Oldenburger STACHEL Ausgabe 9/99     Seite 1
 
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Kein Geld für Zwangsarbeiter der Oldenburger Glashütte

Jahrzehntelang war die Glashütte, bis in die achtziger Jahre auf dem Gelände der heutigen Firma Peguform gelegen und dann stillgelegt, der Betrieb, der das Leben in Osternburg prägte. Ein ganzer Ortsteil bestand aus Werkswohnungen dieses Tochterunternehmens der Gerresheimer Glas AG. Während des Krieges ersetzten 273 Zwangsarbeiter viele Beschäftigte der Glashütte, die an die Front mußten.

Uwe Koopmann, früher "Chefredakteur" der Oldenburger DKP-Zeitung "Pulverturm" und heute - immer noch politisch aktiver - Nordrheinwestfale, hatte auf der Aktionärsversammlung der Gerresheimer Glas AG in Düsseldorf für eine kleine Gruppe kritischer Aktionäre am 18. Juni einen Antrag auf Entschädigung der Zwangsarbeiter in Betrieben der Gerresheimer Glas AG gestellt. Wir drucken im Folgenden einen Bericht der Düsseldorfer Stadtzeitung über diese Aktion ab. Wer sich weiter über die Entschädigungska mpagne, die Reaktionen des Konzerns und der Bundesregierung informieren will, kann sich direkt bei Uwe Koopmann informieren. Seine Adresse ist bei der Stachel-Redaktion zu erfahren.

Aktionäre gegen Entschädigung

Zwangsarbeit als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Gerresheimer Glashütte während der Zeit des 2. Weltkrieges wird auch 54 Jahre nach Ende des Faschismus nicht materiell entschädigt.

Diese Entscheidung fällte die Hauptversammlung der Aktionärinnen und Aktionäre der Gerresheimer Glas AG an 18. Juni in der dezent illuminierten Düsseldorfer Stadthalle mit einer Mehrheit von über 99 Prozent des Aktienbesitzes.

Uwe Koopmann von der Gerresheimer DKP hatte für alle Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den verschiedenen Glashütten des Konzerns eine symbolische Entschädigung von einer Million DM aus dem Konzerngewinn beantragt. Seine Begründung, die die Konzernleitung mit der Einladung zur Hauptversammlung an alle Aktienbesitzer verschicken mußte, hatte gemäß den Vorschriften des Aktiengesetzes die limitierte Anzahl von 100 Wörtern zu berücksichtigen, damit das Anliegen nicht als formfehlerhaft zurückgewiesen werden konnte:

"Seit dem 8. Mai 1945, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, haben sich die Gerresheimer Glas AG und ihre Unternehmen 54 Jahre lang geweigert, sich moralisch, sozial und ökonomisch für die vom Nürnberger Kriegsverbrechertribunal verurteilten Menschenrechtsverletzungen durch Zwangsarbeit öffentlich zu stellen. Durch eine weitere Weigerung würde die AG deutlich machen, daß sie nicht bereit ist, für die Verbrechen einzustehen, die in ihren Werken in der gemeinsamen Verantwortung der damaligen Werksleitungen und dem NS- Verbrecherstaat vorgenommen worden sind."

Oldenburger Glashütte: 273 Zwangsarbeiter

Ergänzend hatte Koopman beantragt, daß Vorstand und Aufsichtsrat nicht entlastet werden. Der Vorstand hatte trotz Kenntnisnahme von den Verbrechen die Wiedergutmachung an den Opfern unterlassen. Alleine auf dem Friedhof Gallberg in Düsseldorf-Gerresheim sind 1500 Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion bestattet. In der oldenburgischen Glashütte, die der Konzern übernommen hatte, waren nach Angaben der damaligen Betriebskrankenkasse 273 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beschäftigt. Sie waren zu einem großen Teil aus Polen deportiert worden.

Die von Marx wiedergegebene Liebe des Kapitals zum Verbrechen, wenn es denn nur genügend Profit verspreche, zeigte sich in Düsseldorf noch vor Beginn der Hauptversammlung: Ordner versuchten - allerding vergeblich - , ein Transparent mit der Aufschrift "Entschädigung für Zwangsarbeit" in einem Handgemenge zu entwenden. Gegen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Mahnwache wurde das Hausrecht des Veranstalters ins Feld geführt: Sie mußten Eingangsbereich und Zufahrt vor der Stadthalle verlassen. Verschiedene Aktionäre signalisierten deutlich, aus welcher Geisteshaltung heraus sie den Antrag auf Entschädigung mit allem Nachdruck ablehnen würden: Die Besitzungen im Osten seien nach dem Krieg von den Russen weggenommen worden, ohne daß man für diese Verbrechen auch nur einen Pfennig erhalten hätte. Man sei doch immer so gut zu den Polen gewesen - die freuten sich heute noch, wenn man sie besuche. Außerdem sollten sich die Demonstranten mal ansehen, was die Polen aus den blühenden deutschen Gütern gemacht hätten. Es sei eine Schande. Ein Aktionär zeigt die braune Weste deutlich: "Wollen die Juden schon wieder unser Geld?"

