Oldenburger STACHEL Ausgabe 10/96     Seite 15
 
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Geschenk der Zensur?

Im letzten Monat dokumentierte der STACHEL eine Auseinandersetzung um die Ökomarktzeitung. Die bereits in der Überschrift gestellte Frage: Zensur oder Schutz vor Verleumdung beantworte ich für mich eindeutig: ZENSUR.

Redaktionelle Auswahl kann bereits Zensur bedeuten. Hier muß die LeserInnenschaft das Vertrauen haben können, daß unbequeme Standpunkte nicht einfach weggebürstet werden. Umso schlimmer, wenn sich jetzt herausstellt, daß auch in der Öko-Szene (wer oder was immer das sein mag) sich Tendenzen breit machen von Tarnen, Täuschen und Verstecken. Huch, Kritik. Das könnte die Geschäfte stören! Dabei wollten die Menschen vom 3.Welt-Laden nur einen Appell los werden, daß es in die Sackgasse führt, wenn lediglich der eigene (möglichst giftfreie) Frühstückstisch gesehen wird - ungeachtet des Blutes, das durch Ausbeutung und Kinderarbeit z.B. am Kaffee klebt.

Doch es gibt in der LadnerInnenszene SpinnerInnen, denen kritische Kundschaft zu unbequem ist. Leute, kauft, aber haltet das Maul! Das geht so weit, daß die Redaktion der Ökomarktzeitung zur Zensurmaßnahme genötigt wurde. Wie sanft oder unsanft der Druck war, darf mensch dort selbst nachfragen. Danke an den Vertreter von Naturkost GmbH: Seiner Zuschrift konnten wir wichtige Kriterien entnehmen, denen seiner Auffassung nach die Sorgfaltspflicht von RedakteurInnen zu genügen hat. "Nicht zu vergessen sind hierbei auch die NaturkosteinzelhändlerInnen, die durch ihre Anzeigen diese Zeitung mitfinanzieren." So ist das in der "freien" unsozialen (alternativen??) Marketwirtschaft heutzutage wie immerdar: Du kannst Dir eine Zeitung kaufen, sie können sich den Redakteur kaufen (oder neudeusch "mitfinanzieren"). (Frei nach Floh de Cologne)

Ein Bioladen will den STACHEL nun nicht mehr auslegen. Wenige Zeilen dokumentierter(!) Kritk von vielen Seiten Öko-Markt-Berichterstattung haben gereicht, den STACHEL per Kurzansage auf den Telefonautomaten aus dem Laden zu fegen. Danke hier an Achim, der die hierdurch ausgelösten Ängste in der Redaktion aufgezeigt hat. Persönlich bin ich der Meinung, lieber keinen STACHEL als einen, der keiner mehr ist nach der Kürzung durch die Schere der Zensur. Wenn es bei der einen spinnerten Reaktion geblieben ist, zeigt es andererseits, daß vielleicht doch viele dazu gelernt haben. Gab es früher doch auch schon mal Aktivitäten, bei denen vor persönlichen Angriffen auf RedakteurInnen nicht halt gemacht wurde.

Trotz alledem ist dieser Skandal ein Glücksfall. Jetzt liegen die Scherben klar zu Tage, die bereits vorher existierten. Was draus wird, liegt an uns allen. Lassen wir uns einschüchtern? Oder kommt eine offene und konstruktive Auseinandersetzung darüber zustande, was z.B. "Bio"-Produkte aus fernen Landen zur deren Hauptwachstumszeit in dieser Region auf hiesigen Verkaufstischen zu suchen haben? Wurden die produzierenden Menschen gequält oder ausgebeutet, die unser Mahl bereiteten? Da gilt es, nicht mit dem Finger auf die anderen zu zeigen, sondern sich an die eigene Nase zu fassen. Nicht zensiert wurde z.B. in der Öko-Markt-Zeitung die Erkenntnis, daß bei einem Kauf mit der Bezahlung zugleich die Bedingungen der Produktion unterstützt werden. Das ist doch ein gutes Zeichen, oder? Solidarität ist angesagt!

Zukünftig stehen insbesondere die Umgangsformen zur Klärung an: Wollen wir Druck und Zensur, oder schaffen wir es, auch untereinander ein freundschaftliches Miteinander im Konsensprinzip zu entwickeln? Vielleicht gehen die Interessen - getrieben durch das Kapital - bereits zu weit auseinander.

Gerold Korbus


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Nachdruck nur mit Quellenangabe, Belegexemplar erbeten.

 

 
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