Oldenburger STACHEL Ausgabe 2/99     Seite 14
 
Aktuelles
Archiv
2003
2002
2001
2000
1999
Dezember (207)
November (206)
Oktober (205)
September (204)
Juli (203)
Juni (202)
Mai (201)
April (200)
März (199)
Februar (198)
Januar (197)
1998
1997
1996
1995
1994
UHN
Service
Wir über uns
Impressum
Kontakt
 
Inhalt dieser Ausgabe
 

Hinrichs, gehen wird. Zu diesem Syposium äußert sich Klaus Dede:

Ich habe das dringende Bedürfnis, den Veranstaltern des Hinrichs-Symposions am 8. und 9. März 1999 meinen Dank zu sagen. Ich denke, es ist schon eine Auszeichnung, wenn jemand, der so an die Wand gedrückt wurde, wie ich das in den vergangenen zwanzig Jahren in Oldenburg erlebt habe, erfährt, daß das Land Niedersachsen nicht weniger als 400.000 DM ausgibt, um ihn nicht zu Wort kommen zu lassen. Eine bessere Bestätigung meiner Position kann es nicht geben - dafür also meinen Dank. Sie sind eingeladen worden, etwas zu den vielfältigen Aspekten der "Heimatkultur und Regionalkultur" zu sagen. Aber wie kommt die Stadt Oldenburg dazu, ein solches Symposion zu veranstalten - allein aus Daffke? Natürlich nicht. Die Geschichte hat einen Hintergrund, den ich kurz beleuchten möchte.

Im Jahre 1944 wurde der weithin berühmte und nach Ansicht unserer Heimat-Ideologen höchst bedeutende Heimatschriftsteller, unser August Hinrichs, von der NSDAP zum dritten und letzten Nazi-Ehrenbürger der Stadt Oldenburg erhoben. Die beiden anderen Würdenträger waren Adolf Hitler und der frühere Gauleiter Carl Röver. Die NSDAP würdigte damit zu Recht, daß August Hinrichs, der wie kaum ein anderer Schriftsteller des Dritten Reiches gefeiert und mit Ehrungen überschüttet wurde, seit dem Jahre 1930 sein gesamtes literarisches Schaffen in den Dienst ihrer Propaganda gestellt hatte, und sie tat dies sicherlich auch, um in der Person von August Hinrichs die ideologische Kontinuität in Oldenburg sicherzustellen, denn die Niederlage des Nazi-Staats war damals, im April 1944, für jeden, auch für Nazi-Bonzen, voraussehbar, wenn man auch nicht darüber sprach. Nach der Befreiung sprach der Rat der Stadt dem ehemaligen Führer und dem ehemaligen Gauleiter - beide waren zu diesem Zeitpunkt bereits tot - die Ehrenbürgerschaft ab, nicht aber August Hinrichs. Offenbar wollten die Parteien damit sagen, daß man zwar die Verbrechen der Nazis verurteilte, nicht aber die Ideologie, die dazu motiviert hatte. Diese Vermutung wird auch durch weitere Tatsachen bestätigt. Ich zähle auf:

- Der Rat hat sich nicht entblödet, noch lange nach der Befreiung einen anderen Nazi, nämlich den Maler Bernhard Winter, zum Ehrenbürger zu ernennen.

- August Hinrichs hat seine völkischen Positionen, die er in seinen Theaterstücken von der Swinskomödi an vertreten hat, auch nach Auschwitz niemals zurückgenommen oder auch nur kritisch reflektiert. .

- Als der große Heimatdichter im Jahre 1956 starb, wurde sein Begräbnis zu einer öffentlichen Huldigung, an der auch, wenn ich mich richtig erinnere, die Vertreter der Parteien beteiligt waren.

- Schließlich feierte die Stadt - ebenfalls mit dem Segen des Rates - mit großem Aufwand im Jahre 1979 den 100. Geburtstag des Nazi-Barden.

