Oldenburger STACHEL      
   

Klarheiten beseitigt

Zu unserem Artikel "Große Angst vor kleinem Sender" (9/95) erreichte uns folgenden Fragen einer Leserin:

1. Was ist der Unterschied zwischen Offenem Kanal (OK) und nichtkommerziellem Rundfunk? Die Begriffe sind zu Anfang des Artikels nicht eindeutig und auch später nur halbwegs erklärt.

2. Wie soll ein nichtkommerzieller Rundfunk im Unterschied zum Offenen Kanal arbeiten?

3. Warum kann der Offene Kanal keine aktuellen Nachrichten bringen?

4. Wer steht hinter dem Offenen Kanal und dem nichtkommerziellen Rundfunk?

5. Das Zitat aus dem Gesetz ist sicher dem Wortlaut nach richtig, aber der Sinn ist mir völlig unverständlich. Wieso ist Oldenburg gut für den nichtkommerziellen Rundfunk geeignet?

6. Was macht die Lokalradioinitiative der NWZ, ist das was Drittes gegenüber Offenem Kanal und nichtkommerziellem Rundfunk?

Eva

Wir bedanken uns für die Nachfragen. Da wir schon mehrfach über dieses Thema berichtet hatten, sind wir im September nicht nocheinmal auf die Grundsätze eingegangen. Offenbar hätten wir es müssen, tut uns leid.

Das Land Niedersachsen hat sich im November 1993 für die versuchsweise Einrichtung von zwei Projektarten entschieden: Offene Kanäle und nichtkommerzieller Lokalfunk.

Offene Kanäle sind eine Art Medienwerkstatt mit Sendefrequenz. Dorthin kann jede und jeder gehen, wenn er oder sie einen Sendebeitrag herstellen oder senden lassen will. Unterstützung bekommt er von den angestellten MedienpädagogInnen und TechnikerInnen. Ihre Aufgabe ist es, Leute einzuweisen und zur Seite zu stehen, Sendebeiträge entgegenzunehmen, zeitlich zu ordnen und zu senden. Inhaltliche Arbeit übernimmt ein Offener Kanal nicht, da er keine JournalistInnen beschäftigt und keine Redaktion besitzt. Rechtlich verantwortlich ist die Person, die den Beitrag erstellt hat. Sie wird im Vor- bzw. Abspann des Beitrags genannt und hat einen Anspruch darauf, daß der Beitrag gesendet wird. Eine Zensur findet nicht statt. Krach gibt es erst nach der Sendung, wie z.B. schon in Berlin geschehen. Ein Offener Kanal ist also ein "Jedermannfraus"-Funk.

Nichtkommerzieller Lokalfunk funktioniert prinzipiell wie gewöhnlicher Hörfunk, jedoch mit lokalem Schwerpunkt, und ist (wie Offene Kanäle) werbefrei. Es gibt eine Redaktion, die über Inhalte und Form der Sendungen beschließt. Sie besteht (je nach Struktur der Station) aus hauptberuflichen JournalistInnen, freien und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Diese Menschen recherchieren, erstellen Beiträge, produzieren Sendungen... Oft sind regelmäßige Sendeplätze für spezielle Zielgruppen vorgesehen und es können - wie beim OK - für Initiativen und Gruppen feste Sendezeiten eingerichtet werden. Die Technik übernehmen haupt- und ehrenamtliche TechnikerInnen. Die Hauptamtlichen sorgen für Kontinuität des Sendebetriebs.

Ohne hauptberufliche JournalistInnen ist es nicht möglich, kontinuierlich Nachrichten zu sammeln und zu senden. Deshalb kann ein Offener Kanal keine regelmäßigen Nachrichten produzieren. Er hat keine Stellen für JournalistInnen, sondern braucht jede Stelle für andere Tätigkeiten. Sein Konzept ist es, andere senden zu lassen. Andere ehrenamtliche werden kaum genügend Ausdauer für stündliche oder tägliche Nachrichten haben.

Wer hinter den Lokalradios und Offenen Kanälen steht, ist von Ort zu Ort unterschiedlich. In Oldenburg gibt es zwei Initiativen, die sich um eine Lizenz für Offenen Kanal bewerben. Welche Menschen sich bei den Offenen Kanälen engagieren, können wir an dieser Stelle nicht genau sagen. Hervorgegangen ist die eine Initiative jedoch aus dem Verein für Tanz-, Theater und Medienpädagogik und die andere aus der Wardenburger Landeserwachsenenbildung. Die Initiative der NWZ hätte sich gerne auf eine Lizenz für nichtkommerziellen Lokalfunk beworben. Der Kreis besteht aus der NWZ, dem Oberkirchenrat, der Oldenburger Landschaft, Uni-Präsident Daxner, der BSH, Gerd Kruse als Vorsitzender der Bürgervereine, Inhaber einer Antennenbaufirma und Ratsmitglied der FDP u.a.. Bleibt Radio Oldenburg, das aus Einzelpersonen besteht, die sich zum Teil auch in anderen alternativen oder linken Gruppen wiederfinden. Sie möchten gerne ein basisorientiertes Lokalradio machen.

In Oldenburg gibt eine monopolistische Medienstruktur. Die NWZ ist einzige Zeitung, die täglich über Oldenburg schreibt, Wochenblätter herausgibt und Anteile am Privatfunk hält. NDR und die Privatsender versorgen Oldenburg kaum mit lokaler Information, schließlich müssen sie den ganzen Nordwestraum abdecken. Da ein Offener Kanal nicht innerhalb der nächsten Stunde melden wird, wenn z.B. die Wagenburg vor dem Rathaus geräumt wird, ein nichtkommerzielles Lokalradio das aber sehr wohl könnte, wäre es eine ernstzunehmende Konkurrenz zur Tageszeitung. Informationen zu verschweigen wäre für sie nicht mehr so leicht möglich. Deswegen ist Oldenburg für einen nichtkommerziellen Lokalfunk bestens geeignet. Wie sich das Zusammenspiel der aufgezählten Medien auswirken würde, ist das, was in diesem Modellversuch untersucht werden soll.

Wir hoffen, für etwas mehr Klarheit gesorgt zu haben.


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