Oldenburger STACHEL Ausgabe 11/00     Seite 1
 
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Die Friedenstaube bleibt!

In den Morgenstunden des 9. Oktober 2000 haben wir, Studentinnen verschiedener Fachschaften, den verwaisten Platz am AVZ-Turm wieder mit einer Friedenstaube versehen. Dabei hatte es sich die Uni-Leitung so schön vorgestellt: Zigtausend Mark für ein neues Logo zum Fenster rausgeworfen (mal ehrlich: das hat doch jemand in fünf Minuten in der Mittagspause zu Papier gebracht) und gleich die Gelegenheit beim Schopf gepackt, sich dieses "nicht mehr zeitgemäßen" Symbols zu entledigen, um damit die letzten Verbindungen zur Vergangenheit als linke Reform-Uni zu kappen. Hatte etwa jemand Angst, die Friedenstaube könnte potentielle Drittmittelgeber aus ägewissenü Forschungsbereichen abschrecken? Angesichts solchen Kalküls hätte Carl von Ossietzky mit Sicherheit mit EntäRüstungü reagiert ... Mit den Studierenden hatte die Uni-Leitung wohl nicht mehr gerechnet - oder doch? Immerhin ließen sie mehrere Tausend Mark für ein Sicherungssystem mit Bewegungsmeldern rund um den Turm springen.

Aber - Friedenstauben lassen sich nicht aufhalten!

Da am Tag, als die Taube zurückkam, auch die Begrüßung der Erstsemesterinnen im Rahmen der feierlichen Eröffnung des Wintersemesters stattfand, entschlossen sich einige Beobachterinnen des Vorgangs, dort auf die Situation aufmerksam zu machen. Nach dem AStA-Sprecher folgte ein kurzer Redebeitrag, der an dieser Stelle zumindest sinngemäß wiedergegeben werden soll.

Die Rede verwies zunächst auf die Taube, die jetzt wieder draußen am AVZ-Turm hängt. In den bisherigen Redebeiträgen war viel von der Universität Oldenburg die Rede, aber eigentlich heißt es Carl-von-Ossietzky-Universität. Ein Name, der aus politischen Gründen gewählt wurde und um den es seinerzeit vehemente Auseinandersetzungen gab.

Dabei war Carl von Ossietzky bei weitem nicht so "glatt", wie ihn einige an dieser Uni inzwischen gerne sehen würden. Er ist als Mensch wesentlich streitbarer gewesen. Als Herausgeber der "Weltbühne" hat er beispielsweise das "Soldaten sind Mörder"- Zitat von Tucholsky veröffentlicht. Aufgrund seiner Tätigkeiten wurde er von den Nazis ins KZ Esterwegen (bei Papenburg/Emsland) gesperrt, und in dieser Zeit mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Wenige Jahre nach seiner Entlassung starb er an den Folgen der Lagerhaft. Bemerkenswert ist, daß Carl von Ossietzky sich weigerte Deutschland zu verlassen, weil er meinte, hier unbequemer sein zu können. Er war ebenfalls aktives Mitglied in der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG), die als Symbol die Friedenstaube verwendete. Diese Taube wurde bereits bei der Namensgebung von Studentinnen unterhalb des Schriftzugs mit der Ossietzky-Unterschrift angebracht. Beides wurde jetzt von der Uni durch das neue Logo mit der "Sense" ersetzt.

Studierende verschiedener Fachschaften haben die Taube jetzt wieder angebracht, auch um die Erstsemesterinnen gebührend zu begrüßen.

Wir wollen, daß sie hängenbleibt und einen Anstoß (insbesondere für die Erstis) darstellt, selber aktiv zu werden. In den bisherigen Reden war viel von den Freiräumen an dieser Uni die Rede. Es sollte aber nicht vergessen werden, daß diese immer wieder verteidigt oder neu erkämpft werden müssen. Und selbst wenn jetzt tatsächlich das BAFöG erhöht wird, droht die Einführung von Studiengebühren, die diese Verbesserungen mehr als zunichte machen würden. In diesem Sinne: äMischt Euch ein!ü

PS: Der Supergrubi (unser Uni-Präsi) hat inzwischen in einem stadtbekannten Wildwestblatt verlautbaren lassen, daß der Vogel hängen bleiben darf.

Die Ornithologinnen

 

 
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