Oldenburger STACHEL Ausgabe 11/00     Seite 12
 
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Moral? Wessen?

Oder: "Sind Sie ein Heuchler, Herr Krug?"

Der folgende Beitrag ist für die übliche Berichterstattung des STACHELs untypisch. In Bereichen der kirchlichen Diskussion ist der Antisemitismus des Herrn Luther und auch der Mißbrauch seiner Ideologie nach unserer Recherche durchaus ein Thema, wenn gleich die angesprochenen Punkte sicher noch bessere Berücksichtigung finden können. Angesichts der kurzen Zeit bis zur Drucklegung konnte uns der Bischoff bisher nur bestätigen, daß im Oberkirchenrat derzeit überlegt werde, "ob und wie darauf zu antworten sei".

Oldenburg d. 15.09.2000

Offener Brief an Herrn Peter Krug, Bischof der evangelischlutherischen Kirche zu Oldenburg

Moral? Wessen? Oder: "Sind Sie ein Heuchler, Herr Krug?"

Sehr geehrter Herr Krug,

Seit Ihrer bemerkenswerten "Rasteder-Rede" anlässlich der Frühjahrssynode der Oldenburger Kirche im Mai diesen Jahres, drängt es mich, Ihnen zu schreiben. Daß ich es bis heute unterliess, ist nicht zuletzt auch dem Umstand geschuldet, daß ich mit Nietzsche im Brief zuweilen einen unangemeldeten Besuch, im Briefboten den Vermittler unhöflicher Überfälle sehe. Es widerspricht meinem Wesen, mich aufzudrängen, Leute unangemeldet zu "überfallen". Wenn ich es hiermit nun doch tue, so hauptsächlich darum, weil ich mich durch Ihren Aufruf, der "Perversion der Moral" Einhalt zu gebieten, dazu aufgefordert wähne. Und schliesslich heisst es im Evangelium, "Nach dem Maß, mit dem ihr meßt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden" (Matthäus 7, 2)...

Vor der Synode beklagten Sie eine "Perversion der Moral" in der Politik und warnten darüberhinaus vor "antisemitischen Tendenzen". Lassen Sie uns also kurz über Luther miteinander reden, denn wer über Luther nicht reden will, der sollte auch über Moral und "Antisemitismus" deutscher Ausprägung schweigen. Reden wir nicht über Luther den Reformator, für die Reformation kann man sein oder auch nicht; es ist letztlich eine Glaubensfrage. Letztendlich hat Luther nichts Neues verkündet, nichts das nicht von vielen Christen zuvor vorweggenommen wurde (die allerdings anders als Luther nicht mit den Beistand mächtiger Fürsten rechnen konnten und ergo darum mit ihren Reformationsprojekten scheiterten). Über die Rechtfertigungslehre gab und gibt es innerkatholischen Diskurs, und die anderen Dogmen. Kein aufgeklärter Katholik, darunter Bischöfe, glaubt ernstlich an die Unfehlbarkeit des Papstes oder gar an den Papst als "den Stellvertreter Christi auf Erden". Ich kenne keinen Katholiken, der daran glaubt, mich eingenommen. Das unzählige Katholiken diese "Kröten" zu übergehen bereit sind, wenn·auch widerwillig, anstatt der Una Sancta den Rücken zu kehren, hat wenig mit Opportunismus zu tun und viel mit sehr guten Gründen (die Martin Luther leider übersehen zu haben scheint), die hier nichts zur Sache tun. Reden wir also nicht über Luther den Reformer, reden wir auch nicht über den kurzsichtigen Verführer Luther, der die Bauern zum Aufstand gegen die Lehensherrschaft ermutigte, um sich dann, angesichts des blutigen Resultats, gegen sie zu wenden; reden wir also nicht vom amoralischen Luther, der lehrend wirkte, um dann die Augen vor der eigenen Verantwortlichkeit angesichts der realen Wirkung seiner Lehre zu verschliessen. Reden wir über den Luther, den Thomas Mann 1947 nicht ganz zu Unrecht bezichtigte, er sei schuld daran, daß es (militaristisches) Preußentum, Staatsvergottung und Nationalsozialismus gegeben habe; über den üblen Pamphletisten Martin Luther, der im praktischen Teil seines dreckigen Pasquills "Von den Juden und ihren Lügen", den "7 Ratschlägen", zielsicher das antijüdische Programm Nazi-Deutschlands vorwegnahm, dem schätzungsweise dreieinhalb Millionen Europäer jüdischen Glaubens zum Opfer fielen. Dort heisst es u.a.: "Erstlich, daß man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, zum andern, daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre".

