Oldenburger STACHEL Ausgabe 11/01     Seite 7
 
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Ende von Radio Bremen 2 am 31.10.2001

An die Bürgerschaftsfraktionen, Radio-Bremen-Rundfunkrat, Senat, ARD, Presse, Kirchen

Am 31. 10. 2001 wird das Hörfunkprogramm Radio Bremen 2 eingestellt. Damit setzt Radio Bremen die Beschlüsse der ARD-Ministerpräsidentenkonferenz im Dezember 1999 zur Änderung des ARD-Finanzausgleichs zu Lasten der kleinen Sender um. Radio Bremen wird durch diese politischen Entscheidungen gezwungen, ca. 50 Mio. DM einzusparen.

Das Kulturprogramm Radio Bremen 2 ist "mehr als ein Radioprogramm" und sendet seit Jahren mit großem Erfolg über und für die Kultur der Region. Nun hat die neue Intendanz des Hauses beschlossen, dieses Programm als größten Kostenfaktor und als sogenanntes Minderheitenprogramm einzustellen.

Die "Hansawelle" ist dem politischen Kostendruck bereits zum Opfer gefallen.

Die Entscheidungen wurden vom Rundfunkrat des Senders abgesegnet, mit den Stimmen der in der Bürgerschaft vertretenen Parteien. Wir erleben hier die Fortsetzung einer bewußten Zerstörung öffentlich-rechtlicher Institutionen, vordergründig untermauert mit den z. Z. üblichen kurzfristigen und kurzatmigen betriebswirtschaftlichen Argumenten.

Demgegenüber leistet sich die ARD horrende Ausgaben für Sport- und sogenannte Unterhaltungssendungen, Proporzentscheidungen, verlustreiche Grundstücksgeschäfte u. ä. und denkt im gleichen Atemzuge über Gebührensenkungen nach, weil sich mehr als 1 Milliarde DM im ARD-Topf befinden sollen, wie man aktuell in der Tagespresse lesen konnte. Die primäre Aufgabe der ARD, ein vielseitiges und unabhängiges Programm für alle Hörerinteressen zu machen, gerät dabei anscheinend in Vergessenheit.

Dieser offensichtlich nicht kontrollierbaren Gebühreneinzugsmaschine ARD unterliegen wir Hörer und Gebührenzahler ohne Einfluß auf die grundsätzlichen, in den Rundfunkgesetzen festgeschriebenen Programmstrukturen. Die Rundfunkräte sind in der Regel nur nach politischen Proporz - und Machtinteressen besetzt.

Wir Hörer von RB 2 können nicht verstehen, daß Politiker unserer Stadt zusehen, wie ein zentrales Stück Lebensqualität unserer Region demontiert wird. Als Teil unserer regionalen Kultur ist öffentlich-rechtlicher Rundfunk ebenso wichtig und förderungswürdig wie die Theater, die Museen, die Konzerte dieser Stadt und ist darüber hinaus für eine breitere Bevölkerungsschicht zugänglich.

Wir Hörer protestieren entschieden gegen diese Programmentscheidungen und den zu erwartenden Niveauverlust durch weiter formatierte Sendeeinheiten und Musikfarben(?). Wir kennen nur gute und schlechte Musik, das Denken in Musikfarben ist uns fremd. Gerade die bewußten musikalischen Brüche im Sendeablauf sind ein Markenzeichen von RB 2. Wir Hörer sind durchaus in der Lage und gewillt, Radiosendungen über mehrere Stunden zu verfolgen, auch wenn sie nicht von Nachrichtenwiederholungen, Werbung o. ä. unterbrochen werden.

Wir Hörer sind sicher, daß gerade heute dem öffentlichen Rundfunk eine besondere Rolle als Gegengewicht zu den privaten Spaßsendern im Werbekleid zukommt und zusteht. Wir sind nicht rückwärtsgewandt sondern an bewußten Weiterentwicklungen und Innovationen interessiert. Es ist der öffentliche Rundfunk, der die mediale Entwicklung bestimmen und maßgeblich vorantreiben sollte, in Konkurrenz zu anderen Medien.

Wir Hörer und Gebührenzahler von RB wollen nicht auf die Festivals alter und neuer Musik verzichten, nicht auf Poetry on the Road, nicht auf Augustins Miniaturen, nicht auf einen kritischen Heimatfunk, nicht auf Theater und Hörspiel im Radio, auf Life-Musik und Jazz.

Wir Hörer von RB fordern ein Programm wie RB 2 in der ursprünglichen Form und seine Weiterentwicklung: ohne Konzessionen an den Zeitgeist, wach und unabhängig, die kulturelle Entwicklung in unserer Gesellschaft darstellend, vermittelnd und erklärend, der bürgerlichen Aufklärung und Toleranz eines Mendelssohns, eines Lessings, eines Heines, eines Jacobsens, eines Tucholskys, eines A. Einsteins, eines Habermas verpflichtet. Zukunft kann man nicht gestalten, aber unsere Gegenwart, unser Leben, wenn wir uns der Fundamente bewußt sind, auf denen wir stehen.

Wir Hörer von RB akzeptieren nicht die uns immer mehr umgebende visuelle und damit schnell suggestive Information; wir wissen, daß durch Zuhören Emotionen und Bilder in den Köpfen der Menschen entstehen das Ohr ist der Weg. Der komplexe Hörsinn wirkt wesentlich differenzierter als das Auge es vermag.

Wir Hörer von RB bedanken uns bei den Begründern und engagierten Machern von Radio Bremen 2, die in den vergangenen Sendejahrzehnten dieses Programmes all das in ihrer täglichen Arbeit geleistet haben, was oben beschrieben wurde!

Initiative, Hörsturz

 

 
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