Oldenburger STACHEL Ausgabe 12/01     Seite 14
 
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Kollaterales im Kriegsgeschehen

Was geht das uns denn an? Nebenläufiges, Beiläufiges, Kollaterales eben

Noch gehöre ich nicht zu den unmittelbar Gejagten. In finster-lichten Momenten wird mir allerdings klar, daß der Schutz davor dünn ist. Dünn wie die Erdenhaut (s. STACHEL 223-5/01: Dünner als eine Eierschale - Ursache von Tschernobyl ein Erdbeben?), die überall bearbeitet und mancherorts gefährlich-blödsinnig zerbombt wird. Auch gibt es kaum Themen und Begebenheiten in dieser Zeit, die nicht vom Krieg gegen Afghanistan betroffen sind. Wobei die wenigsten Genaueres wissen.

Wir sind im Krieg.

Schon längst. Auch, wenn der Grünen-Vorsitzende Fritz Kuhn am Morgen nach Beginn der Bombenangriffe äußert: "Ich glaube nicht, daß wir im Krieg sind." (Wahrscheinlich teilen einige diesen Glauben immer noch...) Es gibt ja weiterhin Essen bis zum Erbrechen, Shopping, gedankenverlorenes Handygeblubber und Harry Potter als Film. Für die meisten, die weniger werden.

Wir sind im Krieg.

Beinahe habe ich mich an morgendliche Nachrichten gewöhnt: "Die Bombardements auf Kabul (o.ä.) gingen die ganze Nacht mit unverminderter Härte weiter."

"Zivilschäden sind auch bei einem gerechtfertigten Krieg unvermeidbar." (So sagte Mr. Rumsfeld und kriegt diese Schäden ja auch hin...) Und zu den Kollateralschäden (welch aalglattes Wort für Zerstörung mit scheußlichen Ausmaßen!) gehört weit mehr, als auf den ersten Blick damit in Zusammenhang zu bringen ist. Als Kind habe ich abends gebetet: "...und beschütze auch alle anderen Menschen, Tiere, Pflanzen, Puppen, Steine und Gegenstände und Träume..." Echt - naiv. Klar ist: im Krieg wird all das wissentlich zerstört, was zu eben diesem schützenswerten Leben gehört. Wüste Berglandschaften mit Tieren und Vegetation werden auf Teufel-komm-raus genauso zerrissen wie Mitmenschen, selbstgebaute Häuser und eine vom Munde abgesparte Puppe.

Doch einen "Gerechten Krieg" zu führen ist heute ohnehin schwer. Kaiser Augustin - der diesen Begriff ersann - erlaubte Kriege erst nach Erfüllung bestimmter Grundbedingungen: So muß z.B. das Ziel erreichbar sein, Unbeteiligte dürfen nicht geschädigt werden und die Wahl der Mittel muß verhältnismäßig sein... Ist das Bombardieren von Atomkraftwerken verhältnismäßig? (Israel und USA?) Verboten durch eine Vielzahl von Vereinbarungen ist es jedenfalls.

Aber "die sind ja gewohnt, wenig zu haben. Bei uns wäre das ja doch viel schwerwiegender, die ganze Zivilisation und so. Und damit uns dieses ganze Unvorstellbare hier nicht geschieht, darum führen wir ja diesen Krieg gegen den Terror. Und dafür müssen wir eben einiges in Kauf nehmen..." (So Stimmen unterwegs).

