Oldenburger STACHEL Ausgabe 3/96     Seite 2
 
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Die Wahl des Oldenburger Klimasünders 96 - ein Rennbericht

Das Jugendumweltbüro in Oldenburg hat am Samstag, den 24. Januar, in der Innenstadt die Bürger den Klimasünders 96 wählen lassen. So eine Wahl ist eine feine demokratische Sache. So eine Wahl kommt aber auch nicht von ungefähr. Die Kandidaten müssen sich in einer Art Rennen bewähren und versuchen die Gunst des Publikums zu erringen. Wir wollen deshalb hier einen kurzen Rennbericht erstatten.

Das Rennen

Setzen wir den Rennbeginn 1991. Alle Kandidaten starteten bei Null. Das Ziel ist der Klimasünderpreis 1996. Da fing das Merkwürdige schon an, die Stadt in person von SPD-Vize Jacobs fordert die Gründung von Stadtwerken, die EWE-Verträge müßten gekündigt werden. Doch die EWE nutzt diesen Vorteil nicht durch den Kehrschluß, sie sei klimaschädlich, Statt dessen weiht sie gerade einen großen Windpark ein. Ergebnis: die GSG liegt auf der Startlinie durch die falsche Richtung der Konkurrenten in Führung. Dann kam das Jahr 1992. Wir erlebten einen doppelten Dopingfall: per Gesetz mußten die Konditionen der Verträge zwischen Stadt und EWE verändert werden. Die EWE bot der Stadt einen neuen Vertrag mit 20 Jahren Laufzeit an, obwohl der alte noch 13 Jahre Laufzeit hatte. Die Stadt, wiederum mit der SPD-Spitze als Vorprescher, besann sich endlich auf das Ziel und wollte den Vertrag sofort unterschreiben. Klötzen am Bein, wie dem Koalitionspartner die Grünen, wurde mitgeteilt, daß sie dem Ziel nicht im Wege stehen dürften. Die EWE wurde dabei von der Stadt im Rennverlauf gefoult: die Stadt teilte ihren Bürgern immer wieder mit, daß die EWE ganz schwer öko sei. Konnten schließlich alle auf den Bussen der städtischen VWG lesen. Das ließ die EWE nicht ruhen. Doch der direkte Weg zum Ziel schien ihr versperrt, als die Stadt (genau, die SPD in Politik und Verwaltung) endlich die Grünen rausschmissen und ohne wenn und aber neue 20 Jahre aktive Energiepolitik an die EWE verschleuderte. Der Vorsprung gegenüber der EWE nahm noch zu als bekannt wurde, daß alle Zusagen der EWE für eine umweltfreundliche Energieversorgung zwar nett im Oldenburger Generalanzeiger (NWZ), aber nicht im Vertrag standen.

Rennspitze hat sich herausgebildet

Also Zwischenstand: die Stadt einsam an der Spitze, gefolgt von EWE und abgeschlagen die GSG, die sich nur durch Untätigkeit bei ihrem Wohnungen fortbewegte.

Nun mußte die EWE aber endlich aufholen, denn mit sicheren 20 Jahren Gewinn aus viel Energieverbrauch und einer ganzen Menge Umweltschutz auf den Bussen gemalt, würde sie nie Klimasünder 96. Hinterherrennen ist witzlos, aber eine Abkürzung nehmen, das ist schlau. Diese Abkürzung führte seltsamerweise über die Nordseeküste. Dort hatten außer der EWE auch andere entdeckt, daß der Wind sich in Strom verwandeln ließ. Und als Zauberwerkzeug stellten viele Bewohner dieses Landstriches Windmühlen auf. Der Rennteilnehmer EWE sah hier seine Chance. Waren die Windbauern inzwischen von den Spielverderbern aus Bonn mit gesicherten Einnahmen versehen worden, so mußte der Hebel anders angesetzt werden: so eine Windmühle wird nicht aus der Müsslikasse von irgendwelchen Ökos bezahlt, sondern der Windbauer geht zu einer Bank. Und die entscheidet dann, ob sein Vorhaben eines Kredites würdig ist. Die EWE teilte also den Landbänkern mit, daß andere Energiekonzerne den Strom nur noch für Pfennigbeträge kaufen würden. Und die in Bonn werden sowieso noch zur Besinnung kommen, dafür hätten die EWE und andere schließlich teure Leute. Der Windbauer sei also praktisch schon pleite und weitere Kredite für Windmühlen seien verloren. Klar so etwas schickt EWE nicht mit der Post, sondern setzt es verschlüsselt in die Zeitung oder teilt es dem Landbänker auf irgendeinem Honoratiorenempfang beiläufig mit. Die Rennposition der EWE hat sich ganz schön verbessert bei dieser Abkürzung über die Küste. Sie liegt wieder in Führung.

