Oldenburger STACHEL Ausgabe 3/96     Seite 5
 
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Mit Netz und auf festem Boden...

Erstes Oldenburger Studi-Wohnheim computervernetzt

Die BewohnerInnen des Studiwohnheims Artillerieweg haben jetzt ein eigenes Computernetzwerk. Über eine ständige Verbindung zur Universität können sie von Zuhause aus neben diversen Internet-Diensten auch die Computerprogramme der Universität und die Bibliothekscomputer nutzen. Geplant und aufgebaut haben die StudentInnen das Netzwerk selbst. Sie tragen auch die Kosten für ihr Projekt, das nach den ersten Wochen ein großer Erfolg zu werden scheint.

Am Anfang war eine Idee...

Angefangen hat alles mit dem Experiment, zwei Computer miteinander zu verkabeln und unsinnige Daten hin- und herzuschicken. Nachdem der Computer seines Nachbarn über ein Kabel mit dem eigenen verbunden war, hatte Martin Schulze, die Idee, das gesamte Wohnheim mit seinen knapp 100 Zimmern zu vernetzen - lange bevor das Thema "Internet" so aktuell war wie heute.

... dann kamen die Schwierigkeiten

Knapp zweijährige Verhandlungen mit dem Vermieter, dem Studentenwerk Oldenburg, standen ihm bevor. Kabelpläne, Finanzierungskonzepte etc. wurden erarbeitet und vorgelegt. Doch die Gespräche mit dem Studentenwerk blieben frustrierend. In der Zwischenzeit baute der Initiator mit seinem Nachbarn ein kleines provisorisches, privates Netz auf - mit Kabelsträngen, die durch das Treppenhaus liefen, um wenigstens einige interessierte Nachbarn zu vernetzen und Erfahrungen zu sammeln. Auf eine Dauerverbindung zum Internet verzichteten die Teilnehmer des kleinen Netzes ganz bewußt, um das große Ziel, die komplette Vernetzung des Wohnheimes mit Anbindung an die Universität, nicht zu gefährden. Die Verbindung zum weltweiten Netz wurde nur einige Male täglich für wenige Sekunden über Telefonleitungen hergestellt, um elektronische Briefe auszutauschen und die Artikel in Diskussionsforen abzugleichen.

Auch Beton hält nicht ewig

Nach beständigem Bohren bei den Verantwortlichen und aufgrund der Internet-Euphorie, die seit einem Jahr in Deutschland herrscht, kam am 19. Dezember schließlich der unerwartete Durchbruch. Das Studentenwerk gab Grünes Licht - der Weg war frei für das Wohnheimnetz.

Sofort wurden Firmenkontakte geknüpft und die anderen HeimbewohnerInnen informiert, so daß dem ersten Erfolg bald ein zweiter folgen sollte: Anstatt der anvisierten 30 Interessenten meldeten sich auf der Heimratssitzung im Januar 50 BewohnerInnen, die Interesse hatten, sofort am neuen Netz teilzunehmen.

Löcher bohren und Kabel ziehen

Als Kabel, Stecker, Dosen und andere nötige Materialien kamen, wurden die seit einem Jahr fertigen Vernetzungspläne aus der Schublade geholt und in die Realität umgesetzt. In zweiwöchiger harter Eigenarbeit durchbohrte ein halbes Dutzend Studenten Wände, verlegte die technische Infrastruktur und installierte diverse Zusatzgeräte. Alle Zimmer sind mit einer Anschlußdose ausgestattet worden, bis am 15. Februar das Wohnheiminterne Netz, das auf den Namen "Artis" getauft wurde, stand.

Jetzt konnten die ersten HeimbewohnerInnen ihren Computer ans Wohnheimnetz anschließen. Dazu brauchen sie nur einen Antrag auszufüllen, der von dem kleinen Team, das das Netzwerk betreut und wartet, zügig bearbeitet wird, so daß ihnen oft schon Minuten später die Dienste des Netzes zur Verfügung stehen. Die BetreuerInnen sind bemüht, den BewohnerInnen bei Problemen zu helfen. Sogar fehlende Computerteile versuchen sie zu beschaffen. Sie wollen, daß ihr Projekt Erfolg hat.

Großes Angebot

Die letzte Etape zum Ziel war das Aufschalten der Standleitung durch die Telekom, die den Wohnheimnetzknoten mit dem Hochschulrechenzentrum verbindet. Dank der guten Unterstützung durch das Hochschulrechenzentrum (HRZ) wird es danach sogar möglich sein, die PC-Netze der Fachbereiche und des HRZ vom Artillerieweg aus zu nutzen. Kein Bewohner muß sich mehr teure PC-Anwendungsprogramme kaufen, um zuhause arbeiten zu können. Auch entfällt das Arbeiten in den kahlen, ungemütlichen PC-Räumen. Nur zum Ausdrucken muß mensch weiterhin hinüberradeln.

Das Warten vor den Bibliothekscomputern entfällt ebenfalls. Nach Literatur kann mensch Zuhause recherchieren, sogar Vorbestellungen und Verlängerungen sind möglich.

