Oldenburger STACHEL Ausgabe 5/96     Seite 5
 
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Erkundungsfahrt nach Bosnien

Gemeinsam mit einer Delegation der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) begleiteten wir bosnisch-mulimische Flüchtlinge und ArbeitsmigrantInnen von München nach Prijedor, ihrer früheren Heimat.

Der Bezirk Prijedor liegt im serbisch kontrollierten Nordwesten Bosniens. Kurz vor dem Krieg bezeichneten sich dort bei einer Volkszählung 44% der Bevölkerung als muslimisch, 42,5% als serbisch, 5,7% als jugoslawisch, 5,6% als kroatisch und die Verbleibenden 2,2% als Angehörige anderer Volksgruppen. Heute leben im Bezirk Prijedor fast ausschließlich serbische BosnierInnen.

Die ca. 50 bosnischen TeilnehmerInnen der Fahrt wollten sich ein Bild von der Lage vor Ort machen und herausfinden, ob sie überhaupt in den Bezirk Prijedor "einreisen" können. Sie hofften, Gräber und Angehörige besuchen zu können und zu sehen, ob ihre Häuser zerstört sind.

Am 26.4.96 fuhren wir abends mit zwei Bussen von München los.Beim ursprünglichen Organisator der Reise, dem Münchener Club Prijedor, wollten sich erst an die tausend Flüchtlinge anmelden. Ihre Teilnahme an der Fahrt scheiterte daran, daß die Länder Österreich und Kroatien allen Flüchtlingen, die nur im Besitz einer "Duldung" sind, Transitvisa verweigerten.

Die Flüchtlinge, denen der Transit verweigert worden waren, verabschiedeten in München die wenigen FreundInnen, die im Besitz einer Aufenthaltsbefugnis waren.

Für die Zurückbleibenden (und mit ihnen für den Großteil der bosnischen Flüchtlinge in Deutschland) ist das ihnen offiziell durch die Innenmiministerkonferenz zugestandene Recht, Erkundungsfahrten in ihre frühere Heimat zu machen, reine Theorie.

Wir fahren los, passieren die österreichische, die slowenische und die kroatische Grenze.

Früh morgens kommen wir in Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens an, wo wir auf die Akkreditierung der Journalisten warten müssen. Es ist trübe und regnerisch.

"Das ist Kroatien" meint eine bosnische Frau abfällig. Andere bittere Bemerkungen fallen.

Die Flüchtlinge haben nicht vergessen, daß auch Kroatien im Frühsommer 1993 den bosnischen Muslimen den Krieg erklärte.

In der Zagreber Bahnhofsgaststätte bestellt Fadila Memisevic (früher im Zenisca Zentrum für die Erfassung von Kriegs- und Genozidverbechen, heute Mitarbeiterin der GfbV) Kaffee für uns. "Kahva" sagt sie und erzählt uns eine Begebenheit:

Als sie einmal in einem kroatischen Cafe "Kahve" bestellte, faßte der Kellner sie am Kinn und nötigte sie, wie die kroatischen Gäste "Kahva" zu sagen.

"Auch die Sprache " erklärt Fadila "wird jetzt noch auseinanderdividiert."

Die Krajina

Von Zagreb fahren wir weiter nach Karlovac. Dort sehen wir zerschossene Häuser, die ersten Spuren des Krieges. Dann ändert sich das Bild. Auf einer Strecke von 60-70 km ziehen ruß-geschwärzte, halbeingestürzte Häuser an uns vorüber. Das Gebiet ist menschenleer.

Der Mais steht vertrocknet auf den Feldern, das Land liegt brach.Nur vereinzelt versuchen alte Menschen einen kleinen Wiederaufbau. Es wirkt hoffnungslos und verloren.

Diese Region Kroatiens, die Krajina, war überwiegend von kroatischen Serben bewohnt. Im Krieg wurde die Krajina von Serbien, im Herbst 95 aber von Kroatien zurückerobert. Damals flüchteten die meisten kroatischen Serben nach Serbien. Die kroatische Armee steckte ihre Häuser in Brand. Die Vertreibung sollte eine endgültige sein. "Ethnische Säuberung" auf kroatisch.

Wir kommen in die Nähe der bosnisch-kroatischen Grenze. Die bosnischen Frauen beginnen zu singen.

