Oldenburger STACHEL Ausgabe 11/99     Seite 1
 
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Gen-manipuliertes Tierfutter bei Raiffeisen auch in Oldenburg?

Seit einiger Zeit beobachtet Greenpeace den Weg genmanipulierten Maises nach der Ernte. Dabei geriet der Raiffeisen-Großhandel in den Blickpunkt.

Bisher beteuerte Raiffeisen, nur gentechnikfreie Ware zu verarbeiten. Doch Mitglieder von Greenpeace dokumentieren mit Film- und Fotoaufnahmen, daß Raiffeisen nicht gekennzeichneten Gen-Mais des Chemie-Riesen Novartis ahnungslosen Bauern untermischt. Raiffeisen Rheinland hat diesen manipulierten Mais gekauft und in einem Werk in Koblenz "heimlich" (so Greenpeace) zu Tierfutter verarbeitet. Laut Raiffeisen-Pressereferenten lagert der Gen-Mais in einem Schuppen. Doch Greenpeace-Mitarbeiter Dr. Christoph Then zum Stachel: "Wir standen daneben. Der Gen-Mais wurde sofort nach Anlieferung mit den anderen Futtermitteln gemeinsam gemahlen."

Greenpeace hatte in den vergangenen Tagen die Ernte von Gen-Mais auf Feldern nahe der Gemeinde Riedstadt in Hessen überwacht und dokumentiert. Greenpeace-Aktivisten verfolgten einen LKW, der natürlichen Mais und Gen-Mais zum Raiffeisen-Werk in Koblenz brachte. Eine Probe, die bei der Entladung des LKWs von Greenpeace genommen wurde, bestätigte, daß die Ladung Gen-Mais enthielt. Im Labor wurde ein Gen-Mais Anteil von drei Prozent ermittelt, was weit über den derzeit diskutierten Grenzwerten für eine unbeabsichtigte Kontamination liegt. Ein Teil der Gen-Mais Ernte lagert immer noch in einem Schuppen bei Riedstadt. Greenpeace fordert Raiffeisen auf, die Auslieferung von Futtermitteln in Koblenz sofort zu stoppen und den Gen-Mais aus dem Verkehr zu ziehen. Der Verkauf von gentechnisch verändertem Mais gefährdet nach Ansicht von Greenpeace die Interessen der Landwirte und Verbraucher.

Oldenburg: Es ist zu befürchten...

Diverse Anfragen des Verfassers, ob er sein Huhn nun mit Gen-Mais gefüttert habe oder ob das von Raiffeisen erworbene "GoldDott ZentraKorn" frei davon sei, ergaben, daß die Verantwortlichen nichts wissen, am Thema uninteressiert sind oder nichts sagen. Die deutlichste Aussage kommt hierzu von dem Leiter der Raiffeisen Centrale Oldenburg (RCG), Dr. Dinklage. Er sah sich mit folgenden Worten außerstande, einem Kunden zu antworten: "Ich habe keine politische Ausbildung, um darauf antworten zu können." Dabei wollte der Kunde einfach nur die Wahrheit wissen. Die einzelnen Filialen seien eigenständig und die Zentrale habe keine Kontrolle über deren Einkäufe. Wer z. B. bei der Filiale in Osternburg Hühnerfutter kauft, muß also glauben, was dort erklärt wird: Der größte Teil des umgesetzten Tierfutters stamme von der Zentrale am Hafen, ein geringer Teil aus der übergeordneten in Münster. An die hatte bereits Dr. Dinklage verwiesen.

Herr Stiens vom dortigen Öffentlichkeitsreferat bestätigte die Greenpeace-Informationen: "Die Pressemitteilung ist richtig." Zuständig für den Gen-Mais sei Raiffeisen Rheinland, über Köln zu erreichen. Der Gen-Mais sehe genauso wie der andere aus. Man habe "gepennt", doch es noch rechtzeitig gemerkt, um die Auslieferung zu verhindern. Betroffen sei "nur" der süddeutsche Raum. Das sieht nach der Auffassung von Greenpeace anders aus. Nach der Feststellung, daß die Filialen von überall her beziehen können, müssen diese Zweifel ernstgenommen werden.

Greenpeace lügt ?

Geradezu unerquicklich wurde das Gespräch mit dem Öffentlichkeitsreferenten der Raiffeisenzentrale in Köln empfunden. Die Pressemitteilung von Greenpeace "sei bereits älter". (Sie ist vom 29. 10. 99!) Er betonte mehrfach: "Greenpeace lügt!" Doch alle Nachfragen, worin die Lüge bestünde, führten zu einer ausdrücklichen Bestätigung der Informationen von Greenpeace. Wie auch bereits in Münster wurde die "offizielle Version" von Raiffeisen zum Besten gegeben.

Raiffeisen handelt mit Gen-Mais

So habe Raiffeisen selbst den Gen-Mais-Bauern mit gen-manipuliertem Saatgut versorgt. Das sei mit der "Zweckbestimmung" verbunden, daß die daraus resultierende Ernte ausschließlich als Futtermittel auf dem eigenen Hof eingesetzt würde. Raiffeisen wußte also bei der Lieferung des Landwirtes, daß es sich um gentechnisch veränderten Mais handeln konnte. Allen vorher abgegebenen Beteuerungen zum Trotz wurde jedoch keine Prüfung der angelieferten Ware vorgenommen.

Was ist so schlimm an der Gen-Manipulation?

