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Erfolg für die Wagenburg?

Freundlicherweise hat mich der Stachel gebeten, einen Artikel über die Wagenburg in Oldenburg zu schreiben. Ich habe seit Sommer 92 die Anfänge in den alten Eisenbahnhallen miterlebt und konnte bei der Renovierung der ersten Wagen praktische Hilfe leisten. Die ganze Geschichte begann, als im September 92 das Gelände hinter der Weser-Ems-Halle besetzt wurde.

Zermürbungstaktik der Stadt

Ich erlebte die Zermürbungstaktik der Stadtverwaltung die Wagis von Platz zu Platz zu treiben, um, wie Oberstadtdirektor Wanscher es formulierte, eine Hafenstraße in Ol zu verhindern. Es wurde ein zäher Kampf über fast drei Jahre, bis endlich im Frühjahr 95 der Platz am Stau legalisiert war.

Erlaubt wurde schließlich von der Stadt mit 12 Bewohnern und 17 Wagen auf ein eingezäuntes Areal von 1600 qm zu ziehen, das als Bauerwartungsland brach lag und geräumt werden muß, wenn es für seinen endgültigen Zweck benötigt wird. Auch kann es geräumt werden, wenn schwerwiegende Verstöße gegen den Vertrag vorliegen. Der Vertrag ist nur auf ein Jahr befristet. Damit haben die inzwischen 10 Bewohner keine Sicherheit, sich hier langfristig einrichten zu können.

Unter solchen Umständen sich einfach zurückzulehnen und zu sagen, "wir haben den Kampf um die Wagenburg gewonnen", dürfte eine große Dummheit sein. Der Platz lebt von der aufmerksamen Solidarität einer großen Unterstützer-Scene und sollte die schwinden, alles nur noch ein Problem der Bewohner und ihrer direkten Freunde werden, dürfte es für Wanscher und seine Verwaltung leicht seinm, nach einem Jahr den Platz einfach aufzulösen.

Um die Auseinandersetzungen mit Verwaltung und Rat wirksam gestalten zu können, hatten wir im Mai 94 den "Verein zur Förderung selbstbestimmten Lebens" gegründet. Mit Professor Nitsch, mir und zwei Wagis hatte sich eine konstante Verhandlungsgruppe gebildet, ohne die gegen eine entschlossene Verwaltung nichts auszurichten ist.

Polizei protestiert

Gegen die weitere Teilnahme am erbitterten persönlichen Kleinkrieg Wanschers gegen die "Blöden Butterpilze", hatte sogar die Polizei mit einer Eingabe bei der Bezirksregierung protestiert. Sie wollte nicht mehr ständig Großeinsätze gegen ein paar Bauwagen durchführen müssen. Auch stöhnten verschiedene Ämter, daß sie wegen dieser Einsätze nicht mehr zu ihrer eigentlichen Arbeit kämen.

Auch der Stadtrat wurde es leid von Wanscher ständig blockiert zu werden und wandte ein in Ol sonst ungebräuchliches Mittel an, den einzelnen Ämtern, an der Verwaltungsspitze vorbei, Anweisungen zu erteilen. So gelang es uns, einen in fast allen Punkten erträglichen Vertrag auszuhandeln.

Aber viel Zeit hatten wir nicht. Die Wagenburg lebte in dieser Zeit auf dem winzigen Parkplatz am Drielaker See von der Toleranz der Anwohner. Im Verwaltungsausschuß ging durch den Wechsel zweier ehemaliger Ratsmitgieder der SPD die Mehrheit flöten. Darum konnte nicht mehr über den Übertriebenen Pachtpreis von 1000 DM monatlich verhandelt werden, mit dem die Wagis nun leben müssen.

Dazu kommt noch das Problem mit den sieben sichergestellten Wagen, die inzwischen wieder rausgegeben wurden. Für die will die Stadt einen angeblich rechtskräftigen Betrag von jeweils 500 DM haben und versucht auch noch, die weit höheren Sicherstellungskosten einzutreiben, die inzwischen aufgelaufen sind.