Ankunft in Bosnien

Bosnien- Herzegowina ist heute ein geteiltes Land. Getrennt durch eine rund 4 km breite Pufferzone liegt auf der einen Seite die "serbische Republik" ("Republik Srpska"), auf der anderen die Föderation Bosnien und Herzegowina. Im November 1995 wurde es im Vertrag von Dayton so festgeschrieben. Der Großteil der ca. 320 000 Menschen, die im Laufe des Krieges nach Deutschland flohen, wurden aus dem heute serbisch kontrollierten Teil Bosniens vertrieben. In Bosnien selbst leben über eine Million Menschen als Flüchtlinge im eigenen Land.

Die kroatisch-bosnische Grenze, gebildet aus Blechcontainern. Kleine gelbe Fähnchen abseits der Straße kennzeichnen Minenfelder. Wir befinden uns im Gebiet der muslimisch-kroatischen Föderation. In der Stadt Bihac Kriegsspuren aber auch Wiederaufbau. Menschen auf der Straße, es wirkt lebendig nach der Öde vorher.

Hinter Bihac fahren wir durch ein idyllisches Flußtal. Doch dann sehen wir wieder Bilder des Krieges: ausgebrannte Häuser, leere Gehöfte, zerstörte Dörfer. Hier und da liegen tote, halbverweste Schweine am Wegesrand. Menschen sind keine zu sehen.

Irgendwo im Nichts taucht ein Stützpunkt der IFOR auf. Mit 60 000 Soldaten (vorwiegend aus NATO-Ländern) soll die IFOR die Einhaltung des Vertrages von Dayton garantieren.

Wir kommen nach Lusci-Palanka, einem Ort, der weniger zerstört ist. Hier erwartet uns ein Empfang durch den Bürgermeister Cirkin und die jetzigen Bewohner des Ortes, fast alle vertriebene Muslime aus Prijedor.

Die Geschichte der beiden Städte Lusci Palanka und Prijedor ist ein typisches Beispiel "erfolgreicher ethnischer Säuberung": In Lusci Palanka lebten früher überwiegend bosnische Serben. Diese flohen nach der Rückeroberung des Ortes durch die bosnische Armee im Herbst 95 nach Prijedor. Ihre Häuser sind jetzt von vertriebenen Muslimen aus Prijedor bewohnt.

Am Dorfcafe hängt ein Transparent: "Prijedor je nas" - Prijedor gehört uns".

Wir sitzen im Cafe. Die bosnische Frau aus München, die mit uns am Tisch sitzt, ist traurig:

"Ich habe mich so gefreut, hierhin zu kommen. Ich habe gehofft, daß vielleicht einer von meinen alten Freunden hier ist. Ich habe gedacht, die Menschen freuen sich, uns zu sehen. Aber sie freuen sich nicht. Sie sind neidisch und machen uns Vorwürfe: Ihr habt es gut in Deutschland, Ihr habt uns im Stich gelassen."

Wir fahren weiter nach Sanski Most, wo wir übernachten. Vor dem Krieg hatte Sanski Most ca. 60 000 EinwohnerInnen. heute leben dort noch ungefähr 25 000 Menschen, fast die Hälfte davon sind Vertriebene. Über 1 700 Häuser sind zerstört, die verbliebenen überfüllt. Nahrungsmittel werden über den UNHCR und humanitäre Hilfsorganisationen verteilt. Das örtliche Krankenhaus arbeitet zwar, wurde aber im Krieg geplündert. Medizinische Instrumente und qualifiziertes Personal fehlen, Operationen sind nicht möglich.

Sonntags morgens werden wir von Gewehrfeuer geweckt: die Muslime "begrüßen" den Bayram, ihr höchstes Fest. Traditionell werden an diesem Tag Verwandte und Gräber von Angehörigen besucht.

Da unsere Aktion zusammen mit den Flüchtlingen vor Ort geplant worden war, finden sich am nächsten Tag an der Demarkationslinie mehrere hundert Vertriebene ein, die mit nach Prijedor wollen. Auf einer Kundgebung fordern Redner die Einhaltung des Vertrages von Dayton, insbesondere volle Bewegungsfreiheit in Bosnien, Rückkehrmöglichkeit der Flüchtlinge in ihre Häuser und die Verhaftung der Kriegsverbrecher.

Eine Bosnierin sagt zu uns: "Wie kann ich zurückkehren, wenn in der serbischen Republik immer noch die Kriegsverbrecher Karadzic und Mladic an der Macht sind?" Drüben, in Prijedor, ist auch der Polizeichef Simo Drljaca immer noch im Amt. Ihm unterstanden im Krieg die berüchtigten Konzentrationslager Omarska, Keraterm, Manjaca und Trnopolje.

