Oldenburger STACHEL Nr. 246 / Ausgabe 11/04     Seite 0
 
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Suche nach Freiheit

Interview mit dem syrischen Künstler Rodi Khalil

"Ich male. Ich male immer. Ich male, um meine Gefühle, meine Verletztheit, meinen Schmerz zum Ausdruck zu bringen."

Der syrische Künstler, Rodi Khalil, 1973 in der Nähe von Damaskus geboren, stellte in den vergangenen Wochen einen Teil seiner Bilder in der Universitätsbibliothek Oldenburg aus.

Von 1995 bis 1999 studierte Rodi Khalil an der Universität Damaskus Kunst und Dekoration, arbeitete als Bühnenbildner am Theater von Damaskus, fertigte Dekorationen für verschiedene in Syrien ausgestrahlte jordanische Fernsehsender an und stellte als Künstler mehrfach aus, unter anderem in London und New York. Während seiner Kindheit und der gesamten Laufbahn als Künstler bekam er Unterdrückung und Repressionen aufgrund seiner kurdischen Volkszugehörigkeit zu spüren. Die Kunst ist für ihn ein Weg, diese Erlebnisse zu verarbeiten.

Das folgende Interview führte und übersetzte aus dem Arabischen Hilke S.

Hilke: Rodi, wann hast Du mit der Malerei begonnen?

Rodi: Als Kind habe ich in meinem Heimatdorf "Tal Hadat", das in der Nähe von Damaskus liegt, immer auf Häuserwände und in den kleinen Straßen mit Schlamm Kindermalereien wie Blumen, Schiffe, usw. gemalt. Die NachbarInnen belächelten mich damals oft und erklärten mich für ein "etwas verrücktes Kind". Mir machte das nichts aus, ich malte weiter.

In der Schule hatten wir einmal die Woche Kunstunterricht, jedoch reichte mir das nicht aus. Ich malte heimlich auch in allen anderen Unterrichtsfächern.

Da ich aus einer ärmlichen Familie komme, konnten meine Eltern damals zeitweise kein Geld für meine schulische Ausbildung aufbringen. Die Schule selbst kostete zwar nichts, doch waren für meine Eltern Utensilien wie Bücher, Papier und Stifte sehr teuer. Meine Malleidenschaft brachte mich dazu, in besonders großen Notzeiten mit angekokelten Holzstücken, also dem entstandenen Ruß zu malen.

Als Kind und als Jugendlicher war die Armut sehr hart für mich und mit Entbehrungen verbunden, doch sie war nicht das, worunter ich am meisten litt. Viel schlimmer empfand ich schon damals die Rechtlosigkeit, die wir als KurdInnen zu spüren bekommen. In Syrien wird 250.000 KurdInnen die Ausstellung eines Ausweises verweigert. Ohne Papiere werden Dir sehr viele Rechte vorenthalten. Für meine Eltern z. B. war es sehr schwer, Arbeit zu finden - jegliche staatliche Tätigkeiten waren ihnen ohne Ausweis verwehrt. Auch ich bekam die Papierlosigkeit in meiner beruflichen Karriere als Künstler häufig schmerzlich zu spüren. So konnte ich zwar an der staatlichen Universität in Damaskus Kunst und Dekoration studieren, jedoch erhielt ich nach Beendigung meines Studiums trotz gleicher absolvierter Leistungen wie alle anderen AbsolventInnen kein gleichwertiges Diplom, da ich keinen Ausweis vorlegen konnte. Während des Studiums wurden manchmal Razzien zum Aufspüren papierloser Studierender vom Staat aus durchgeführt, in Folge derer zeitweise allen Studierenden ohne Papiere die Weiterführung des Studiums verboten wurde. Das Verbot wurde nach einiger Zeit wieder aufgehoben und wir konnten das Studium wieder aufnehmen, doch litten wir, die keinen Ausweis besaßen, permanent unter der Angst, der Staat würde jederzeit wieder wahllos eingreifen und uns unserer Rechte berauben. Diese Angst erlebte ich im übrigen auch schon in meiner Schulzeit, denn auch dort kam manchmal die Polizei und nahm Kinder aus dem Unterricht heraus.

