiner Forschungsarbeit begann, war es mein Hauptanliegen herauszufinden, welche Gültigkeit die gewaltlose Aktion angesichts ihrer Grenzen hat.
Ich wollte die Hypothese der gewaltlosen Aktion in dem Bereich überprüfen, in dem sie sich am schwersten behaupten kann, nämlich in der extremen Gewalt, welche der Nationalsozialismus ausgeübt hat. Dieses Problem ist eng mit meinen Erfahrungen verknüpft, denn in den Diskussionen, die ich während meiner Zeit als Aktivist führte, wurde mir oft die Frage gestellt: "Was hättet Ihr, die Gewaltfreien, gegen Hitler unternommen?" Und genau dieser Frage habe ich bei meiner Forschung den Vorrang gegeben.
Frage: Mit welcher Arbeitsmethode bist Du vorgegangen?
Jaques Sémelin: Um auf diese Frage zu antworten, muß ich zuerst den Begriff "ziviler Widerstand" klären. Was verstehen wir denn zunächst mal unter "Widerstand"? Ich glaube, daß der Begriff Widerstand den Begriff "Bruch" miteinschließt; die Willensstärke, nein zu sagen, mit der herrschenden Ordnung zu brechen. Aber er hat auch eine andere wichtige, eine kollektive Dimension. Von individuellem Widerstand zu reden kann sehr vieldeutig sein. In diesem Zusammenhang sollten eher die Begriffe "Rebellion" oder "ziviler Ungehorsam" angewandt werden. Und das schränkt mein Forschungsfeld bereits ein, denn die individuellen Aktionen, oder auch die kleinen Gruppen habe ich in meinen Forschungsarbeiten nicht aufgenommen. Außerdem war es mir nicht möglich, den Begriff "Gewaltlosigkeit" im Rahmen des 2. Weltkrieges auf zutreffende Weise zu verwenden, da diese Zeit mit einer äußerst starken Verknüpfung zwischen bewaffnetem unnd unbewaffnetem Kampf gekennzeichnet ist. Sehr oft fanden unbewaffnete Aktionen statt, weil keine andere Möglichkeit vorhanden war, weil keine Waffen zur Verfügung standen - und das trifft wohl auf die meisten Aktionen zu.
Meiner Meinung nach darf vom Begriff "gewaltfreie Aktion" nur dann Gebrauch gemacht werden, wenn es sich ausdrücklich auf eine Philosophie oder eine gewaltfreie Strategie bezieht. Wir haben keinerlei Interesse daran, einen zu extensiven Gebrauch des Wortes "Gewaltlosigkeit" zu machen, um seinen universellen Charakter zu zeigen, denn dies würde zu einer Abwertung seiner tiefgreifenden Bedeutung führen. Ich habe deshalb einen passenden Begriff gesucht und bin nach langem Hin- und Herüberlegen zu dem Schluß gekommen, daß der Ausdruck "ziviler Widerstand" angebracht wäre.
Frage: Wie definierst Du den Begriff "ziviler Widerstand"?
Jaques Sémelin: Ich definiere den zivilen Widerstand als den unbewaffneten Widerstand der zivilen Gesellschaft. "Zivile Gesellschaft" bedeutet für mich zweierlei: die zivilen Einrichtungen und die Zivilbevölkerung. Die einen können zugegen sein und die anderen überhaupt nicht vorhanden, doch in seiner Idealform stellt der zivile Widerstand sowohl den Widerstand der Zivilbevölkerung als auch den der zivilen Einrichtungen dar. Aber damit ist die Definition des zivilen Widerstandes immer noch nicht ausreichend, denn während des 2. Weltkrieges wurden die unbewaffneten Mittel oft zu militärischen Zwecken benutzt, womit wir wieder beim Problem der Verküpfung wären. Ich habe deshalb ein anderes Kriterium angewandt, und zwar das der Ziele. Es gibt einen zivilen Widerstand, der mit dem bewaffneten Kampf für militärische oder paramilitärische Zwecke im Dienste des Krieges und des militärischen Sieges der Alliierten verbunden ist: Nachrichtendienst von ZivilistInnen, Hilfen an die bewaffneten Widerstandsgruppen ... Dieser Widerstand ist sehr wichtig, doch werde ich mich hier nicht weiter mit ihm befassen. Ich untersuche eine andere Seite des zivilen Widerstandes, und zwar die, die im engeren Sinne zivile Ziele hat, nämlich den Schutz der Grundwerte der angegriffenen Gesellschaft, den Schutz der Zivilbevölkerung ... Der zivile Widerstand im Rahmen ziviler Ziele: hier ist der Rahmen meiner Forschungsarbeit definiert.
Ich weise aber darauf hin, daß ich mich auf Europa beschränke und nur die Fälle des Massenwiderstandes festgehalten habe, in denen Tausende oder sogar Zehntausende verwickelt waren. Das nenne ich den "autonomen zivilen Widerstand". Das Wort "autonom" muß jedoch relativiert werden, denn eine hundertprozentige Selbstbestimmung gibt es nie.
