Oldenburger STACHEL Nr. 246 / Ausgabe 11/04     Seite 0
 
Aktuelles
Archiv
2004
2004
November (246)
2003
2002
2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
1994
UHN
Service
Wir über uns
Impressum
Kontakt
 
Inhalt dieser Ausgabe
 

Hauptsache Arbeit?

Impressionen vom "Arbeitsmarkt"

Damals, heute ... Anfang der 70er des vergangenen Jahrhunderts begannen Massenerwerbslosigkeit und Massenjugenderwerbslosigkeit. So hieß das auch früher schon. Die "Zahlen" waren noch etwas andere. Insbesondere gab es damals nicht so extreme versteckte Arbeitslosigkeit. 30 Jahre ist es nun her, daß einE OldenburgerIn dennoch ihre Berufsausbildung in einem technischen Medienberuf abschloß. Glück gehabt. Doch allen Versuchen zum Trotz war nach der Ausbildung erst mal Schluß. Das einzige Arbeitsangebot für die frischgebackene TechnikerIn^2 seitens der zuständigen Bundesbebörde: Das Arbeitsamt offerierte eine Stelle als KopfschlachterIn in Edewecht zu einem Hungerlohn. Die einzige Alternative, um im erlernten Beruf tätig sein zu können, war auch damals schon das Militär. Doch anders als heute wurden die Stellen der Bundeswehr damals nicht über das Arbeitsamt vermittelt.

"Wer arbeiten will ...?"

Nun sind auch KopfschlachterInnen sicher ehrenwerte Menschen - doch dem Arbeitsamt war zum Zeitpunkt dieses "Arbeitsangebotes" bekannt, daß die Person, der dieses Angebot gemacht wurde, zuvor aus gutem Grunde den Kriegsdienst verweigert hatte - ein Mensch also mit staatlicher Lizenz, nicht töten zu müssen. Die Erlaubnis zur Kriegsdienstverweigerung hatte sogar die Bundeswehr vergeben. Es ist auch heutzutage noch so, daß Menschen keine Linzenz zum Töten benötigen, wenn dieses Töten in einem staatlich legitimierten Bereich geschieht. Damals scheute das Arbeitsamt die Auseinandersetzung und zog dieses Arbeits"angebot" an die Arbeitssuchende zurück.

Kein Job? "Geh' doch Töten"

2004 sieht das Vermittlungsangebot der Bundesbehörde "etwas" anders aus. Kaum ein technischer Bereich, in dem es kein "Arbeitsangebot" seitens des staatlichen organisierten Kriegshandwerks gibt. In manchen Rubriken ist solches "Angebot" gar das einzige. EinE OldenburgerIn bekam im Frühjahr ein Schreiben der Bundesagentuer für Arbeit aus Potsdam. In hoffnungsvoller Erwartung wurde der Brief geöffnet. Es erschien ein Angebot einer privaten Arbeitsvermittlung aus Brandenburg - für eine Arbeitsstelle in Oldenburg.

Lang und unergründlich sind die Wege der Arbeitsvermittlung. Die Stelle: ProduktionshelferIn in einer Großfleischerei hier in Oldenburg. Auch diese gnädig bedachte Person ist KriegsdienstverweigererIn. Nun sollen zwar auch heutzutage noch Arbeitsmöglichkeit und Mensch zusammenpassen, doch die Restriktionsdrohungen sind deutlich umfassender als noch vor einigen Jahren.

Abzocke Vermittlungsgutschein

Kurz zuvor hatte die OldenburgerIn gelesen, daß sogar der Bundesrechnungshof den "Vermittlungsgutschein", der bei diesem Arbeitsangebot als zwingende Voraussetzung für eine erfolgreiche Vermittlung genannt wurde, für ein Riesentor zur Abzocke hält.^1 Deshalb war Vorsicht angesagt angesichts dieser ominösen Mitteilung aus Brandenburg via Potsdam nach Oldenburg.

Auch beim Töten keine Arbeit

Eine konkrete Firma war in dem Schreiben nicht genannt. Also bewarb sich die OldenburgerIn bei sämtlichen Fleischereien in Oldenburg. Wenn schon in einer Fleischerei arbeiten, dann sollte wenigstens nicht noch ein Sklavenhändler daran verdienen - irgendeine Stelle wird sich in diesem Bereich schon finden lassen. Doch keine Firma in Oldenburg und umzu hatte überhaupt Arbeit - geschweige denn gehabt und auch nichts in Aussicht.

Was steckt dahinter?

Auf der Suche nach Rat kamen eine Menge gefährlicher Schläge. So ratschlugen offensichtlich Unwissende, mensch solle gar nicht reagieren und gäbe es Ärger, der Behörde gegenüber erklären, das Schreiben sei nicht eingegangen. Das ist ein ziemlich sicherer Weg in Richtung Sperrzeit.

Mensch solle erklären als Vegetarier ethisch zu einer Tätigkeit in einer Fleischerei nicht fähig zu sein. Nach Auskunft der Gewerkschaft ist dieser Weg zwar gangbar, kann zunächst jedoch in größere Auseinandersetzungen münden. So sollen z.B. Muslime, die nicht mit toten Schweinen in Berührung kommen dürfen, mit drastischen Sperren belegt worden sein. Wer dann keine FreundInnen hat oder noch ein wenig Erspartes sieht dann ziemlich alt aus. Die Brötchenfinazierung via Bundesagentur für Arbeit muß nämlich erst erstritten werden - und das kann dauern.

