Oldenburger STACHEL Ausgabe 2/96     Seite 3
 
Aktuelles
Archiv
2003
2002
2001
2000
1999
1998
1997
1996
Dezember (175)
November (174)
Oktober (173)
September (172)
August (171)
Juni (170)
Mai (169)
April (168)
März (167)
Februar (166)
Januar (165)
1995
1994
UHN
Service
Wir über uns
Impressum
Kontakt
 
Inhalt dieser Ausgabe
 

Pfandflasche vor dem Glasbruch?

Brunnen planen die Limonade in PET-Flaschen

Möglicherweise wird es in wenigen Jahren keine Limonaden mehr in der gewohnten 0,7-Liter-Mehrweg-Glasflasche geben. Die in der Genossenschaft Deutscher Brunnen zusammengeschlossenen Betriebe haben vereinbart, daß künftig sogenannte "fruchthaltige Limonaden" in der Ein-Liter-Flasche aus dem Kunststoff Polyethylenperephthalat (PET) angeboten werden können. Die besonders von den großen Brunnenbetrieben propagierte Kunststoffmehrwegflasche soll langfristig die ca. 1,6 Milliarden Glaspfandflaschen und 150 Millionen Kästen ablösen. Die PET-Flasche ist von kleinen und mittleren Brunnenbetrieben, sowie Umweltverbänden stark umstritten, denn sie ist nicht völlig geschmacksneutral und ist unter Umweltgesichtspunkten sehr bedenklich.

Plastik-Limo

Befürworter der PET-Flasche werben bei den EndverbraucherInnen vor allem damit, daß die Flasche leicht und bruchsicher sei. Bei vielen Kunden zieht dieses Argument, denn fällt die Flasche herunter, haben sie keinen Scherbenhaufen vor sich. Auch bekommen sie für das gleiche Gewicht mehr Getränk, da die neuen PET-Limonadenflaschen 300 ml mehr fassen. Dieses ist jedoch Teil der Marktstrategie. Der Kunde muß größere Mengen zu einem höheren Preis kaufen.

Gehen die kleinen baden?

Das geringe Gewicht hat weitergehende wirtschaftliche Folgen. Durch die Verringerung des Transportaufwandes, die gerne als Argument für die Kunststoffflasche angeführt wird, können die Getränke in einem größeren Umkreis verkauft werden. Das bedeutet, daß große Getränkeabfüller besser die Absatzmärkte kleinerer Firmen erreichen können. Die regionalen Firmen befürchten daher, daß sie mittels der PET-Flasche vom Markt verdrängt werden.

Von einer gezielten Verdrängung möchte Axel Hahn vom PET-befürwortenden Brunnenbetrieb "Gerolsteiner Brunnen" nicht sprechen: "Eine Marktverdrängung ist nicht auszuschließen, aber sie ist nicht vornehmlicher Gedanke."

Auch finanziell sehen sich die regionalen Betriebe nicht in der Lage, die hohen Investitionen für neue Getränkeabfüllanlagen, Flaschen, Paletten und Kisten aufzubringen. Eine Getränkeabfüllanlage kostet in der Anschaffung einen Betrag in der Größenordnung von etwa 10 Millionen DM. Für sie ist das sehr viel, da sie mit der PET-Flasche keinen größeren Umsatz erzielen.

Leichte Flaschen reisen weiter...

Mit der Umstellung auf PET-Flaschen geht auch eine Anpassung der Flaschen-, Kisten- und Palettengröße auf die Europäische Norm einher. Die Festschreibung dieser Norm, die in einer EG-Richtlinie festgehalten ist, war Auslöser der Diskussion um die PET-Flasche, obwohl es nach Informationen von der Genossenschaft Deutscher Brunnen für Deutschland eine Ausnahmeregelung auf unbestimmte Zeit gibt.

... kommen sie auch zurück?

Sicherlich läßt sich die leichte Flasche leichter ins europäische Ausland exportieren. Ob sie jedoch von dort als Mehrweg-Leergut wieder zurückkommt, ist eine offene Frage.

Zentraler Vertrieb unökologisch

Der Gedanke, Waren zentral über ein großes Gebiet zu vertreiben, entspricht keiner ökologischen Denkweise. Umweltschonender wäre es, Waren direkt beim Erzeuger, bzw. in mitgebrachten Verpackungen zu erwerben. Die Milch beim Bauern, Käse, Butter, Brot in eigenen Dosen und Taschen sind bekannte Beispiele dafür. Waren, die nicht direkt vom Erzeuger bezogen werden können, z. B. Mineralwasser, Bier und Limonaden, sollten aus der Nähe kommen. Dafür ist das seit 25 Jahren bewährte Glaspfandflaschensystem am besten geeignet.

Rückstände in der PET-Flasche

Von der Umstellung auf PET-Flaschen sind zunächst nur Limonaden betroffen. Die Gründe liegen in den chemischen Eigenschaften der PET-Flaschen.

Noch einige Zeit nach ihrer Herstellung geben sie geringe Mengen Acetaldehyd (Apfelsäure) ab, die in das Getränk gelangen. Bei Limonadengetränken fällt dieser geringe Zusatz nicht auf, Mineralwässer hingegen werden dadurch in ihrer Qualität beeinträchtigt.

Diese Qualität zeichnet sich durch mehrer Merkmale aus. So dürfen Mineralwässer in ihrer Zusammensetzung nicht verändert werden, nachdem sie aus ihrer natürlichen Quelle (Mineralquell) oder die Bohrung (Mineralbrunnen) aus ihrem von Gestein eingeschlossenen Vorkommen gewonnen wurden, und müssen noch am Orte abgefüllt werden. Tafelwässer haben nicht diesen Qualitätsanspruch. Ihnen können Mineralien oder andere Wässer hinzugefügt werden und sie dürfen vor ihrer Abfüllung transportiert werden. Deswegen gibt es bereits Tafelwässer in PET-Flaschen zu kaufen.

