Oldenburger STACHEL Nr. 1/95

Die Fast-Food-Mentalität der Menschen:

Immer schneller, immer besser, immer mehr ...

Jeder von uns braucht sich nur umzuschauen. Sei es das gerade vergangene Weihnachtsfest mit seinen Weihnachtsmärkten oder die Feiern zum 650-jährigen Bestehen der Stadt oder der Oldenburger Stern oder die Geschäfte in der Innenstadt. Alles richtet sich nach dem angeblichen Fortschritt aus, alles muß besser aussehen, soll funktionstüchtiger werden. Rationalisierung und Effektivisierung sind die Stichworte, unter denen die Entwicklung unserer Stadt, unseres Landes - dieser Welt stattfindet.

Ein gewöhnlicher Einkaufsbummel durch die Stadt - niemand denkt sich etwas dabei. Danach gehen viele in dieses bekannte, "andere" Restaurant, stillen ihren Hunger und fahren dann durch den Stau, fluchend nach Hause. Es fragt sich kaum noch jemand, ob dies selbstverständlich ist. Kaum einer stellt sich die Frage, ob dies immer so sein wird. Wir alle gehen davon aus, daß es schon so weitergehen wird. Die Geschäfte werden voll, die Waren im Überfluß vorhanden und mit ein "wenig" Geld alles zu kaufen sein. Wir müssen nur hingehen, sagen dies und das wollen wir, dann bekommen wir eine Plastiktüte mit dem gewünschten Inhalt und verlassen das Geschäft. Dies machen wir dann noch drei, vier Mal so und kommen dann erledigt mit den entsprechenden Tüten beim Auto an. Der Stau regt uns auf, die Vorderfrau oder der Vordermann kommen nicht schnell genug los und wir müssen nochmals vor der gleichen, roten Ampel warten. Gereizt kommen wir dann irgendwann zu Hause an und müssen erstmal vor dem Fernseher abschalten. Wenn jeder etwas ehrlich zu sich selbst ist, dann hat sie oder er dies schon mal so erlebt.

Keine Rechtfertigung

Dagegen ist ja zunächst einmal auch gar nichts einzuwenden. Selbstverständlich steht es jedem frei, selbst zu entscheiden, wie, wann und wofür das verdiente Geld ausgegeben werden soll. "Die Freiheit des Einzelnen ..." und so weiter. Fragwürdig wird diese Haltung aber spätestens dann, wenn darüber das Schicksal anderer, die diese Möglichkeiten nicht haben, vergessen wird. Können wir vor uns rechtfertigen, daß Menschen zur gleichen Zeit, in der wir mit den vollen Einkaufstüten im Auto über andere Verkehrsteilnehmer schimpfen, vor Hunger leiden und deren Sorge nicht darin besteht, wie sie jetzt am schnellsten nach Hause kommen, sondern ob sie in den nächsten Tagen etwas richtiges zu essen bekommen. Um auch hier ehrlich zu sein, rechtfertigen können wir das eigentlich nicht. Es ist richtig, zu sagen, daß derjenige, der sein Geld verdient hat, der einen Beruf hat, die Vorzüge seiner Arbeit, das von ihm verdiente Geld, auch genießen darf. Es ist aber genauso richtig, an alle zu appellieren, zu beachten, daß dies keine Selbstverständlichkeit ist und daß es nicht allen so gut geht. Unbeschwertes Genießen der Früchte der eigenen Arbeit ist doch nur dann möglich, wenn den jenigen, denen es schlechter geht, geholfen wird. Ein egoistisches Verschließen der Augen vor dem Elend anderer, stellt doch nur eine zeitlich begrenzte Beruhigung des eigenen Gewissens dar.

Dies soll kein Aufruf zum vermehrten Spenden an Wohltätigkeitsorganisationen sein, das besonders zu Weihnachten immer wieder Hochkonjunktur hat, sondern vielmehr ein Gedanke. Ein Aufruf zum bewußteren Umgang mit den materiellen, aber auch den geistigen Werten. Es hilft uns doch gar nichts, wenn wir im Überfluß einer Konsumgesellschaft leben, aber nicht mehr in der Lage sind, miteinander umzugehen.