Hauptsache nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik!

Deshalb muß dieses tolle Angebot als ein Teil dessen betrachtet werrden, dem sich die Bundesagentur mittlerweile hauptsächlich angenommen hat: Menschen aus dem Leistungsbezug ekeln. Dabei ist sich die Agentur auch nicht zu schade, mit privaten Sklavenhändlern zusammenzuarbeiten.

Was ist draus geworden?

Ein Gespräch mit dem Brandenburger Sklavenhändler kam nicht zustande. Auf die Frage nach der Arbeitsstelle und einem Vorstellungstermin sagte eine MitarbeiterIn dort: "Der Chef ist nicht da. Vielleicht nächste Woche, aber vielleicht auch erst in zwei oder drei Wochen. Überhaupt - Sie fragen so viel - wollen Sie überhaupt arbeiten?" (In dem Schreiben der Bundesagentur wurde der Chef ausdrücklich als Ansprechperson genannt.) Die vereinbahrte Rückmeldung des Sklavenhändlers erfolgte bis heute nicht.

Der Anruf bei der Bundesagentur für Arbeit in Potsdam darf "Valentinade" genannt werden. Trotz Aktenzeichen und eindeutiger Absendung von dort wußte niemand worum es geht. Erst nach vielen Fehlverbindungen zeigte sich ein Mitarbeiter bereit, die Hinweise auf eine mögliche Unzuverlässigkeit des Sklavenhändlers im Sinne des Bundesrechnungshofes aufzunehmen.

Eine Nachfrage einige Wochen später bei der Bundesagentur für Arbeit in Oldenbrug ergab: nichts. Die angebliche Eintragung ist hier unbekannt. Bei einer Bundesbehörde mit zentraler Computerdatei wirkt das eigenartig und läßt nur den Schluß zu: die Firma in Brandenburg darf ihr Unwesen weiterbetreiben. Zu erahnen ist, daß auch die MitarbeiterInnen bei dieser "Firma" aufpassen sollten, daß sie wenigstens ihr Gehalt bekommen für den Mist, den zu verzapfen sie dort angewiesen sind. Es wäre ja nicht das erste Mal, daß ...

Gerold Korbus

^1 Gefloppt: Vermittlungsgutscheine vom Arbeitsamt

Bundesrechnungshof rügt

Wenig schmeichelhaft klingt, wie der Bundesrechnungshof angesichts der mageren Vermittlungszahlen die Lage beurteilt: Das System der Vermittlungsgutscheine sei "wenig erfolgreich" und "in hohem Maße mißbrauchsanfällig". Nur selten seien "Problemgruppen des Arbeitsmarktes erreicht" worden. Der Bundesrechnungshof bemängelt weiter, daß fast jede dritte Vermittlung fingiert sei. In einem Fall habe sich der Arbeitsvermittler selber an einen Arbeitgeber vermittelt und kassiert. Insgesamt knapp zehn Millionen Euro kostete die Bundesagentur für Arbeit eine Fülle zu Unrecht ausgezahlter Scheine. Weil viele Gutscheine nicht eingelöst wurden, gingen rund 2,7 Millionen Euro verloren.

^1 Berlin: (hib/VOM) Das Instrument des Vermittlungsgutscheins im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit soll zwei Jahre länger, nämlich bis Ende 2006, erprobt werden. Dazu haben SPD und Bündnis 90/Die Grünen einen Gesetzentwurf (15/3674) vorgelegt. Da der Bundesrechnungshof im vergangenen Jahr festgestellt habe, daß das Vermittlungsgutscheinverfahren zu Mitnahmeeffekten und Mißbrauch führe, seien auch inhaltliche Änderungen erforderlich. http://www.bundestag.de/bic/hib/2004/ 2004_210/02.html; 2http://www.ndr.de/tv/ markt/archiv/20040802_4.html

^2 Der Artikel ist feminisiert verfaßt. Im Vorfeld gab es die Kritik, daß die Dienstpflicht nicht die Frauen erfaßt und deshalb die feminisierte Schreibweise in diesem Zusammenhang künstlich wirke. Diese Kritik ist nur zu einem Teil berechtigt. Denn nach Eintritt ins Militär (derzeit für Frauen noch freiwillig) gilt für Frauen ebenso die Dienstpflicht und Befehl und Gehorsam. In akuter Situation kann für diese Frauen einzig das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung helfen, um doch nicht töten zu müssen. Art. 4, Abs. 3 Grundgesetz: "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Dienst mit der Waffe gezwungen werden." Das gilt auch für Frauen, die sich "freiwillig" verpflichtet haben. Hinzu kommt die Dienstpflicht für Frauen im Rahmen der Notstandsgesetze. Bereits Anfang der 80er Jahre gab es große Wellen der Frauenverweigerung gegen den Einsatz in einem möglichen Krieg. Deshalb ist auch in diesem Zusammenhang die Feminisierung nicht aus der Luft gegriffen.

 

 
  Differenzen zur gedruckten Fassung nicht auszuschließen. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Siehe auch Impressum dieser Ausgabe und Haupt-Impressum