Die Gleichzeitigkeit von tödlichem Schmerz und unbesorgten Einkäufen, vom Abtransport der Juden aus Bremen und dem schönsten Winterurlaub 1941 einer älteren Freundin, von bodenloser Lüge per Radio und Herbstsonne durch buntes Laub, von Leichen und denen, die sie fotografieren - diese Gleichzeitigkeit verursacht bei mir in diesen Monaten abwechselnd weiche Knie, Übelkeit Wut und Tränen. Die Übelkeit kommt wohl vom Runterschlucken - ich stehe nicht besinnungslos äh: bedingungslos an der Seite derer, die glauben die Anschläge des 11.9.2001 als Kriegserklärung sehen zu müssen. Nachts kommen Gedanken hoch, wie: können wir nicht alle die dt. Staatsbürgerschaft abgeben? Oder kommen wir dann in Abschiebehaft? Na ja, Schwachsinn eben. (Wirklich Schwachsinn? D.TipperIn) Noch gehöre ich nicht zu den Gejagten. Neben mir keine Bombenkrater und kein militärischer Sondermüll. (Hier wäre ich mir nicht so sicher. D.TipperIn) Noch weiß ich mich nicht rastergefahndet. Noch habe ich keinen Arbeitsplatz verloren aufgrund meiner persönlich-politischen Haltung. Doch all das ist dicht herangerückt und will wahrgenommen werden. Kriegstote und Kriegsgeschädigte sind auch folgende (die sicher keine "Einzelfälle"sind):

· bei Antikriegsdemonstrationen in Indien, Pakistan und Palästina wurden im Oktober mindestens 63 Demonstranten erschossen und etliche verletzt bzw. inhaftiert. In Indonesien wird von mind. 100 Verletzten gesprochen.

· Barbara Lee sprach sich als einzige von 421 Abgeordneten gegen die "Use-of- Force"-Resolution aus und muß sich folglich nicht nur von ihrem AB Hasstiraden anhören ("Wer nicht für uns ist, ist für die Terroristen", konstatierte schließlich Herr Bush).

· Ein türkischer Mitarbeiter der Firma Kostal in Lüdenscheid lehnte am 12.9.01 die Teilnahme an der Gedenkminute für die Opfer der Terroranschläge ab, weil es für andere Opfer von Krieg, terroristischer Gewalt und Katastrophen nie ein solches Zeremoniell gegeben habe. Am 13.9. bekam er seine Entlassung mit Zustimmung des Betriebsrates. (Darf ich mich überhaupt noch einem Arbeitgeber zumuten, wenn ich ähnlich handeln würde wie Hr. Serefoglu?)

· Die Lehrerin Petra Seedorf bei Chemnitz wird für einen "rausgerutschten antiamerikanischen Satz" abgemahnt und strafversetzt. Im gleichen Zusammenhang kam es in unserem Land zu drei Lehramtssuspendierungen im Oktober.

· SchülerInnen, die zu Anti-Kriegsdemos aufrufen oder daran teilnehmen, werden hart vermahnt bis bestraft.

· Es kommt häufiger als zuvor zu pauschalen Kontrollen und zu Festnahmen unter falschem Verdacht. Auch in Oldenburg. (s. STACHEL 227-10/01: "Menschen in Oldenburg: Leiter des Museums Mensch und Natur wurde verhört.")

· Es wird Morddrohungen gegen Moslems

Dies alles verhält sich "nebenläufig" zu den unzähligen Ge- und Vertriebenen, hungernd, frierend, angstvoll, lethargisch, sterbend, während ich mit Frühstück und Ökotee am PC...

Unter Beschuß geraten ganz nebenbei Moscheen, Marktplätze (21.10. in Kandahar), Lebensmittellager und Krankenhäuser, Dörfer und Landschaften. Die Kriegstreiber und alle Nicht-Deserteure scheinen keine Strafe befürchten zu müssen.

Die Rutschbahn seit dem 11.9 ist bisher immer nur für andere tödlich. Die Wahrheit stirbt eben im Krieg als erstes. Und das ist praktisch für die Kriegsführung.

Uns Nicht-Krieg-Wollenden bleibt (nicht nur) die Straße. Ich wünsche mir, daß Friedensvisionen und -realitäten im individuellen und gesellschaftlichen Bereich dabei nicht auf der Strecke bleiben, sondern sich neu und kraftvoll entfalten. Und dafür ist die Straße nicht der schlechteste Ort.

Ulrike Rau

 

 
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