Oldenburger STACHEL Ausgabe 6/98     Seite 12
 
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Inhalt dieser Ausgabe
 

"Es ist nicht mein Rollstuhl, der mich behindert"

Tanja Muster und Kassandra Ruhm sind zwei lesbisch behinderte Frauen. Ihre hier abgedruckten Texte und Gedichte stammen aus einer Lesung, die sie am Montag dem 8. Juni in der Universität Oldenburg gehalten haben. Sie spiegeln ihre Erfahrungen mit der dreifachen Diskriminierung durch Frauen-, Lesben- und Behindertenfeindlichkeit wieder, aber auch die enorme Kraft und Lebensfreude, die sie aus und für sich selbst und ihr Leben entfalten.

BUS-STOP

Ein realistisches Stückchen TheARTer

Eine behinderte Frau steht an der Bushaltestelle, wo auch schon andere Leute stehen und warten, teilweise eindeutige Blicke auf die Frau schmeißend. Ein Mann tritt schließlich näher an sie heran:
"Darf ich sie mal was fragen? Hatten sie einen Unfall..."
Die Frau unterbricht ihn:
"Darf ich SIE mal was fragen?" - sie macht eine kurze Pause, um ihn, leicht bedauernd, zu mustern, wobei ihr Blick einige Sekunden an jener Stelle hängen bleibt:
"Haben sie Probleme mit ihren Hoden??"
Der Mann zuckt leicht zusammen. Die Frau fährt fort:
"Sie sehen aber wirklich so aus, als ob sie Hodenprobleme haben!"
Der Mann lächelt verwirrt und stammelt etwas vor sich hin wie: "Was..., bitte?!" Die Frau sagt laut, deutlich und langsam, während sie mit dem Zeigefinger mehrfach auf die Stelle weist (anstatt des Zeigefingers kann auch der Armstummel oder der Blindenstock benützt werden. Es ist jedoch ratsam erstmal nicht damit zu schlagen!):
"Na, IHRE H-O-D-E-N!"
Der Mann wird zunehmend verwirrter, blickt sich unsicher um, die Frau:
"Sie tun mir wirklich leid. Das ist einfach schrecklich! Hodenprobleme! Und das in ihrem Alter!", sie schlägt die Hände, Armstummel oder ähnliches über dem Kopf zusammen.
"Wissen Sie was? Hier hamse ne Mark für ihre Hoden."
Sie drückt ihm freudestrahlend eine Mark in die Hand, sie geht, hinkt oder rollt ab, während sie ständig den Kopf schüttelt und laut vor sich her sagt: "Hodenprobleme, ganz schlimm, ganz schlimm. Da sollte er aber wirklich zuhause bleiben und sich nicht auch noch öffentlich zeigen. Ganz schlimm, ganz schlimm..."

Der Bus kommt.

LebensWert

Im Fernsehen
wieder
Diskussionen
ob ich es wert wäre
zu leben
Eugenik
vorgeburtliche Diagnostik
Euthanasie
und ich denke mir
mit 15 Jahren wäre ich
gestorben ohne den med. Fortschritt
vor 60 Jahren wäre ich
vergast worden aufgrund des ideologischen Fort-Schritts
in ein paar Jahren würde ich
wegen beidem nicht geboren werden
wie soll ich leben
mit dieser Vergangenheit
in Zukunft

minderheit

in diesem land
wird
verdächtig oft das wort
minderheit
deklariert
Mann (weiß, christlich, nichtbehindert, hetero...)
könne schließlich nicht
jeder minderheit
rechte einräumen
z.B.
lesben
schwulen
behinderten
immigrantInnen
anders(un)gläubigen
kindern
alten
frauen...
marsmenschen
kühlschränken
natürlich. wir verstehen das.