Nicht zuletzt können die HeimbewohnerInnen die gesamte Palette des Dienstleistungsangebotes des Internets vom heimischen Schreibtisch aus nutzen. Sie können elektronische Briefe erhalten und senden (E-Mail), sich an internationalen Diskussionsforen beteiligen (Netnews) oder mit anderen Netzteilnehmern "live" konferrieren (IRC). Wer den Oldenburger Stachel unbedingt bunt haben möchte, kann auch das haben: Er läßt ihn sich wie viele andere Informationen im World Wide Web per Mausklick auf den heimischen Bildschirm holen.

Netze ohne Risiken?

Dem Artis-Projekt werden auch Bedenken entgegengebracht. So befürchten manche, die StudentInnen würden durch ihr Netz vereinsamen. Die ersten Erfahrungen zeigen das genaue Gegenteil. In den ersten vier Wochen haben die TeilnehmerInnen völlig neue Kontakte untereinander geknüpft. Schon nach wenigen virtuellen Treffen in der wohnheiminternen "Live-Konferenz" via Computer (IRC) begannen sie aus Neugierde (Wer da wohl sitzt?) sich einander zu Tee und Kuchen einzuladen und sich wirklich kennenzulernen - früher lief man aneinander vorbei und sagte höchstens einmal "Hallo". Auch können sie auf einfache Weise schnell erfahren, ob z.B. jemand eine Spätzlepresse oder einen bestimmten Schraubenschlüssel hat, ohne alle HeimbewohnerInnen herausklingeln zu müssen.

Eine andere gesellschaftliche Kritik ist z.B. die zunehmende Computerisierung, die einen erhöhten Strom- und Rohstoffverbrauch und gesundheitliche Schädigungen zur Folge hat. Die steigende Abhängigkeit von fehlbarer Technik und die Schaffung von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft zwischen vernetzten und netzfreien Menschen sind weitere Beispiele für Risiken, die mit der Vernetznung einhergehen. Allerdings haben diese Probleme ihre Ursache nicht allein in der Wohnheimvernetzung, sondern sie sind grundsätzlicher Art, so daß es sich lohnen würde, sich ihnen in einem anderen längeren Artikel zu widmen.

Ein Beispiel macht Schule...

Das neue Netz mit seinem großen Angebot scheint recht werbewirksam bei StudentInnen zu sein, die nicht im Wohnheim Artillerieweg wohnen. Mehrere haben schon Interesse an einem Zimmer bekundet. Andere versuchen, in ihrem Wohnheim ein Netzwerk aufzubauen.

Diese Entwicklung geht nicht ganz spurlos an der Konkurrenz des Studentenwerkes vorbei. So ist von der Hermann-Ehlers-Stiftung zu hören, daß das Thema Vernetzung bei ihnen im Gespräch sei. Erste Vorgespräche mit BewohnerInnen ihres Hauses sollen in Kürze geführt werden.

...aber nicht ganz

Auch die GSG zeigt sich der Vernetzung aufgeschlossen. Sie sei in Verhandlung mit der Telekom getreten und denke über einen Anschluß beim Internet-Anbieter "T-online" nach.

Diese Idee unterscheidet sich wesentlich vom Artis-Projekt. Bekämen die Studis über einen Internet-Anbieter einen Zugang, gäbe es kein Wohnheim- oder Siedlungsinternes Netzwerk, wie im Artillerieweg, und also auch keine stärkere Kommunikation der BewohnerInnen untereinander.

Möglicherweise würde die Telekom wie in Ulm ihr Breitbandkabelnetz, das sie eigentlich für die Übertragung von Radio- und Fernsehprogrammen ausgelegt hat, für eine Vernetzung nutzen wollen. Zwar entfällt die Kabelverlegung, doch ist seine Kapazität stark eingeschränkt. Es erlaubt Daten vom Internet nach Hause, aber nur eingeschränkt in umgekehrter Richtung zu übermitteln. Eine Lösung also, die sehr konsumorientiert ist.

Ein gravierender Unterschied ist auch, daß die Idee zu Artis von Studierenden selbst kam. Das bedeutet, daß sie engagiert sind und sich bemühen, das Projekt ihren Bedürfnissen angepaßt umzusetzen und am Laufen zu halten. Dieses heißt nicht, daß sie Kriegsspiele über's Netz spielen wollen, wie das Artis-Netz zeigt.

Eine Wohnheimvernetzung kann nur erfolgreich sein, wenn es BewohnerInnen gibt, die selbst sein Konzept erarbeiten und die Vermietungsgesellschaften dieses akzeptieren und unterstützen, anstatt ihr eigenes versuchen durchzusetzen. Dazu ist natürlich Vertrauen in das Fachwissen der BewohnerInnen notwendig. Daß dieses bei einigen vorhanden ist zeigt ebenfalls Artis. Man braucht nur nach ihnen zu suchen, wenn sie sich nicht sogar von selbst melden.

muh


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