Frage: Kannst Du uns genauer beschreiben, worin die Stärke dieses autonomen zivilen Widerstandes lag?
Jaques Sémelin: Ich glaube einerseits, daß der auf diese Weise definierte zivile Widerstand ein erster Schritt zur Mobilisierung der Gesellschaft in einem äußerst komplexen Strukturierungsprozeß des allgemeinen Widerstandes war. Ich denke hierbei an Demonstrationen, Protestaktionen der Kirchen, der Behörden, der Gerichtshöfe, etc. Diese Formen des Widerstandes waren ein erster offener Ausdruck des Widerstandswillens. Willenskräfte, die sich dann heimlich organisierten und evtl. auch bewaffnet haben. Die Mehrzahl der Fälle, die ich untersucht habe, liegen zwischen 1939 und 1943. Durch das Geschehen in Stalingrad 1943 fand eine Wende statt. Tatsächlich hatte der Verlauf des Krieges großen Einfluß auf die Denkweisen der Bevölkerung, denn nach 1943 hielt sie es für möglich, sich vom Nationalsozialismus zu befreien.
Auf der anderen Seite hat der zivile Widerstand dazu beigetragen, die kollektive Identität der angegriffenen Gesellschaft zu schützen, indem er die Grundwerte bejahte, die das herrschende Regime mit Füßen treten wollte. Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen nahm der zivile Widerstand eine bedeutende politische Rolle ein, indem er die Kontrollübernahme der Gesellschaft durch die Besatzungsmacht zu verhindern suchte. Die zentralen Begriffe, die es ermöglichen, dies klarzustellen, sind "Nichtzusammenarbeit", "Legitimität" und "öffentliche Meinung".
Frage: Warum hast Du den zivilen Widerstand gegen den Völkermord gesondert behandelt?
Warum? Weil es unbedingt notwendig ist, zwei Probleme voneinander zu trennen. Das erste ist das der Beziehungen zwischen Besatzungsmacht und der betroffenen Bevölkerung; eine klassische Frage, die durch die Besetzung einer Gesellschaft durch eine ausländische Macht gestellt wird. Und das zweite Problem liegt zwischen den Verfolgern und ihren Opfern, was als das Problem des Völkermords angesehen werden kann. Mensch muß diese zwei Logiken im Kopf haben. Sie sind selbstverständlich miteinander verbunden; der Völkermord hat während des Krieges stattgefunden. Aber sie sind auch unabhängig voneinander, und zwar in dem Maße, indem nicht alle Kriege Anlaß zu Völkermorden gegeben haben - zum Glück!
Kommen wir wieder auf das Problem des sozialen Zusammenhangs zurück. Die Verwundbarkeit der Juden/Jüdinnen im Europa der 30er und 40er Jahre ist die, daß sie nicht immer wirklich in der Gesellschaft integriert waren, in der sie lebten. In dieser Beziehung wußten die Nazis die soziale Teilung und den Antisemitismus in den Ländern, die sie besetzten, auszunutzen.
Wenn die Nazis auch die Hauptverantwortlichen für den Völkermord sind, so ist es doch zu einfach zu sagen, daß nur Deutschland dafür verantwortlich ist: es hätte keine Vernichtung von 6 Millionen Juden/Jüdinnen stattgefunden, wenn das damalige Europa nicht antisemitisch gewesen wäre.
Frage: Welche Verantwortung tragen die damaligen demokratischen Regierungen gegenüber dem Völkermord? Hitler hatte seine Absichten doch schon sehr früh in seinem Buch "Mein Kampf" dargelegt.
Jaques Sémelin: Wenn Frankreich, Großbritannien und die internationale Gemeinschaft nachdrücklich gegen die ungerechten Maßnahmen protestiert hätten, denen die Juden/Jüdinnen von Beginn des Naziregimes an ausgesetzt waren, dann wäre der Prozeß des Völkermordes nicht das gewesen, was er war. Aber ich bin nicht sicher, ob mensch einem Völkermord Widerstand leistet, ich sage lieber, daß mensch ihm vorbeugt.
Der Prozeß des Völkermordes verläuft so, daß nach einer Anfangsphase eine Eigendynamik entsteht, die schwer zu bremsen ist. Man/Frau kann in diesem Stadium nur die Schäden in Grenzen halten, versuchen, daß es zu möglichst wenigen Verhaftungen kommt. Das Problem aber entscheidet sich zu einem frühen Zeitpunkt, und zwar im Prozeß der Vorbeugung und in der Neutralisierung des Phänomens, welches zum Völkermord werden kann. In diesem Sinne ist die Logik des Widerstandes gegen die Besatzungsmacht und die des Widerstandes gegen den Völkermord nicht identisch. Von der Besatzungsmacht versucht man/frau, sich zu befreien; beim Völkermord versucht mensch vor allem, seine Verwüstungen in Grenzen zu halten.
