Oldenburger STACHEL Ausgabe 3/96     Seite 12
 
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MRT

wie auch das zarte Pflänzlein "Männerbewegung" seltsame Blüten treibt.

Am 14. Februar '96 war es so weit: Zwei Männer, die sich damit auszukennen schienen, sollten die MRT (übersetzt heißt das 'Männer Radikal Therapie') vorstellen. Der Raum bei ProFamilia war aber derart voll von Interessierten (nur Männer - waren Frauen überhaupt zugelassen?), daß man mir beinahe den Eintritt mangels Sitzplatz verwehrt hätte.

Also rund 40 Männer aller Altersgruppen saßen da in einem Kreis, jeder hatte stolze 7.- DM Eintritt bezahlt. Die zwei Referenten fingen dann auch gleich damit an, mit uns Verdutzten ein "Eröffnungsritual" abzuhalten, ohne vorher zu vergessen darauf hinzuweisen, in sozialpädagogisch-alternativ-esoterischer Manier hier keinen Vortrag abhalten zu wollen, deshalb einen Stuhlkreis gebildet zu haben und uns die ganze Sache einfach 'spüren' zu lassen.

Während die beiden Fachleute für MRT uns dieses Ritual vormachen (jeder darf maximal ½ Minute sagen, wie er sich gerade fühlt), fällt mir schon auf, daß sich die beiden so komisch an den Knien berühren. Obwohl für Männer ungewöhnlich, ist es nicht die Tatsache des Berührens, die komisch ist, sondern die verkrampften Gesichter, die sie dabei machen. Wollen die sich etwa gar nicht anfassen, tun aber so, weil sie glauben es zu müssen weil sie ja bewegte Männer...

Aber schon bin ich an der Reihe mit dem Ritual, der mittlerweile 35. oder so und ich glaube nicht, daß meine Zahnschmerzen hier irgendjemanden interessieren. Munter hätte es dann gleich weiter gehen sollen mit dem Spielchen "Gutes und Neues": weil Männer ja angeblich immer so gerne diskutieren und so wenig an das Schöne denken und weil mann ja auch mal usw. sind nun exakt 2 Minuten (diese Scheiß Uhr!) angesagt, sich auszutauschen. Vom Lob des Chefs bis zum letzten 'Fick' darf mann hier nochmal schwärmen, aber was passierte jetzt?

Vorgegebene Strukturen

"Widerstände" tauchen im Publikum auf, die der eine MRTler zwar unheimlich toll findet, dennoch ein Weitermachen ihrer 'Vorstellung' vorübergehend verhindern.

MRT - was ist das? Es geht dabei um ein Konzept für Selbsthilfegruppen für Männer, die sich strikt an eine vorgegebene Struktur zu halten haben. Eine Phase wechselt die andere ab, nach dem "Eröffnungsritual" kommt "Gutes und Neues", dann der "Mittelteil" usw.. Die Uhr ist immer wichtig, um präzise Einhaltung der Zeit wird gebeten, auftretende Störungen werden umgehend in einer "Session" behandelt (die uns präsentierte dauerte genau 1.5 Minuten) und mann stößt 'plötzlich auf Entdeckungen', 'entdeckt was ganz wichtiges', es geht einem 'total gut dabei', die Theorie sei gar nicht mehr so wichtig und wo es herkommt - und noch so einiges anderes wollten die beiden Männer vom Fach uns an diesem Abend aufbinden.

'Und wie steht's mit der Politik?' wollten manche wissen. Ach, man sei ja früher auch links gewesen aber eigentlich ginge es ja um einen selbst und daß wir besser miteinander klarkämen und die ganzen Hahnenkämpfe zwischen Männern aufhörten (wenn z.B. eine Frau das Zimmer betritt...) und es hätte sich ja schon 'so viel getan' im Verhältnis zwischen ihnen und den Männern...

