Oldenburger STACHEL Ausgabe 4/96     Seite 12
 
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MRT - Ein Teilnehmer nimmt Stellung

MRT (Männer organisieren radikale Therapie) - ein Konzept für eine Selbsthilfegruppe, die eine grundsätzliche Veränderung (radix=Wurzel) des Verhaltens von Männern anstrebt.

Mir liegt daran, mein subjektives Erleben des Informationsabends darzustellen, an dem Achim Faber aus Hannover und Gert Dragheim, die jahrelange Erfahrung mit MRT-Gruppen haben, die Methode vorstellten. Der Artikel im Stachel 3/96 gab leider nur die Voreingenommenheit des Schreibers wieder und nahm den Informationsabend lediglich zum Anlaß für eine zynische, abwertende Darstellung der vermeintlichen Gegner.

Zum Ablauf des Abends: Am Anfang stand eine Eingangsrunde, in der jeder etwa 1/2 Minute Zeit hatte mitzuteilen, in welcher Stimmung er ist. Eine Uhr ging gleichzeitig in der Runde herum; keiner wurde abgewürgt, die meisten brauchten nicht soviel Zeit. Weshalb "ein Mann" (der Schreiber des abwertenden Artikels) seine Zahnschmerzen, die ihn drücken, nicht mitteilenswert findet, weiß ich nicht; zu unterstellen, daß es alle anwesenden Männer nicht interessiert, scheint mir Projektion zu sein; die Verantwortung dafür, was er tut/tun kann, bei den anderen zu suchen.

Auch der folgende Teil, die Runde "Gutes und Neues" wird von "ein Mann" als Spielchen lächerlich gemacht. (Die Beschreibung des "letzten Fick" fiel -soweit ich mich erinnere- nicht in der Runde, sondern kommt aus dem Kopf des Schreibers.) Die Absicht bei der Runde "Gutes und Neues" ist, dem gewohnten negativen Sprechen und Denken eine Alternative zu bieten und damit den Abend zu beginnen. Dieser Teil, der wiederum in der Gruppe ausprobiert werden sollte, nachdem die Referenten selber demonstrierten, was damit gemeint war, erntete starken Widerspruch, u. a. weil die Gruppe zu fremd dafür war. Ich finde, daß die Referenten auf eine gute Art damit umgingen; zwar wurde sanfter Druck der beiden deutlich, es trotzdem zu machen, aber alle konnten ihren Unwillen oder Unbehagen äußern. Schließlich schlugen sie vor, daß diejenigen, die -jeweils zu zweit- diese Runde machen wollten, sich einen Ort dafür suchten (Flur, zweites Zimmer, Büro, vor der Tür) und die anderen Pause machten und man danach wieder zusammenkam.

Als es weiterging erlebte ich die Stimmung als spürbar belebter. Ich interpretiere es so, daß sowohl die relative Freihteit, sich zu entscheiden, wie auch die Möglichkeit, Ärger und Unsicherheit Ausdruck zu geben, als angenehm erlebt wurde.

Anschließend wurden die weiteren Inhalte dargestellt: ein Mittelteil, der dadurch strukturiert wird, daß, wer etwas möchte, anmeldet, wieviel Zeit er zur Verfügung braucht. Wenn sich mehrere melden, guckt die Gruppe, wieviel Zeit jeder haben kann; notfalls gibt es kleinere Gruppen. Der Mittelteil kann auch mit vorbereiteten Themen oder Spielen gefüllt sein; dies übernehmen jeweils zwei Männer, wobei sich alle abwechseln. Für dies ist 1-2 Stunden Zeit. Es gibt auch danach weitere Runden (mit Uhr), wo es um Hirngespinste (Unterstellungen) geht, die geäußert werden können und so überprüfbar werden. Eine weitere Runde ist die Grollrunde, in der jemandem ein Groll gegeben werden kann. Dabei ist die Intention, daß ich Ärger äußern kann und auch mitteile, was das bei mir bewirkt und was ich mir eigentlich wünsche. Wieder geht es um das Wahrnehmen des Eigenen dabei, um nicht beim Ärger auf den anderen stehenzubleiben. Dies ist - so meine ich - ein grundsätzlich neues Verhalten für Männer.

Den Abschluß des Abends bildet die Runde "Knutscher und Schmuser verteilen" bzw. Anerkennungsrunde. Eine solche Runde war für mich neu und ich mochte nicht so recht mitmachen, aber an dem Abend konnte sie zu meiner Überraschung tatsächlich laufen; so wurden Knutscher und Schmuser an Männer verteilt für ehrliche Kritik, geäußerte Unsicherheit, mutig ausgesprochenen Ärger, schönen Pullover, an Achim und Gert für ihren offenen Umgang mit der unklaren Situation und ihr ehrenamtliches Engagement. Ich war freudig überrascht über die Möglichkeit, daß unter 40 sich fremden Männern im zweieinhalb Stunden eine solch angenehme, freundliche Atmosphäre entstehen konnte. Mir scheint das Kennenlernen und der Austausch unter Männern ein richtiger Weg zu sein, der im Anderen den Freund/kritisch Unterstützenden entdecken möchte, statt in ihm weiterhin den Feind/Konkurrenten zu sehen. Solche Ansätze sind in dem Sinn politisch, daß aus Begegnung ein anderes Bewußtsein enstehen kann und aus diesem auch politisches Handeln. Das finde ich besser als bloßes Agieren und Draufhauen.

Dieter Wrobel


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel. Differenzen zur gedruckten Fassung sind nicht auszuschließen.
Nachdruck nur mit Quellenangabe, Belegexemplar erbeten.

 

 
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