Frage: Der Völkermord wurde nicht verhindert, er nahm mit der Niederlage der Nazis ein Ende.
Jaques Sémelin: Ich glaube, daß es aus militärischer Sicht möglich gewesen wäre, mehr gegen den Völkermord zu unternehmen. Von Beginn des Herbstes 1941 an waren die Alliierten, das Rote Kreuz und der Vatikan über die ersten Massenhinrichtungen in Polen informiert. Wie kommt es, daß einer so schrecklichen Nachricht nicht der nötige Glaube geschenkt wird? Ich will mich hier nicht als Richter aufspielen. Diese Prozesse sind sehr komplex und es gibt etwas im Volkermord, was das Begriffsvermögen überfordert. Aber zum Beispiel haben die Alliierten nichts gegen den Völkermord unternommen, obwohl sie darum gebeten wurden und die nötigen Mittel vorhanden waren. Sie hätten ja nur die Eisenbahnlinien, die zu den Konzentrationslagern führten, bombardieren zu brauchen. Das ist einfach unverständlich! Die einzige Erklärung, die es dafür gibt, ist die, daß es das Ziel der Alliierten war, den Krieg mit allen Mitteln zu gewinnen, das deutsche Regime und seine Armeen zu zerstören. Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen waren die Konzentrationslager keine strategischen Angriffspunkte. Und um noch einen Schritt weiterzugehen würde ich sagen, daß es hier die Logik des militärischen Kampfes gibt, und diejenige des zivilen Widerstandes, die sich nicht unbedingt verbinden lassen. Die Logik des militärischen Kampfes ist die, daß mensch den Schutz und das Überleben der Zivilbevölkerung als zweitrangig betrachtet, wohingegen dies für den zivilen Widerstand von Vorrang ist.
Frage: Können wir aus Deiner Studie über den zivilen Widerstand im Nationalsozialismus Lehren zur Ausarbeitung einer gewaltfreien zivilen Verteidigung ziehen?
Jaques Sémelin: All diese Elemente zeigen, daß es sehr wohl eine zentrale politische Dimension gibt, die darin besteht zu erreichen, daß eine Gesellschaft unkontrollierbar bleibt, auch dann, wenn sie besetzt ist. Ausgehend von meiner Arbeit kann eine gewisse Zahl von Vorbereitungsmaßnahmen erfaßt werden, die eine Gesellschaft in der Annahme eines militärischen Angriffes durch eine ausländische Macht weniger kontrollierbar machen würde. Auf dieser Ebene unterscheide ich zwei Arten ziviler Verteidigung oder ziviler "Abschreckung". Zuerst einmal die technische Art der zivilen Abschreckung, nämlich eine bestimmte Anzahl konkreter Maßnahmen in den Ministerien, wirtschaftlichen Infrastrukturen, die verursachen, daß die eventuelle Besatzungsmacht beträchtliche Schwierigkeiten hätte, die Kontrolle dieser Strukturen zu übernehmen. Eine andere, umfassendere Form, die über die technischen Maßnahmen hinausgeht, ist der Einsatz der Bevölkerung, der Gesellschaft. Dabei möchte ich die Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Problem lenken, nämlich darauf, daß die Mobilisierung der Gesellschaft nie gewährleistet ist.
Wenn ich die Schwierigkeit betrachte, mit der sich der Mobilisierungsprozeß gegen die nationalsozialistische Besatzungsmacht vollzogen hat, dann ist mir klar, daß es weder einfach noch sicher ist, daß diese Mobilisierung massiv wird, was ich von einer vorbereiteten zivilen Verteidigung erhoffen würde. Aber man/frau kann eine Gesellschaft nicht mobilisieren wie eine Armee.
(aus: Non-Violence Actualite 9/89)
Bei Interesse an dem Buch bemüht sich die Graswurzelgruppe Oldenburg zumindest um die Beschaffung der englischen Übersetzung (diese kann gegebenenfalls auch am Büchertisch eingesehen werden).
Spenden erforderlich
Die Veranstaltungsreihe mit 7 geplanten Veranstaltungen ist teil der Kampagne "Gegen die Logik der Gewalt" (vgl. STACHEL 10/94). Bisher haben wir für die Kampagne Kosten in Höhe von ca. DM 6000,- veranschlagt. Aus eigenen Mitteln können wir diesen Betrag keinesfalls aufbringen. Deshalb sind wir für die Finanzierung der Veranstaltungen und der Öffentlichkeitsarbeit auf Spenden und vielfältige Unterstützung angewiesen.
Spendenkonto:
M. Strack
Konto-Nr. 1444174500
BLZ: 280 200 50
(Oldenburgische Landesbank)
Wer eine steuerabzugsfähige Spendenquittung benötigt, möge sich bitte vorher mit uns in Verbindung setzen, da wir dafür ein anderes Konto verwenden.
Graswurzelgruppe Oldenburg
Groninger Straße 28
26129 Oldenburg
Tel.: 0441/777309