Es hat sich noch nichts geändert

Dies alles kommt Ihnen sicherlich bekannt vor. Vielleicht denken Sie sogar: "Ach, nicht schon wieder !" Ich könnte mir vorstellen, daß Ihnen genau dieses Thema schon zu den Ohren herauskommt. Umso mehr frage ich mich, warum sich an dieser Situation noch nichts geändert hat. Natürlich sind wir uns alle über diesen "Mißstand" im Klaren, aber wir nehmen die Annehmlichkeiten des Lebens auch gerne in Anspruch, so daß unsere Sorgen und ernsthaften Gedanken keine praktischen Folgen für unser Handeln haben. Vielleicht ist dies auch menschlich. In meinen Augen kann man sich damit auch arrangieren. Zwei Dinge kann aber jeder von uns, ohne auch nur auf irgendeinen Luxus, den sie/er sich leisten will, verzichten zu müssen.

Ein stärkeres Bewußtsein für die Belange der ärmeren Bevölkerung ist unabdingbar. Der Wohlstand ist keine Selbstverständlichkeit, vielmehr sollte er als etwas Wertvolles gesehen werden, auf den auch jeder stolz sein kann. Wenn wir diesen Verdienst unserer täglichen Arbeit im Bewußtsein dessen erleben, daß es auch andere gibt, dann haben wir schon etwas gewonnen. Hieraus würde kein Spendenwahn zu Weihnachten mehr folgen, sondern eher ein Spenden, wenn es denn ein Spenden sein soll, zu einem von uns selbst für richtig befundenen Zeitpunkt. Wir müßten unser Gewissen nicht mit einem Scheck beruhigen, sondern könnten durch gesteigerte Aufmerksamkeit tagtäglich etwas erreichen, wenn wir nur wollten.

Entfremdung der Menschen

Ein anderer Punkt bezieht sich gar nicht auf die unterschiedlichen Schichten unserer Gesellschaft. Durch die Konzentration auf den Beruf und das Geld-Verdienen verlieren wir unsere Mitmenschen aus den Augen. Es herrscht eine Entfremdung mit mittlerweile schon bedrohlichem Ausmaß. Der moderne, konsumorientierte Mensch, ist immer weniger in der Lage, auf die Bedürfnisse seiner Mitmenschen einzugehen. Eine Auseinandersetzung mit anderen Menschen findet kaum noch statt. Auch hierfür kann jeder von uns ein stärkeres Bewußtsein entwickeln. Ohne Kommunikation und Miteinander hilft uns auch der größte Wohlstand auf die Dauer nicht weiter. Die Entmenschlichung des täglichen Lebens führt letztendlich zu weit größeren Problemen als einem Konjunkturknick. Wir sollten uns auch vor Augen führen, daß wir auf einem sehr hohen Niveau über unsere Situation jammern. Diesem Staat geht es immer noch so gut, wie kaum einem anderen auf der Welt.

Unsere Probleme liegen auf einer anderen Schiene. Nicht nur das Wirtschaftswachtsum darf entscheidend sein, sondern auch die Fähigkeit der Menschen, den Umgang mit anderen wieder neu zu erlernen. Hierzu bedarf es Zeit, die sich viele in der heutigen Leistungsgesellschaft nicht nehmen können, glauben sie. Es ist auch gar nicht notwendig, ganz elementare Veränderungen im Lebensstil vorzunehmen, sondern eher an die Kleinigkeiten sollte gedacht werden. Die Notwendigkeit einer Bewußtseinsverschärfung wird hieran deutlich. Dies hätte auch den angenehmen Nebeneffekt, daß die Klassenunterschiede oder die Wegwerf-Mentalität der Menschen wahrgenommen werden könnte.

Vielleicht ist es illusorisch oder auch alles Schnee von gestern, aber ein erstes Nachdenken über diesen Punkt wäre schon etwas.

Sebastian Weber


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