Oldenburger STACHEL Ausgabe 3/99     Seite 4
 
Aktuelles
Archiv
2003
2002
2001
2000
1999
Dezember (207)
November (206)
Oktober (205)
September (204)
Juli (203)
Juni (202)
Mai (201)
April (200)
März (199)
Februar (198)
Januar (197)
1998
1997
1996
1995
1994
UHN
Service
Wir über uns
Impressum
Kontakt
 
Inhalt dieser Ausgabe
 

"Der geistige Niederschlag der nationalen Wiedergeburt"

Der Verleger Heinrich Stalling auf dem Weg ins Dritte Reich

1964 feierte der Oldenburger Stalling-Verlag (nicht zu verwechseln mit der "Neue Stalling GmbH & Co. KG"; Anm. der Red.) sein 175jähriges Bestehen. In der aus diesem Anlaß von Dr. Werner Storkebaum verfaßten Festschrift des "Druck- und Verlagshauses Gerhard Stalling" heißt es mit Blick auf die Verlagspolitik Heinrich Stallings (1865-1941), der als Urenkel des Firmengründers Gerhard Stalling den Verlag seit 1896 - bis 1934 gemeinsam mit seinem Bruder Paul (1861-1944) - leitete: "Im Rückblick erscheint manches an Inhalt und Substanz zeitbedingt, da wir unter veränderten historischen Verhältnissen auch in unserm eigenen geschichtlichen Verständnis einem Wandel unterliegen." Mit diesen allgemeinen Worten wird verharmlost, daß Heinrich Stalling seine Firma aus einem kleinen Oldenburger Heimatverlag in einen der bedeutendsten Publikationsorte der deutschtümelnden Rechten verwandelt hatte, die spätestens seit dem Ersten Weltkrieg im Stalling-Verlag einen dankbaren Abnehmer fand - bis die Alliierten der Stallingschen Geschäftstüchtigkeit 1945 ein Ende bereiteten. Erst 1948 erhielt der Verlag eine Lizenz und führte in den folgenden Jahrzehnten vor allem ein gemischtes Sachbuchprogramm, das aber mit seinem Schwerpunkt auf Militaria an den zweifelhaften Ruhm vergangener Tage anknüpfte.

Militaria und Beumelburg

Bereits um die Jahrhundertwende hatte Heinrich Stalling begonnen, sich verstärkt der Kriegsgeschichtsschreibung zu widmen. Auf die Initiative Generalfeldmarschall Hindenburgs hin, der seit seinen Oldenburger Tagen als Kommandeur des Infanterie-Regiments 91 den Verleger kannte und schätzte, wurde 1916 die Serie "Der Große Krieg in Einzeldarstellungen" begründet. Nach Kriegsende erweiterte der Stalling-Verlag nochmals das militärgeschichtliche Programm und begann, das Genre der verschriftlichten Kriegserinnerungen zu fördern. Mit den Reihen "Schlachten des Weltkrieges" (40 Bände) und den "Erinnerungsblättern deutscher Regimenter" (240 Bände) sorgte Heinrich Stalling dafür, daß der Verlag das militaristische Bewußtsein und Heldenpathos der Kaiserzeit konservierte und dem Soldatenstand, der nach 1918 plötzlich arbeitslos geworden war, das Warten auf bessere Zeiten mit patriotischen Reminiszenzen verkürzte. Von belletristischer Seite leistete vor allem Werner Beumelburg (1899-1963) engagierte Schützenhilfe. 1928 entstand, von Heinrich Stalling angeregt, sein Roman "Sperrfeuer um Deutschland", ein Jahr später erschien "Gruppe Bosemüller, Der Roman des Frontsoldaten" - das nationalkonservative Pendant zu Remarques erfolgreichem Antikriegsroman "Im Westen nichts Neues". Beide Werke wurden Bestseller. In der Festschrift von 1964 werden Beumelburgs kriegsverherrlichende Werke verteidigt mit den Worten: "Bücher mit einer solchen Grundtendenz waren im nationalsozialistischen Staat nicht gegen Mißdeutung und Mißbrauch gefeit. Das sollte aber gerechterweise nicht dazu führen, die Lauterkeit der Gesinnung, aus der jene Bücher entstanden waren, nachträglich in Frage zu stellen." Ein Blick auf Beumelburgs Karriere im Dritten Reichs sollte genügen, um aufzuzeigen, daß der Nationalsozialismus Beumelburg mitnichten mißbrauchte, sondern ihm vielmehr eine geistige Heimat war: 1933 wurde Beumelburg Schriftführer an der nationalsozialistischen Dichter-Akademie, 1936 erhielt er den Literaturpreis der Stadt Berlin, ein Jahr später wurde ihm der neugeschaffene "Kunstpreis der deutschen Westmark" verliehen.

