Oldenburger STACHEL Nr. 241 / Ausgabe 1/03     Seite 13
 
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Psychiatrie-Szene in Oldenburg

In Oldenburg gibt es wenig Verständnis für Andersartige. Wer auffällig wird, kommt mit dem Ordnungsamt in Berührung. Das Ordnungsamt ist zuständig für Zwangseinweisungen.

Die zuständige Psychiatrie für den gesamten nordwestdeutschen Raum einschließlich Oldenburg ist das Landeskrankenhaus Wehnen. Dort gab es bis vor kurzem noch Wachsäle mit ca. 20 Betten, die allerdings jetzt zum Teil abgeschafft wurden, beziehungsweise im Zuge von anstehenden Renovierungsarbeiten noch abgeschafft werden sollen. Wehnen gab es schon unter den Nazis, und nach unserer Erfahrung ist ein autoritäres Klima noch verbreitet. Die "Therapie" basiert hauptsächlich auf Freiheitsentzug, Medikamenten und Arbeitstherapie. Auch die Tagesklinik Oldenburg befindet sich auf dem Klinikgelände Wehnen.

Im außerklinischen Bereich gibt es weiter verschiedene Einrichtungen und Institutionen.

Der soziapsychatrische Dienst leitet das Psychose-Seminar. Es findet i.d.R. einmal im Monat statt. Es kommen ca. 20 TeilnehmerInnen.

Der Verein zur Förderung der psychischen Gesundheit e.V. (VPS) wurde von im Bereich der Psychiatrie und psychiatrischen Versorgung beruflich Tätigen gegründet; er besteht auch hauptsächlich aus diesen, hat aber außerdem ein paar Betroffene als Mitglieder und in ihm Tätige.

Der VPS unterhält mehrere Projekte für psychisch Kranke und ist Gesellschafter des ZMBR (Zentrum zur medizinischen und beruflichen Rehabilitation psychisch Kranker und Behinderter), das verschiedene Einrichtungen betreibt.$^1$)

Einmal gibt es die Kontakt- und Begegnungsstätte Propeller. Dort werden verschiedene Freizeit- und Begegnungsangebote gemacht: Treffen zum Spielen bei Kaffee und Kuchen, Ausflüge und eine Gartengruppe. Dort werden auch Beratungsgespräche angeboten, und es gibt eine Angehörigengruppe.

Mit dem Propeller zusammen hängt die Ambet (Ambulante psychiatrische Betreuung) Diese bietet ambulante und psychiatrische Betreuung an, die die Stärkung der Handlungskompetenz und Selbständigkeit der Betreuten erreichen will. Dabei wird auf Freiwilligkeit Wert gelegt. Es gibt aber natürlich auch viele Psychiatrie-Betroffene in Oldenburg (wie wohl anderswo auch), die vom Gericht bestellte Betreuer haben, welche z.B. ihre Finanzen verwalten oder auch über medizinische Behandlungen entscheiden. Hierbei handelt es sich um berufliche Betreuer, aber häufiger auch um Angehörige.

Das ZMBR betreibt im Waldmannsweg eine Tagesstätte, die ein tages- und wochenstrukturierendes Programm für seelisch Behinderte macht. Es wird gemeinsam eingekauft und gekocht, die soziale Kompetenz soll gestärkt werden, Arbeits und Beschäftigungstherapie (eigener Garten und Übungswerkstatt) sowie Gesprächs-, Freizeit- und Sportgruppen stehen auf dem Programm. Die Anwesenheit während der Angebotszeiten werktags von 9-15 Uhr ist für die Teilnehmer Pflicht.

Die Pro Techna ist eine Werkstatt für seelisch Behinderte. Die Arbeitszeit richtet sich nach dem Normalarbeitszeitverhältnis (35 Std. wöchentlich), wobei häufiger Pausen gemacht werden. Mittags gibt es eine warme Mahlzeit. Der Lohn ist nur ein Bruchteil von den sonst auf dem Arbeitsmarkt gezahlten Löhnen (144 Euro mtl., teilweise auch etwas mehr, wobei auch Sozialversicherungsbeiträge gezahlt werden). Der Lohn kann zu einer Erwerbsunfähigkeitsrente dazu verdient werden, Sozialhilfebeziehern wird teilweise Geld abgezogen. Bei Nichterscheinen wird eine Krankmeldung erwartet.

