Oldenburger STACHEL Ausgabe 10/98     Seite 16
 
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Ungezogenes Stimmvieh

Gedanken zur neuen und alten Rechtschreibung

In Schleswig-Holstein hat das Volk eindeutig "Nein" zur Rechtschreibreform gesagt. Erstmals gab ein Volksentscheid denjenigen, die von der Rechtschreibung direkt betroffen sind, die Möglichkeit, zu sagen, ob sie mit der Einführung der neuen Schreibweisen einverstanden sind oder nicht. Daß 56,4% gegen die Reform stimmten, kommentierte die Kieler Kultusministerin noch am Wahlabend: "Die Verlierer dieser Entscheidung sind nicht Politiker oder Kultusminister, sondern die Kinder." Diese Aussage erscheint zwar richtig, verdreht jedoch die tatsächlichen Verhältnisse.

Kinder Opfer des Sachzwangs

Die Kinder in Schleswig-Holstein werden bereits seit zwei Jahren, also lange bevor eine Klärung der Rechtsfrage überhaupt in Sicht war, nach den neuen Schreibregeln unterrichtet. Daher trägt nicht das Volk die Entscheidung auf dem Rücken der Kinder aus, sondern diejenigen, die am Runden Tisch volksferne Entscheidungen meinen treffen zu müssen. Und das sind Gelehrte, Kultusminister und Schulbuch- und Wörterbuchverlage. Diese wittern einmal mehr ein großes Geschäft, können sie doch nun neue Bücher verkaufen.

Die Kinder wären völlig schadlos aus der Diskussion hervorgegangen, hätte es den Volksentscheid vor der Einführung der neuen Rechtschreibung gegeben. Bei einer bundesweiten Volksabstimmung gäbe es keine Insellösungen und das Ergebnis würde allgemein akzeptiert. Das ganze unnütze Hickhack wäre uns erspart geblieben, wenn vorher über die Reform in kostenlosen Broschüren sachlich (ohne Propaganda) aufgeklärt worden wäre.

Stattdessen wurden wieder einmal Fakten geschaffen, bevor eine ernsthafte Auseinandersetzung oder gar Ablehnung stattfinden konnte. Sogar die parlamentarische Demokratie vermochte es nicht, über die Einführung der neuen Rechtschreibung zu befinden - in keinem einzigen deutschen Parlament wurde der Punkt je zur Abstimmung gestellt. Wie groß die Diskrepanz zwischen echter und vorgetäuschter Demokratie tatsächlich ist, zeigt sich daran, daß die jüngste - demokratisch getroffene - Entscheidung so klar gegen die - diktierten - Verordnungen der hohen Herren und Damen ausgefallen ist. Sie ist eigentlich geradezu peinlich für die KultusministerInnen, doch sie merken es nicht. Sie setzen noch einen drauf: Statt spätestens jetzt das übrige Volk zu befragen, wollen sie eine Insellösung (den Kindern zu liebe?): Die Entscheidung in Schleswig-Holstein hat keinerlei Auswirkungen auf die übrigen Länder... Haben sie Angst, das Volk könnte sich auch in den anderen Ländern gegen ihr Lieblingskind ausprechen?

In Kiel versprach die Kultusministerin nach dem Votum, das Ergebnis zu akzeptieren. Deshalb werde sie in einem Erlaß festlegen, daß Schreibweisen in alter und neuer Rechtschreibung akzeptiert würden. Dieses ist ein Zeichen dafür, daß die PolitikerInnen noch nicht gelernt haben, korrekt mit Volksentscheiden umzugehen. Gelehrt wird künftig nach alter mit Büchern in neuer Rechtschreibung, da die Bücher nur noch in neuer Rechtschreibung vorliegen. Den Kindern wird erklärt, dass dieses "dass" nur in Schleswig-Holstein ein "daß" ist.

Ortografie - Ein Fach einfach?

Über den inhaltlichen Sinn der Rechtschreibreform kann man streiten. Manche Regelungen werden dadurch einfacher, besonders bei der Zeichensetzung. Dennoch gibt es eine Reihe von Ausnahmen, die man kennen muß. So darf man beispielsweise "ph" durch "f" ersetzen, was bei der Geographie kein Problem ist. Aber wehe, es versucht jemand, das Fach "Filosofie" zu studieren - das geht aus historischen Gründen nicht. Auch "Teater" wurden bisher in Deutschland nicht gebaut. Wirklich einfach und konsequent - wie etwa bei der neuen Rechtschreibung in den Niederlanden - wäre es, würden die Wörter so geschrieben, wie man sie spricht. Doch dann würde aus dem Deutschen Kaiser ein deutscher keiser, wovor die Deutschen auch nach 70 Jahren noch zurückschrecken - wir erinnern uns an den weitreichenden Rechtschreibreform-Vorschlag aus den Achtzigern, der trotz des Wörtchens Kaiser wieder verworfen wurde.