Irgendwie gleich

Schwester, wir sind doch
alle
irgendwie
behindert,
sagst du,
und machst mich damit gleich
dem Erdboden
auf dem ich nicht stehe
sondern humple, rolle
und gleicher
an-maßen-d
machst du euch
diesem Boden
auf dem ihr nicht zu rollen
im-stande
seid
ohne
Gleich-gewichtigkeits-übungen

ich kann
nicht atmen-

dieses erstickungsgefühl, wenn ich zeitung lese, in der ich mich nirgends finden kann, unsichtbar gemacht
dieses würgen, wenn ich mein haus verlasse, diese blicke, dieses ständige bewerten, diese grenzüberschreitungen, verletzungen,
bevormundungen
diese ohn-macht, wenn ich wieder an treppen stoße, an barrieren, an verfügungen, an rechtlosigkeit
diese trauer, um mein ich, unser uns, unren uns-aufweichenden Kampf um elementare Würde&Rechte
diese tränen, die mich ersticken
und

dieser heiße, heiße wunsch
wegzufliegen
ausatmen
einmal ausatmen
irendwo

Entdeckung

Heute Nacht
lief ich
davon
aus meinem Haus
und meinen Behinderungsgefühlen
die sie mir zuordnen
lief und lief
im Vorfrühling
Kälte klirrt noch
lief...
atemberaubend
durch
diese leise singende Tauluft
stand
blickte
blickte lange
sehend
in den schwarzklaren Himmelhintergrund
Heute Nacht
habe ich in ihm
etwas Neues entdeckt
sternengleich -
MICH

Die Stubenfliege

Es war mal eine Stubenfliege
die saß auf einer Flurenstiege.
Die litt an ihrem kurzen Leben,
denn dem war nur ein Tag gegeben

"Und wenn mich nun...", seufzte sie laut,
"ein Mensch ganz plötzlich niederhaut!?
Sowas geschieht doch alle Tage!"
Und sie bedauerte die Lage.


"Oder ein Vogel frißt mich auf?!
Nicht selten ist´s! Ein Fliegenlebenslauf!
Ach meine Zeit ist kürzer noch bemessen...",
so jammerte sie fort. Indessen,

ihr ahnt es schon, die Zeit verann
- wie das die Zeit so tut. Und dann
als grad der Mond am Himmel klebte,
starb eine Fliege - die nie lebte.

"Soll ich Anfassen?"
"Nein."
"Ich fange sie dann auf", ein anderer Mann.
"Nein!"
"Aber wenn sie fallen, dann darf ich doch anfassen?!"
"Nein ! Das dürfen sie nicht!" Laut und deutlich.
Ich halte mich an der Bustür kräftig fest, lasse die Hinterräder langsam die hohe Stufe vom Niederflurbus zur Straße runter und schiebe die Vorderräder nach. Während ich mich gekippt halte, sehe ich seine Hand an meiner Rollstuhllehne, es ist anstrengend, ihn abzuwehren.
Ich bin noch nicht ganz angekommen, da ergreift er meine Einkaufstüte, die während des Aussteigens von den Haltestäben gerutscht ist, zerquetscht den Inhalt und lacht: "Es ist doch gut, daß ich da war!"
Meine Schaen reiße ich ihm schnaubend aus den Händen.
"Das sind meine Sachen! Was soll das denn?! Wenn ich nein sage, meine ich auch nein!
Drecksack. Arschloch."
Doch meinen Horror-Frust, den ich nichtmals durch mein promptes, wütendes Geschimpfe abwenden konnte, kann ich nicht so leicht wie meine Tüte aus seinen Händen herausreissen.



es ist sonnig
nachts
wenn sie bald kommt

Liebe Zeitgenossin!

