Oldenburger STACHEL Ausgabe 1/98     Seite 7
 
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Alane - ein ganz normaler Sommerhit?

Meinen Erfahrungen mit dem jetzt hierzulande immer bekannterwerdenden Song "Alane" von Wes haben mich dazu getrieben, mir mehr Informationen und weitere Lieder der Gruppe zu besorgen.

Gruppe ist gut - die Band besteht nur aus Wes Madiko (Gesang) und Michel Sanchez (Musik), die sich in Lille zusammentaten. Doch da die meisten Leser noch nicht so viel über den Werdegang von Alane und Wes wissen, ein kurzer Einblick:

Der Song wurde im letzten Sommer in Frankreich zum absoluten Sommerhit und verweilte dort sehr lange Zeit auf Platz 1 der dortigen Charts. Das besondere an diesem Lied sind nicht nur die Afrikanischen Gesänge, sondern auch, daß sich sofort ein eigener Tanz dazu entwickelte. Dies machte den Hit zu einer Sensation und eine Art Massenbegeisterung entstand in Frankreich, die zusammen mit der afrikanischen Gesangskunst eine ganz besondere Athmosphäre auf der Tanzfläche schaffte. Obwohl man aufgrund des Refrainbeats schnell aus seinen Orientalischen Phantasien auf den Boden des Mainstream-Pops geholt wird, muß ich zugeben, daß mich der Song damals in Frankreich auch begeistert hat.

So habe ich mir also Informationen und das Album von Wes besorgt, doch als ich das erste Mal die von Sony verfaßte Biograhie lese, muß ich Grinsen. Zu sehr erinnert mich der Text an ein modernes Märchen: Da wird ein kleiner Junge in Kamerun als Griot geboren, Sony umschreibt ihn als fahrenden Poeten, kommt irgendwie in die USA und bringt dort ein Album 'raus. Er eifert in der Pop-Szene seinem Opa nach, einem bekannten Griot, der hier als ein auf einem Stein sitzender Mensch geschildert wird, der die Ameisen studiert, um mehr über die Menschen zu lernen. Getauft auf den Namen Wes Madiko, was in Bantu "Wurzel aus dem Land der Vorväter" bedeutet, wollte er seine Aufgabe "Heilung durch Musik in der Welt der Menschen" in den glorreichen Staaten nachkommen. Vielleicht vermutete er dort ja die meisten kranken Menschen.

Als er dort dann sein erstes traditionelles Album herausbrachte, mußte er schnell mit Besorgnis feststellen, daß aufgrund der "der geschickten und überkünstlichen Assoziation, eine Form von Sklaverei mit weißen Handschuhen, die im Herzen von viel zu vielen modischen kulturellen Projekten liegt" (was auch immer damit gemeint ist), er nicht den gewünschten Erfolg verbuchen konnte. Vielleicht wollten sich die Menschen dort auch nur nicht heilen lassen. Doch bald fand er Unterstützung in seinem "virtuosen Gärtner" Michel Sanchez, der die "irrationale Wurzel" Wes Madiko zum Erblühen brachte. So wurde jeder Song zu einem "unveränderlichen Ritual", wenn Wes lange musikalische Klagen auf Bafoun, einer der letzten Sprachen, die vom Bantu-Stamm noch gesprochen werden, A Capella improvisierte. Dann entpuppt sich Michel Sanchez auf einmal als ein "Zauberer", verpackt das ganze in wunderschöne Klänge und fertig ist die Medizin.

So war es den beiden auch wichtig, die "natürliche und ursprüngliche Qualität und ihre Unschuld zu bewahren" und so ein Stück aus "Melancholie und Hoffnung" zu schaffen. Zum Schluß wird noch darauf hingewiesen, daß das "Herz in das große, Fruchtbare Land der Vorfahren transportiert" und der "Kopf inmitten einer Sternorgie herumgewirbelt wird". Und am Ende fragt man sich, ob daß eine Verheißung oder eine Drohung ist.

Na ja, aus meinen Erfahrungen kann ich nur sagen, daß nur den Leuten der Kopf herumwirbelte, die zuvor zuviel von diesem Sternenbildenden Zeug getrunken hatten. Doch so spielt das Schicksal, und um die meisten Leute zu erreichen und zu kurieren, so schätze ich, hat Wes sich dann wohl den Mainstream-Pop ausgesucht. In Frankreich jedenfalls fand er dann seine Heilungswilligen Patienten, befallen von einer Krankheit, die anscheinend nur Zwölf- bis Zweiundzwanzigjährige heimsucht. Vielleicht aber kreiert er ja sein nächstes Heilungswerk für die etwas Ältere Generation (70-80), dann würden die Diskotheken in Frankreich sicherlich wenigstens für kurze Zeit eine neue Zielgruppe bekommen. Doch eines muß man dem Song lassen: Zusammen mit dem Tanz erzeugt er ein wirklich cooles Gefühl.

Aber auf dem Album sind auch noch Stücke, die ich persönlich sehr viel schöner finde: Stücke, die einen nicht sofort, wie bei Alane, an das dazugehörige Video erinnern, in dem Schönheiten mit maximal 20 cm2 dünnen Stoffes über die künstlich erscheinende Landschaft rocken, sondern wirklich eher an einen einsamen Bantu-Stamm, irgendwo auf der anderen Seite der Welt. Wer sich also für eine andere Kultur in Gesang gepaart mit Teilweise Europäischen Klängen interessiert, sollte ruhig mal in das Album 'reinhören.

Eric Sohns


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel. Differenzen zur gedruckten Fassung sind nicht auszuschließen.
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