Oldenburger STACHEL Ausgabe 3/96     Seite 3
 
Aktuelles
Archiv
2003
2002
2001
2000
1999
1998
1997
1996
Dezember (175)
November (174)
Oktober (173)
September (172)
August (171)
Juni (170)
Mai (169)
April (168)
März (167)
Februar (166)
Januar (165)
1995
1994
UHN
Service
Wir über uns
Impressum
Kontakt
 
Inhalt dieser Ausgabe
 

Strahlende Aussichten

Tschernobyl ist überall

Ein trauriges Jubiläum: Am 26.4.1996 sind erst 10 von 200.000 Jahren vergangen, in denen die Welt noch von der Reaktor-Katastrophe geschädigt wird. Deshalb hat sich in Oldenburg ein breites Aktionsbündnis gegründet, um der Opfer zu gedenken sowie Alternativen aufzuzeigen und einzufordern.

Tschernobyl seit 1986

Tausende kamen und kommen noch zu Tode. Hunderttausende mußten ihr Land verlassen. Unzählige leiden unter Krankheit durch Verstrahlung. Die Katastrophe ist noch nicht vorbei: Das atomare Feuer im Inneren des "Sarkophag" brennt weiter! Der sowjetische Radiologe Oleg Schadiro sagte 1990: "Die Welt muß wissen, daß in Weißrußland ein nuklearer Völkermord stattfindet."

Das war noch immer nicht die ganze Wahrheit. 1992 schrieb Vladimir M. Chernousenko, ukrainischer Atomphysiker, der selbst stark verstrahlt wurde: "Der Unfall von Tschernobyl ist nach seinem Umfang und dem Ausmaß der Folgeschäden eine der gewaltigsten Katastrophen in der Geschichte der Menschheit." "Es wurde soviel Strahlung freigesetzt, als seien rund 80% des Reaktor-Kernbrennstoffs, also 160 Tonnen (von insgesamt 192), verstrahlt. Das ergibt eine Größenordnung von 6,4 Milliarden Curie, was etwa einem Curie pro Kopf der Weltbevölkerung entspricht." Die Bedeutung dieser Zahlen spüren die unmittelbar Betroffenen täglich am eigenen Leib. Sie für uns greifbar zu machen, wird Aufgabe der Veranstaltungen in den nächsten Wochen sein.

Bonzen, Banausen, BRD

Mitglieder des Machtapparates mit zuverlässigen Informationsquellen konnten bereits innerhalb weniger Stunden flüchten. Erst mit 39stündiger Verspätung begann die Evakuierung. Zugleich wurden aus allen Teilen der damaligen Sowjetunion Menschen zum "Aufräumen" herangebracht. 20.000 Menschen hielten sich in der "heißen Zone" auf. Viele - z.B. Soldaten - waren zwangsverpflichtet. Durch die "heiße" und die (etwas weniger verstrahlte) "besondere Zone" wurden in kurzer Zeit mindestens 650.000 Menschen geschleust - für eine unlösbare Aufgabe.

Statt konsequenter Evakuierung versuchte die Sowjetführung alles, die drei verbliebenen Reaktoren wieder ans Netz zu bringen. Hieran sind auch westliche Atombefürworter beteiligt. Noch kurze Zeit vor der Katastrophe wurde der Reaktor von Tschernobyl z.B. vom TÜV gelobt. Stellvertretend für alle hier ein Zitat eines Mitarbeiters der VEW: "- die Verläßlichkeit des ganzen Systems ist sehr hoch dank der Überwachungs- und Kontrollmöglichkeit der einzelnen horizontal liegenden Kanäle aus Zirkon," H.-P. Born, Dortmund. Unmittelbar nach der Katastrophe wurde abgewiegelt. Hans Blix, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie Organisation (IAEO), überflog mit einem Hubschrauber den geborstenen Reaktor. Danach erklärte er, daß vor Ort kein Grund zur Panik bestehe. Desgleichen äußerten sich hochrangige Vertreter der Deutschen Atomindustrie. Unvergessen ist sicher der bajuwarische Wurzelsepp von der CSU, der in einem Werbezug große Mengen angeblicher Strahlen-Molke in sich goß. Diese Leute haben Hunderttausende auf dem Gewissen und die Verantwortung für entsetzliches Leiden.