Ein weiteres Problem der PET-Flasche ist, daß man in ihr nicht abwechselnd Limonade und Mineralwasser füllen kann. Nach der Reinigung einer PET-Limonadenflasche, bleibt ein aromatischer Rückstand in der Flasche zurück, der sich auf das neue Getränk überträgt (Aromentransfer). Was bei Limonaden nicht berücksichtigt wird, beeinträchtigt das Mineralwasser und vielleicht dessen Geschmack.

Zur Zeit wird daran geforscht, PET-Flaschen herzustellen, die diese Eigenschaften nicht aufweisen.

Glasflaschen haben Öko-Nase vorn

Bedenklich sind PET-Mehrwegflaschen hinsichtlich der Ökobilanz. Sie haben eine kürzere Lebensdauer als Mehrwegflaschen aus Glas. An die durchschnittlich 40 Umläufe einer Glasflasche kommt die PET-Flasche nicht heran. Nach Angaben von Coca-Cola seien derzeit ca. 25 Umläufe pro Flasche möglich. Glasbefürwortern erscheint diese Zahl zu hoch gegriffen. Beim Reinigen wird die PET-Flasche einer zweiprozentigen Lauge ausgesetzt, die bewirkt, daß der Kunststoff milchig wird. Milchige Flaschen sind jedoch im Handel aus verkaufspsychologischen Gründen nicht gerne gesehen. So wird vermutet, daß PET-Flaschen nach fünf bis acht Umläufen bereits aus dem Verkehr gezogen werden.

Außerdem sind PET-Flaschen nicht so stabil wie Glasflaschen. Jeder kennt die weißen Ringe um Glasflaschen, die dadurch entstehen, daß die Flaschen von Maschinen gegriffen und gehalten werden. Bei Kunststoffflaschen ist der Abrieb höher als beim Glas, was sich negativ auf die Stabilität auswirkt.

Glas voll recycelbar

Wird eine Glasflasche aussortiert, kann sie zu 100% wieder zu gleichwertigem Flaschenglas gemacht werden. Zwar behaupten die PET-Verfechter, daß auch ihre Flasche chemisch zerlegt und zu gleichwertigem Stoff gemacht werden kann, doch funktioniert dieses nur auf dem Papier. Es muß mindestens 70% Neumaterial hinzugefügt werden, um eine neue PET-Flasche aus einer alten zu erhalten.

PET nur downcycelbar

Gerne wird deshalb auch das sogenannte "Down-cycling" als "Re-cycling" verkauft. Downcycling bedeutet, daß aus einem Stoff kein gleichwertiger Stoff hergestellt werden kann. Das PET-Flaschenmaterial wird zu Sitzbänken, Lärmschutzwänden (um unsere selbstgemachten Umwelt- und Sozialprobleme zu kompensieren?, d. S.) oder anderen Produkten, die nach ihrem Gebrauch endgültig auf den Müll wandern.

PET-Flasche für Einweg konzipiert

Es ist fraglich, ob auf längere Sicht ein Mehrwegsystem mit der PET-Flasche überlebensfähig ist. Zwar ist die Anschaffung von neuen PET-Flaschen relativ teuer, doch ist der Schritt zu einer billigeren Einwegkunststoffflasche kleiner, wenn die Vertriebswege weiter sind und sogar ins Ausland reichen. Schon bei der Einführung der PET-Flasche bei Coca-Cola ist der Konzern massiv gegen das Bundesumweltministerium vorgegangen, um den Pfand auf seine Flaschen zu verhindern, um die Flasche als Einwegprodukt auf den Markt zu bringen. Damals konnte sich das Bundesministerium durchsetzen. Ob es das auch kann, wenn sich noch mehr Brunnen die PET-Flasche vertreiben und sich geschlossen gegen den Pfand aussprechen, wird sich zeigen. Verbessertes Recycling von PET wird ihnen dabei nicht förderlich helfen.

Kaum zeitgemäße Glasabfüll-Anlagen

Fehler wurden in der Vergangenheit hinsichtlich Forschung gemacht. So wurden Einweg- und PET-Flasche ständig weiterentwickelt, während am bestehenden Glasmehrwegsystem kaum etwas zur Effizienzsteigerung getan wurde.""Fehler wurden in der Vergangenheit hinsichtlich Forschung gemacht. So wurden Einweg- und PET-Flasche ständig weiterentwickelt, während am bestehenden Glasmehrwegsystem kaum etwas zur Effizienzsteigerung getan wurde.

Der Verbraucher entscheidet

In der nächsten Zeit werden einige Brunnenbetriebe Testläufe mit der Limonade in der PET-Flasche durchführen. Nur wenn die EndverbraucherInnen diese auch kaufen, und sie damit akzeptieren, wird die Flasche einen so großen Erfolg haben, wie die von Coca-Cola. Es ist an jedem einzelnen, zu entscheiden, ob die umweltbelastende PET-Flasche eine Chance hat oder nicht.

muh


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel. Differenzen zur gedruckten Fassung sind nicht auszuschließen.
Nachdruck nur mit Quellenangabe, Belegexemplar erbeten.

 

 
  Differenzen zur gedruckten Fassung nicht auszuschließen. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Siehe auch Impressum dieser Ausgabe und Haupt-Impressum