Oldenburger STACHEL Ausgabe 12/01     
 
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Viele Jäger sind der Kunst ...

Bilderstreit: "Hasenstrecke - Massengrab"

Das gegenüber dokumentierte Plakat ist der Grund, warum KünstlerInnen der Prozeß gemacht zu werden droht. Mit diesem wurde in kleiner Auflage - anläßlich des weltweiten Antikriegstages am 1.9.2001 - eine Veranstaltungsreihe "Rassismus-Ausgrenzung-Verführung" beworben. Hier gab es Vorträge und Diskussionen von und mit Menschen wie Rolf Gössner, Ludwig Baumann und Heinrich Hannover. Die Veranstaltungsreihe wurde seitens Bezirksregierung, Stadt Oldenburg, Uni-AStA, Gewerkschaft GEW, VfB Oldenburg und weiteren unterstützt. Federführend waren bei dem Ereignis die Fachgruppe Bildende Kunst Oldenburg der Gewerkschaft ver.di und der Kunstverein "vasistas". Oldenburg war sicher ein würdiger Veranstaltungsort. Immerhin gab es hier 1933 keine "Machtergreifung", sondern in Oldenburg wurden die Nazis bereits 1932 von den WählerInnen ganz freiwillig in den Landtag erhoben.

Drei Monate nach dem 1.9.2001 hat nun die Kreisjägerschaft Strafanzeige wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung gegen ver.di erstattet. Das Plakat verunglimpfe alle Jäger.

Einer solchen Strafanzeige wird von JuristInnen wenig Aussicht auf Erfolg beschieden. Der Rechtsanwalt Dr. Heinrich Hannover z.B. hält das Plakat auf jeden Fall durch das Grundrecht auf Kunstfreiheit für gedeckt.

Aus einem Gutachten von Prof. Klaus Matthies (Bremen): "... Aus der bildlichen Konfrontation kann folglich die Kennzeichnung der Jagdgesellschaft als Tötungsgesellschaft auch für Menschen nicht abgelesen werden. Sie kann allerdings als "Gemeintes" >unterstellt< werden. Das liegt jedoch nicht in der bildlichen Collagierung begründet, sondern in einer vermuteten Diskrimi-nierungsabsicht bzw. empfundenen Diskriminierung (seitens der die Tierjagd ausübenden Jäger). ..."

Sicher ist, daß es keinerlei Benennung von JägerInnen hinsichtlich des Veranstaltungsthemas gab: Es ging und geht gegen rechtsradikale Tendenzen in der Gesellschaft. Im Gespräch mit Jägern zeigt sich, daß Veranstalter und - zumindest viele - JägerInnen nicht so weit auseinander liegen. Die Eigenschaft des JägerInnendaseins und der von den KünstlerInnen mit dem Event eingeforderte demokratische Anspruch an diese Gesellschaft widersprechen sich eben nicht zwangsläufig. Der zentrale Satz auf dem Plakat lautet: "Ordnung" - immer eine Frage des Systems". Eine sicherlich extreme und vor allen Dingen JägerInnen-feindliche Äußerung - oder?

Die KünstlerInnen befürchten, daß der jetzige Streit von den tatsächlichen Inhalten des Events ablenken kann. Letztlich handelt es sich bei der Fachgruppe Medien in ver.di nicht um eine Gruppe von TierschützerInnen, wenn gleich mensch dem Tierschutz nicht abgeneigt ist. Deshalb sollte das Plakat auch aus Sicht des tatsächlichen Kontextes interpretiert werden. Der richtet sich gegen Willkür und Gewalt gegen Menschen.

Mir hat das Plakat den Versuch der Entmenschlichung der Gewaltopfer durch die Täter gezeigt - die Menschen liegen dort wie eine "Jagdstrecke" - nicht umgekehrt. Die armen Opfer einer Jagd so aufzureihen soll ja üblich sein, habe ich gehört. Natürlich sieht das grausam aus, wie die Hasen dort aufgereiht sind. Darf so etwas, was möglicherweise täglich geschieht, nicht mehr öffentlich dargestellt werden? Ist den JägerInnen vielleicht peinlich, was auf dem Plakat zu sehen ist?

Wäre mit dem Plakat eine Anklage gegen die massenweise Tötung von Tieren intendiert, wäre das eine gute Aussage, jedoch in dieser Zusammenstellung äußerst peinlich und auf einer Ausstellung gegen Rassismus fehl am Platze. Doch niemand fand bis zur Strafanzeige der organisierten JägerIn-nen Anstößiges an dem Plakat.

Sollte es zu einem Prozeß kommen, wird es betroffene Jäger geben, die sich als beleidigt darstellen werden. Bei Gesprächen mit einigen Jägern hat sich herausgestellt, daß deren Umfeld funktionieren soll: "So was kann man doch nicht machen", hätten sich Menschen entrüstet. (Ja hätten sie sich doch entrüstet! D. TipperIn.) Doch z.B. Volker Wohlfahrt als einer der Künstler des Ereignisses vom 1.9.2001 ist selbst Jäger mit der dafür erforderlichen Bescheinigung. Leibgericht: Wildhasenpfeffer. Die Künstlerin Inka Conrads, die das Plakat entwarf, wirkt nicht gerade wie eine Jägerhasserin. So eindeutig ist das alles also nicht.

Auch teilen nicht alle Jäger die Auffassung des Vorsitzenden Thomas Adam. Zwar strömt bei Nachfragen nicht gerade die helle Begeisterung über das Plakat entgegen, für strafbar jedoch hielten lediglich wenige den Stein des Anstoßes. Weshalb seitens der Gewerkschaft ver.di von verschiedenen Ebenen öffentliche Entschuldigungen verbreitet wurden, wird wohl ein Rätsel bleiben. Immerhin ist es in diesem Land durch Urteile höchster Gerichte erlaubt, "Soldaten sind Mörder" zu sagen und zu schreiben.

Offen ist noch die Frage, wie zukünftig Gebirgsjäger zu nennen sein werden, wenn sie denn in Afghanisten "erfolgreich" sein sollten. Sicher ist, daß von der wohl aussichtslosen Klagekampagne an allen Beteiligten etwas "haften" bleiben wird. Klar ist auch, daß von Deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen soll(te). Vielleicht steht die Strafanzeige also auch in einem höheren Zusammenhang - auch das voraussichtlich erfolglose Schwingen eines strafrechtlichen Knüppels kann einen Versuch darstellen, kritische Stimmen zum Verstummen zu bringen. Aus welchen Gründen auch immer.

Gerold Korbus

 

 
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