Chernousenko: "Gorbatschow hat dem Druck der internationalen und der sowjetischen Atommafia nicht widerstanden. Statt alle Maßnahmen und Mittel auf die Rettung der Millionen von Menschen zu konzentrieren, setzte er alles daran, die Katastrophe als beherrschbaren Störfall zu verniedlichen."

In der BRD wurde die Öffentlichkeit zunächst nicht informiert. Danach wurde wie gehabt abgewiegelt. Schnell war die neue Parole gefunden. "Kernkraftwerke sind nach menschlichem Ermessen sicher." Das war in der BRD bekannt. Hinzu kam die nationale Note. Waren bisher in der DDR die AKW's "in Arbeiterhand" die sichersten der Welt gewesen, so sind seit der Katastrophe von Tschernobyl nur die "made in Germany" betriebserlaubnisfähig, glaubt mensch der Atomindustrie. In Oldenburg zeigte die BildWestZeitung eine kurze Periode wahrer Pluralität. Im Politischen Teil fanden sich die Regierungsabwiegelungen. Doch in "Regionales" und "Lokales" wurden die Meßwerte der Uni wiedergegeben.

AKW & Sicherheit: Ein Grundwiderspruch

Auch die deutsche Nationalität verhindert keine Katastrophe! Z.B. fiel 12/87 im AKW Biblis die Reaktorkühlung aus. Mehr durch einen Zufall entging das RheinMainGebiet dem Unglück. Im Umkreis des AKW Krümmel gibt es auffallend häufig Erkrankungen an Leukämie. Allem Ausstiegsgeunke des niedersächsischen Ministerpräsidenten Schröder zum Trotz ist der Schrottreaktor Stade immer noch am Netz. Dabei wird in jeder Sekunde in einem laufenden AKW neue Radioaktivität produziert.

In Garching wird geplant, einen Reaktor mit Bombenstoff zu beschicken - Mitantragsteller und Generalunternehmer ist Atommonopolist Siemens. Nicht allein deshalb rufen viele Gruppen zum Boykott dieses Konzerns auf. Wir wollen keine Atombombenmeiler, wir wollen keine Atomwaffentests, wir wollen gar keine Atomwaffen. Auch in der Hand Deutscher Soldaten sind diese mörderisch.

Atomarer Klimaschutz?

Auf der einen Seite wollen Mörder-Bübchen mit Bombenmeilern basteln, auf der anderen Seite geht Frau Angelika Merkel, die "Unwissende", als Handlangerin der Atommafia mit "Klimaschutzplänen" durch AKW hausieren. Mit AKW's wird jedoch nur Strom und Abwärme produziert. Wer möchte schon eine Heizleitung direkt aus dem AKW im Haus haben? Der Strom hingegen hat am Gesamtenergieverbrauch der BRD einen äußerst geringen Anteil, so sehr sich die EWE auch müht, selbst in ihrem sogenannten Niedrigenergiehaus Strom in Heizsysteme zu schicken: Mit Strom zu heizen ist großer Frevel. Um einen klimarelevanten Anteil zu erreichen, müßten hunderte, tausende AKW errichtet werden. AKW's sind aber nicht CO2-neutral, wie behauptet wird. Vor allen Dingen ist Atomtechnologie eine teure Technologie. Das viele Geld, das in die Atomwirtschaft gesteckt wurde und wird, könnte ein Vielfaches an tatsächlicher CO2-Verminderung bewirken, würden im gleichen Maße die regenerativen Energiequellen gefördert. Deshalb war es ein schwerwiegender Fehler, durch Unterzeichnung des Konzessionsvertrages der Atomkonzern-Tochtergesellschaft EWE wieder alle Fäden in die Hand zu geben. Wo ist Euer Atom-Austiegsbeschluß geblieben, liebe Genossen und Genossinnen von der SPD?