Bitte vergiß nicht, wenn ich dir gerade eine Situation erzähle, in der wiedermal über andersfähige, "behinderte" Menschen schlimme Sachen geäußert oder mit ihnen gemacht werden, mich aufzufordern: "Warum sagst du denn nichts?! Warum beschwerst du dich nicht!"
Bitte unterlaß jede Stellungnahme gegen Diskriminierungen, Verunglimpfungen und Übergriffe auf Menschen außerhalb der Norm, unterlaß jedes Eingreifen deinerseits.
Bitte unterlaß es auch, dich mit dem, was ich dir gesagt habe, auseinanderzusetzen, dein eigenes Verhalten zu hinterfragen oder mir zuzuhören und Verständnis und ein Ernstnehmen meiner Lebensrealität zu geben.
Aber vergiß nicht, mich, gegen die die Diskriminierungen gerichtet sind, kritisch zu fragen: "Warum tust du denn nichts dagegen?!"

Joani oder wer uns ein Vorbild sein soll

Eine krüppel-lesbische Bekannte von mir hat in einem ihrer Bücher beschrieben, wie ihr immer wieder empfohlen wurde, sich ein Beispiel an Joani zu nehmen. Einer anderen Schriftstellerin, die durch einen Unfall "behindert" wurde und ganz brav die Verlobung mit ihrem Liebsten gelöst hat, um ihn frei zu geben, damit er mit einer anderen Frau Erfüllung seiner Gelüste und Familienplanungsvorstellungen finden und glücklich werden könne.
Ich glaube, Joani ist bis heute nicht darauf gekommen, daß auch sie sexuelle Gelüste haben könnte, sowohl auf Kindersegen hinauslaufende als auch andere, daß sie diese mit einem anderen Mann oder einer anderen Frau für beide befriedigend leben könnte und daß es keinen Grund gibt, warum sie durch ihre körperliche Andersartigkeit eine minderwertige Partnerin sein sollte. Nun, da haben wir Joani und ich einen Unterschied. Ich glaube, daß es für ein glückliches Leben nicht nötig ist, normgerecht zu sein. Ich glaube, daß z.B. ein anders geformter Körper besonders schön und attraktiv sein kann, weil Vielfalt so aufregend und befreiend ist. Daß das Problem meist lediglich die mangelnde Fähigkeit ist, sich von einengenden Idealbildern zu lösen und eine besondere Attraktivität wahrzunehmen. Ich glaube, daß, um sich zu lieben oder auch um Sex ohne jedes weitergehende Gefühl zu haben, es nicht nötig ist, eine bestimmte Anzahl von Armen, Beinen, Kilogramm Körpergewicht oder Muskelkraft zu haben. Ich glaube, daß ich mich dieser Einschränkung nicht unterwerfen möchte



Meine Tränen
auf dem Boden der Toilette
im Kulturzentrum

Wieder
eine Veranstaltung
ohne mich

Hierher zu kommen
war
sehr mühsam

Auch der Weg
zurück
wird
schwer sein

Eine Etage
über mir
sitzt ihr andern
fast höre ich euch diskutieren

Ich sitze
hier auf der Toilette

Meine Tränen
auf dem Boden der Toilette
im Kulturzentrum
sind noch nicht getrocknet

Es ist nicht mein Rollstuhl,
der mich wirklich einschränkt.

Wer wird als potentielle/r Geliebte/r wahrgenommen?

