Oldenburger STACHEL Ausgabe 5/99     Seite 6
 
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Männer sind keine Väter

Wer über diesen Satz stolpert, fühlt sich wahrscheinlich eher an die Umkehrung erinnert. Diese wird dann als Vorwurf formuliert, nämlich "kein (richtiger) Mann zu sein." Wenn ein Vater sich über das Feierabendmaß hinaus mit seinen Kindern beschäftigt, von der Arbeit zu Hause bleibt und mit ihnen zum Arzt geht, wenn sie krank sind, für sie Pudding kocht und Unterhosen kauft, wenn er ihre Freunde und Freundinnnen kennt, mit ihnen lacht und streitet, seine Zeit nicht opfert für seine Kinder, sondern sich durch sie bereichert fühlt, wenn also Männer die dauerhafte Präsenz in ihrer Familie wichtiger nehmen als ihre Verantwortung im Beruf, laufen sie Gefahr, keine "richtigen" Männer zu sein. Der Titel ist somit die Umkehrung der Norm und Programm zugleich.

Schon lange ist deutlich, daß in der Ev. Familien-Bildungsstätte in Oldenburg relativ wenig Männer und Väter an den Kursen teilnehmen. Obwohl Themen zu Geburt und Säuglingspflege, zu Kindheit und Jugendzeit, zu Erziehungs- und Beziehungsfragen Frauen und Männer gleichermaßen betreffen, beteiligen sich nur wenig Männer an den Bildungsangeboten. Es ist schwer, über die Gründe von Abwesenheit zu schreiben, weil die Personen aus eben diesem Grund nicht befragt werden können.

Fachbereich Väter in der Ev. Familien-Bildungsstätte

Die Ev. Familien-Bildungsstätte möchte ihr Angebot für Männer und Väter erweitern und konnte zu diesem Zweck eine ABM-Stelle einrichten. Seit Anfang Februar 1999 läuft der Aufbau des Fachbereiches Väter, so daß ab September zum Erscheinen des neuen Jahresprogramms eine bunte Palette von Angeboten möglichst vielen Männern zugänglich gemacht werden soll. Die Angebote richten sich an Väter und Männer, die Vater werden wollen.

Die Wirtschaft hat schon erkannt, wie sie auf Veränderungen in Familien reagieren muß, in denen beide Partner für das Einkommen und die Erziehung der Kinder verantwortlich sind. Die soziale Integration von Familie und Beruf läßt die Väter einerseits Väter sein und stellt damit andererseits die Vorteile eines funktionierenden Familienlebens in den Dienst des Betriebes. Um das Audit "Beruf und Familie" bemühen sich Firmen wie Siemens-Nixdorf, BMW und Lufthansa nicht aus reiner Menschenliebe, sie wollen Geld sparen durch zufriedenere Mitarbeiter, die durch ihre Arbeit nicht mit der Familie in Konflikt kommen, die dadurch motivierbar sind, nicht schnell ausbrennen und nicht an alltäglichen Problemen scheitern. Erwartet die Partnerin aufgrund ihrer eigenen Erwerbstätigkeit eine aktive Beteiligung des Vaters an Familienaufgaben, können z.B. Familienzulagen wegfallen, die sonst das einseitige Ernährermodell abstützen.

Wer über Männer und Väter schreibt, kommt nicht umhin, auf Verallgemeinerungen zurückzugreifen. Diese werden keinem Menschen gerecht, helfen aber, eine gesellschaftliche Situation zu beschreiben und handhabbar zu machen. Wenn sich eine Bildungseinrichtung entschließt, ihr Programm daraufhin zu prüfen, ob es der geänderten gesellschaftlichen Situation von Familien und hier speziell von Männern und Vätern noch gerecht wird, steht am Anfang die Frage, welche "Männer-Typen" gibt es denn? Eine Antwort darauf gibt die von der Ev. Kirche Deutschlands in Auftrag gegebene und 1998 erschienene Studie "Männer im Aufbruch".

20% "Neue Männer"

Demnach haben wir 20% "Neue Männer" und ebenso viele "traditionelle Männer" im Land. Dazwischen bewegen sich ein Viertel aller Befragten, die als "pragmatische Männer" beschrieben werden. Der große Rest von 37% sind die "unsicheren Männer", deren Einstellungen und Verhalten sich nicht so klar zuordnen läßt. Doch lassen diese Verallgemeinerungen für die Arbeit der Familienbildungsstätte mit Vätern mehr Fragen offen als sie beantworten.

Für Väter wird besonders deutlich, daß die Grenzen der gesellschaftlichen Rolle, in der sie aufwuchsen, den heutigen Anforderungen nicht mehr genügen. Wer "aktiver Vater" sein möchte, der kommt mit den Rollenzuschreibungen für sein bisheriges Mannsein nicht weit: Stark, mit Durchsetzungskraft, bereit, Chancen zu nutzen und Konkurrenten auszustechen, dabei keine Schwächen zeigen, Probleme erkennen und sofort Lösungswege parat haben, Gefühle nur soweit spüren, daß sie das eherne Standbild Mann nicht beeinträchtigen, sich nicht mit "Kinderkram" abgeben, sondern den geraden Weg zum Ziel im Auge haben. All diese Qualitäten sind für die berufliche Karriere von Männern wichtig, helfen aber wenig dabei, innerhalb der Paarbeziehung präsent zu sein, die Sorgen und Nöte der eigenen Kinder wahrzunehmen oder offen zu sein für eine fröhliche Zeit mit ihnen.