Nach Abschluß meines Studiums habe ich verschiedene Kunstausstellungen in der Ukraine, Libanon, Kuwait, England (London) und den USA (New York) gehabt. Zu allen Ausstellungen wurde mir aufgrund meiner Papierlosigkeit die Einreise in das jeweilige Land verwährt. Ich persönlich konnte also bei meinen eigenen Ausstellungen nie anwesend sein.

Hilke: Im März diesen Jahres gab es Zusammenstöße zwischen KurdInnen und der syrischen Polizei und dem Militär anlässlich eines Fußballspiels. Bei den Übergriffen durch Armee und Polizei kamen über 200 KurdInnen ums Leben.

Die jüngsten Zusammenstöße bringen die seit Jahrzehnten existierenden Repressionen gegenüber den KurdInnen zu einem neuen Höhepunkt. Wie beurteilst du die momentane Lage der KurdInnen in Syrien? Welche Forderungen hast du an die syrische Regierung?

Rodi: In Syrien werden die KurdInnen fortlaufend ihrer Rechte beraubt. Es fängt bei der Sprache an: Kurdische Kinder dürfen ihre eigene Muttersprache in der Schule nicht sprechen, Erwachsene nicht an ihrem Arbeitsplatz, Fernsehsender in kurdischer Sprache und kurdische Zeitungsartikel sind verboten. Politische Parteien sind untersagt, die Ausübung unserer Religionen ist untersagt.

Derzeit befinden sich etwa 12.000 KurdInnen in Syrien ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis und wie anfangs schon erwähnt besitzen 250.000 KurdInnen keinen Paß.

Mein Wunsch, meine Forderungen an die syrische Regierung ist einfach, daß sie ihre BürgerInnen wie Menschen behandelt. Das gilt für die ganze Bevölkerung, nicht nur für uns KurdInnen. In Syrien herrscht ein totalitäres Regime. Wer sich nicht so verhält, wie es dem Staat paßt, ist "verdächtig" und bekommt dies zu spüren. Dies beginnt schon, wenn man öffentlich Kritik äußert.

Wer als KurdIn für seine Rechte kämpft, wird bestraft. Mein Bruder ist einer der 12.000 gefangen Gehaltenen. Der Grund seiner Verhaftung war ein Auftritt als Sänger am kurdischen Neujahrsfest Newroz am 21. März diesen Jahres. Das Militär hat ihn ohne Begründung inhaftiert. Meine Familie weiß noch nicht einmal, in welcher Stadt im Gefängnis er sich befindet. Wir haben große Angst, daß er möglicherweise gefoltert wird.

Während mein Bruder1) sich im Gefängnis befindet, bekommt meine Familie Besuche der syrischen Polizei und dem Militär, die bereits zweimal die gesamte Wohnung verwüstet haben.

Ich lebe hier in Deutschland in einer ständigen Angst, was meiner Familie als nächstes zustoßen wird.

Hilke: Rodi, Du malst nicht nur, sondern schreibst auch Gedichte. Ein Part aus einem deiner Gedichte, der bereits eingangs zitiert wurde, möchte ich an dieser Stelle noch einmal wiederholen:

Rodi: Ich male. Ich male immer. Ich male, um meine Gefühle, meine Verletztheit, meinen Schmerz zum Ausdruck zu bringen.

Hilke: Von welchem Schmerz sprichst du an dieser Stelle?

Rodi: Manchmal fühle ich mich wie ein Vogel, dem die Flügel gestutzt wurden. In Syrien habe ich als Kurde keine Rechte, doch auch hier in Deutschland befinde ich mich in einem nicht gesicherten Aufenthaltsstatus. Mit meinem hiesigen Status der Duldung darf ich aufgrund der Residenzpflicht, die für Asylsuchende besteht, den Bereich in Deutschland, in dem ich gemeldet bin, nicht verlassen. D. h. ich kann mich für die gesamte Zeit, die ich in Deutschland bin, nur innerhalb von Niedersachsen ohne Extragenehmigung bewegen. So ist es mir z. B. auch untersagt, nach Bremen zu fahren. Diesen Zustand des Festgehaltenseins erlebe ich nun schon seit den elf Monaten, die ich mich in Deutschland befinde.

