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Scharfer Schnabel

Der Kabarettist Dietrich Kittner in der Kulturetage

Ihr habt was verpaßt. Dietrich Kittner war am 2. 12. in der Kulturetage. Es ist eine wahre Freude, sich seine wunderbare Zusammenstellung aus umfangreichem historischen Wissen, gemischt mit klarem Blick für Zusammenhänge sowie einer unendlich großen Portion feinsten Humors zu Gemüte zu führen. Er sagt genau das, was immer schon gesagt werden müßte, aber nie gesagt wird. Erbarmungslos wird niedergemacht, was einen Grund dazu bietet, und wenn das Puplikum nicht mehr mitkommt, gibt's preisgünstigen Nachilfeunterrricht in Sachen "Deutschland Heute". Kittner: "Ich tarne meine Vorlesungen oft auch als Kabarett". Vorlesungen   la Kittner würden allerdings die Universitäten sprengen, über drei Stunden hielt er die Besucher in Atem mit einem Wechselbad aus nicht immer freundlich servierten Meldungen, die einem die Wut über dieses oder jenes hochkommen lassen, und Lachen. Letzteres in medizinisch schon fast bedenklichen Intensitäten, aber immer wieder aufgefüllt mit den Erkenntnissen aus x Jahren professionellem Zwischen-den-Zeilen Lesen.

Seine Intention ist eine ernste: "Mich ärgert diese Lügnerei." Korruption, Machtgier, Dummheit und Konsorten sind seine erklärten Feinde, die Mächtigen haben Gewehre, aber Kittner sein Mundwerk. Manche machen es ihm leicht, so unser Kanzler: "Früher habe ich Witze über Kohl erzählt. Das hab ich verschärft, jetzt zitier ich ihn." Ja, Helmut mußte wirklich leiden, aber auch Joschka war eine beliebte Zielscheibe, so zum Thema Bundeswehr im Balkan: "Joschka Fischer hat gesagt, man muß die Dummheit aus den Köpfen der Leute bomben. Naja, vielleicht sollte er dann schon mal in einen Bunker ziehen." Auch für die Sozialdemokraten gab es Fett genug: "Wie willste die Faust ballen, wennste die Finger überall drin hast." Er kannte eben keine Gnade, ein paar wenige verließen mit merkwürdigen Gesichtsausdrücken die Vorstellung. Dazu paßt wieder wunderbar ein Zitat unseres Gottkanzlers: "Die Wirklichkeit ift ja doch eben anderf alf die Realität." Kittner bleibt hart, er beleuchtet die Realität auf seine Art und versteht es wunderbar, offizielle Sprachregelungen wie Seifenblasen platzen zu lassen. "Ham se schonmal über den Zusammenhang von "Bürgernähe" und "Lauschangriff" nachgedacht?" Auch personalpolitische Angelegenheiten unserer Regierung sind sein Ding, so würde er als Finanzminister Bauskandal-Schneider bevorzugen. Weil der sich, doch etwas sparsamer als die Bundesregierung, nach ein paar hundert Millionen zufriedengäbe. Aufzählen ließen sich der Späße viele, aber Dietrich Kittner ist, allen Lachgranaten zum Trotze, kein Witzbold. Immer wieder beißt er sich irgendwo fest und zerrt Mißstände und Übeleien ans Licht. Engagiert erklärt er Dinge, die manchmal als alltäglich empfunden werden, es aber nicht sein sollten. Am Ende der Darbietungen kam er mit einem Anliegen, welches ihm ganz besonders am Herzen liegt: Die Bundesregierung hat sich bisher entgegen dem Einigungsvertrag geweigert, einen seinerzeit international rechtsverbindlich abgeschlossenen Vertrag zwischen der DDR und Kuba über die Lieferung von 22000 Tonnen Milchpulver zu übernehmen. Kubanische Kinder erhielten bis dato täglich ein Glas Milch in der Schule, eine in einem Dritte-Welt-Land unschätzbar wertvolle Gabe. Der Milchpulverberg hierzulande beträgt zu Zeit etwa 500000 Tonnen. Es darf nicht sein, daß politische Machtinteressen zu Lasten von Kindern durchgesetzt werden, deshalb forderte Dietrich Kittner sein Publikum auf, eine entsprechende Unterschriftenliste zu füllen und ließ seine Mütze wandern. Ergebnis: 343,43 DM. Im Lauf der Aktion sind bislang etwa 200000 DM zusammengekommen. Alles in Allem war es ein aufbauender Abend, Langeweile konnte nicht aufkommen, die drei Stunden waren viel zu kurz, und in vielen Besuchern mag der Besuch der Vorstellung einen kleinen Funken entfacht haben.

Und woran erkennt mensch im Ausland einen deutschen Touristen? Fotoapparat? Falsch. Deutsches Bier am Hals? Falsch. Am Postleitzahlenverzeichnis. War doch klar, oder?

Wuffel


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