Vor einiger Zeit bin ich mit einer Bekannten durch die FußgängerInnen-Zone gerollt, bzw. nur ich bin gerollt, sie ist zu Fuß gegangen, und im Laufe des Gesprächs habe ich sie gefragt, ob sie sich in eine Krüppelfrau genauso verlieben würde, wie in eine andere.
"Ja, klar, wenn sie die Frau meines Lebens ist, natürlich würde ich das. Ich wäre ja blöd, wenn ich dann nichts mit ihr anfangen würde. Ich mache keinen Unterschied zwischen "behinderten" und "nichtbehinderten" Frauen.
Hört sich schön an. Aber da, wenn es sich um ein "nichtbehindertes" Gegenüber handelte, sie nicht nur mit der Frau ihres Lebens was angefangen hat, sondern auch mit manschen anderen, die nicht ihrem absoluten Traumbild entsprachen, macht sie da sehr wohl einen Unterschied. Als ich vor ein paar Jahren als "nichtbehinder" bezeichnet wurde, habe ich, wenn ich neue Leute kennenlernte, regelmäßig überlegt, ob ich sie attraktiv fände oder sicher nicht. Ich habe nicht geglaubt, negative Vrourteile gegenüber anders fähigen Menschen zu haben. Aber bei ihnen habe ich gar nicht erst überlegt, ob sie für mich in Frage kämen. Diese Frage habe ich mir von vorneherein nicht gestellt. Wenn eine besonders toll gewesen wäre, hätte ich mein Vorurteil, das als so selbstverständlich verinnerlicht war, daß ich es überhaupt nicht bemerkt habe, wahrscheinlich über Bord geworfen. Doch ohne besonders großen Anlaß habe ich es beibehalten und anders fähige Menschen in meinem Umfeld gar nicht erst durch die entsprechende Brille betrachtet. Und dadurch konnten weniger Liebes- oder erotisch Verhältnisse entstehen. Ich glaube, daß das ein normales Verhalten ist. Aber "gleich behandelt" ist es sicher nicht.

Widerstand

Ich laufe nicht ohne Rollstuhl
Du ißt nicht ohne Spasmen
Sie spricht nicht ohne Stottern
Er sieht nicht alles Geforderte
Ein Schmetterling behält die Farbe

Wir tanzen nicht mit unauffälligen Bewegungen
Ihr jobbt nicht vierzig Stunden
Sie passen nicht in jede Norm

Ursprünglich haben wir
es uns nicht ausgesucht
Aber mittlerweile
will ich gar nicht mehr
passend laufen

(Der Widerstand ist nicht die "Einschränkung", die "Weigerung zu laufen", sondern die Weigerung, es zu wollen und anzustreben.)

Der richtige Mann

Vor einer Weile telefonierte ich mit meinem damaligen Rehaladen, weil ich ein Ersatzteil für meinen defekten Rolli brauchte. Der Krüppel-Mann am anderen Ende der Leitung war sichtlich an mir -oder einfach nur an einer Frau?- interessiert und grub mich munter an. Er wollte mir dann das Ersatzteil einen Tag eher persönlich nach Hause bringen. Ich bin manchmal gern freundlich zu Leuten, jedoch hab ich öfter erlebt, daß Krüppel-Männer das als gute Chance ´ne Frau aufzureißen gedeutet haben und ein "normales" nettes Gespräch nicht mehr möglich war. Aus Sorge, daß aus ihm nicht reine Menschenliebe, sondern ein gewisses Eigeninteresse sprächeen, habe ich mich als Lesbe geoutet. Seine Reaktion darauf war jedoch erstaunlich:
"Das stört mich nicht!"
"Nein, mich auch nicht."
"Ich sehe das so: Du hast einfach noch nicht den richtigen Mann gefunden!"
"Wie bitte?!"
"Aber das macht ja nichts. Jetzt bin ich ja da, jetzt hast du den richtigen Mann getroffen!"
Ich habe auf des Ersatzteil lieber einen Tag länger gewartet.

Echte Lesben

Verschiedentlich habe ich mitbekommen, wie "nichtbehinderte" Lesben sich weigerten, geoutete Krüppel-Lesben als Lesben wahrzunehmen. Teils weil sie ihnen nicht "zutrauten" lesbisch zu sein, teils mit Begründungen wie, daß andere ("nichtbehinderte") Lesben nichts mit ihnen hätten und sie in -vermeintlicher Ermangelung lesbischer Verhältnisse- auch keine Lesben wären. Eine Widergabe der Gespräche möchte ich uns hier ersparen.


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Nachdruck nur mit Quellenangabe, Belegexemplar erbeten.


 

 
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