Das kann niemand wissen. Doch einiges läßt sich ahnen. So hat der Gen-Mais z. B. ein Gen eingepflanzt bekommen, das Resistenz gegen bestimmte Antibiotika bewirkt. Resistenz gegen Antibiotika ist in der heutigen Zeit der zunehmenden Infektionskrankheiten eine schlimme Bedrohung für die Menschen. MedizinerInnen befürchten, daß diese Resistenz von der Pflanze auf Krankheitserreger übertragen wird.""Das kann niemand wissen. Doch einiges l,ßt sich ahnen. So hat der Gen-Mais z. B. ein Gen eingepflanzt bekommen, das Resistenz gegen bestimmte Antibiotika bewirkt. Resistenz gegen Antibiotika ist in der heutigen Zeit der zunehmenden Infektionskrankheiten eine schlimme Bedrohung für die Menschen. MedizinerInnen befürchten, daß diese Resistenz von der Pflanze auf Krankheitserreger übertragen wird.

Was soll gezielte Resistenz

einer Pflanze gegen Antibiotika? Diese Resistenz ist nicht zufällig bei dem Design des Gen-Mais entstanden - was schlimm genug wäre. Sie wurde gezielt eingebaut. Doch bekommen Pflanzen bekanntlich keinen Schnupfen und keinen Husten. Der Sinn dieses "Resistenz-Gens" besteht darin, diesen manipulierten Mais nachweisen zu können. Denn im Reagenzglas verhält sich eine Bakterienprobe bei diesem Gen-Mais anders als bei natürlichem Mais. Genau dieses Testverfahren ist der Beweis, daß die Pflanzengene schnell von Mikroben übernommen werden können. Doch es gibt ungefährlichere Nachweisverfahren. Erhebliche Gefährdungen von Menschen werden also völlg sinnlos in Kauf genommen. Greenpeace fordert unter anderem die sofortige Enfernung dieses Resistenz-Gens aus allen manipulierten Pflanzen.

Ermutigung

Bei den Nachforschungen ergab sich eine erschreckende Unkenntnis über die Gentechnik und deren Folgen. In den unteren Etagen wurde das eher mit Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Unwissenheit, doch meist auch mit großem Verständnis gegenüber der verunsicherten Kundschaft gezeigt. Je höher die Rangstufe des Gesprächspartners war, desto stärker zeigte die Bereitschaft, gen-manipuliertes Material einzusetzen. Gentechnik wird teilweise angesehen wie eine Heilsbotschaft zur Erlösung von allem Leid in der Welt.

Auf den Hinweis, daß es Kunden gäbe, die keinerlei gen-manipulierte Ware wollen, äußerte man z. B. in Sandkrug: "Da sind Sie bestimmt nicht der Einzige." Ehrliches Bedauern war in den Filialen Edewecht und Oldenburg-Hauptstraße zu hören, daß wir bei Raiffeisen derzeit keine Garantie für genmanipulations-freies Tierfutter bekommen können. In Osternburg war man erstaunt über die Reaktion des Dr. Dinklage, "der es doch wissen solle".

Raiffeisen Niederorschel verwies aus eigener Unkenntnis an die "zuständige LPG", wußte aber nicht, wie die zu erreichen sei. Raiffeisen Horrweiler liegt mitten im potentiellen Gen-Mais-Einzugsgebiet, wird seit einem Jahr von Ockenheim betreut (nicht zu verwechseln mit Oggersheim) und verweist an die Zentrale in Frankfurt. Von dort aus gibt es keine neuen Informationen, doch Verständnis. In Köln sitze die Information. Erfreulicherweise gibt es diesmal einen Hinweis auf die Wissenschaft und nicht auf die bereits bekannte Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Doch Wissenschaftler sind oft auf Kongressen. Weitere Informationen sind für den Stachel erst nach Drucklegung zu bekommen. Raiffeisen in Saulgau erweist sich als Informationsrenner. Es gibt einen Tip auf die Futtermittelfabrik in Heilbronn. Die dortige Raiffeisen-Genossenschaft produziert für alle süddeutschen Genossenschaften Futtermittel.

Auch dort sieht man sich außerstande, die Lieferwege aufzuzeigen. Ob Oldenburg Futtermittel frei von genmanipuliertem Material liefert, weiß also niemand. Doch die Gen-Technik liefere Lösungen für so viele Probleme in der Welt. Bei allem Risiko müsse dieser Weg weiter verfolgt werden. Man sei Kapitalist und mit der Gentechnik könne der Kapitalismus repariert werden, heißt es von einem leitenden Mitarbeiter der Kraftfuttererzeugung. Wenn "die Anderen" alle mit Gentechnik arbeiten, müssen "wir" auch ran.

Ohne Verbot kann nur Kennzeichnungspflicht helfenKennzeichnungspflicht helfen

Diese und weitere "hochgeistigen" Ausflüsse von Verantwortlichen haben mich zu folgenden Schlüssen veranlaßt: Ich will nicht mehr bei GroßproduzentInnen kaufen. Wenn selbst bei Raiffeisen so nachlässig mit dem Vertrauen der Kundschaft umgegangen wird, bleibt mir nur der Weg zum Landwirt vor der Haustür. Ich muß dem Menschen ins Gesicht sehen können. Da Raiffeisen Münster ganz richtig bemerkte, daß Gen-Mais wie der natürliche aussieht, muß ich auf Kennzeichnung und konsequente Kontrolle bestehen. Die hierzu erforderlichen Grenzwerte dürfen sich nicht im Bereich der Prozentmargen bewegen, sondern müssen sich mit der wesentlich besseren technisch machbaren Meßgenauigkeit decken. Nicht nur ich will keine Gen-Manipulation. Glücklicherweise zeigen die jüngeren Entwicklungen, daß die VerbraucherInnen hier auch etwas durchsetzen können. Doch der Protest steht erst am Anfang.

Gerold Korbus

 

 
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