Als wir schon knietief im Schleim der sich Windenden standen, Nahm meine Skepsis doch noch rationale Konturen an. Was heißt das überhaupt, als Männergruppe keinen politischen Anspruch zu haben?

Geborgenheit vor der Frauenbewegung?

Aufgrund eines gesellschaftlichen Wandels in den letzten Jahrzehnten - Frauenbewegung, Liberalisierung des Scheidungsrechts, immer mehr Frauen in bezahlten Arbeitsplätzen, dagegen immer höhere Arbeitslosigkeit, von der auch Männer betroffen sind -, von Forderungen und massiver Kritik, die Frauen an Männern üben und schließlich wegen Beziehungskrisen, die ihre Ursache wiederum in den letztgenannten Punkten haben, sind Männer natürlich in ihrer traditionellen Identität verunsichert. Das war auch an diesem Abend zu merken, als Teilnehmer mit ihrem momentanen Problem herausplatzten: Scheidung, Trennung, Ehekrise, Arbeitslosigkeit usw. waren für sie die Beweggründe, die Nähe zu dieser 'Männergruppe' zu suchen.

Daß aber Männer von gesellschaftlichen Veränderungen in ihrer bisherigen Machtposition verunsichert werden, die 'dolce vita' nicht mehr ganz so toll läuft (aber sie läuft immer noch!), ist vor allem auch der Frauenbewegung zu verdanken.

Was machen diese Männer damit? Anstatt sich zu fragen, was denn an der feministischen Kritik richtig ist, anstatt einen roten Kopf, ein schlechtes Gewissen, eine geballte Faust und schließlich einen Hass auf das Patriarchat zu bekommen, sich mit Frauen zu solidarisieren, Gesellschaft zu verändern, suchen sie mit so mancher Männergruppe und auch mit MRT, wie mir an diesem Abend klar geworden ist, den leichteren Weg der Sicherheit, der Geborgenheit und der Wiederaufrichtung.

Selbstverständlich verändern sich die Männer in derartigen Gruppen und natürlich erzählen sie sich dann keine Blondinenwitze mehr. Aber: Erstens heißt Sexismus mehr als Machogehabe. Sexismus ist demgegenüber äußerst variabel, oft genug der 'Wolf im Schafspelz'. Zweitens ist zu fragen, wohin denn diese Veränderung männlichen Verhaltens geht. Wenn Sexismus in tausenderlei Erscheinungsformen auftritt, das Patriarchat trotz Frauenbeauftragter und 'Quote' noch lange nicht am Ende ist (vgl. die nach wie vor viel zu vielen Vergewaltigungen!), dann ist es doch durchaus möglich, daß der Wandel von Männlichkeit, der sich in solchen Männergruppen vollzieht, nichts weiter als eine Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen ist und: der Versuch, zu retten, was zu retten ist!

Denn wie ist es anders zu verstehen, wenn einer der Fach-Männer an diesem Abend herumdruckst, daß ihn nervt, daß die Männer viel zu geduckt durch die Gegend liefen. "Ich lerne mich als Mann kennen und stehe zu mir als Mann ... ich finde mich gut!" entfuhr es einem MRT-Erfahrenen mit leuchtenden Augen. Um neues männliches Selbstwertgefühl geht es also hier!

Schluß mit der Kritik

Was bei MRT von der Frauenbewegung und deren Forderungen an Männer zu halten ist, ließ sich aus dem verhaltenen Lachen erahnen, mit dem ein MRT-Exponent davon sprach, daß das Ganze seinen Ursprung bei Frauengruppen hätte, damals 1968, als 'Männer sich ändern sollten'. Haha, was ist denn daran komisch?!