In meinem Roman "Frei wie Zugvögel" warf ich einst die Frage auf, ob Luther damit nicht das "Drehbuch" für die sogenannte Reichspogromnacht schrieb. Ich meine ja und gebe Thomas Mann partiell recht, zu einem nicht geringen Teil hat Luther daran mitgewirkt. Nun war Luther sicherlich ein Kind seiner Zeit, einer relativ unaufgeklärten Zeit, lassen wir ihn also ruhen. Sein rechtschaffenes Suchen, sein Streben nach Wahrhaftigkeit im Glauben verdient Anerkennung, trotz allem.

Sie, Herr Krug, leben in einer relativ aufgeklärten Zeit, als Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche Oldenburgs, einer Stadt, die in den Jahren 1933 bis 1945 als nationalsozialistische "Gauhauptstadt" fungierte und in der (unrühmlicherweise) die Nationalsozialisten bereits 1932 die Mehrheit im damaligen Landtag hatten, also schon vor der sogenannten Machtergreifung im ganzen Land. Nun prangt ausgerechnet hier, an der Eupener Strasse, eine "Martin-Luther-Kirche". Nicht etwa eine "Martin-Luther-Reformationskirche" zu Ehren des Reformers, nein, eine "Martin-Luther-Kirche" huldigt dem ganzen Luther, somit auch den Verfasser des bereits erwähnten folgenreichen Pamphlets.

Muß ich ernstlich jemanden daran erinnern, daß der lutherische Bischof, der die Hamburger Landeskirche auf nationalsozialistischen Kurs brachte, Franz Tügel, sich dabei erfolgreich auf eben jenen antijüdischen Brandsatzschreiber Martin luther berief? Mit bekanntem Ausgang. Muß ich wirklich noch jemanden davon überzeugen, daß Martin Luther nicht von ungefähr dabei mithalf zu Zeiten des ersten Weltkrieges den Weg in die Diktatur vorzubereiten (jener Teil Luthers, der als "deutscher antijüdischer Kirchenvater im Dienste der deutschen Obrigkeit" die Massen einnahm)? Sie sind Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche zu Oldenburg, in einer aufgeklärten Zeit, in einer Zeit nach Auschwitz. Sie haben sich über die "Perversion der Moral" und über "Antisemitismus" ausgelassen. Nun müssen Sie sich gefallen lassen, daß ich Sie an Matthäus 7, 2-5 erinnere und an Ihren eigenen moralischen Einlassungen messe.

Sie haben die Macht, eine Diskussion innerhalb Ihrer Kirche zu initiieren, u.a. darüber, ob die Martin-Luther-Kirche aus dem bereits erwähnten Grund nicht besser z.B. in "Martin-Luther-Reformationskirche" umbenannt werden sollte. Zumindest so benannt werden sollte, daß nicht der ganze, also auch der Aufrufer-zur-Brandstiftung-Luther geehrt wird.

Sie können sich die Freiheit nehmen diese Anregung aufzugreifen oder es zu lassen. Tun Sie letzteres, so seien Sie gewiss, daß ich mir meinerseits die Freiheit nehmen werde, die an der Universität aufgegriffene Eingangsfrage, ob Sie ein Heuchler sind, durch Matthäus 7, 5 zu ersetzen:

"Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen". (Frei nach Luther: Hier stehe ich und kann nicht anders!) Ansonsten begrüsse ich Ihren Aufruf, der Perversion der Moral Einhalt zu gebieten. Fangen wir doch einfach damit an, hier in unserer Stadt Oldenburg. Hier gäbe es diesbezüglich viel zu tun. Lassen Sie uns irgendwo anfangen, vielleicht bei der "Jugendhilfe", die aus Sicht nicht weniger Eltern als Augiasstall wahrgenommen wird, den auszumisten sich niemand zu getrauen scheint. Kinder sind unsere Zukunft, sie wären es wert.Nur, wessen Moral nehmen wir uns zum Maßstab? Darüber nachzudenken scheint lohnenswert.

