Oldenburger STACHEL Ausgabe 6/98     Seite 15
 
Aktuelles
Archiv
2003
2002
2001
2000
1999
1998
Dezember (196)
November (195)
Oktober (194)
September (193)
Juli (192)
Juni (191)
Mai (190)
April (189)
März (188)
Februar (188)
Januar (187)
1997
1996
1995
1994
UHN
Service
Wir über uns
Impressum
Kontakt
 
Inhalt dieser Ausgabe
 

Rat ehrt ermordeten Antifaschisten

In der Ratssitzung am 17.2.98 wurde mit den Stimmen der Fraktionen von SPD, Grünen, FDP und Olli-PDS sowie einigen CDU-Mandatsträgern beschlossen, in Ofenerdiek eine Straße nach dem von den Nazis ermordeten KPD-Landtagsabgeordneten Johann-Gerdes zu benennen. Der Vorsitzende der Olli-PDS-Fraktion, Hans-Henning Adler, hielt zu dieser Straßenbenennung folgende Rede:

Herr Ratsvorsitzender, meine sehr verehrten Damen und Herren,

In der Nacht vom 02. auf den 03. März 1933 wurde der Oldenburger KPD-Abgeordnete Johann Gerdes von einem SA-Trupp - es müssen so etwa 10 Leute gewesen sein - unter einem Vorwand aus seiner Wohnung gelockt und vor seinem Haus erst zusammengeschlagen und dann vom Trupp-Führer Ludwig Thielebeule erschossen. Diese Aktion der SA war nicht zufällig. Es handelte sich nämlich um Osternburger SA-Leute, die kurz vorher von der Stabswache der SA in der Langen Straße angefordert und nach Ofenerdiek abkommandiert worden waren. Das Tötungsdelikt wurde während der Nazi-Zeit nicht geahndet. Die kurzzeitig festgenommenen Täter wurden nach wenigen Tagen entlassen, weil - wie es damals hieß - "die Tat im Kampf um die nationale Erhebung begangen wurde". Erst 1947 wurde der Haupttäter zur einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren wegen Totschlags verurteilt. Das Tötungsdelikt muß auch Hintermänner gehabt haben. Dies geht aus einer Aussage hervor, die der Todesschütze Ludwig Thielebeule später nach seiner Entlassung gegenüber dem Oldenburger Lokalhistoriker Günter Heutzeroth abgegeben hatte. Er sagte damals "von einem Verräter frißt kein Rabe." Johann Gerdes war nicht sofort gestorben. Er erlag am 05.03.33 seinen Verletzungen im Pius-Hospital. Der Beerdigungszug mit dem Sarg vom Pius-Hospital zum Ohmsteder Friedhof gestaltete sich zur letzten antifaschistischen Demonstration in Oldenburg. Es hatten ca. 800 Trauernde daran teilgenommen. Es wurden auch rote Fahnen gezeigt. Am Grab, als einer der Trauernden "Rot Front" gerufen hatte, kam es dann noch zu einem Polizeieinsatz gegen die Demonstranten. Johann Gerdes, ein einfacher Arbeiter, war Mitglied der KPD seit 1928, wurde 1930 Gemeinderatsmitglied der KPD in Ohmstede und zog am 12.10.1932 als Nachrücker im Oldenburgischen Landtag ein. Er war ein Kleinsiedler in Oldenburg, der innerhalb der KPD für Landwirtschaftspolitik zuständig war. Er hatte auch eine besondere Rolle bei dem Notstandsarbeiterstreik im Jahr 1933 in Ohmstede gespielt. Wenn jetzt eine Straße in Ofenerdiek nach Johann Gerdes benannt wird, so ist dies ein symbolischer Akt gegen das Vergessen und zugleich auch ein Stück Aufarbeitung Oldenburger Nazi-Vergangenheit. Ein symbolischer Akt ist es, weil Johann Gerdes das erste Todesopfer der Mordpolitik der Nazis in Oldenburg war. Ein symbolischer Akt ist es auch deshalb, weil eine kleine, aber nicht unbedeutende Aktion antifaschistischen Widerstandes in Oldenburg in Erinnerung gerufen wird. Mit der Straßenbenennung billigt der Rat der Stadt nicht die Politik der KPD in der Weimarer Republik. Darum geht es nicht. Diese Politik kritisiere ich auch in bestimmten Aspekten. Alle größeren Parteien der Weimarer Republik haben - natürlich in unterschiedlichem Maße - eine Mitschuld am Zustandekommen des deutschen Faschismus. Ich nenne mal als Beispiel den Repräsentanten einer bürgerlichen Partei, Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, nach dem in Oldenburg eine Straße benannt ist. Er hatte als Reichstagsabgeordneter dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt. Es geht hier bei Johann Gerdes allein darum, ein Zeichen zu setzen, damit die Verbrechen der Nazis niemals vergessen werden und um einen symbolischen Akt für den sicherlich sehr schwachen, aber in Ansätzen doch vorhandenen antifaschistischen Widerstand, den es in Oldenburg gegeben hatte und den zu ehren wir uns verpflichtet fühlen. Ganz unabhängig von der Bewertung der Politik der KPD sollte doch schlicht die historische Tatsache zur Kenntnis genommen werden, daß dieser antifaschistischer Widerstand zu einem ganz beträchtlichen Teil von Kommunisten geleistet wurde - auch in Oldenburg. Ich appelliere an alle Mitglieder des Rates, dieses zu bedenken und dem auf so feige Art erschossenen Arbeiter Johann Gerdes auf diese Weise zu gedenken.

H.-H. Adler


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel. Differenzen zur gedruckten Fassung sind nicht auszuschließen.
Nachdruck nur mit Quellenangabe, Belegexemplar erbeten.


 

 
  Differenzen zur gedruckten Fassung nicht auszuschließen. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Siehe auch Impressum dieser Ausgabe und Haupt-Impressum