Regeln für Ortho-Normalverbraucher?

Gerne wird behauptet, die Regelungen beträfen nur Neulernende und Behörden, nicht aber die anderen. Wenn man sowieso schreiben darf, wie man will, warum lernt man dann überhaupt Rechtschreibung in der Schule?

Vielleicht gibt Prof. Dr. G. Drosdowski, Leiter der Duden-Redaktion, in seinem Vorwort der Broschüre "Informationen zur neuen Rechtschreibung" (Mannheim, 1994) die Antwort: "Außerhalb der Schule wirkte die Überbewertung Äder RechtschreibleistungÜ fort: Eine fehlerhafte Beherrschung der Rechtschreibung wurde von vielen Menschen mit Unbildung gleichgesetzt." Im folgenden Absatz wird suggeriert, daß erst mit der Orthographiekonferenz vom 22. bis 24.11.1994 diese Misere beseitigt wäre. Leider handelt es sich hier um ein soziales Problem und kein technisches. Deswegen werden sich jetzt über 60 Millionen Menschen der alten Sprache die mühsam erlernten Regeln danach mühsam auseinandersortieren, ob sie noch gelten oder nicht. Eine Vereinfachung stellt dieses wohl nicht dar.

Neu lernen neulernen

In Diskussionen zu hören ist oft noch ein weiteres interessantes Argument: "AusländerInnen können nun leichter Deutsch lernen." Das riecht verdächtig nach einer neuen deutschen Revolution! Entdecken die hohen politischen Entscheidungsträger endlich die Interessen von Zugewanderten? Keine Sorge, die Welt bleibt wie sie ist, denn die eigentlichen Schwierigkeiten bei der deutschen Sprache stecken ganz woanders, z.B. im Genus (nein, nicht mit Doppel-s oder ß!) der Wörter (der, das oder die gerade Kurve?). Aber das kann ein Deutscher wohl kaum nachvollziehen.

Bleiben die Kinder, die eigentlichen Verlierer der Kultusminister-Erlasse, die so gerne als Gewinner gesehen worden wären. Sie haben es möglicherweise wirklich ein bißchen einfacher, das muß man ausprobieren, wenn man das aus sozial-ethischen Gründen vertreten kann. Kinderleicht wird die Schreibung trotzdem nicht, denn sie dürfen nicht so schreiben, wie sie wollen. Es gibt immernoch ein Regelwerk, das es zu beachten gilt. Und wer dagegen verstößt, bekommt das Heft rot angemalt und die 6 daruntergeschrieben. Hierzu zitieren wir nocheinmal den Leiter der Duden-Redaktion aus dem Vorwort der Broschüre: Er schreibt, die vergangenen neunzig Jahre sind gekennzeichnet "durch eine unglückliche Entwicklung in der Einschätzung orthographischer Normen. An den Schulen wurde die Rechtschreibung häufig unkritisch vermittelt, vieles, was der Vereinheitlichung dienen sollte oder nur als Orientierungshilfe gedacht war, zur starren Norm erhoben, jede Abweichung von der Norm streng mit dem Rotstift geahndet und so vielen Menschen für ihr ganzes Leben die Angst vor der Blamage beim Schreiben eingeflößt."

Für psycho-soziale Probleme ist die neue Rechtschreibung also keine Lösung. Und so wird es auch noch künftig die Lese-Rechtschreib-Schwäche geben, da die Reform es nicht vermag, Ängste und Probleme von Kindern in den Griff zu bekommen.

Mit Neugier dürfen wir nun darauf schauen, was aus dem Volksentscheid in Schleswig-Holstein wird. Auch in Berlin und Bayern sind Volksentscheide in Vorbereitung, während in Niedersachsen im Juni nicht die nötige Anzahl von Unterschriften zur Durchführung der Befragung zusammenkam. Ich denke, daß das Volk direkt betroffen ist und deswegen auch direkt gefragt werden sollte und das Ergebnis, wie immer es auch ausgeht, dann zu akzeptieren ist.

muh

 

 
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