Stadt versucht EWE Führung zu streitig zu machen

Die Stadt schaut dabei ganz schön dumm und überlegt was sie tun könnte. Sie besinnt sich also der großen Versprechen zu ihrer Mitgliedschaft im Klimabündnis der europäischen Städte und der Ankündigungen beim neuen Vertrag mit der EWE und läßt Standorte für Energiekonzepte begutachten. Halt Moment, wird man so Klimasündersieger? Das ist doch die falsche Richtung! Aber nein, da wird nur Anlauf für einen großen Sprung genommen. Der Anlauf: es werden nur sechs Standorte geprüft. Das Durchziehen kurz vorm Sprung: alles zu teuer, es bleibt nur ein Objekt übrig, bei dem die Planung fortgesetzt wird. Der weite Sprung: es passiert garnichts; oder doch die Weser-Ems-Halle GmbH, die der Stadt gehört, ersetzt mit alter Technik ihre Heizung und macht damit die Ergebnisse des Gutachtens zunichte. Einmal so schön in Schwung kommt der nächste Coup: am Klima kann sich eine Stadt nicht nur an einem Ort versündigen, sondern so richtig in der Fläche. Und das geht am besten mit einem Flächennutzungsplan. Zudem ist so ein FNP, der Flächen zum Abschuß freigibt, mehrkampffähig. Damit gibt es auch Punkte für die Flächenversiegelungmediallie, den Biotopkillerpokal und die Ehrennadel der Bodenspekulanten. Zugeben für die Klimasünderkartei fällt nur versteckt etwas ab. Aber der Fachmensch weiß das zu schätzen. Viele Einzelhäuser bedeuten viele Wandflächen, die innen geheizt werden müssen. Nahwärmeinseln zur effizienten Erzeugung von Strom und Wärme werden unerschwinglich und der Erst- und wie der Zweitwagen wird viel durch die endlose Einfamilienhauswüste bewegt, da der nächste Kaufmann weit weg ist, die Kinder zur Schule müssen und ein Bus ..., mensch wo denken Sie hin, glauben Sie Stadt schwimmt im Geld, um den so unrentablen ÖPNV zu subventionieren?

Die Lage an der Spitze hat sich trotzdem nicht geändert die EWE liegt vorn, besonders weil sie inzwischen für sich feststellt, daß sie Energiedienstleister sei und sich vom Einfluß der Politik befreien müßte, wo doch der offene Markt im Form des billigen Holländers droht: Öko ist endlich wieder Wohlstandsschadstoff und Blockheizkraftwerke standortschädlich.

Die Sorgen des Rennreporters

Aber da war doch noch ein dritter Kandidat. Während alle Teilnehmer eine gewisse Grundgeschwindigkeit in Richtung auf das Ziel haben, so macht uns Reportern die GSG doch Sorgen. Über einen so eintönigen Dauerläufer ohne Sprints ist kaum etwas zu berichten, aber er kommt voran: da werden jahrelang Kohleöfen in den Wohnung gelassen, während das Geld in Luxusobjekte fließt. Daß die Mieter dann in den zugigen Wohnungen mit Hilfe der "Grünen Punkt"-Verpackungen versuchen die Heizkosten unten zu halten, sei nur am Rande erwähnt. Und wenn dann saniert wird, dann kommt in jede Wohnung ein verbrauchsstarker Gaskessel. Gut, die Einfachfenster werden durch Isoglas ersetzt, doch werden die Wände nicht besser isoliert. Das freut die EWE durch viele Zählergebühren und hohen Gasabsatz. Die Punkte beim Rennen bekommt aber die GSG. Hier hat die GSG auch mal einen Sprint eingelegt. Gerade als eine Gutachten zur effizienten Energienutzung erstellt wurde, mußten die Häuser in der Alexanderstraße ganz plötzlich auf die beschriebene Art umgebaut werden. Das Gutachten hat jetzt nur noch Altpapierwert.

Der Endstand und die Siegerehrung

Das Rennen ging dann mit der Wahl in der Innenstadt zu ende. Alle haben sich schließlich mächtig angestrengt. Doch konnte die EWE, vor der Stadt und der GSG die Bürger am besten überzeugen sie sei der wahre Klimasünder 96. Seltsam war nur, daß sie die Klimakrücken als Preis nicht annehmen wollte. Und denn auch noch mit der Begründung: "wir haben 70 Prozent Atomstrom im Netz, die sind klimafreundlich". Stimmt nicht, aber da schielt wohl schon wer auf die "10 Jahre Tschernobyl - und wir haben trotzdem nichts gelernt"-Plakette.

mt


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