Öffentlichtsscheu, schweigende Medien

Die Konzernleitung will offensichtlich keine Öffentlichkeit für die Verbrechen in den Glashütten. In Gerresheim selbst lehnte sie die Installation einer Mahn- und Gedenktafel zur Erinnerung an die Zwangsarbeit und den Widerstand dagegen aus der Gerresheimer Bevölkerung - wie Koopmann und nun sogar vom Gerresheimer Bürger- und Heimatverein gefordert - an öffentlich zugänglicher Stelle ab. Die Tafel hängt versteckt auf dem Hüttengelände.

Verweigert wurde einem Team des WDR, während der Hauptversammlung in der Halle zu drehen. Koopmanns Rede und Reaktion des Vorstandes Klaus-Peter Rambow konnte daher nicht im Film dokumentiert werden. Erstaunlich überhaupt das Medienecho: Weder die Düsseldorfer Zeitungen noch die Süddeutsche Zeitung aus München (Mehrheitsbesitzer der Gerresheimer Glas AG ist die VIAG mit Sitz in München) oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung brachten auch nur eine Zeile über die Versammlung.

Akten weg?

Bei einer objektiven Berichterstattung hätten sie auf Widersprüche hinweisen müssen: Der Antrag auf Entschädigung war von Vorstand und Aufsichtsrat unter anderem mit dem beschwichtigenden Hinweis abgelehnt worden, daß ja die Gerresheimer Glas AG, "wie wohl nahezu alle damals größeren deutschen Unternehmen, in das Zwangsarbeitersystem eingebunden (war). Dementsprechend waren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges auch in Betriebsstätten der Gerresheimer Glas AG (vormals: Actien-Gesellschaft der Gerresheimer Glashüttenwerke vorm. Ferd. Heye) Zwangsarbeiter in der Glasfertigung tätig. Der hieraus resultierenden Verantwortung stellt sich die Gesellschaft."# ql Genau das macht die Konzernleitung seit 54 Jahren nicht. Im Gegenteil: Akten und Unterlagen über der Zwangsarbeiter in Gerresheim sind - angeblich - verschwunden, so daß eine Entschädigung nicht möglich sei. Vorschläge, der Zwangsarbeiter - wie in Neuß - in einer öffentlichen Veranstaltung zu gedenken, wurden abgelehnt. Werksleiter Tüben: "Haben Sie bitte Verständnis dafür, daß eine Einweihung nicht in dem von Ihnen vorgeschlagenen öffentlichen Rahmen erfolgen wird." Diese Ablehnung bekräftigte Vorstandsvorsitzender Rambow in der Aktionärsversammlung - und bekam spontanen Beifall von vielen Aktionärinnen und Aktionären.

Alibi

Der Vorstand weiß, wie er sich der Verantwortung gegenüber den Opfern entziehen kann, um die Dividende nicht zu schmälern - und auch, wer die materielle Entschädigung leisten soll: "Wir verfolgen mit Interesse die Initiative der Bundesregierung zur Errichtung eines Entschädigungsfonds zugunsten der Zwangsarbeiter während des Dritten Reiches. Ziel dieses Fonds ist es, den überlebenden Opfern des NS-Regimes außerhalb von Gerichtsverfahren schnell und unbürokratisch Hilfe zu leisten."

Also: keine individuelle Entschädigung aus der AG, sondern Zahlungen aus dem Fonds der Bundesregierung und der Wirtschaft. Vor laufender Fernsehkamera wird der Vorstand gefragt, ob das Unternehmen denn in diesen Entschädigungsfonds eingezahlt habe. Antwort im WDR-Regionalprogramm: Das habe man nicht. Es sei wohl ohnehin besser, einzelne Betroffene direkt zu entschädigen. Aber es habe sich bisher niemand gemeldet...

Informationspolitik

Mit diesen Meldungen muß die ausweichende Konzernspitze rechnen, denn das Problem läßt sich nicht länger als 54 Jahre aussitzen, zumal der Konzern vor einer strategischen Wende steht. Sechs Glashütten mit umfangreicher Flaschenproduktion werden an den französischen Lebensmittelkonzern Danone verkauft. Dieses Unternehmen und die Belegschaft sollen jetzt darüber informiert werden, daß die Gerresheimer Glas AG sich nicht den Verpflichtungen stellt, die aus seiner NS-Zeit aufgelaufen sind. Entsprechende Informationen gehen an die Produktionsstandorte in USA, England, Belgien, Italien, Polen und Japan sowie nach Rußland, Weißrußland und in die Ukraine als Herkunftsländer der Zwangsarbeiter. Anfang August soll eine Außerordentliche Hauptversammlung über den Verkauf der sechs Glashütten beschließen. Spätestens dann werden sich die Aktionärinnen und Aktionäre sowie Vorstand und Aufsichtsrat neuen Fragen stellen müssen.