Auch nach mehrmaligem Nachfragen konnte eine genaue politische Zielrichtung von MRT nicht herausgefunden werden. Zwar arbeiten meines Wissens auch 'linke' Gruppen, etwa aus dem Landkommunen-Milieu, damit, scheinbar ist MRT aber so offen, daß darunter auch Maskulinistisches wie 'die Männer müssen wieder mehr Selbstbewußtsein entwickeln', gepackt werden kann. Logischerweise war bei einigen der anwesenden armen Männer das Aufstöhnen groß, als der Punkt 'politischer Hintergrund' immer wieder zur Sprache kam. Mann will eben endlich mal seine Ruhe haben von den ewigen Vorhaltungen und sich wieder so richtig gut fühlen.

Das alte Argument, daß es Männern in unserer Gesellschaft bei Weitem nicht so schlecht ginge wie Frauen, würde man daran sehen, daß sich schließlich auch fast keine Männer für die sog. 'Männerbewegung' interessierten, zählt, so befürchte ich, nicht mehr lange. Schon zu dieser Veranstaltung war der Zulauf enorm. Nur: während sich Frauen in Frauengruppen zusammen- und anschließend sich selbst finden, um dem Patriarchat etwas entgegenzuhalten, tun Männer das Gleiche u.U. um im Sinne der Männerherrschaft dem Feminismus etwas entgegenzubringen.

Warum nutzt mann nicht die Chancen, die die Frauenbewegung bieten, mit der Ungerechtigkeit zwischen Mann und Frau endlich Schluß zu machen? Warum gründen sich nicht mehr Männergruppen, die explizit so was zum Ziel haben? Klar würde es dabei auch um uns Männer gehen, um unsere Gefühle, Defizite und Versagungen.

Verunsicherung beenden

Es ist jedoch ein Irrglaube, zu meinen, ein anderer Umgang unter Männern und ein 'Sich-selbst-finden' würde die Welt verändern. MRT, wie es sich an diesem Abend darstellte, ist nichts weiter als reaktionär. Mit seiner Hilfe wollen bestimmte Männer die günstige Ausgangsposition zum Sturz des Patriarchats, nämlich die Verunsicherung seiner Träger, wieder rückgängig machen. Keine Logik der Welt kann nämlich verhindern, daß Männer, die in der Männergruppe ihre Gefühle entdecken, am nächsten Tag nicht trotzdem in ihrer Position als Kommunalpolitiker z.B. für die Streichung der Finanzierung eines Frauenprojektes stimmen. Sie fühlen sich nur besser dabei, das macht den Unterschied!

Wie der Abend weiterging? Nun, ich könnte Euch noch von der "Groll-Runde" erzählen, wo jeder mal so richtig wütend werden darf und das einem Kissen mitteilt, das in der Mitte liegt, oder der abschließenden "Knutsch-Runde", wo mann etwa folgendes sagen darf 'ich habe einen Knutscher für Robert, weil Du so einen schönen Pulli anhast'. Wollt Ihr das wirklich hören?

Leider war die Begeisterung für MRT an diesem Abend so groß, daß ich vermutlich als Einziger angewidert den Raum verließ. Über meine Kritik zu diskutieren war ja nicht möglich, denn Diskutieren ist bei MRT verboten. Draußen vor der Tür nahm ich, so schnell ich konnte, Reißaus vor den ganzen verlogen sich im Arm Haltenden.

Liebe Frauen, laßt uns mit diesen Männern nicht allein!

ein Mann.

P.S.: Leider befürchte ich, daß die hier angesprochenen Männer wieder fürchterlich leiden und ihren Ärger in der 'Groll-Runde' rauslassen. Ändern wird sich bei denen wahrscheinlich nicht viel. Schade.

Aber diejenigen, die sich an diesem Abend in die Liste eintrugen, um auch Mitglied einer MRT-Gruppe zu werden, sollten noch einmal in sich gehen und überlegen (meinetwegen auch 'nachspüren'), was sie wirklich wollen.

Literaturtip: Benard, Cheryl und Schlaffer, Edit: Viel erlebt und nichts begriffen. Die Männer und die Frauenbewegung. Reinbek (Rowohlt) 1985. 266 Seiten.


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