Es gibt keine berufstätigen Väter

Deshalb werden aus Männern auch keine berufstätigen Väter nach der Geburt ihres Kindes entsprechend den berufstätigen Müttern. Männer kehren zurück in den Beruf, haben diesen (höchstens) nur kurz unterbrochen, denn der Beruf scheint ihre eigentliche Wirkungsstätte. Wer sich als Vater bei seiner Arbeitsstelle für seine Familie stark macht, wird meistens (trotz anderer Ideen, s.o.) auf Unverständnis und Ablehnung stoßen. Wer Sonderurlaub zur Geburt des Kindes beantragt, Erziehungsurlaub nimmt oder gar die Arbeitszeit reduzieren möchte, über dem schwebt die Geißel "Karriereknick", gefolgt von der immer präsenten Angst arbeitslos zu werden. Dieser Schrecken aller Männer rüttelt an der alten Vorstellung, alleiniger Ernährer der Familie zu sein. Doch die Zeiten ändern sich. Und bringen Folgen mit, die gar nicht geplant waren.

Arbeitslose Ernährer

Angesichts von vier bis fünf Millionen Arbeitslosen ist es vielen Vätern tatsächlich versagt, mit ihrer Arbeit allein die Familie zu ernähren. Und es gibt auch eine andere Sichtweise: Für jene arbeitslosen Väter fällt der bequeme Vorwand weg, sich wegen der Arbeit aus der Familie und der Hausarbeit zu verabschieden. Wenn hier gesellschaftliche Bedingungen mit alten Rollenerwartungen nicht mehr übereinstimmen, eröffnen sich auch neue Räume. Arbeitslose Väter nutzen die Chance, die Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Und Väter, die bereit sind, für ihre Kinder auch nach Feierabend Verantwortung zu übernehmen, können und wollen über die Vollzeit hinaus nicht mehr allzeit bereit sein für ihre Arbeitsstelle. Heutige Väter müssen dafür Qualitäten und soziale Kompetenzen entwickeln, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Die wenigsten können dabei auf ein Vater-Vorbild zurückblicken, daß ihnen heute behilflich wäre. Die meisten Vater-Kind-Beziehungen sind durch die tatsächliche oder emotionale Abwesenheit des Vaters bestimmt. Und das hat Geschichte. Alexander Mitscherlich beschrieb bereits 1963 den Weg in die "vaterlose Gesellschaft", da die damalige Väter-Generation selbst ohne Väter aufgewachsen ist, die durch Krieg, Gefangenschaft und Tod abwesend waren.

Abwesende Väter

Ohne die politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Veränderungen, die es seitdem gab, zu übersehen, setzt sich das Problem der Abwesenheit von Vätern in ihren Familien fort. Besonders in der Kleinkindzeit wachsen Kinder immer noch in einer vaterlosen Gesellschaft auf. Nur ca. 1% der Väter nehmen Erziehungsurlaub, Erzieher und Grundschullehrer sind die Ausnahme. Jeder Vater kann erstmal nur das (vor-) leben, was er selbst erfahren hat. Und die steuerpolitischen Rahmenbedingungen sind weiterhin so, daß sich viele Familien nur den Wegfall des (geringeren) Einkommens der Frau leisten können, gerade in einer Zeit, in der Mehrausgaben anstehen. Also muß der Vater möglichst schnell zurück in den Beruf, arbeitet eher mehr als weniger und baut am Wochenende auch noch am Haus an.

Der Vater macht alles für seine Kinder. Und zu wenig mit ihnen gemeinsam. Es scheint ausweglos, wieder wachsen Kinder auf, die ihren Vater und andere männliche Bezugspersonen nur aus der Ferne kennen. Wenn sich Väter allein in der materiellen Versorgung ihrer Familie ausleben, ist darin nicht nur die gute Tat zu sehen. Sie haben eine gesellschaftlich akzeptierte Ausrede, sich aus der Erziehungsarbeit zurückzuziehen. Sie genießen Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten, die sie im selben Moment ihren Frauen vorenthalten. Die beiden Oldenburger Christian Wolf und Michael Bode beschreiben in dem Buch "Still-Leben mit Vater" diese Problematik sehr eindringlich aus ihrer Sicht der jahrelangen Arbeit in der kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung einer Kinderklinik. Ein abwesender Vater "schafft einen Leerraum, der von keiner anderen Person im Leben des Kindes gefüllt werden kann."