"Schriften an die Nation"

1932 begründete der Schwiegersohn Heinrich Stallings, Martin Venzky (1891-1933), die Reihe "Schriften an die Nation", die nach dem Tode Venzkys von Beumelburg weitergeführt wurde und auf über 70 Bände anwachsen sollte. Neben Beumelburg, der mehrere eigene Werke in der Reihe veröffentlichte, erschienen als "Schriften an die Nation" viele Bücher ausgewiesener Nationalsozialisten. Nach der Machtergreifung gab sich sogar der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Joseph Goebbels die Ehre und veröffentlichte seine "Reden aus Kampf und Sieg" in der deutschnationalen Reihe des Oldenburger Verlages. Hans Friedrich Blunck, Präsident der Reichsschrifttumskammer, sowie sein Nachfolger in diesem Amt und bedeutendster Parteidichter der NSDAP, Hanns Johst, publizierten ebenfalls "Schriften an die Nation". Der spätere Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht schrieb über die "Grundsätze deutscher Wirtschaftspolitik" und Reichsinnenminister Wilhelm Frick jubelte 1934 unter dem Titel "Wir bauen das Dritte Reich". "Appell an das deutsche Gewissen, Reden zur nationalen Revolution" überschrieb der ehemalige Reichskanzler, Totengräber der Weimarer Republik und Steigbügelhalter Hitlers Franz von Papen die zwei von ihm in der Reihe veröffentlichten Bände. Weitere Autoren der "Schriften an die Nation" waren unter anderen: der Bücherverbrenner, radikale Antisemit und Herausgeber der "Neuen Literatur" Will Vesper, der nationalsozialistische Schriftsteller und Mitarbeiter des "Völkischen Beobachters" Richard Euringer, der reimende SA-Standartenführer und Träger mehrerer nationalsozialistischer Literaturpreise Gerhard Schumann, das Mitglied der nationalsozialistischen Dichter-Akademie Peter Dörfler, der Schriftsteller, SS-Obersturmbannführer und Abteilungsleiter im Rasse- und Siedlungshauptamt der ß Kurt Eggers.

Außenseiter in dieser illustren Schar der Reihenautoren waren der Philosoph Karl Jaspers sowie der Lyriker und Maler Georg von der Vring. Jaspers’ Auftauchen in solch zweifelhafter Gesellschaft läßt sich mit seiner Sympathie für konservative Ideen bei gleichzeitiger Unterschätzung des Nationalsozialismus ("schlechter Spuk") nur bedingt rechtfertigen. Entlastend ist geltend zu machen, daß sein Buch über Max Weber schon 1932 erschien - zu einem Zeitpunkt also, zu dem die Reihe noch nicht nationalsozialistisch dominiert war. Von der Vring hingegen war bekannt für seinen sorglosen Umgang mit nationalsozialistischen Publikationsorganen. Unter Umständen hat beide Autoren auch eine gewisse heimatliche Verbundenheit das Verlagsprofil ignorieren lassen: Von der Vring stammte aus Brake, Jaspers war gebürtiger Oldenburger.

In der Festschrift zum 70sten Geburtstag Heinrich Stallings im Jahre 1935 verwies Dr. Walter Lang zu Recht auf die Nähe der Reihe "Schriften an die Nation" zur nationalsozialistischen Ideologie: "Eine Schar nationalgesinnter Autoren um sich sammelnd, konnte er zu den Mitarbeitern seines Verlages schon lange vor der nationalsozialistischen Erhebung dieser großen Bewegung nahestehende Autoren zählen." Und in der zum 150jährigen Jubiläum 1939 erschienenen umfangreichen Festschrift versäumte es der Bearbeiter Dr. Eugen Roth nicht, den Sinn der Reihe "Schriften an die Nation" darin zu sehen, den "geistigen Niederschlag der allmählich werdenden nationalen Wiedergeburt vorzutreiben, zu unterbauen und schließlich zusammenzufassen".