Ich veröffentlichte im Jahre 1977, wenn ich mich richtig erinnere, meinen ersten Artikel zum Thema August Hinrichs, der zwar inhaltlich sehr harmlos war, dennoch einem Tabubruch gleichkam, denn ich erinnerte daran, daß die Nazis einem Stück dieses Dichters in Bookholzberg bei Delmenhorst eine Spielstätte gebaut hatten, auf dem nur sein Drama über die Stedinger aufgeführt werden durfte. Nur zwei deutsche Schriftsteller wurden, so weit ich weiß, damit ausgezeichnet, daß ihnen zu ihren Lebzeiten eine eigene Bühne gewidmet wurde: Richard Wagner und eben August Hinrichs. Daraus folgt bereits, daß das, was Richard Wagner für die Deutschnationalen war und ist, Hinrichs für die völkischen Heimatideologen in dem ehemaligen Gau Weser-Ems bedeutet. Er ist also nicht als Schriftsteller bedeutsam, sondern als Symbol einer Ideologie, die auch von den Nazis, aber durchaus nicht nur von diesen, vertreten wurde. Diese Feststellung wirkte in Oldenburg so schockierend, daß das Thema für die folgenden Jahre tabuisiert wurde, und ich durfte erleben, was mit demjenigen geschieht, der den christlich-deutschnationalen Konsens dieser Republik nicht nur verletzt, sondern, was schlimmer ist, offenlegt.

Nun ist das, was man heute als Sozialmobbing bezeichnet, nur schwer nachzuweisen, zumal in diesem Falle kaum Akten darüber angelegt worden sein dürften, also schweige ich über das Thema. Immerhin ergab sich nach mehr als einem Jahrzehnt eine Gelegenheit, das Thema doch noch einmal an die Öffentlichkeit zu bringen: Kurz vor der Kommunalwahl des Jahres 1991 konnte ich die ehemals kommunistischen Abgeordneten Hans-Joachim Müller und Heike Fleßner dazu bewegen, im Rat den Antrag zu stellen, den Nazi August Hinrichs, ebenso wie seine Vorbilder Adolf Hitler und Carl Röver, endlich von der Liste der Oldenburger Ehrenbürger zu streichen. Die Vorlage ging den üblichen Gang: Sie wurde von den Fraktionen der SPD, CDU, FDP und der Grünen beraten - nicht eine kam auf den Gedanken, mich einzuladen, damit ich meine Position einmal begründete, obwohl es überhaupt kein Geheimnis war, daß ich der Initiator der Sache war. Ich erhielt in der Sache auch sonst keinerlei Unterstützung - von niemandem in Oldenburg. Ich war völlig isoliert. Als der Kulturausschuß des Rates die Sache beriet, saß ich im Publikum, aber obwohl die Abgeordneten Nehring und Thielemeyer ihre Stellungnahmen mit üblen persönlichen Angriffen gegen mich würzten, wurde ich auch hier nicht gebeten, mich dazu zu äußern. Zur Erläuterung: Bevor der Ausschuß den Antrag zum Fall Hinrichs erörterte, wurde ein Anliegen der Kulturetage erörtert - die Vertreter dieses Vereins erhielten ausführlich Gelegenheit, sich zu der Sache zu äußern. Was in diesem Falle offenbar eine Selbstverständlichkeit war, galt natürlich nicht für denjenigen, der den christlich-völkischen Konsens der Parteien offengelegt und gebrochen hatte - das ließ man mich spüren. Im Ausschuß wurde der Antrag, Hinrichs die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen mit den Stimmen der SPD, CDU und FDP bei Stimmenthaltung der Grünen und gegen die Stimmen der beiden Antragsteller abgelehnt. Im Rat wiederholte sich das Schauspiel, auch Nehring und Thielemeyer erneuerten die persönlichen Vorwürfe gegen mich und zwar dergestalt, die damalige Vorsitzende des Kulturausschusses die beiden Kollegen zur Ordnung rief mit der Begründung, daß es einigermaßen unfair sei, im Plenum des Rates jemanden anzugreifen, der nicht antworten könne. Um das klar zu sagen: Der Rat lehnte es mit den Stimmen der CDU, SPD und FDP bei Stimmenthaltung und gegen die beiden Stimmen der Antragsteller ab, den Nazi Hinrichs von der Liste der Ehrenbürger zu streichen. Das ist der formale Vorgang. Nach meiner Meinung bedeutete der Vorgang, daß der Rat der Stadt mit dieser Entscheidung nicht nur die Berufung des Nazi-Barden August Hinrichs zum Ehrenbürger der Stadt durch die NSDAP bestätigt hat, sondern daß er sich darüber hinaus - da dieser eben die Symbolfigur der Deutschnationalen ist - sich jene völkische Ideologe zu eigen gemacht hat, die zu den Verbrechen des Dritten Reiches geführt hat. Um dies ganz deutlich zu machen: Der Nazismus unterschied sich von den anderen völkischen Fraktionen nur dadurch, daß seine Anhänger sich zu Adolf Hitler als ihrem Führer bekannten, was sie zeitweilig alle deutschnationalen Gruppierungen taten, aber eben nur zeitweilig. Die Ideologie existierte und existiert unabhängig von einer Person. Ihre Kontinuität kennzeichne ich am besten durch die Ortsnamen Langemarck, Verdun, Auschwitz, Rostock-Lichtenhagen und Solingen - und, natürlich, durch das Symbol August Hinrichs, durch das die Ideologie bezeichnet wird, die zu den Verbrechen motivierte. Nun beschlich die Ratsherren damals, als sie den Antrag, den Namen des Nazibarden von der Liste der oldenburgischen Ehrenbürger zu streichen und damit die von mir skizzierte Tradition abzubrechen, offenbar doch ein leises Unbehagen, und so stellte denn der damalige Ratsherr Nehring den Antrag, man möge eine Ausstellung veranstalten, in der, ich sage das jetzt mit meinen Worten, die Heimatkunstbewegung thematisiert werden sollte. Das geschieht jetzt und zwar offenbar möglichst so, daß der eigentliche Anlaß der Veranstaltung nicht genannt wird. So viel zum Hintergrund.