Die Tätigkeit bei der Pro Techna gliedert sich in zwei Phasen: Einen bis zu zweijährigen Berufsbildungsbereich, bei dem der Schwerpunkt auf Ausbildung liegt, und einen daran anschließenden Arbeitsbereich, in dem der Lohn durch die Arbeit erwirtschaftet werden muß. Offiziell ist eine Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt angestrebt; der dafür zuständige begleitende Dienst ist dabei aber wenig engagiert, teilweise wird auch berichtet, daß er Beschäftigten bei Bewerbungsgesprächen sogar in den Rücken fällt. Bei der Pro Techna arbeiten ca 100 Beschäftigte.

Eine weitere Einrichtung des ZMBR ist das RPK (Rehabilitationszentrum für psychisch Kranke). Durch das RPK werden die Rehabilitanten therapiert und in für den allgemeinen Arbeitsmarkt Brauchbare, oder Frührentner beziehungsweise bei der Pro Techna Beschäftigte aussortiert.

Die Behandlung durch das RPK ist in zwei Phasen unterteilt: Die erste Phase, der bis zu einem Jahr dauernden medizinischen Rehabilitation, in der medizinische und psychologische Diagnose und Therapie sowie Arbeitsdiagnostik und Arbeitstherapie auf dem Programm stehen, sowie die zweite Phase der beruflichen Rehabilitation, die stärker berufsfindend und berufsvorbereitend orientiert ist. Das RPK hat 32 Plätze, wovon 12 auch stationär zur Verfügung stehen. Bei dem RPK gibt es keinen einzigen Tag Urlaub im Jahr.

Eine weitere Einrichtung, die sich mit der beruflichen Integration von Psychiatrie-Erfahrenen befaßt, ist das Pars-Projekt. Das Pars-Projekt versucht Psychiatrie-Erfahrene bei der Berufsaufnahme zu unterstützen und diese in Praktika oder Stellen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu vermitteln.

Seit drei Jahren gibt es die Selbsthilfegruppe für Psychiatrie-Erfahrene. Sie trifft sich jeden Mittwoch um 18 Uhr bei Bekos, einem Zentrum für Selbsthilfegruppen. Sie hat 20 Mitglieder, und wöchentlich kommen zwei bis sechs. Die TeilnehmerInnen tauschen sich über ihre Lebenssituation aus, insbesonders über Fragen, die im Zusammenhang stehen mit den Themenbereichen Psychiatrieerfahrung / psychische Erkrankung. Es werden auch gemeinsame Freizeitaktivitäten unternommen; eine Vortragsveranstaltung wurde organisiert, und eine Juristin hat über rechtliche Fragen informiert. Teilweise ist es auch gelungen, Gruppenmitglieder in Krisensituationen zu stützen. Zeitweise wurde die Gruppe schon totgesagt, aber sie existiert noch, und das hoffentlich noch lange.

An der Carl von Ossietzky Universität existiert eine psychosoziale Beratungsstelle. Dort können StudentInnen in psychisch schwierigen Situationen Beratungsgespräche in Anspruch nehmen. Hauptziel ist dabei die Bewältigung des Studiums.

Es gibt in Oldenburg 47 niedergelassene PsychiaterInnnen und 66 PsychologInnen, die alle ihre PatientInnen haben.

Des weiteren gibt es jeweils ein Pflege- und ein Wohnheim für psychisch Kranke, ein weiteres Wohnheim in Rastede und noch mehrere andere Wohnprojekte.

Insgesamt ist die Psychiatrie-Situation in Oldenburg gekennzeichnet durch das repressiv-reaktionär geprägte LKH Wehnen und einem relativ breit gefächertem Angebot im nicht-klinischen Bereich. Dies wird aber weitgehend "von oben" organisiert und eine gewisse Ghetto-Bildung erzeugt. Es bietet wohl relativ viel Möglichkeiten zu sozialen Kontakten, die Psychiatrie-Erfahrenen bleiben jedoch weitgehend untereinander.

Klaus-Dieter Wackwitz

Anmerkungen: $^1$) Adressen sind u.a. dort zu erfahren: Zentrum zur medizinischen und beruflichen Rehabilitation psychisch Kranker und seelisch Behinderter gGmbH, Pfauenstraße 4, 26135 Oldenburg, Tel.: 0441/2188210, Fax: 0441/2188211, empfang at rehaverbundol punkt de, http://www.rehaverbundol.de/impressum.html

 

 
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