Oldenburger STACHEL Ausgabe 5/96     Seite 3
 
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Inhalt dieser Ausgabe
 

50 Jahre Nordwest-Zeitung...

... bejubelt und beklatscht:

Von allen gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich bedeutsamen und staatstragenden Denk- und Dunstkreisen. Gegrüßt und dekoriert auch von Hosen- und Würdenträgern aus Hannover und Bonn. Auch gerührt umarmt von Schranzen und Lakaien der mittelständischen Unternehmensgruppe, völlig standes- und dünkellos... wir sind eine große Familie!

Und die geneigte LeserInnenschaft? Die liest diese Zeitung entweder aus deckungsgleichem Bedürfnis oder aus Bedürfnislosigkeit oder einfach, weil sie sonst kaum Informationen aus der Lokalpolitik bekommt. Kündigt sich etwa spätestens an dieser Stelle Kritik an unserem Monopolblatt an?

"Unabhängig - Überparteilich"

Im blauen Titelband der Sympathie sind folgende goldenen Worte zu lesen: Unabhängig - Überparteilich. Dieses zudem täglich. Sollte hier permanente Selbstverpflichtung gemeint sein? "Die Botschaft hör' ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube ...". Des Guten nicht zuviel: Seit Freitag, dem 26. April 1946 steht es fest, daß diese Zeitung dazu beitragen müsse, "die öffentliche Meinung wieder zur Wahrheit zurückzuführen", so Verlagsdirektor Bock bei der Überreichung der Lizenzurkunde durch Brigadier Gibson. NWZ-Geschäftsführer Reinhard Köser dagegen nimmt 50 Jahre später Zuflucht im pluralis majestatis: "Wir glauben, daß auch unsere Leser und Kunden dies in Zukunft wollen: Eine unabhängige Nordwest-Zeitung, die unabhängig von Parteien, Interessengruppen, staatlichen Instanzen und Konzernen, wie es in unseren Unternehmensleitsätzen heißt." NWZ-Chefredakteur Rolf Seelheim bemüht die Gesichtstopographie: "Nicht von oben herab zu informieren, sondern gleichsam auf Augenhöhe der Leserinnen und Leser zu berichten, zu kommentieren und zu analysieren - das war immer die Maxime der Nordwest-Zeitung."

Inside - Outside?

Was aber ist bei Beeinträchtigung der Sehschärfe und bei Farbenblindheit? Da haben wir zum Ausgleich 'Inside', das junge Magazin der NWZ. "'Inside' beweist Kompetenz bei Fragen der Jugendkultur, greift politische und soziale Themen auf..." "'Inside' ist anspruchsvoll und aktuell."

Bezüglich der Selbstverpflichtung zur Wahrheit komme ich gleich zu einigen relativierenden Nachweisen. 'Inside' verdient an anderer Stelle eine gesonderte Würdigung. Da jegliche Inanspruchnahme der öffentlich bekundeten Dialogbereitschaft der Nordwest-Zeitung bisher den Verdacht der unbotmäßigen Einflußnahme auf die jeweilige journalistische Freiheit lostrat (da könnte ja jede/r kommen! - na, das wäre doch zu schön !), gehe ich davon aus, daß die Rubrik Leserbriefe nur als Feigenblatt gedacht ist oder eine lokalkolorierte Beruhigungspille darstellt.

NWZ und Wahrheit

Neu: Jetzt auch als Langzeitdepot, denn soviel demokratische Kommunikation zwischen Zeitung und LeserInnen geht doch wohl unter die Haut. Oder? Nun also das Messerchen gewetzt und den von der NWZ verstümmelten dpa-, epd- und -wie-sie-alle-heißen-Meldungen den Finger auf die wieder offene Wunde gelegt, denn "nichts ist so alt wie eine Zeitung von gestern." Nun will ich nicht den Fehler begehen, die Anzahl der Buchstaben und Zeilen grundsätzlich höher zu werten, als den jeweiligen Inhalt der Meldung. Dennoch: Bild lügt und die NWZ sagt auch nicht immer die ganze Wahrheit. Zum Beispiel die türkischen Parlamentswahlen Ende des Jahres 1995: Der NWZ ist dieses Ereignis am 27. Dezember gerade mal sieben Sätze im Kommentar und drei kleine Spalten auf Seite 2 wert. Nun muß man andere Zeitungen wie die taz nicht unbedingt lieben, aber sie beschert uns zu diesem Thema einen Titelseitenbericht und noch eine ganze Seite mit einem Interview mit dem Kandidaten der kurdischen Partei.

Oder aber Österreich: Auch hier wurde 1995 gewählt. Eine ganze Seite über den Rechtsaußen Jörg Haider gegenüber einer kleinen, wahlergebnisorientierten Spalte von sieben Sätzen. Vielleicht hat es sich herausgestellt, daß die NWZ-LeserInnen nicht mehr als sieben Sätze am Stück verkraften können...?! Oder gar nur einen einzigen Satz: Im Februar 95 tickerte die ap der NWZ eine Nachricht über das Ansinnen der NPD-Jugend, sich mit dem Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, im Konzentrationslager Buchenwald zu einem Gespräch treffen zu wollen. Der NWZ war eben nur dieser eine Satz, nämlich der erste der ap-Meldung, etwas wert. Die Frankfurter Rundschau hat diesen Vorgang zwar auch nicht tiefergehend kommentiert, aber zumindest den vollen Wortlaut wiedergegeben.

Bin ich verflucht, daß ich Schlechtes darüber denke? Weitergebohrt: Im November letzten Jahres nahm in Stuttgart die Polizei rund 200 Neonazis fest und meinte, damit die Neugründung einer entsprechenden Gruppe verhindert zu haben. Ob das nun innenpolitische Staatspropaganda ist oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls berichten die Nordwestdeutsche Zeitung Bremerhaven und der Weserkurier ebenso wie die taz ausreichend informativ, der NWZ ist das Ereignis wieder einmal nur 33,75 Quadratzentimeter wert.

Wegen der zehn Gerechten in der gottlosen Stadt will ich barmherzig sein: Seit geraumer Zeit hat die Furcht vor Namen wie Alhambra oder Kühnrich etwas nachgelassen oder war das angesichts er Berichterstattung über den GSG-Bankendeal am 9.Mai d.J. zu früh gefreut? Wie stellte Meinungsforscherin Elisabeth Nölle-Neumann fest: "Nur eine Gesellschaft, die liest, ist eine Gesellschaft, die denkt." Was aber ist, sollte die Gesellschaft nur das denken, was sie liest...?

Ulli Hartig


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