Die Fragen gehen aber über diese Zielgruppe hinaus, denn das lokale Echo auf die Initiative war bisher verhalten und widersprüchlich. Zustimmung kam aus den Reihen der VVN, der evangelischen Kirche, der fiftyfifty-Redaktion, der im Bereich des Antifaschismus engagierten SPD- Bundestagsabgeordneten Brandt-Elsweier (Neuss). Ablehnung aus der katholischen von Monsignore Terboven. Er sei kein Aktionär und werde sich deshalb auch nicht äußern. Schweigen bei Oberbürgermeisterin Smeets (SPD), Ratsfraktion, Stadtvorstand und Landesvorstand der Grünen, ebenfalls bei der Bundessprecherin. Schweigen auch beim Betriebsrat der Glashütte Gerresheim, dessen Vorsitzender Ziegert ("IG Chemie") zugleich auch Gesamtbetriebsratsvorsitzender des Konzerns ist.

Der Schoß ist fruchtbar noch.

Terz 7/99

Zur Ablehnung der Entschädigungsforderungen sandte uns Uwe Koopmann eine Anmerkung zu, aus der wir auszugsweise zitieren:

Entschädigungsfonds

"1. Die Konzernleitung der Gerresheimer Glas AG verweigerte die Entschädigung und verwies in der Aktionärsversammlung statt dessen auf den Entschädigungsfonds der Bundesregierung und der Wirtschaft. Dieser ... existiert bisher allerdings nur als politische Willenserklärung der Bundesregierung und weniger Konzerne ... Die Gerresheimer Glas AG ist in diesem Zusammenhang unbekannt.

2. Die in die Planung des Fonds involvierten Unternehmen wollen sich durch ihre Beteiligung aus dem Rechtsanspruch der Zwangsarbeiter freikaufen, denn sie fordern, daß die Betroffenen auf jedwede individuellen juristischen Ansprüche verzichten, wenn der Fonds über die Vergabe von Entschädigungen entscheidet.

....

5. Die an dem Fonds beteiligten Unternehmen wollen sich am heutigen Rentenniveau bei den Entschädigungszahlungen orientieren, nicht aber nach dem Prinzip "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit", so daß die Zwangsarbeiter aus Polen oder aus Rußland billiger entschädigt würden als Zwangsarbeiter, die heute z.B. in den USA leben.

6. Zahlungen für Zwangsarbeit unterhalb von sechs Monaten wurden gänzlich verweigert.

...

8. Nach der Aktionärsversammlung begründete die Konzernleitung die Verweigerung gegenüber dem WDR-Fernsehen mit der Begründung, daß es wohl besser sei, wenn man die Zwangsarbeiter direkt entschädigte. Damit wurde jedoch ... eine Begründung geliefert, die der Empfehlung des Vorstandes zur Ablehnung meines Antrages ... genau entgegengesetzt war, denn der ... hatte ... eine individuelle Entschädigung genau damit abgelehnt, daß der Fonds zahlen solle (vgl. WDR, 21.6.99>.

9. ... 1500 der Zwangsarbeiter sind auf den Friedhöfen in Düsseldorf-Gerresheim beigesetzt worden. Sämtliche Unterlagen über die Zwangsarbeiter sind ... nach Angaben der Konzernleitung verschwunden. Die Verantwortung dafür liegt bei der Konzernleitung. Unterlagen der Oldenburger Glashütte ... sind in Oldenburg (Archiv des Stadtmuseums und AOK> vorhanden. Sie wurden von der Düsseldorfer Konzernleitung ... seit 1945 zur Entschädigung zu keinem Zeitpunkt herangezogen.

10. Der Bereich Standardbehälterglas (Flaschenproduktion> der Gerresheimer Glas AG, zu dem u. a. ... die vom Konzern geschlossene Glashütte in Oldenburg zählen, wird an die Groupe Danone S.A., Paris, und CVC Capital Partners S.A. mit Wirkung zum 31.07./01.08.1999 veräußert. ... dann müßte ein französisches Unternehmen ... mit der Forderung nach Entschädigung für Zwangsarbeiter im NS-System belegt werden. Unter den Inhaftierten in Gerresheim befanden sich auch Franzosen..."

Uwe Koopmann

 

 
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