Inzwischen gibt die mit Panzern und Soldaten aus mehreren Ländern vertretene IFOR den Weg frei.. Die Flüchtlinge sind ungeduldig. Sie wollen aufbrechen. Aber die bosnische Polizei stellt sich ihnen in den Weg - aus Sorge um ihre Sicherheit. Erst am Vortag waren muslimische Flüchtlinge massiv angegriffen worden, als sie andernorts versuchten die Demarkationslinie zu überwinden. Unser "Besuch" war außerdem im serbischen Rundfunk propagandistisch vorbereitet worden: 3000 gewaltbereite Muslime seien auf dem Weg, hieß es.

Schließlich können die Journalisten, der Bürgermeister und Mitarbeiter der GfbV weiterfahren. Zurück bleiben die Flüchtlinge. Wir reden mit einem jungen Man aus unserer Gruppe. Er will auf keinen Fall nach Bosnien zurück. Er ist mit uns gekommen, um seine Eltern zu besuchen, die hinter der Demarkationslinie, im nur 12 km entfernten Ljubija, leben. Seit dreieinhalb Jahren hat er sie nicht gesehen. Sein Vater ist 83.Hin- und wieder konnten sie sich Briefe schreiben oder telefonieren, dann wieder war ihr Kontakt für Monate unterbrochen. Noch hofft er auf die Verhandlungen, die jetzt gerade an der serbischen Seite der Pufferzone stattfinden. Doch nach einer Stunde kommt der Bürgermeister mit der Nachricht zurück: "Die Grenze bleibt dicht." In 2 Wochen soll es einen neuen Versuch geben - dann mit mehr "Nachdruck".

Unter den Flüchtlingen macht sich tiefe Enttäuschung breit. Sie haben den (weiten) Weg umsonst gemacht. Langsam kehren alle nach Sanski Most zurück. Vielleicht denken einige jetzt daran, daß die deutschen Innenminister die ersten von ihnen ja eigentlich schon ab Juli "zurückführen" wollen.

Später erfahren wir von den Journalisten, daß auch sie Prijedor nicht erreicht haben. Serbische Demonstranten blockierten die Straße und zwangen sie zur Umkehr. Einer anderen Gruppe verweigert die IFOR den Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Omarska. Makabres Gegenangebot war ein in der Nähe gelegenes Massengrab.Die Journalisten sahen Leichenteile, die aus der Erde ragen - notdürftig bedeckt von schwarzer Plastikplane. Allein in einem anderen Massengrab bei Ljubija liegen vermutlich mehrere tausend Leichen.

Früh am nächsten Morgen beginnt die Rückfahrt. Ein letztes Mal halten wir an einer zerstörten Moschee - zerstört wie alle Moscheen in den Gebieten, die serbisch kontrolliert waren. Daneben haben Männer im Freien eine Feuer gemacht. Ein Lamm wird gebraten.

Wieder in Deutschland: Die Medien berichten von vielen erfolglosen Versuchen muslimischer Flüchtlinge in ihre Heimat zu gelangen. Zwei von ihnen sterben. Auch serbischen Flüchtlingen wird an einigen Orten der Föderation die Rückkehr verweigert. Diese Vorfälle zeigen, daß Bosnien vom Frieden noch weit entfernt ist. Eine Zwangsrückkehr von Flüchtlingen würde die Versorgungsprobleme der intern Vertriebenen verschärfen und dadurch zusätzliche Konfliktpotentiale schaffen. Darüberhinaus würde die ethnische Teilung des Landes verfestigt und das friedliche Zusammenleben der BosnierInnen verschiedener Ethnien auf Dauer in Frage gestellt.

Die deutschen Innenminister halten dennoch auf ihrer Konferenz am 3. Mai am Termin 1. Juli, als Beginn der "Rückführung" , fest. Nur prinzipiell, wie sie betonen. Damit auch weiterhin kein Flüchtling so genau weiß, wann er mit der Abschiebung rechnen muß.

Ludger Hansmann, Gisela Hinsberger

Literaturempfehlung: "Vom papierenen Frieden zur sicheren Rückkehr? - Zur Debatte um die Rückkehr bosnischer Kriegsflüchtlinge", Flugblatt von Pro Asyl, Postfach 101843, 60018 Frankfurt/M.


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