Stalling und Hitler

Der Festschrift zu Stallings Geburtstag ist ein Geleitwort von Reichsminister Dr. Hans Heinrich Lammers, Chef der Reichskanzlei, vorangestellt. Lammers würdigt den Stalling-Verlag als Kampfgenossen nationalsozialistischer Kulturpolitik: "Traditionsbewußte Pflege und Förderung besten deutschen Wesens ist unverrückbar Aufgabe und Ziel des Verlages gewesen zumal in Zeiten, in denen Neid und Haß des Auslandes und volksfremde Machthaber im Inneren danach trachteten, dem wahren Deutschtum den Untergang zu bereiten." Nach diesen Worten ist es nicht weiter verwunderlich, daß sich der Chronist Roth in seinen langen Ausführungen ebenfalls streng an die nationalsozialistische Terminologie hält und stolz verkündet, wie eng die im Stalling-Verlag erschienene Militärzeitschrift "Deutsche Wehr" schon während der "Systemzeit" mit der SA verbunden gewesen sei und wie mutig die "Deutsche Wehr" das Verbot der SA 1932 kritisiert habe. Roths Ausführungen zeigen ferner, daß im Programm der "Deutschen Wehr" an oberster Stelle die Kriegshetze stand: "Es entsprach aber der neuen Zielsetzung, vor allem zunächst einmal den Wehrwillen und die Wehrfreudigkeit in weitesten Teilen des Volkes wieder anzufachen."

Unter der Federführung Venzkys hatte der Stalling-Verlag Anfang der zwanziger Jahre begonnen, Kinder- und Bilderbücher zu verlegen, für deren Texte in vielen Fällen der Nationalsozialist Vesper verantwortlich zeichnete. Eine Bemerkung Roths verdeutlicht, wie diese neue Sparte des Verlages gezielt propagandistisch genutzt wurde: "Die tiefgreifende weltanschauliche Wandlung durch den Nationalsozialismus muß vielleicht sogar im besonderen Ausmaße umgestaltende Einwirkung auf das Bilderbuch gewinnen."

1930 erschien im Stalling-Verlag die Hitler-Apologie "Hitler, Eine deutsche Bewegung" von Erich Czech-Jochberg. Heinrich Stalling sandte das Buch mit persönlicher Widmung und Gruß an Adolf Hitler. Wie es die Ironie der Geschichte will, wird dieser Anbiederungsversuch nicht auf sehr fruchtbaren Boden gefallen sein. Denn viele von Czech-Jochbergs Hitler-Hagiographien wurden im Dritten Reich verboten. Wohlweislich tauchen sie im "Gesamtverzeichnis der Verlagserscheinungen des Verlages Gerhard Stalling" (1939), bearbeitet von Dr. Fritz Strahlmann, dann auch nicht auf. Doch hat Hitler seinem ideologischen Wegbereiter den Fauxpas nicht weiter übelgenommen: Heinrich Stalling wurden in der NS-Zeit viele Ehrungen zuteil. Für seine Verdienste als Verleger wurde ihm 1935 die Goethe-Medaille für Wissenschaft und Kunst verliehen, als Stifter des Preises sandte Hitler höchstselbst - sekundiert von Goebbels, Frick, Schacht und Reichskriegsminister Werner von Blomberg - ein Glückwunschschreiben. Stalling wurde Ehrenmitglied der Universität Göttingen und konnte sich an seinem 70sten Geburtstag ins Goldene Buch der Stadt Oldenburg eintragen.

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs übernahm der nationalkonservative Publizist Hans Zehrer, 1929-33 Herausgeber und Chefredakteur der "Tat", die Leitung der Berliner Verlagsfiliale. Nach dem Tod Heinrich Stallings, zu dem auch der "Völkische Beobachter" kondolierte, stieg Zehrer an die Verlagsspitze auf und führte den Verlag weiter bis zum Verbot durch die Alliierten. Nach der Lizenzerteilung existierte der Stalling-Verlag noch weiter bis 1983.

Viktor Otto

 

 
  Differenzen zur gedruckten Fassung nicht auszuschließen. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Siehe auch Impressum dieser Ausgabe und Haupt-Impressum