Damit nicht genug, braucht doch die Stadt in diesem Bereich dringend neue Parkplätze, weil eine Versicherung am Stau neben dem Arbeitsamt bauen will. Damit würde mindestens das Umfeld der Wagis sehr eingeschränkt: Wer möchte schon zwischen ständig ein- und ausparkenden Wagen wohnen?. Auf der anderen Seite soll eine direkt anliegende Halle zu einer Discothek ausgebaut werden "Da in diesm Bereich sowieso niemand wohnt, der sich daran stören könnte". Bauwagen haben viel dünnere Wände als feste Häuser und sind darum Lärm viel stärker ausgesetzt.

Auch steht wieder an, zum Winter direkt vor der Wagenburg die Obdachlosencontainer aufzustellen. Sie dienen nach längerem Brauch dazu, alle Bedürftigen, die nicht in die betreuten Heime der Stadt aufgenommen werden, aus welchen Gründen auch immer, hierher abzuschieben. Die Container sind nicht abzuschließen, bieten darum keinerlei persönliche Geborgenheit. Stattdesen regiert ganz bewußt beabsichtigt das Faustrecht, wenn es den Obdachsuchenden nicht gelingt, sich anders zu einigen.

So ist kein Anlaß uns ruhig zurückzulehnen und uns am bunten Treiben der "Blöden Butterpilze" zu erfreuen. Die Widerstände in unserer Stadt gegen "unangepaßte" Verhaltensweisen und selbstbestimmte Lebensformen, die nicht ins gewohnte Schema passen, sind allzeit bereit bei nachlassender Solidarität und Aufmerksamkeit die wenigen Lücken, die wir uns erkämpft haben, zu vernichten. Mit welchen Aufwand da ein paar bunte Punker verfolgt werden, durften wir erst vor wenigen Wochen betrachten.

Es ist nicht damit getan in Ol "einen" Wagenplatz zu haben. Die Bewohner leben ähnlich einer Wohngemeinschft oder Kommune miteinander und sind darum auf eine zusammenpassende verträgliche Gruppe angewiesen. Da paßt nicht jeder rein. Darum mußte auch mal das Gastrecht für zwei Wagis nach mehreren Fristverlägerungen aufgehoben werden, was nicht zur guten Stimmung beitrug.

Es ist eine Illusion, mit der Legalisierung eines Platzes sei die Entwicklung abgeschlossen. Unser Verein hat sich die Aufgabe gesetzt, allgemein selbstbestimmte Lebensformen zu fördern. Nach dem Streß, Zeit-und Kraftaufwand hat jedoch ein großes Abschlaffen eingesetzt.

Aber das kann doch nicht alles gewesen sein. Wir haben erreicht, das Leben in Bauwagen in OL grundsätzlich zu legalisieren. Jetzt müssen wir uns besinnen, wie wir allen, die aus den gewohnten Zwängen rauswollen, mindestens einen Anlaufpunkt bieten können, um ihre Bestrebungen zu koordinieren. Z.B. um einen größeren Platz weiter ausserhalb, vielleicht auf einem Privatgelände, wo sich rundherum Gartenbau betreiben läßt oder wo die Bewohner in einer Werkstatt den Lebensunterhalt erwirtschaften können, oder Frauen einen eigenen Platz einrichten.

Das kann nicht von den Butterpilzen zusätzlich geleistet werden! Dazu könnte ein allgemeines Treffen aller Interessierten stattfinden. Als ersten Anlaufpunkt für einen weiteren Aufbruch möchte ich das "Libertäre Infocafe" im Alhambra jeden Donnerstag von 16.30 bis 18 Uhr anbieten.

P.S.


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel. Differenzen zur gedruckten Fassung sind nicht auszuschließen.
Nachdruck nur mit Quellenangabe, Belegexemplar erbeten.