Mit freundlichen Grüssen,

Miguel Jurado y Garcia

Zur Person als auszug aus der Kulturdatenbank der Stadt Oldenburg: Miguel Jurado y García

Geboren in Jaén (Spanien);

Prägend waren das deutsche Immigrantendasein sowie Bekanntschaften mit Kulturschaffenden des hispanoamerikanischen und des francokanadischen Kulturraums. Ebenso auch die seltenen, aber innigen Kontakte zu Augustin Gómez Arcos, der als spanischer Immigrant in Frankreich zu hohen literarischen Ehren als Romanautor und Dramaturg kam, aber als andalusischer Spanier stets zwischen den Welten blieb.

Selbstdarstellung: Die meisten Werke schrieb ich in deutscher Sprache, was konsequenterweise zur Auseinandersetzung mit deutscher Realität und also auch Historie führt. Der Aufklärung fühle ich mich verpflichtet, wenn auch nicht um jeden Preis. Literatur ist mir nicht ein semireligiöser, ins transzendentale überhöhter Begriff, der aller schmutzigen Realität oder gar profaner Vulgärunterhaltungsfunktion enthoben werden sollte. Demzufolge lehne ich diesbezüglich jede Kategorisierung ab. Das schlägt sich auch in meinem bisherigen Werk nieder. Es gibt nur wenige Techniken, die mir nicht vertraut sind.

Autor/in Prosa Lyrik

Werke in deutscher Sprache:

Frei wie Zugvögel, Roman (ISBN 3-9804405-0-8);

Oldenburg apokalyptisch, Roman (ISBN 3-9804405-1-6);

Formen, Klänge, Reflexe vom Wege, Gedichte (ISBN 3-9804405-2-4).

Stellungnahme zum Schreiben von Herrn Jurado y García an den Bischof von Oldenburg vom 15.9.2000.

Natürlich kann es im freien Spiel des Geistes Sinn machen, Zitate einmal mit einem anderen Zusammenhang zu konfrontieren und so völlig neue Zugänge und Perspektiven zu gewinnen. Wenn man Zitate jedoch in einen sachfremden Zusammenhang stellt und darüber hinaus den Urheber des betreffenden Worts, den Bischof von Oldenburg, auf der Basis einer solch' fragwürdigen Verfahrensweise dann auch noch persönlich in die Nähe der Heuchelei rückt, muß man fragen, ob es dem Verfasser dieses "Offenen Briefes" überhaupt um eine sachliche Auseinandersetzung zu tun ist.

Es ist im übrigen nicht neu, Martin Luther zum geistigen Urheber von Diktatur, Antisemitismus und Holocaust zu machen. Häufig waren und sind dabei allerdings persönliche Interessen im Spiel. Der Hinweis auf Thomas Mann dient dabei auch nicht unbedingt einer Objektivierung, denn, wie man weiß, war Thomas Mann in seiner Beurteilung des Nationalsozialismus selber nicht gerade eindeutig. Luther war ein Kind seiner Zeit und beurteilte das Judentum im Laufe seines Lebens unterschiedlich. Bei allem ist jedoch unstrittig, daß die Christen des 16. Jahrhunderts mit modernem Rassismus nichts im Sinn hatten. Für sie galt der Vorrang des Glaubens vor dem des "Blutes", eine Wertung, die von den Nationalsozialisten und allen modernen Rassisten bekanntlich abgelehnt und bekämpft wurde.

Daß Luther sich in seinen Spätschriften zu antijüdischen Äußerungen hat hinreißen lassen, war dem Luthertum von Anfang an peinlich. Bei der Rezeption seiner Theologie haben sie deshalb auch keine Rolle gespielt. Wussten Sie übrigens, daß Luther selber gar keine neue Kirche gründen wollte? Mit derben Worten hat er die Verwendung seines Namens in der praktisch von ihm initiierten Reformation gegeißelt. Natürlich läßt sich fragen, ob Kirchen und Gemeindehäuser nach Persönlichkeiten in Vergangenheit und Gegenwart benannt werden sollen. Aber es ist doch höchst fragwürdig, Luthers Lebensleistung als ganze für Kirche und Gesellschaft zu diskreditieren.

Dr. Marlis Oehme

D

 

 
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