Vater-Vorbilder

Mütter sind nicht die besseren Väter, da sie ihren Kindern niemals ein Vaterbild vorleben können. Ein Vater, der einkauft und kocht, der wäscht und den alltäglichen Dreck wegmacht, befreit seine Kinder aus dem einseitigen Vorbild, nur eine Mutter könne die Vorsorgung von Kindern übernehmen. Wie viele erwachsene Männer sind in den Alltäglichkeiten lebensunfähig, weil sie von klein auf von Frauen versorgt waren? Die Väter, die sich bemühen, ihre Rolle zu hinterfragen und zu erweitern, sind Grenzgänger in einer weiblich dominierten Welt. Es gibt noch wenig Selbstverständlichkeit für erziehende Väter. Auch werden sie hier nicht immer mit offenen Armen empfangen, bedrohen sie doch unterschwellig das Selbstbild der Frau als Mutter mit der alleinigen Zuständigkeit für die Erziehung der Kinder. Da erste Unsicherheiten mit der eigenen Rolle bei Männern mit der verbreiteten Eigenschaft zusammenstoßen, eben keine Probleme zu haben, ist der Rückzug in die vertraute Arbeitsteilung oft näher als der Vorstoß in unbekannte Gebiete. Wer es nicht gewohnt ist, über seine Unsicherheiten zu reden, wird es dabei schwerer haben als jemand, der sich in einem guten Freundeskreis bewegt, wo er Gehör und Hilfe findet.

Vaterschaft lernen

Hier möchte die Ev. Familien-Bildungsstätte Männern Mut machen, aktive Väter zu werden. Wenn Männer lernen, dann für ihre Ausbildung und ihren Beruf. Die Zeit des Vater-werdens vor und nach der Geburt des Kindes schafft bei vielen Männern eine Sensibilität, so daß sie bereit sind, auch in anderen Zusammenhängen zu lernen: Sie besuchen mit ihrer Partnerin den Geburtsvorbereitungskurs. Dabei kommt allerdings meist zu kurz, daß die Vorbereitung auf die Geburt für Männer ganz eigene Themen beinhaltet. Auch eine Vaterschaft will vorbereitet und gelernt sein.

Das Arbeitsfeld beinhaltet also traditionelle Männlichkeit ebenso wie die Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die bis tief in unsere Familienstrukturen wirken; es gibt die Suche nach dem "neuen Mann" und dem "aktiven Vater" und die Bedürfnisse und Unsicherheiten von "ganz normalen" Vätern (und Müttern), die einfach etwas anders machen wollen als ihre Eltern.

Gespräch mit anderen Vätern

In diesem Sinne nimmt die Ev. Familien-Bildungsstätte ihren Auftrag der Familienbildung ernst, wenn sie Themenangebote macht und Räume anbietet, um Gespräche über das Vatersein anzuregen. Daß das Vatersein schwer ist, sagt der vielzitierte Spruch, daß Vatersein auch Freude bringt, soll im Vordergrund der Arbeit des Fachbereiches Väter stehen. Die Vorteile und Gewinne einer aktiven Vaterschaft für sich selbst, für die Kinder und für die Partnerin liegen eben nicht so deutlich auf der Hand. Die Gewinne wie Einfühlsamkeit, Spontaneität, flexibles Reagieren auf kindliche Bedürfnisse, gemeinsames Erleben im Spiel usw. sind schwer greifbar, sie werden erst mit dem Kind bzw. der Partnerin erfahrbar, und entwickeln sich in dem Maße wie der Mann in sein je eigenes Vaterdasein wächst.

Die Ev. Familien-Bildungsstätte fordert Männer auf und möchte Hilfe anbieten, Verantwortung für die Pflege, Versorgung, Betreuung und Erziehung ihrer Kinder zu übernehmen, unabhängig von der Zeit, die dafür zur Verfügung steht. Der Vater ist der wichtigste Mann im Leben eines jeden Menschen. Männer dürfen sich Zeit nehmen, Vatersein zu lernen und können sich die Unterstützung von anderen Männern und Vätern holen. Denn (richtige) Männer sind (noch) keine Väter. Wer mehr Information wünscht oder an einer Mitarbeit im Fachbereich Väter interessiert ist, kann sich an den Autor wenden.

Dirk Wolf

Dirk Wolf, Ev. Familien-Bildungsstätte

Fachbereich Väter

Haareneschstraße 58a

26121 Oldenburg

Zulehner/Volz: "Männer im Aufbruch" - Wie Deutschlands Männer sich selbst sehen und wie Frauen sie sehen, Schwabenverlag 1998

Zur Erläuterung: Die Bezeichnungen "traditionell", "pragmatisch", "unsicher" und "neu" haben sich die befragten Männer nicht selbst gegeben. Aufgrund der Beantwortung zahlreicher Fragen zu Einstellung, Verhalten und Wünschen wurden sogenannte "Cluster" gebildet, aus den Männern, die ähnlich antworteten. Die Bewertung der Antworten durch die Auftraggeber der Studie führte schließlich zur (verwirrenden) Benennung.

Alexander Mitscherlich: Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft, Piper 1963

Christian Wolf, Michael Bode: Still-Leben mit Vater, Rowohlt 1995, Zitat: S. 217 a


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