Oldenburger STACHEL Nr. 6/95

Angemessenes Gedenken an Nazi-Diktatur und Kriegsende

Lebenserinnerungen von 1911 bis 1988 von Eberhard Rebling

Auch wenn es schon fast einen Monat her ist, daß Eberhard Rebling im PFL Kulturzentrum von seinen persönlichen Lebenserinnerungen berichtete, erscheint es mir wichtig, nochmals auf sie hinzuweisen. Unter dem Titel "Sag' nie, Du gehst den letzten Weg" erlaubte Rebling am 11. Mai 1995 gut vierzig Zuhörerinnen und Zuhörern, einen Einblick in persönliche Schicksale während der nationalsozialistischen Diktatur und nach deren Ende zu bekommen. Rebling, bekannter Pianist, Musikwissenschaftler und Journalist, war zur Zeit der Machtergreifung der Nazis mit einer jüdischen Sängerin und Tänzerin liiert, die er später heiratete. Beide mußten vor den Nationalsozialisten ins holländische Exil fliehen. Nach der Besetzung der Niederlande versteckten sie sich mit Freunden, wurden später jedoch verhaftet. Rebling konnte unter glücklichsten Umständen entkommen, seine Frau wurde zunächst in Auschwitz, dann in Bergen-Belsen interniert, überlebte jedoch und konnte nach der Befreiung durch englische Soldaten zu ihrem Mann und ihrer Tochter in die Niederlande zurückkehren. Nach einem erfüllten Leben (Rebling), das Rebling und seine Frau der Musik und ihren Kindern widmeten, verstarb sie 1988. In einer Doppel-Autobiographie, deren zweiter Teil in diesem Sommer erscheinen soll, berichten beide detailliert über ihre gemeinsamen und getrennten Erlebnisse.

In seiner Lesung aus dieser Doppel-Autobiographie, die zunächst in der DDR erschien, und seiner freien Erzählung gelang es Rebling, eine persönliche Atmosphäre zu schaffen. Rebling erzählte mehr, als daß er vortrug, er ermöglichte seinen ZuhörerInnen, sich seinem Schicksal zu nähern. Dies schloß sowohl Anmerkungen zur allgemeinen politischen oder militärischen Entwicklung als auch persönliche Anekdoten ein. Ganz im Gegensatz zu den pompösen Gedenkveranstaltungen, Fernsehsendungen, vielfältigen Dokumentationen und Berichten, erreichte Rebling ein privates und emotional ergreifendes Gedenken. Es ging nicht um Vergangenheitsbewältigung und historische Aufarbeitung, sondern Rebling berichtete von seinen persönlichen Erfahrungen. Dies führte zu ehrlicher Ergriffenheit, vor allem auch dadurch, weil der Mensch, der dies alles erlebt hatte, auf dem Podium saß und darüber sprach. Mein Eindruck war, daß viele aus dieser Lesung mehr mitnahmen, mehr verstanden haben, als aus einer der großen Veranstaltungen oder durch eine Fernsehsendung.

Der anonyme Charakter der offiziellen Veranstaltungen verhindert vielleicht sogar eine innere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Besonders jüngeren Menschen, denen die Verantwortung, die ihnen aus der Geschichte ihrer Großeltern und Eltern erwächst, näher gebracht und verständlich gemacht werden soll, wird ein solcher Abend eher weiterhelfen, als ein Staatsakt. Das peinliche Bild, das die Bundesregierung im Zusammenhang mit der offiziellen Gedenkfeier in Berlin hinterließ, trug ebenso wenig zu einer verstärkten Annahme dieser Verantwortung bei, wie die immer noch andauernden Auseinandersetzungen um die Entschädigung von Vertriebenen oder offizielle Entschuldigungen seitens der Deutschen z.B. an das tschechische Volk.

Vor diesem Hintergrund erscheint mir die Lesung von Eberhard Rebling als ein sehr wertvolles Erlebnis. Rebling vermochte es, an persönliche Schicksale zu erinnern und an ein persönliches, auf die Zukunft ausgerichtetes Verantwortungsgefühl zu appellieren. Dieser Umgang mit unserer Geschichte sollte wieder vermehrt in der Vordergrund treten, denn - und in diesem Bemühen sind sich ja alle einig - vergessen dürfen wir gewiß nicht.

Sebastian Weber

Wer Näheres über das Leben Reblings, seiner Frau, die Gründe ihrer Flucht und ihr Leben im Exil oder die Erfahrungen im Gefängnis und Konzentrationslager erfahren möchte, dem sei die Doppel-Autobiographie empfohlen.


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