In Syrien suchte ich stets nach dem Licht des Lebens, doch konnte ich die Sonnenstrahlen, die schienen, nicht greifen, da ich mich in einem Käfig befand. Durch die strikte Asylpolitik in Deutschland fühle ich mich auch hier wie in einem Käfig. Dies ist ein Teil des Schmerzes in mir, den ich in meinen jetzigen Bildern zum Ausdruck bringen möchte.

Ich male, um mein Inneres aus diesem Käfig zu befreien. Die Malerei hilft mir, mit dem Schicksal meines Lebens umzugehen. Durch die Malerei kann ich vergessen.

Wenn ich male, fühle ich mich wie in einer anderen Welt. Durch das Malen kann ich einen sehr großen Teil meiner Schwere abgeben. Die Schwere zieht dann nicht mehr an mir, sondern ist abgegeben an meine Bilder. In gewisser Weise also ist die Malerei eine Art Therapie für mich.

Hilke: Welche Art von Kunst machst Du?

Rodi: Mein Malstil ist eine Mischung aus impressionistischer und expressionistischer Kunst.

In allen meinen Bildern ist die alte, orientalische und kurdische Kultur eine stete Quelle der Inspiration. Das heißt, meine Bilder haben einen Bezugsrahmen, der bis 4000 Jahre in die Vergangenheit zurückreicht.

Die Farbe Braun ist in allen meinen Bildern von Dominanz. Das hängt mit der Tatsache zusammen, die ich zu Beginn unseres Gesprächs erwähnte, daß ich als Kind immer mit nassem Sand und Schlamm auf die Straßen unseres Dorfes und Häuserwände gemalt habe.

Oft machte ich als Kind auch Ausflüge in die um unser Heimatdorf umliegenden Berge. Dort gibt es Berghöhlen mit alten Wandmalereien in überwiegend brauner Farbe. Die Malereien haben mir damals als Kind sehr imponiert. Heute möchte ich all diese Erinnerungen und Empfindungen aus meiner Kindheit in meine Bilder integrieren. Die Farbe Braun nimmt für mich diesbezüglich einen wichtigen Part ein.

Hilke: Was möchtest Du anderen mit Hilfe deiner Bilder vermitteln?

Rodi: Die Kunst im allgemeinen weckt positive Gefühle in mir. Sie bewirkt eine innere Klärung und Befreiung von äußeren Zwängen. Dieses positive Gefühl und diese Befreiung von allem Schweren und Belastendem möchte ich mit meinen Bildern an andere Menschen weitergeben.

Ich bin sehr glücklich, daß mir die Möglichkeit gegeben wird, in der Universitätsbibliothek Oldenburg eine Ausstellung durchzuführen. Hierbei haben mir viele neu gewonnene Freunde aus Oldenburg geholfen. Ich danke ihnen sehr, denn ohne die Übernahme der Organisation der Ausstellung, ohne die Bereitstellung eines Atelierraumes, und ohne der mentalen Unterstützung von außen wäre die Ausstellung nie möglich gewesen.

Hilke: Danke für das Gespräch!

1) Der Bruder von Rodi Khalil konnte inzwischen von seiner Familie aus dem Gefängnis "freigekauft" werden, so daß er das Gefängnis im Juni 2004 wieder verlassen konnte. Dennoch befinden sich - auch nach dem Abebben der jüngsten Krise zwischen syrischen Kurden und dem in Damaskus herrschenden Ba'th-Regime (siehe die Ausführungen im Interview oben) - immer noch 4000 Kurden unbegründet im Gefängnis.

 

 
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