Oldenburger STACHEL Ausgabe 4/96     Seite 14
 
Aktuelles
Archiv
2003
2002
2001
2000
1999
1998
1997
1996
Dezember (175)
November (174)
Oktober (173)
September (172)
August (171)
Juni (170)
Mai (169)
April (168)
März (167)
Februar (166)
Januar (165)
1995
1994
UHN
Service
Wir über uns
Impressum
Kontakt
 
Inhalt dieser Ausgabe
 

Lieber Mann

Nach Deinem Bericht über die MRT-Vorstellung letzten Monats bin ich erleichtert, an diesem Abend nicht dort gewesen zu sein und mir somit diese reaktionäre Bauchnabelshow der Befindlichkeiten erspart zu haben. Vielleicht schaffen es die interessierten Männer ja wirklich, in sich zu gehen und finden heraus, was sie wirklich wollen. Du scheinst da amscheinend schon eine Antwort (für sie) gefunden zu haben.

Meine "explizit" politische Erfahrung als Mitglied und Initiator von Männergruppen sind leider zu gering, um selbst berichten zu können. Auch kann ich nichts dazu sagen, ob und wie sich Frauen zusammenschließen, um sich selbst zu finden und dem Patriarchat Paroli bieten. In einer Frauengruppe war ich bisher nicht; dazu müßte ich mal eine Frauengruppenfrau fragen. Vielleicht kannst Du auch was dazu sagen.

Die Frage nach dem politischen Anspruch eines öffentlichen Treffen ist durchaus berechtigt. Ob dasselbe für eine privat sich treffende Gruppe gilt, bin ich mir nicht sicher. Der politische Aktivismus, jedes Handeln in seiner Wirkung auf das System hin zu betrachten, scheint mir mal wieder ein typisch männlicher Fallstrick zu sein. Die lauten Antisexismusbekenntnisse, das kritiklose Nachplappern von Parolen der (übrigens keineswegs so homogenem) Frauenbewegung und das Absingen der Weg-mit-dem-Patriarchat-Hymne trifft sich dann nur schnell wieder mit dem Niveau anderer (wiederum männlich besetzter) Stammtische, die ebenfalls alle ihre Wahrheiten haben.

Es ist immer der leichtere Weg, bestehende Muster zu übernehmen - z.B. die des überzeugten Antisexisten - und politisch sich an den Vätern abzuarbeiten, anstatt das eigene, persönliche Handeln genauer zu betrachten und die Stärken wie Schwächen zu benennen. Zuerst das System zu ändern mit dem Glauben, dann würden sich auch die Männer ändern, ist ebenso liebgemeint wie illusionistisch.

Für Veränderungen bedarf es durchaus eines aufrechten Gangs. Ein roter Kopf, ein schlechtes Gewissen, eine geballte Faust oder auch ein Haß auf das Patriarchat macht sich dabei allerdings nur gut als Beweis seiner eigenen Ambitioniertheit anderen und vor allem sich selbst gegenüber.

Die Möglichkeiten, die eine Männergruppe bieten, liegen vor allem im Dialog und in der Chance zur Ehrlichkeit. Von beidem gewinnt nicht nur das Leben der Männer, sondern auch das derjenigen, die von ihrem Wirken betroffen sind. Daß dabei Männer sind, die ihre Gefühle entdecken und am nächsten Tag als Kommunalpolitiker Gelder für Frauen/Männer/Mädchen- oder Jugendprojekte streichen, passiert, ebenso wie sich bekennende Antisexisten Päckchen eines Flensburger Versandhauses schicken lassen. Das ist aber nicht der Männergruppe anzulasten, sondern den einzelnen Männern und ihrer Verantwortung. Diese zu finden läßt sich nicht erzwingen, sondern nur entwickeln. Und dabei kann eine Männergruppe helfen.

Gerd Reifenrath


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel. Differenzen zur gedruckten Fassung sind nicht auszuschließen.
Nachdruck nur mit Quellenangabe, Belegexemplar erbeten.

 

 
  Differenzen zur gedruckten Fassung nicht auszuschließen. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Siehe auch Impressum dieser Ausgabe und Haupt-Impressum