AKW's töten täglich

Seit langem ist das Risiko der radioaktiven Niedrigstrahlung bekannt. Deshalb gibt es z.B. seit einiger Zeit die früher massenhaft durchgeführten Röntgenreihenuntersuchungen nicht mehr. Beim Thema "Elektro-Smog" (Bereich der nichtionisierenden Strahlen) dringt immer stärker ins Bewußtsein, daß auch niedrigste Dosen starke Wirkung entfalten können. Um so wichtiger ist das Wissen, daß aus AKW - mit amtlicher Erlaubnis und darüber hinaus - ständig (relativ) kleine Mengen Radioaktivität in die Umwelt abgegeben werden. Diese werden eingeatmet und reichern sich über die Nahrungskette an. Da es keine untere Grenze für die Schädlichkeit gibt, töten AKW täglich. Kinder sind besonders strahlensensibel.

Atomare Bedrohung kennt keine Grenzen. Der Widerstand dagegen auch nicht.

Der Widerstand hat Erfolg. 1974 drohten in Wyhl die Lichter auszugehen. Das AKW steht dennoch immer noch nicht. Stattdessen lacht die Sonne über dem nahen Freiburg. Dieser Erfolg macht uns Mut. Damals waren über 100 AKW allein in der BRD geplant. Ein Gefahrenpotential, über das Chernousenko sagt: "Es müssen nur ein oder zwei Reaktoren auf deutschem Territorium in die Luft zu fliegen - dann braucht sich in den nächsten 100.000 Jahren dort niemand mehr blicken zu lassen."

Ausstieg ist machbar, Herr Nachbar und Frau Nachbarin

Die Technologie hierfür steht seit langem zur Verfügung und wird zudem ständig verbessert. Eine Menge Energieverbrauch läßt sich zudem durch soziale Verbesserungen einsparen. Das erfordert das Engagement jeder und jedes Einzelnen, aber auch lange überfällige gesellschaftliche Veränderungen.

Oldenburger Aktivitäten für einen Ausstieg sofort

In den nächsten Wochen wird es viele Veranstaltungen zum Thema Tschernobyl geben. So waren bereits Russen (Tschernobyl-Geschädigte) und Kanadische Indianer (Uranabbaugeschädigte) auf Einladung des Jugendumweltbüros JUB in Oldenburg. Am Do 18.4. sprechen Menschen aus Polynesien - dem französischen Atomtestgebiet. Am Do 25.4. wird es um 19 Uhr einen Gottesdienst in der KHG geben. Danach spricht Ursula Schönberger (MdB B90/Grüne) im BIS-Saal der Uni. Am Freitag 26.4. gibt es über den ganzen Tag hinweg Aktionen und Informationen. Sonnabends fahren Busse nach Ahaus. Wer gerne weitere Informationen haben möchte, was außerdem in Oldenburg geplant ist oder selbst etwas machen möchte, bzw. sich einer bestehenden Initiative anschließen will, kann sich an den Oldenburger Energierat, Bloherfelder Straße 87, 26129 Oldenburg, Tel. 0441-52333, Büro-Kernzeit 9-13 Uhr, wenden.

Gerold Korbus

Quellen:

Bundesweiter Aufruf zum Tschernobyl-Gedenktag
Roland Scholz: "Vier Jahre nach Tschernobyl", Hrsg. IPPNW - Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges e.V.
Vladimir M. Chernousenko: "Chernobyl - Inside from the Inside", Berlin, Heidelberg, New York 1992
ökologische briefe (Öko-Test-Verlag)
Spiegel 5/92, S. 140 ff
taz


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel. Differenzen zur gedruckten Fassung sind nicht auszuschließen.
Nachdruck nur mit Quellenangabe, Belegexemplar erbeten.

 

 
  Differenzen zur gedruckten Fassung nicht auszuschließen. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Siehe auch Impressum dieser Ausgabe und Haupt-Impressum