Warum schreibe ich Ihnen dieses Brief?

Ich nenne drei Gründe: 1. Ich bin derjenige bin, der die ganze Geschichte in Gang gebracht hat, bekomme aber keine Gelegenheit, auf dieser Tagung, die schließlich eine Reaktion auf den von mir initiierten Antrag ist, meine Position darzulegen. Ich halte dieses Verhalten der Stadt Oldenburg für unfair und protestiere gegen diese Mißachtung.

2. Ich denke, daß es wichtig ist, daß man nicht über irgendwas redet, sondern über das, was wirklich erörtert werden muß - und zwar nicht nur in Oldenburg - nämlich über die Kontinuität der christlich-deutschnationalen Ideologie über das Jahr 1945 hinaus, was durchaus am Beispiel der regionalen Kultur geschehen kann, dann allerdings mit dem Schwerpunkt der völkischen Symbolfigur August Hinrichs.

3. Und schließlich meine ich, daß Sie über die Hintergründe des Vorganges unterrichtet sein sollten. Sie können natürlich meine Darstellung nur zur Kenntnis nehmen. Mir geht es indessen nur darum, daß ich wenigstens auf diesem Wege Gelegenheit habe, das, was ich zu dem Thema dieser Tagung zu sagen habe, mitzuteilen - das genügt mir. Ich darf Ihnen versichern, daß ich in den vergangenen zwanzig Jahren sehr intensiv über das Thema, das hier angeschnitten wurde, nachgedacht habe. Diese Arbeit werde ich fortsetzen.

Mit freundlichen Grüßen!

Klaus Dede

 

 
  Differenzen zur gedruckten Fassung nicht auszuschließen. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Siehe auch Impressum dieser Ausgabe und Haupt-Impressum